Die überfällige Demontage tödlicher Traditionen

21. Oktober 2015 3

Prof. Armin Geus rezensiert Hamed Abdel-Samad: Mohamed. Eine Abrechnung

Persische Darstellung Mohammeds (rechts) vor seinen frühesten Anhängern. Illustration aus Al-Birunis Kompendium Athar al-Baqiya 'an al-Qurun al-Khaliya. - Quelle: Wikipedia

Persische Darstellung Mohammeds (rechts) vor seinen frühesten Anhängern. Illustration aus Al-Birunis Kompendium Athar al-Baqiya ‚an al-Qurun al-Khaliya. – Quelle: Wikipedia

Das neueste Werk des Islamkritikers Hamed Abdel-Samad hat wider Erwarten schon Wochen vor Erscheinen für gehörige Aufregung gesorgt. Pflichteifrige Rezensenten wagten zwar nicht an dessen wissenschaftlicher Kompetenz zu zweifeln – Sohn eines sunnitischen Imams in der Nähe von Kairo 1972 geboren, strenggläubig erzogen und zeitweise Mitglied der militanten Muslimbruderschaft – warnten aber dennoch vor dem Inhalt einer Streitschrift, die ausdrücklich als „Abrechnung“ mit der Person des Propheten und dessen Anspruch der Gesandte Allahs zu sein, ausgewiesen ist. Obwohl der Verfasser betont, er habe nicht die Absicht, den vielen vorhandenen Biographien eine weitere hinzu zu fügen, wurde ihm unterstellt, er sei in der „aktuellen Biographie des Propheten weit über das Kritische hinaus“ geraten und habe sich im „Phantasieren über Muhammad“ ergangen (Rainer Hermann in der FAZ am 1. Oktober 2015). „Mit dem Besteck der Psychologie“, heißt es an anderer Stelle, betreibe er eine Art maskierter Selbstanalyse und präsentiere sich als „ein Mann im Rausch der Meinungsfreiheit“ (Deike Diening im Tagesspiegel am 29. September 2015). Unbefangene Leser werden allerdings feststellen, dass es Abdel-Samad in erster Linie um die schonungslose Untersuchung eine multiplen Persönlichkeit mit allen Symptomen des religiösen Prophetenwahns geht, auf die sich radikale Islamisten ebenso berufen wie moderate Muslime.

Der Verfasser ist jedoch nicht der Erste, der offen von einer Psychose spricht. Walid Ibn al-Mugira, ein Zeitgenosse Mohameds und der reichste Kaufmann in Mekka, hatte vorgeschlagen, einen erfahrenen Arzt zu rufen, um ihn von der Besessenheit zu heilen. Mohammed schien selbst unter den Ereignissen seit Beginn der Offenbarungen gelitten und sogar an Suizid gedacht zu haben, bis ihm Allah in Sure 68 (3-5) durch den Erzengel Gabriel mitteilen ließ: „Du bist durch die Gnade deines Herrn nicht von einem bösen Geist besessen, deiner wartet grenzenloser Lohn, denn du bist von hoher, erhabener Natur.“

In der Chronographia des byzantinischen Gelehrten Theophanes Confessor (765-817) ist erstmals von Epilepsie die Rede; er stützte sich auf Angaben des arabischen Historikers Ibn Ishaq. Danach soll der Prophet jeweils vor dem Eintreffen der Offenbarungen heftig gezittert haben und von einer Art Ohnmacht überfallen worden sein; dabei habe er gebrüllt wie ein Kamel, die Augen hielt er geschlossen und sein Gesicht schäumte. Der dritte Kalif Uthman erlebte bei einem Besuch im Hause seines Schwiegervaters wie sich dessen Blick plötzlich himmelwärts richtete, dann zur rechten Seite, den Kopf bewegend, als wolle er etwas mitteilen. Schließlich schaute er wieder in den Himmel, dann nach links, wo sich der Gast befand. Auf die Frage, ob er sich unwohl fühle, antwortete Mohammed  mit kräftiger Stimme: „Mir ist eben ein Koranvers geoffenbart worden.“

Die Epilepsie, in der Antike auch als „Heilige Krankheit“ bezeichnet, war kein gesellschaftlicher Makel, im Gegenteil, die Betroffenen standen nach damaliger Ansicht unter dem Einfluss überirdischer Mächte. Trotz vieler Spekulationen über andere somatisch bedingte Krankheiten von Akromegalie über ein amnestisches Syndrom, Somnambulismus, bis zu narkoleptischen Schlafanfällen blieb Epilepsie bis heute die beliebteste Diagnose. Einer der Gründe hierfür sind zweifelsohne die Erfahrungen des russischen Romanciers Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1891) mit dem eigenen Leiden, die der Verfasser ausführlich zitiert. Die Mathematikerin Sonja Kowalewski (1850-1891) erzählt in ihren Jugenderinnerungen, dass ihr der Dichter nach einem emphatischen Bekenntnis zum Glauben an Gott versicherte, gesunde Menschen könnten das Glück gar nicht ermessen, das Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall erleben. „Alle klugen Toren sind davon überzeugt“, betonte er, dass Mohamed „ein Lügner und Betrüger gewesen ist. Aber nein! Er lügte nicht. Er war tatsächlich während des Anfalls im Paradies.“

Die positive Konnotation von Krankheit als besonderer Fähigkeit zur Wahrnehmung spiritueller Erfahrungen ist, wie man weiß, ein gängiger Topos, zu dem politische korrekte Moderatoren gerne greifen, wenn sie Glaube und Vernunft beliebig gegeneinander ausspielen.

