Es wächst zusammen, was zusammengehört

3. Oktober 2015 2

Gedanken zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit und zur Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört

Gehört der Islam zu Deutschland? Oder nur die Muslime? - Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Gehört der Islam zu Deutschland? Oder nur die Muslime? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Am 3. Oktober 2015 jährt sich zum 25. Mal jener historische Tag, an dem die Deutschen in freier Selbstbestimmung die Einheit ihres Landes vollendeten, wie der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker es in seiner Festrede beim Staatsakt an jenem Tag im Jahre 1990 verkündete. Die staatliche Einheit Deutschlands war ein weiterer, wichtiger Schritt, damit passieren konnte, was nach den Worten Willy Brandts durch die Öffnung der Berliner Mauer im November 1989 zu erwarten war: „Jetzt wächst wieder zusammen, was zusammengehört.“

Dass sie zusammengehörten, hatten die Deutschen schon vorher deutlich gezeigt, als Ungarn im Sommer 1989 – anders als heute – die Grenzzäune niederreißen ließ und damit DDR-Bürgern scharenweise zur Flucht in den Westen verhalf, wo man sie herzlich willkommen hieß. Und als die Staatsorgane der DDR unter dem Druck der Bevölkerung am 9. November 1989 die Mauer in Berlin wie auch die Grenzen zu Westdeutschland öffneten, gab es für Millionen Menschen aus der DDR kein Halten mehr.

Wer von den Älteren erinnert sich nicht gerührt an die Freudentränen, die auf beiden Seiten der Mauer flossen, als Hunderttausende aus dem Osten in den Westen strömten und wildfremde Menschen sich in den Armen lagen? Und bekam ein „Wessi“ nicht gerade die Schulter eines „Ossis“ zu fassen, dann klopfte er begeistert auf Dächer vorbeifahrender Trabbis – beispielsweise jener junge Mann, der den Ankommenden zukunftsweisend „Deutschland“ zurief, wie man es heute auf Englisch aus dem Mund orientalischer Flüchtlinge hört, die jedoch erst noch hier ankommen wollen.

Welcher ältere Berliner erinnert sich nicht an die heitere Gelassenheit, mit der die allermeisten es hinnahmen, dass im Westen Berlins tagelang fast nichts mehr wie gewohnt ging, weil die Infrastruktur damals wie heute nicht auf den schlagartigen Zuwachs von derartig großen Menschenmassen vorbereitet war und insbesondere die Verkehrsbetriebe so überlastet waren, dass westdeutsche Kommunen auf die Schnelle Busse nach Berlin schickten und damit Busfahrer in die Stadt kamen, die sich hier nicht auskannten und von einheimischen Fahrgästen durch die Stadt gelotst wurden.

Doch nicht bloß in Berlin, auch in den grenznahen Städten der Bundesrepublik musste unter dem Druck der Ereignisse improvisiert werden: Etwa in Eschwege, wo der Stadtkämmerer sich in einem Kaufhaus Geld lieh, weil er nicht genug Begrüßungsgeld für die vielen Besucher aus der DDR hatte.

Wir sind ein Volk

Wahnsinn“ war damals das Wort, mit dem zahlreiche Menschen zum Ausdruck brachten, was sie in jenen Freudentagen miterlebter Geschichte empfanden. Und was im Sommer 1990 noch fast alle Politiker im Osten wie im Westen für eine Wahnvorstellung, viele auch nach der Öffnung der Mauer zunächst noch für unwahrscheinlich gehalten hatten, sollte bald Realität werden. Hatten die Bürger der DDR sich im Frühherbst des Jahres gegen ihre Obrigkeit anfänglich mit dem Leitspruch aufgelehnt: „Wir sind das Volk“, setzten sie bald die politischen Entscheidungsträger im Osten wie im Westen mit der Mahnung unter Druck: „Wir sind ein Volk“.

Nach den Wahlen zur Volkskammer der DDR im März 1990 übernahmen dort Politiker die Verantwortung, die sich den Beitritt des Landes zur Bundesrepublik Deutschland zum Ziel setzten: Mit der Währungsunion zwischen den beiden Staaten am 1. Juli 1990 war der erste große Schritt in der Richtung getan und mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten sowie den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs am 12. September die letzte Hürde auf dem Weg zur Vollendung der staatlichen Einheit Deutschlands genommen.

