Muslimische Freunde von Deutschen

7. Mai 2016 0

Umfragen zu interethnischen Bekanntschaften, die Kontakthypothese und die statistische Wahrscheinlichkeit auf einen muslimischen Freund

Gehört der Islam zu Deutschland? Oder nur die Muslime? - Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Gehört der Islam zu Deutschland? Oder nur die Muslime? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Gehört der Islam zu Deutschland? Oder gehören (nur) die Muslime hierher? Über diese Fragen diskutieren wir in Deutschland nicht erst seit der Verabschiedung AfD-Grundsatzprogramms. Schon 2010 löste der damalige Bundespräsident Christian Wulff mit einem diesbezüglichen Satz hitzige Debatten aus. Die sich in vielen Studien spiegelnde, eher ablehnende Haltung der Deutschen gegenüber dem Islam wird oft damit erklärt, dass zu wenige der Einheimischen überhaupt Muslime zu ihren Freunden zählen.

Im Sinne der Kontakthypothese 1 – einer in der Sozialpsychologie sehr verbreiteten Theorie – wird davon ausgegangen, dass Vorurteile gegenüber einer anderen Gruppe dann abgebaut werden bzw. weniger vorhanden sind, wenn mit Mitgliedern dieser Gruppe ein persönlicher Kontakt besteht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass (ungerechtfertigte) Vorurteile dann entstehen, wenn es eben nicht oder nur in sehr geringem Ausmaß zu interethnischen bzw. interreligiösen sozialen Beziehungen kommt.

Eine aktuelle und viel zitierte Yougov-Umfrage im Auftrag der dpa untersuchte nun, wie es um private Kontakte von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland steht. Demnach gaben 62 % der nicht-muslimischen Befragten an, keinen Muslim zu ihrem „privaten Bekanntenkreis“ zu zählen (siehe z. B. FAZ).

Aber ist das nun viel persönlicher Kontakt – oder doch eher wenig?

In der Umfrage werden keine Freundschaften mit anderen Zuwanderergruppen untersucht. Also lässt sich diesbezüglich kein Vergleich ziehen, um die Offenheit der Deutschen gegenüber verschiedenen Minderheiten einschätzen zu können.

Man könnte nun versucht sein, einfach die Zahl der Muslime, die persönlich Kontakt zu einem deutschen Nicht-Muslim haben, den Umfrageergebnissen gegenüberstellen. Doch so einfach können die beiden Gruppen gar nicht verglichen werden. Denn in Deutschland leben erheblich weniger Muslime, als Nicht-Muslime. Schon deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, einen nicht-muslimischen Bekannten zu haben, statistisch gesehen viel höher, als die, einen muslimischen Bekannten zu haben.

Verdeutlichen wir uns das an einem vereinfachten Rechenbeispiel:

In Deutschland leben knapp 82 Mio. Menschen. Die letzten repräsentativen Studien gehen davon aus, dass etwa 5 % der Einwohner einer Ausrichtung des Islam angehören. 2 In einer Gruppe von 1.000 Menschen wären somit 50 Muslime. Ziehen wir nun aus dieser Menge zufällig einen „persönlichen Bekannten“, dann beträgt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass dieser Muslim ist, lediglich 5 %.

Ziehen wir zehn „persönliche Bekannte“, dann liegt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass darunter wenigstens ein Muslim ist, bei 45 %. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter diesen Bekannten mindestens ein Nicht-Muslim ist, beträgt hingegen 99 %.

Natürlich lassen sich mit solchen abstrakten Modellen soziale Beziehungen nicht adäquat beschreiben. Unser Rechenbeispiel zeigt aber, dass es statistisch gesehen sehr viel schwieriger ist, einen muslimischen Bekannten zu haben, als einen nicht-muslimischen. Mit anderen Worten: Mit einer einfachen Gegenüberstellung interethnischer Bekanntschaftsraten könnten wir die Frage, ob viele oder wenige Deutsche muslimische Bekannte haben, nicht beantworten.

Das Rechenbeispiel verdeutlicht auch, dass hier lebende Muslime viel mehr privaten Kontakt zu nicht-muslimischen Deutschen haben müssten, als andersherum. Denn die Chance für Nicht-Muslime überhaupt solche interethnischen bzw. interreligiösen Kontakte zu haben ist maßgeblich von den Muslimen abhängig, da sie zahlenmäßig viel weniger sind.

Kommen wir zurück zur Kontakthypothese: In unserer Gruppe von 1.000 Menschen (50 Muslime und 950 Nicht-Muslime) müsste jeder (!) Muslim 19 Nicht-Muslime zu seinem privaten Bekanntenkreis zählen, damit im Sinne der Kontakthypothese ein Austausch für alle gleichermaßen entstehen kann.

Das würde wiederum seitens der Muslime eine außergewöhnliche Offenheit gegenüber nicht-muslimischen Deutschen voraussetzen. Dies wird von aktuellen empirischen Erkenntnissen jedoch nicht gestützt. So zeigte etwa ein Vergleich verschiedener Einwandergruppen, dass 62 % der hier lebenden Türken keine enge deutsche Bezugsperson haben, was nur für 40 % der Italiener und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien zutrifft. 3 In einer anderen Umfrage gaben ebenfalls 62 % der hier lebenden Türken an, am liebsten unter sich zu bleiben. 4 Ähnliche Ergebnisse konnten auch für muslimische Einwanderer in anderen Einwanderungsländern gefunden werden. 5 Zudem gaben in einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage 27  % der hier lebenden Muslime an, dass sie christlich-westliche Gesellschaften und Lebensgewohnheiten ablehnen, was gleichfalls innerethnische Bekanntschaften erschweren dürfte. 6

Insgesamt sollten die Ergebnisse solcher Umfragen also mehr als vorsichtig interpretiert werden. Denn schon einfache Statistik zeigt, dass es für nicht-muslimische Deutsche ungleich schwerer ist, einen Muslim als Freund zu haben. Zukünftige Studien sollten deshalb differenzierter untersuchen, wie groß die Chancen interethnischer bzw. interreligiöser Freundschaften (vor Ort) sind – und dann ermitteln, wie stark sie von beiden Seiten genutzt werden.

Notes:

  1. Vgl. etwa: T. F. Pettigrew, L. R. Tropp (2006): A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751–783. doi:10.1037/0022-3514.90.5.751
  2. K. Brettfeld, P. Wetzels: (2007). Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt.: Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen (Bundesministerium des Inneren). Berlin.
  3. Sonja Haug (2010): Interethnische Kontakte, Freundschaften, Partnerschaften und Ehen von Migranten in Deutschland. Herausgegeben vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg. Online verfügbar unter: https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/WorkingPapers/wp33-interethnische-kontakte.pdf?__blob=publicationFile, zuletzt geprüft am 07.05.2016. S. 30.
  4. Info GmbH (2012): Deutsch-Türkische Lebens- und Wertewelten 2012. Online verfügbar unter: https://d171b.keyingress.de/multimedia/document/6.pdf, zuletzt geprüft am 07.05.2016.
  5. J. W. Berry (2006): Immigrant youth in cultural transition: Acculturation, identity, and adaptation across national contexts. Mahwah, N.J: Lawrence Erlbaum Associates.
  6. K. Brettfeld, P. Wetzels: (2007). Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt.: Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen (Bundesministerium des Inneren). Berlin.

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