Die Diagnose Epilepsie ist für alle Beteiligten ausgesprochen  komfortabel; sie tangiert weder das Elend des Monotheismus noch den Willen Allahs, Mohamed als „Siegel der Prophetie“ berufen zu haben. Daher verfügte er über die Fähigkeit phonemische Halluzinationen zu generieren, das heißt, er hörte ganze Sätze, gelegentlich vollständige Suren oder inhaltliche Korrekturen früher überbrachter Verse. Nach der Offenbarung erinnerte er sich an den Wortlaut der Botschaften, die er auch noch nach Tagen schreibkundigen Bediensteten diktieren konnte.

Der epileptische Anfall hingegen ist, man kann dies nicht oft genug betonen, mit vorübergehendem Bewusstseinsverlust verbunden, die Patienten wissen, nicht, was mit ihnen vorgefallen ist. Dies war bereits römischen Ärzten bekannt, weshalb Abstimmungen im Senat wiederholt werden mussten, sobald ein Anwesender von einem Anfall überrascht wurde.

Hamed Abdel-Samad hat das verhängnisvolle Junktim von Halluzination und Paranoia richtig erkannt, aus dem der Prophet ein totalitäres System schuf, das alle religiösen, politischen, sozialen und juristischen Belange der Gläubigen sowie das private Lebens jedes einzelnen Menschen betrifft. Die fortgesetzte Wahnarbeit qualifizierte Mohammed so zum geistlichen und weltlichen Führer seiner Gemeinde. Dies unterscheidet ihn von allen anderen Gestalten der Religionsgeschichte, was hierzulande fahrlässig ignoriert wird und was die meisten Muslime absichtlich verschweigen. Wahnthemen mögen zwar kulturell geprägt sein, mit den Ursachen der Psychose haben sie generell nichts zu tun. Es ist daher ein fataler Irrtum, immer wieder in gesellschaftlichen Verhältnissen danach zu suchen.

Der Verfasser hat ein mutiges, ehrliches Buch geschrieben. Die Bilanz seiner „Abrechnung“ kann sich sehen lassen. Er hat sich auf die überfällige Demontage tödlicher Traditionen eingelassen und den „Liebling Allahs“ als geisteskranken Religionsstifter entzaubert. Leider verzichtete er neuere Publikationen zu erwähnen, die vor ihm zu übereinstimmenden Ergebnissen gekommen sind, aber in maßgeblichen Zeitungen entweder totgeschwiegen oder als islamophobe Machwerke denunziert wurden. Bedauerlicherweise fehlt ein Personenregister, das die Benutzung des Bandes erleichtern und seiner Verbreitung als Instrument der islamkritischen Arbeit fördern würde.

Hamed Abdel-Samad (2015): Mohamed. Eine Abrechnung. München, Droemer-Knaur, 240 Seiten, 19,99 Euro.

3 Comments »

  1. Alexander Scheiner, Israel 29. Oktober 2015 at 07:57 - Reply

    Der Verfasser, Hamed Abdel-Samad, ist ein sehr mutiger Mann.

    Wie sich der Islam in der Neuzeit entwicklet kann man hier sehen:

    https://theangrypersians.wordpress.com/2015/07/03/islam-in-iran/

  2. Michel B, Frankreich 2. Januar 2016 at 22:12 - Reply

    Seit längerem negativ fasziniert von dieser furchterregenden Ideologie, habe ich dieses Buch
    sehr gerne gelesen. Es ist intellektuell auf einem guten Niveau, ohnehin gefällt mir Abdel-Samads Auftreten bei sonstigen Stellungnahmen sehr gut.
    Von deutschsprachigen Verfassern habe ich bisher nichts Besseres gelesen. Ich bedauere aber, dass er eine atheistische/agnostische Auffassung hat. Unmenschen wie Hitler oder eben Mohamed kann man imho nicht verstehen, wenn als Triebkraft nur die menschliche Psyche vermutet wird.

  3. Dr. Werner,Hans 13. Januar 2016 at 16:23 - Reply

    auf dem Fundament einer Religion, deessen Stifter feststellte: „mein Reich ist nicht von dieser Welt“
    Im 6. Jhdt. war „civitas dei“ bereits geschrieben!!.
    Hamed Abbel-Samad vielen Dank fpr seinen Mut, seinen Willen zur Wahrheit. Einen mutigen Weg hat er beschritten, Allah schütze ihn!!!

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