Während der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl den Menschen in der ehemaligen DDR „blühende Landschaften“ in Aussicht stellte, warnte der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine vor den hohen Kosten der Einheit und verlor prompt die gesamtdeutschen Bundestagswahlen 1990, die Kohl als „Kanzler der Einheit“ für sich entschied. Noch schlimmer als der SPD erging es den westdeutschen Grünen, die mit dem Wahlspruch angetreten waren: „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter!“ Doch die Wähler fanden es zumeist wichtiger, über Deutschland zu reden als über das Wetter, und ließen die Grünen draußen im Regen stehen.

Die „Willkommenskultur“, mit der man zur Zeit hier Flüchtlingen aus dem Nahen Osten begegnet, dürfte eher nach dem Geschmack der Grünen sein als die damals weit verbreitete Freude über die Vollendung der deutschen Einheit. Sie protestierten gegen die „Annexion“ der DDR und einige demonstrierten ihre Natiophobie mit der Forderung: „Nie wieder Deutschland!“ Dazu gehörte auch die spätere Parteivorsitzende Claudia Roth, die sich zwar mit der Existenz Deutschlands abfinden musste, aber unter dem Einfluss der multikulturellen Zielvorstellungen ihrer Partei an der Vision Gefallen fand, dass künftig am Tag der deutschen Einheit – abgesehen von „ein paar schwarzrotgoldenen Fahnen“ – „die Straßen in einem Meer aus roten Türkenflaggen“ ertrinken würden.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Doch unsere türkischstämmigen Mitbürger haben der grünen Visionärin den Gefallen bisher nicht getan und zeigen türkische, aber auch deutsche Fahnen eher bei Fußballmeisterschaften – nicht so sehr am Tag der Einheit, an dem türkische sowie andere Moscheevereine es vorziehen, die Einheit zum Zeichen ihrer fiktiven Zugehörigkeit mit einem Tag der offenen Moschee zu begehen.

Dass mit der Einwanderung von Türken in Deutschland Muslime kamen und diese mittlerweile zu unserem Land gehören, ist keine Frage, soweit sie sich nicht in quasi exterritorialen Kolonien mit eigenen Regeln von Deutschland abgegrenzt haben. Doch bedeutet die Existenz von Muslimen in diesem Lande, dass der Islam zu Deutschland gehört, wie einst der damalige Bundespräsident Christian Wulff behauptete? Das sehen in seiner Partei – und nicht nur dort – viele anders: Volker Kauder, Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sowie der frühere Innenminister Hans-Peter Friedrich etwa behaupteten das Gegenteil und begründeten das damit, dass der Islam nicht die Traditionen und die Identität dieses Landes mitgeprägt hätte.

Angela Merkel, die es als Bundeskanzlerin zur Meisterin im Abwägen brachte, war vermutlich um Ausgleich zwischen den Positionen bemüht, als sie zweideutig zu verstehen gab, dass der Islam zu Deutschland ebenso gehörte wie hier lebende Muslime, „wir“ (!) jedoch „auf dem Fundament der christlich-jüdischen Traditionen“ ständen. Wer sind denn „wir“ und wer sind die Muslime, die zu diesem Land, anscheinend aber nicht mit „uns“ zusammengehören, weil sie auf einem anderen Fundament stehen?

Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende stieß allerdings mit ihrem Ausgleichsversuch auf Widerspruch, zumal es ja nicht bloß um die Frage geht, ob der Islam zugehörig ist, sondern auch darum, ob bzw. inwieweit er dazu gehören soll. Welcher Islam denn gemeint sei, wollte etwa Merkels Parteifreund Wolfgang Bosbach wissen und fragte, ob islamistische oder gar salafistische Strömungen und die Scharia ebenso zu Deutschland gehören sollen. Noch weiter in der gleichen Richtung ging der ägyptischstämmige Politologe und frühere Muslimbruder Hamed Abdel-Samad in einem offenen Brief an die Kanzlerin und forderte sie auf, den Bürgern zu erklären, was der Islam sei, statt einfach dessen Zugehörigkeit zu konstatieren.

