Sicherheitsempfinden und tatsächliche Kriminalität

2. April 2017 0

Ist die zunehmende Angst vor Kriminalität durch vermehrte Zuwanderung tatsächlich unberechtigt?

Wie steht es wirklich um Gewalttaten? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Zahlreiche Umfragen der letzten Monate (beispielhaft: Die Zeit, FAZ, Focus, NDR, SWR) zeigen eine steigende Angst in der Bevölkerung vor zunehmender Kriminalität (und Terrorismus). Diese wird unter anderem mit der großen Zahl von Flüchtlingen begründet. Gleichzeitig kolportieren Politiker und Experten gerne, dass dieses mangelnde Sicherheitsempfinden unbegründet sei. Denn die Kriminalstatistiken der letzten Jahre würden einen Rückgang der Kriminalität, insbesondere der schweren Ausmaßes (z.B. Körperverletzungsdelikte) ausweisen (so etwa bei einer aktuellen Veranstaltung der Max-Planck-Gesellschaft).

Sinkt die Zahl der Straftaten wirklich?

Ein Blick in die aktuellste Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Landes Berlin (hier verfügbar, die bundesweiten Kriminalitätsstatistiken erscheinen erst später im Jahr) lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Kriminalität in den vergangenen neun Jahren tatsächlich abgenommen hat. Wurden 2007 in der Hauptstadt noch 496.163 Straftaten registriert, d. h. zur Anzeige gebracht, waren es 2016 schon 568.860 Fälle. Das aber sind 14,6 % mehr Strafanzeigen, als noch vor neun Jahren.

Hinzu kommt: Im gleichen Zeitraum sank in Berlin die Aufklärungsquote von 50,4 % auf 42 %. Wird nun von einem Rückgang der Tatverdächtigen gesprochen, könnte dies damit zusammenhängen. Denn Tatverdächtige können nur bei aufgeklärten Delikten ermittelt werden.

Ganz konkret zeigt dies der Vergleich mit dem Vorjahr. So wurden 2016 insgesamt 2.392 weniger Tatverdächtige ermittelt, als noch 2015. Dies lässt jedoch nicht zweifelsfrei darauf schließen, dass auch tatsächlich weniger potentielle Täter angezeigt worden sind. Denn setzt man die Zahl der angezeigten Delikte von 2015 und die Zahl der ermittelten Tatverdächtigen ins Verhältnis und vergleicht das mit dem Jahr 2016, wären ungefähr genauso viele Menschen einer Straftat verdächtigt worden. Denn auch im Vergleich zum Vorjahr sank 2016 die Aufklärungsquote weiter.

Zusammengefasst: Die Zahl der Strafanzeigen nimmt in den letzten Jahren eher leicht zu, die der ermittelten Tatverdächtigen durch eine sinkende Aufklärungsquote aber eher ab.

Wie entwickeln sich die Rohheitsdelikte?

Der Blick auf die sogenannten Rohheitsdelikte in der PKS Berlin für 2016 zeigt keine wirkliche Entspannung, aber auch keine Eskalation der Lage. Insgesamt wurden 62.612 Fälle erfasst, das entspricht einem Anstieg von 2.325 Fällen bzw. +3,9 %. Diese Entwicklung zeigt sich besonders stark bei den Körperverletzungen (+2.172 Fälle bzw. +5,3 %) und bei den Straftaten gegen die persönliche Freiheit (+404 Fälle bzw. +2,8 %). Die Zahl der Raubtaten hat hingegen abgenommen (-251 Fälle bzw. -4,6 %).

Entgegen dem häufig in der öffentlichen Debatte transportiertem Bild hat die Zahl der Vergewaltigungen im Vergleich zum Vorjahr abgenommen. Zugenommen haben lediglich Delikte wegen sexueller Beleidigung, was in der PKS u.a. auf ein verändertes Anzeigeverhalten nach den Vorfällen in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln zurückgeführt wird.

Welche Rolle spielen nichtdeutsche Tatverdächtige?

Die PKS Berlin bestätigt einen bundesweiten Trend der letzten Jahre: Die Zahl der Tatverdächtigen mit deutscher Staatsangehörigkeit nimmt ab und die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger nimmt gleichzeitig zu. So auch im Vergleich von 2015 zu 2016. Die Zahl deutscher Tatverdächtiger nahm um 8.542 ab (-10,4 %). Die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger nahm um 6.150 zu (+9,3 %). Dabei hat sich im gleichen Zeitraum der Ausländeranteil der melderechtlich registrierten Einwohner in Berlin lediglich um 1,6 % (von 16,4 % auf 18 %) erhöht. Dieser Trend wurde bereits in der PKS des Vorjahres gezeigt.

