Wer wird wie kriminell?

28. Mai 2016 0

Was die PKS 2015 über Deutsche & Nichtdeutsche verrät – und was nicht

Kriminalität in Deutschland 2015 - Bild: M.E. / pixelio.de

Kriminalität in Deutschland 2015 – Bild: M.E. / pixelio.de

Laut Statistischem Bundesamt nahm die Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2015 um fast eine halbe Million zu. Bedingt wurde dieser Anstieg vor allem durch den stark erhöhten Zuzug von Menschen, die hierzulande Asyl suchen. Vor diesem Hintergrund drehte sich die öffentliche Debatte immer wieder um eine Frage: Nimmt die Kriminalität in Deutschland durch den Zuzug von Nichtdeutschen überdurchschnittlich zu? Mit der nun veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2015 sollte hierauf eine Antwort gegeben werden können – zumindest teilweise.

Insgesamt zeigt sich, dass – abgesehen von ausländerrechtlichen Delikten 1 – die Gesamtanzahl der Tatverdächtigen im Vergleich zum Vorjahr in etwa konstant bleibt. Auch die Aufklärungsquote ist ähnlich hoch bzw. niedrig, wie im vergangenen Jahr.

Ein Anstieg der gesamten Kriminalität gibt es demnach offenbar nicht.

Tatverdächtige mit & ohne deutsche Staatsbürgerschaft

Betrachtet man allerdings das Verhältnis von Tatverdächtigen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft, zeigen sich deutliche Unterschiede: Wie auch in den Jahren zuvor sank die Zahl deutscher Tatverdächtiger (im Vergleich zu 2014 um 4,9 %), während die Zahl nichtdeutscher Tatverdächtiger um 12,8 % anstieg. Bei nichtdeutschen Männern zwischen 18 und 21 wurden im Vergleich zum Vorjahr sogar 27,4 % mehr Personen einer Straftat verdächtigt.

Insgesamt hatte im Jahr 2015 mehr als jeder vierte Tatverdächtige (27,6 %) keine deutsche Staatsbürgerschaft. Aber ist das nun viel oder wenig? Und vor allem: Ist der Anstieg überproportional?

Will man in Erfahrung bringen, ob dieser Anstieg der registrierten Kriminalität unter nichtdeutschen Tatverdächtigen einzig damit zu erklären ist, dass durch erhöhte Zuwanderung mehr Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft in Deutschland leben, muss man die Tatverdächtigenzahlen mit der Bevölkerungsstatistik vergleichen. Das ist aber so einfach gar nicht möglich, weil in der PKS auch all die Personen erfasst werden, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Bevölkerungsstatistik auftauchen (vor allem Reisende bzw. Personen, die nicht in Deutschland gemeldet sind). Deshalb weist die PKS auch keine sogenannte Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) für Nichtdeutsche aus.

Setzt man die Anzahl deutscher Tatverdächtiger ins Verhältnis zur Bevölkerung, ergibt sich, dass 2,0 % der hier lebenden Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft einer Straftat verdächtigt wurden (was mit der TVBZ vergleichbar ist).

Die gleiche Rechnung mit allen nichtdeutschen Tatverdächtigen, die sich legal in Deutschland aufgehalten haben (und die deswegen auch nicht wegen eines ausländerrechtlichen Deliktes registriert wurden), ergibt ein Verhältnis von 6,2 %.

Diese Schätzung ist leider etwas ungenau, weil die hierfür zugrunde gelegten Zahlen vom Ausländerzentralregister (AZR) nicht die Durchreisenden und Touristen erfassen. Dadurch wird die Kriminalitätsbelastung Nichtdeutscher etwas überschätzt. Den enormen Unterschied zur Kriminalitätsbelastung deutscher Staatsbürger erklärt dieser mögliche Schätzfehler jedoch nicht hinreichend.

Zunahme von nichtdeutschen Tatverdächtigen

Darüber hinaus loht sich auch der Blick auf den Zeitraum vor der stark erhöhten Zuwanderung nach Deutschland. Denn schon 2014 reisten vermehrt Menschen nach Deutschland ein und der Vergleich der beiden letzten Jahre sagt deshalb nicht so viel über die Veränderung in der sogenannten „Ausländerkriminalität“ aus.

Blickt man jedoch zurück zum Jahr 2011, zeigt sich Folgendes: Der Anteil Nichtdeutscher an der Bevölkerung ist zwischen 2011 und 2015 insgesamt um 3,3 bis 3,4 % gestiegen. 2 Dabei ist in dem gleichen Zeitraum der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger an der Gesamtzahl aller Tatverdächtigen (ohne ausländerrechtliche Delikte) um 6,8 % gestiegen.

Das bedeutet (auch wenn sich laut PKS die Bevölkerungszahlen und Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik bei nichtdeutschen Personen nicht direkt vergleichen lassen), dass die Kriminalität Nichtdeutscher steigt – und zwar stärker als durch Zuwachs ausländischer Bevölkerung allein zu erklären ist. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass die Kriminalitätsbelastung von Nichtdeutschen höher ist, als von Deutschen.