Eine Erklärung bleibt die Kanzlerin bisher ebenso schuldig wie eine Antwort auf die Frage, was sie gegen Islamisierung tun wolle. Als sie danach gefragt wurde, fiel ihr nicht viel mehr ein, als sich zu mokieren, dass viele Menschen, die sich vor der Korangläubigkeit von Muslimen fürchteten, selber nicht bibelfest wären. Und Margot Kässmann, gelernte Pastorin, wollte gar besorgte Christen ins Gebet nehmen: Wer „Angst vor vollen Moscheen“ habe, müsse „für volle Kirchen sorgen.“

Zugehörigkeit des Islam nicht denkbar ohne Islamisierung

Doch Kirchgang sowie Gebet hätten den Christen im Nahen Osten nicht geholfen, hält Hamed Abdel-Samad den beiden „unbesorgten Frauen“, Merkel und Kässman, hämisch entgegen. Mit der Destabilisierung jeder staatlichen Ordnung im Irak und in Syrien ist das Christentum dort dem Terror muslimischer Extremisten zum großen Teil hilflos ausgeliefert. Viele Christen von dort, die hier Schutz gesucht haben, erleiden nun ebenso wie Jeziden in manchen Flüchtlingsunterkünften Gewalt durch Muslime, die sich ebenfalls auf den Weg zu uns machten. Flüchtlinge, die religiöse Konflikte in ihren Herkunftsländern bei uns austragen wollten, gehörten aber nicht hierher, meint Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, der damit vermutlich der weit verbreiteten Sorge begegnen möchte, dass mit den Flüchtlingsmassen aus dem Orient zunehmend Extremisten unser Land heimsuchen könnten.

Dass habe nichts mit dem Islam zu tun, hört man gebetsmühlenartig von Muslimrepräsentanten und Parteivertretern, wenn Extremisten unter Berufung auf islamische Gesetze sengend und mordend durch die Lande ziehen; denn „Islam bedeutet Frieden“, heißt es aus dem Munde netter und adretter Kopftuchträgerinnen, die mancherorts am Tag der offenen Moschee die Gäste mit Blumen begrüßen, wie bei Moscheebesuchen an dem Tage ebenso zu beobachten ist wie die Reaktion etlicher Gäste, die bei solch einer gut gemeinten Friedenserklärung zustimmend nicken und lächeln, als wären sie erleichtert, das aus berufenem Munde zu erfahren und insofern nicht befürchten zu müssen, dass Islamgegner mit ihren Warnungen recht haben könnten; denn eine diesbezügliche Furcht ist ebenso symptomatisch für Islamophobie wie die Angst derer, für die Frieden im Namen des Islam nichts anderes als ein Synonym für Unterwerfung ist und eine Islamisierung Europas dem Untergang des Abendlandes gleichkäme.

Einerlei, was von solchen Ängsten zu halten sein mag, ist es absurd zu behaupten, dass der Islam zu Deutschland gehöre, andererseits jedoch eine Islamisierung abzustreiten. Wie sonst könnte eine Zugehörigkeit des Islam entstanden sein, wenn es nicht eine Entwicklung gegeben hätte, die dazu führte und auf die der Name Islamisierung durchaus zutrifft; denn diese bedeutet ja nicht bloß Bekehrung oder gar Unterwerfung, sondern auch eine territoriale Ausbreitung des Islam, die mit der Einwanderung von Muslimen logischerweise erfolgt ist, sofern die Einwanderer nicht ihre religiösen Bräuche aufgegeben haben.

Deutsche zwischen Willkommenseuphorie und Xenophobie

Der SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel nennt es ein großes Experiment, auf das wir uns mit der Aufnahme von Millionen weiterer Flüchtlinge aus dem muslimischen Orient einlassen. „Wir schaffen das“, verkündet die promovierte Physikerin Angela Merkel, als habe sie sich ein Experiment vorgenommen, das der Brockhaus unter der Überschrift „Physik und Philosophie“ mit Bezug auf die Relativitätstheorie als „Erschließung neuer Wirklichkeitsgebiete“ beschreibt. Nach Merkels politischer Philosophie geht es dabei konkret um die Erschließung des Arbeitsmarktes unserer alternden Gesellschaft für junge dynamische Kräfte aus der Migrantenreserve.