Einige Fundstellen der aktuelle PKS Berlin unterfüttern diese Entwicklung mit deutlichen Zahlen:

Zu den Sexualdelikten wurden insgesamt 1.615 Tatverdächtige ermittelt, 96,2 % waren männlich, 32,3 % hatten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit (Vorjahr: 25,1 %).“ (S.8)

49,1 % der ermittelten Tatverdächtigen zum Raub hatten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit (Vorjahr 45,1 %).“ (S. 10)

37,8 % der ermittelten Tatverdächtigen zu allen Körperverletzungen hatten nicht die deutsche Staatsangehörigkeit (Vorjahr: 32,8 %).“ (S. 11)

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Flüchtlingen?

Um diese Frage zu beantworten, dürfen nur die Delikte beachtet werden, bei denen Zugewanderte 1 als Tatverdächtige identifiziert wurden. Bei dieser Gruppe ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr Anteil an den Tatverdächtigen 2016 zunahm, da viele Zugewanderte erst in der zweiten Jahreshälfte 2015 einreisten, wodurch die Wahrscheinlichkeit, noch 2015 als Tatverdächtiger ermittelt zu werden, deutlich sinkt.

Betrachtet man alle Straftaten ohne ausländerrechtliche Delikte (!), lag der Anteil Zugewanderter bei 7,1 % der Tatverdächtigen in Berlin. Von 87 aufgeklärten Fällen von Mord und Torschlag in der Hauptstadt entfielen zehn (11,5 %) auf die Gruppe der Zuwanderer. Bei Körperverletzungsdelikten lag der Anteil an Tatverdächtigen bei 8,5 %; bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung entsprachen 141 Tatverdächtige einem Anteil von 8,7 % an allen Tatverdächtigen.

Ob diese Anteile nun hoch oder eher gering einzuschätzen sind, kann nicht abschließend beantwortet werden. Denn zu der Frage, wie viele Zugewanderte 2016 in Berlin lebten, konnte die PKS wegen mangelnder Datenlage keine Aussage machen.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle, dass Zuwanderer natürlich auch Opfer von Straftaten wurden. Ihr Anteil an registrierten Opfern (hier auch nur bei Delikten gegen die körperliche Freiheit sowie körperliche/sexuelle Selbstbestimmung) lag bei 3,6 %.

Fazit: So falsch liegt die Bevölkerung nicht

Um zu prüfen, ob die gestiegene Angst in der Bevölkerung völlig unverhältnismäßig ist (wie es manch Experte oder Politiker behauptet) oder doch den aktuellen Entwicklungen der Kriminalitätsstatistiken entspricht, wurde hier die aktuellste PKS des Landes Berlin herangezogen. Die Zahlen sind deswegen natürlich nur für die Hauptstadt gültig. Dennoch lassen sich daraus bereits jetzt Schlüsse für bundesweite Entwicklungen ziehen.

Eine generelle Entwarnung kann jedenfalls nicht gegeben werden. Denn wie schon mehrfach zuvor (etwa hier, hier und hier bei Citizen Times), zeigt sich, dass die Gruppe nichtdeutscher Tatverdächtiger und explizit auch die der Zugewanderten unter den Tatverdächtigen weit größer ist, als es ihr Anteil an der Bevölkerung erwarten ließe. Kommen also mehr Zuwanderer bzw. Flüchtlinge, wird auch die Kriminalität weiter zunehmen. Bei weiterhin sinkender Aufklärungsquote, wird man davon freilich nicht so viel in den Statistiken lesen. Wer aber genau hinschaut und mehrere Statistiken vergleicht, kann diese Fakten nicht übersehen.

Unsere Experten und Politiker wären also gut beraten, besser, viel, viel besser hinzuschauen. Dann müssten sie der Bevölkerung nicht unterstellen, völlig unbegründet Angst zu haben.

Notes:

  1. Das sind Personen mit folgendem Status: Asylbewerber; International/national Schutzberechtigte (Flüchtlingsstatus, subsidiärer Schutz, nationale Abschiebungsverbote) und Asylberechtigte; Duldung (Abschiebungshindernisse nach Abschluss des Asylverfahrens); Kontingentflüchtlinge oder unerlaubter Aufenthalt.

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