Falschaussagen zur Kriminalität von Zuwanderern?

9. Juni 2016 5

2. Offener Brief an Bundesinnenminister Thomas de Maizière

einbrecher

Sehr geehrter Herr Minister,

am 7. Juni 2016 veröffentlichte das Ihrem Ministerium unterstellte Bundeskriminalamt (BKA) ein Dokument mit 16 Kernaussagen zur „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung – 1. Quartal 2016“. Bei der Vorstellung behauptete laut dpa eine Sprecherin Ihres Ministeriums: „Zuwanderer sind nicht krimineller als Deutsche.“ Diese Aussage krönte daraufhin zahlreiche Medienberichte. Sie lässt sich jedoch mit keiner einzigen veröffentlichten Statistik aus Ihrem Hause belegen. Im Gegenteil: Alle öffentlich zugänglichen Zahlen weisen darauf hin, dass Zuwanderer erheblich häufiger tatverdächtig werden, als Deutsche.

Doch der Reihe nach: Zunächst stellt sich die Frage, warum Ihr Ministerium überhaupt eine solche Behauptung aufstellen lässt. Denn in den gerade veröffentlichten 16 Kernaussagen findet sich keinerlei Hinweis auf den Vergleich zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen. Stattdessen wird über zunehmende oder sinkende Arten von Straftaten gesprochen, obwohl ein Vergleich mit Vorjahreszahlen dem Dokument zufolge eigentlich „nur eingeschränkt möglich“ ist.

Auch in dem im Februar 2016 veröffentlichtem 3. Lagebild, dessen Tendenzen nun angeblich bestätigt würden, findet sich kein Vergleich deutscher und nichtdeutscher Tatverdächtiger.

Schätzungen über das Verhältnis deutscher und zugewanderter Tatverdächtiger lassen sich jedoch mittels der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und dem Ausländerzentralregister (AZR) erstellen:

  1. Laut PKS wurden im Jahr 2015 insgesamt 2,0 % der Deutschen tatverdächtig.
  2. Setzt man die in der PKS 2015 erstmals gesondert ausgewiesenen zugewanderten Tatverdächtigen (ohne ausländerrechtliche Delikte!) mit den vom AZR registrierten Zuwanderern ins Verhältnis, so erhält man eine Kriminalitätsbelastung der Zugewanderten von 11,8 %.

Nun könnten Sie einwenden, dass die Statistiken getrennt und nach unterschiedlichen Kriterien geführt werden. Aber: Die dadurch anzunehmenden Schätzfehler erklären den massiven Unterschied von 2,0 % zu 11,8 % keinesfalls (siehe die ausführliche Berechnung).

Die Zahlen sind zudem keinesfalls verwunderlich. Denn schon seit Jahren zeigt sich der Trend, dass der Anteil deutscher Tatverdächtiger sinkt, während der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger zunimmt. Dieser Trend ist zugleich stärker, als man durch die bloße Zunahme des Bevölkerungsanteils von Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft annehmen würde.

Warum also lassen Sie augenscheinlich falsche Aussagen verbreiten? Oder verschweigen Sie uns Zahlen, mit denen ein direkter Vergleich deutscher, nichtdeutscher und zugewanderter Tatverdächtiger endlich möglich wäre?

Herr Minister, bereits im November 2015 ließen Sie sich mit uneindeutigen Aussagen zur Kriminalität von Flüchtlingen zitieren, die in der Presse zu zahlreichen Falschdarstellungen führten. Nun macht erneut eine offensichtliche Falschaussage aus Ihrem Ministerium Schlagzeilen.

Für eine vorurteilsfreie und faktenbasierte Debatte über die Kriminalität im Kontext von Zuwanderung in Deutschland erscheint mir die Informationspolitik in Ihrem Hause nicht gerade zielführend. Als mündige Bürger wünschen wir uns hier mehr Offenheit!

5 Comments »

  1. Sohn 9. Juni 2016 at 17:40 - Reply

    Die Aussagen der PKS sind nur bedingt verwertbar, was die Kriminalität von Nichtdeutschen betrifft.
    Die meisten Straftaten der Zuwanderer werden im un teren Kriminalitätssegment vereübt, wie:Ladendiebstähle, sexuelle Nötigung pp.
    Die meisten dieser begangenen Straftaten werden nicht mehr angezeigt, da den Anzeigenden auch bewusst ist, dass die Staatsanwaltschaft diese Taten wegen Überlastung einstellt.
    Insofern tauchen diese Masendelikte nicht in ihrer Gänze in der PKS auf, d.h.:die Dunkelziffer ist sehr groß.

  2. Kopfrechner 9. Juni 2016 at 21:21 - Reply

    Ich hatte die Behauptungen aus dem Artikel mit den Zahlen der PKS von 2015 verglichen.
    Bei den Straftaten gegen das Leben kam ich auf folgendes Ergebnis (Wohnbevölkerung – Asylbewerber):

    Von 69000 Straftaten durch Asylbewerber machten diese Straftaten 0,15% aus (Quelle; „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung – 1. Quartal 2016“). Mit 1.829.784 Asylbewerben ergibt das ~23 Straftaten pro 100.000 Asylbewerber im Jahr.

    2015 gab es (auf 82.000.000 Einwohner) 3.497 Straftaten gegen das Leben (aus PKS). Da macht ~4 Straftaten pro 100.000 Einwohner im Jahr.

    Der Unterschied liegt hier bei dem Faktor 5 oder +440%.
    Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wären es nach gleicher Rechung +320%(39 gegen 165 Straftaten pro Jahr pro 100.000 Einwohner – Asylbewerber).

    Man könnte nun die Zahlen nur auf deutsche Einwohner und Straftäter verengen, dies würde den Faktor weiter erhöhen.
    Gleichzeitig könnte man nur die männliche Wohnbevölkerung bis 30 Jahren betrachten, was den Faktor reduzieren würde.

  3. Fred Forster 9. Juni 2016 at 21:33 - Reply

    In meinem ganzen Jura-Studium habe ich in einer Seminar- Arbeit zur Erlangung der großen SoWi-Scheins zum Thema „Ausländer-Krimialität“ ein „sehr gut“ (16 P., mehr habe ich nirgendwo anders geholt) Ende der 80er Jahre bei einem noch heute bekannten Prof. (inzwischen em.) für Kriminologie an der Uni Hannover (Insider werden wissen, wen ich meine), geholt, weil ich nicht etwa das vorgetragen habe, was sich aus dem recherchierten Datenmaterial ergab, sondern das, wovon ich ausging, daß dieser Grünling es hören wollte.

  4. Fred Forster 9. Juni 2016 at 21:36 - Reply

    Nachtrag: Nachtijal, ick hör dir zwar nicht trappsen, aber pfeiffen.

  5. Hans Schlowak 21. Juni 2016 at 18:38 - Reply

    Es mutet geradezu lächerlich an (wenn es nicht zum Heulen wäre), wie die Presse durch das Weglassen von Namen oder Nationalität des Kriminellen versucht, die eigene Bevölkerung mit Tatverdacht zu belasten. So wird erreicht, dass der Täter zwangsläufig als Deutscher verdächtigt wird.

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