Wir wissen noch nicht, ob es der Bundeskanzlerin gelingt, das Experiment zu meistern, oder ob sie wie jener „Zauberlehrling“ scheitert, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Wir ahnen freilich, dass sie weit mehr Geister als bisher schon zum Aufbruch ermunterte, als sie kürzlich eine größere Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen signalisierte und mit diesem Signal im Orient den folgenschweren Eindruck erweckte, alle Mühseligen und Beladenen wären hier willkommen. Und dieser Eindruck wird vertieft durch Bilder von Deutschen, die – ähnlich wie 1989 zu Tausenden an der Berliner Mauer – heute zu Hunderten in München und sonst wo am Bahnhof zur Begrüßung ankommender Flüchtlinge Spalier stehen und denen ebenso wie uns allen – anders als damals – freundlich, aber auch trotzig zurufen: „Refugees are welcome here!“

Das vermittelt weltweit einen anderen Eindruck von Deutschland als Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, die es in den letzten Wochen gab und vermutlich weiterhin geben wird. Wie so oft, wenn hierzulande Konflikte auftreten, geht es nicht so sehr darum, was mit rechten Dingen zugeht, sondern viel mehr um die rechte Gesinnung, und demgemäß wird dann nicht sachlich diskutiert, sondern moralisch differenziert – wie etwa vom Bundespräsidenten, der als gelernter Pfarrer vermutlich den Unterschied zwischen „gut“ und „böse“ zu wissen glaubt und „ein helles und Dunkeldeutschland“ unterscheidet, wenn er die Hilfsbereitschaft der einen für Flüchtlinge lobt und die Fremdenfeindlichkeit der anderen tadelt.

Weiß der ehemalige DDR-Bürger Joachim Gauck denn nicht, dass für manche im Westen „Dunkeldeutschland“ die DDR war? Zumindest müsste er wissen, dass es für viele Menschen aus der ehemaligen DDR schwerer war, in der Bundesrepublik heimisch zu werden, als sie es sich mit dem Beitritt vorgestellt hatten, und dass viele von ihnen sich nun nicht widerspruchslos damit abfinden mögen, dass die Bundesrepublik sich durch die Einwanderung von Millionen Menschen aus der Fremde immer mehr in eine „bunte“ Republik verwandelt. So bunt hatten sie sich nicht die „blühenden Landschaften“ gedacht, die ihnen nach der Vollendung der deutschen Einheit in Aussicht geworden waren.

Neben dem hellen und dem dunklen Deutschland in der Vorstellung des Bundespräsidenten gibt es eine nicht so spektakuläre Grauzone, in der viele Menschen zwischen Willkommenseuphorie und Xenophobie hin und hergerissen sind. Das sind Menschen, denen es nicht an Mitleid sowie Hilfsbereitschaft mangelt, denen aber auch die Frage Sorgen bereitet, wie es weitergeht mit der Masseneinwanderung von Flüchtlingen, die mit hohen Erwartungen nach Deutschlaraffenland kommen und dann erfahren, dass hier nicht Milch und Honig fließen, sondern auch verbotene Früchte am Baum hängen – Menschen, die sich zudem sorgen, ob die sozialen Spannungen durch religiöse Konflikte verschärft werden und ob jemals in der „bunten“ Republik zusammenwachsen wird, was – anders als im Verhältnis zwischen den Landsleuten im geteilten Deutschland – niemals durch gemeinsame Sprache sowie Geschichte und insofern Identität zusammengehörte.

2 Comments »

  1. Sibylle Maier 17. Oktober 2015 at 17:25 - Reply

    Der Islam kann nicht zur BRD gehören, weil er unseren Grundwerten widerspricht. Er ist verfassungsfeindlich. Der Koran ist wie ein Dressurbuch für Schwererziehbare und steht dem, von der Institution Kirche befreiten Christentum diametral gegenüber. Die jüdisch-christliche Bewegung steht für „Inneres Wachstum“ und verweist auf einen geistigen Entwicklungsprozess, der im rein religiösen Sinne, völlig frei ist von Dogmen, Zwängen, Ritualen, usw. …So entsteht Spielraum. Unsere Gedankenwelten und Vorstellungen von Gott sind bewußtseinsabhängig. Die biblischen Geschichten berichten von den Irrungen und Wirrungen und Bemühungen des Menschen auf seinem Erkenntnisweg.

  2. Reiner Schöne 7. März 2016 at 15:49 - Reply

    Der Islam kann nicht z Deutschland gehören aus dem einfachen Grund, es wird von Europa immer von einem christlich-jüdischen Europa gesprochen, nie von christlich-islamischen Europa. Aber das ist nur ein simples Beispiel alle aufzuführen wurden den Rahmen hier sprengen. Fakt ist aber, wenn der Islam schon immer zu Deutschland gehören würde, wieso hat man dann in ganzen Land Soldaten gegen den Krieg um 1529 Wien gesucht. Man hätte es doch zulassen können das der Islam in Europa Einzug hält.

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