Anteil zugewanderter Tatverdächtiger

Für 2015 wurden Zugewanderte erstmals als eigene Gruppe in der PKS erfasst. Beachtet man nicht, dass sie auch wegen ausländerrechtlicher Verstöße in die Statistik kommen, sondern nur Straftaten, die eben auch Deutsche begehen können, beträgt ihr Anteil an der Gesamtzahl aller Tatverdächtigen 7,6 %. In der Gruppe von 18 bis 21 Jahre alten Männern beträgt ihr Anteil sogar 11,4 %. Mit Blick auf die Deliktarten, ist der Anteil der Zuwanderer unter allen Tatverdächtigen insbesondre bei Diebstahlsdelikten und Gewaltkriminalität erhöht.

Für die Zugewanderten lassen sich durch das Ausländerzentralregister 3 zumindest Schätzungen darüber anstellen, ob diese Gruppe eine ähnliche Kriminalitätsbelastung aufweist, wie andere Nichtdeutsche oder Deutsche. Von 969.687 Personen, die gemäß der Definition der PKS als Zuwanderer gelten und im AZR für 2015 registriert wurden, wurden 114.238 Personen (11,8 %) im Jahr 2015 einer Straftat verdächtigt.

Das ist deutlich mehr, als die Kriminalitätsbelastung Deutscher (wie oben berichtet: 2,0 %).

Die getrennte behördliche Führung der Statistiken erhöht hierbei die Unsicherheit der Schätzung und verzerrt die Zahl wahrscheinlich zu Ungunsten der Zuwanderer. Den deutlichen Unterschied von 11,8 % zu 2,0% können solch anzunehmende Verzerrungen jedoch nicht zweifelsfrei erklären.

Hinzu kommt: Die Belastungszahl unter den Zugewanderten ist ungefähr so hoch, wie bei Nichtdeutschen ähnlicher Herkunftsländer (wie hier bei Citizen Times berechnet wurde). Die Kriminalitätsbelastung ist demnach ebenso hoch, wie dies vor dem Hintergrund der Kriminalitätsbelastung von Migranten aus ähnlichen Herkunftsländern zu erwarten gewesen wäre.

Tatverdächtige unter „illegalen“ Nichtdeutschen

Zu guter Letzt gibt die PKS – wie auch in vielen Jahren zuvor – eine weitere Information zur Kriminalität von Nichtdeutschen. Diese ist allerdings geradezu verschlüsselt: In der PKS 2015 heißt es, dass von allen nichtdeutschen Tatverdächtigen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhielten, „82,2 % insbesondere auffällig bei Straftaten gegen das Aufenthalts-, Asylverfahrens- und Freizügigkeitsgesetz/EU“ 4 wurden.

Unklar bleibt bei diesem seit Jahren in ähnlicher Form zu findenden Satz, was denn genau mit „insbesondere“ gemeint ist. Im Sinne der Unschuldsvermutung könnte man annehmen, dass neben der illegalen Einreise bzw. dem illegalen Aufenthalt in Deutschland nur kleinere, damit in Zusammenhang stehende Delikte wie Urkundenfälschung vorlagen.

Was der Satz aber auch besagt ist Folgendes: Mehr als jeder sechste Tatverdächtige (17,8 %), der sich „illegal“ in Deutschland aufhielt, hat zusätzlich zum unerlaubten Aufenthalt eine weitere Straftat begangen.

Verzerrungen & Verschiebungen bei der Kriminalitätsbelastung

Bei allen Vergleichen zwischen Bevölkerung und Tatverdächtigen ist letztlich zu beachten, dass 13 % der gesamten ausländischen Bevölkerung (Stichtag 31.12.2015) erst in der zweiten Jahreshälfte registriert wurden. Die Chance in der Kriminalstatistik mit einem bereits aufgeklärten Delikt aufzutauchen, ist damit deutlich kleiner, als für einen deutschen Staatsbürger.

Insgesamt zeigt sich, dass die deutlichen Unterschiede der Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen nicht vollkommen durch Schätzfehler erklärt werden können. Auch wenn die PKS entsprechende Tatverdächtigenbelastungszahlen für Nichtdeutsche nicht ausweisen will, können aus den veröffentlichten Daten mehr oder minder eindeutige Ergebnisse berechnet werden.

Hier stellt sich die Frage an die (politisch) Verantwortlichen, warum keine offene Kommunikation der vorhandenen Kriminalitätsbelastung von Deutschen und Nichtdeutschen erfolgt. Ein offensiver Umgang damit würde manch gesellschaftliche und politische Debatte auf den Boden der Tatsachen stellen und ggfs. sogar entschärfen.

Notes:

  1. In der PKS 2015 werden ausländerrechtliche Delikte gesondert ausgewiesen, weil diese durch den starken Zustrom von Asylbewerbern bzw. Migranten stark angestiegen sind und sonst Verzerrungen befürchtet würden. Alle im Folgenden berichteten Zahlen beziehen sich deshalb auf Ergebnisse der Statistik ohne ausländerrechtliche Delikte.
  2. Prozentuale Unterschiede ergeben sich aus den verschiedenen Statistiken des Statistischen Bundesamtes und des AZR, vgl.: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendischeBevolkerung/Tabellen/Bundeslaender.html
  3. Vgl.: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/MigrationIntegration/AuslaendischeBevolkerung/Tabellen/AufenthaltsrechtlicherStatus.html
  4. Polizeiliche Kriminalstatistik 2015, S. 11. Hervorhebung durch den Autor.

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