Kollaboration nach französischer Art

10. Februar 2015 2

Rezension zu Michel Houellebecq: Unterwerfung

Cover (Ausschnitt) des Romans von Houellebecq - Bild: Dumont Verlag

Cover (Ausschnitt) des Romans von Houellebecq – Bild: Dumont Verlag

Zufällig fielen der Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, der Frankreich tagelang in Atem hielt und eine Welle von Protesten Für und Wider im gesamten Land, Europa und weltweit auslöste, und das Erscheinen von Michel Houellebecqs Roman Soumission (unter dem Titel Unterwerfung einige Tage später in der Bundesrepublik veröffentlicht) zeitlich zusammen. Der renommierte Autor entwirft eine nahe, 2022 spielende, Zukunftsvision und unternimmt den Versuch, die gesellschaftlichen, religiösen und (partei-)politischen Zustände in seinem Heimatland zu analysieren.

Die von Houellebecq entworfenen Szenarien sind bekannt. Was hierzulande kaum wahrgenommen wird, ist der derzeitig in Frankreich tobende „Historikerstreit“. Die dort auftretenden Haltungen haben mehr mit dem Romancier zu tun, als man auf den ersten Blick annehmen mag: Drei Jahrzehnte nach dem ideologischen Keulenschlag gegen „Hitlers Apologeten“ Ernst Nolte, welcher die Historisierung des Nationalsozialismus vorschlug, entstand im Nachbarland eine erste, durch den französisch-israelischen Historiker und Politikwissenschaftler Zeev Sternhell (2005 an der Universität von Jerusalem emeritiert) angestoßene Intellektuellendebatte über die gedanklichen französischen Vorläufer des Kollaborationsregimes von Vichy unter Marschall Petain, dem „Vaterlandsverteidiger“ im „Großen Krieg“ von 1914 bis 1918. Gegenwärtig gewinnt das bisher latente Thema erneut an Schärfe.

Vor allem aber zeigte sich, wie unterschiedlich ausgeprägt die Bereitschaft der Historiker noch immer ist, sich mit Vichy und seiner Ideologie als Teil französischer Geschichte auseinanderzusetzen. Während für die einen die Vichy-Zeit lediglich eine dem Besatzungsstatut geschuldete Episode war, in der es darum ging, ‚das Schlimmste zu verhüten’, setzt sich bei den anderen die Überzeugung durch, das Petains Kollaboration mit den Deutschen ideologische Vorläufer hatte und durchaus einem breiten Willen der Bevölkerung entsprach.“ 1

Allerdings: Eben diese Positionierung beschrieb eben Nolte bereits vor einem halben Jahrhundert in seinem weltweit rezipierten Bestseller Der Faschismus in seiner Epoche unter der Überschrift „Die Action francaise“ im zweiten Teil des Buches. 2

Die Übernahme der Verantwortung durch den Marschall Petain fand vielmehr die beinahe einhellige Zustimmung des Landes, mehr als das: die Auffassung war nahezu allgemein, dass die militärische Niederlage zugleich die Niederlage des parlamentarischen Systems bedeutet habe. Wie anders als unter dem Druck einer übermächtigen Meinung hätte es Laval gelingen können, die überwältigende Mehrzahl aller Parlamentarier zur freiwilligen Selbstaufgabe zu bewegen, die dem Regime Petain nicht nur die Legalität, sondern eine neuartige Legitimität sichert?“ 3

Während sich hierzulande die Belletristik in der Beschreibung und „Aufarbeitung“ (s)eines „Nazi- Großvaters“ sowie belangloser, beliebiger Wohlstandsthemen und Befindlichkeiten ergießt, wandelt Houellebecq auf den Spuren Honore de Balzacs oder Emile Zolas. Im 19. Jahrhundert entwarfen sie in Romanzyklen, welche den Zeitgeist präsentierten, wirkliche und wahrhafte Abbildungen der Gesellschaft. Für beide gilt, was Hugo von Hofmannsthal über Balzac anschaulich äußerte: Die Leser „werden unmittelbar aus ihrem Leben in diese Bücher hinüberkönnen, ganz unvermittelt aus ihren Sorgen und Widerwärtigkeiten heraus, ihren Liebesgeschichten und Geldaffären, ihren tristen Angelegenheiten und Ambitionen.“

Oberflächlich gesehen beschreibt Houellebecq die Machtübertragung mit Hilfe linker und bürgerlicher Parteien an einen muslimischen Präsidenten. Eine Kulisse, über die sich einfache Gemüter und die Stammtische auch in unserem Land bestätigt fühlen können. Aber wer versucht hinter die trügerischen Vorhänge zu schauen, wird mit Erschrecken erkennen müssen, wie subtil und treffend Houellebecq in der Tradition der Zeitdiagnostiker und Zweifler am Diesseits, Leon Bloy und Karl- Joris Huysmans oder Ernst Jünger und Carl Schmitt, verklärende Schleier herunterreißt. Um die allgemein verständlichen wie untergründigen Anliegen des Schriftstellers zu hinterfragen, bedarf es jedoch der schichtenweisen Abtragung des vielfältigen Gedankengutes, um sie in ihren komplexen Zusammenhängen zu interpretieren.

Im Mittelpunkt des Textes steht ein Mittvierziger und dessen hedonistische, individuelle, weder an Familie noch Freunden gebundener Lebensweise. Der Literaturprofessor an der Sorbonne pflegt das Fastfood-Essen, die jährliche Pirsch auf die neu immatrikulierten Studentinnen, den Nikotin- und Alkoholmissbrach. Sonst ist er – wie im Universitätsbetrieb – bindungsunfähig. Seine sexuellen Beschreibungen und Phantasien lassen auf dessen Impotenz schließen. Wunschdenken. Seine Gefühlskälte spiegelt das Verhältnis zu den geschiedenen Eltern wider: Die Mutter wird nach ihrem Tod auf dem Armenfriedhof verscharrt, da sich weder ihr ehemaliger Partner noch der Sohn um die Begleichung der Bestattungskosten bemühen; der Vater hinterlässt kurze Zeit später das beträchtliche Erbe je zur Hälfte seiner Geliebten und dem Sohn Francois.

Die Berufung als Hochschullehrer verdankt dieser der alles bisher an Auslegungen überragenden Dissertation über das literarische Werk Joris-Karl Huysmans’ (1848 bis 1907). Nach naturalistischen Anfängen schrieb er 1884 das Kultbuch der Dekadenz Gegen den Strich. „Die ästhetischen Ansprüche der Huysmansschen Helden, so verstiegen sie auch waren, bildeten für Jünger gleichsam eine Marke, an der er die Verluste an Genussmöglichkeiten aller Art ablas. Die Lektüre [hielt] die Tendenz zu einem expressionistischen Katholizismus wach“. 4 Huysmans war ständig auf der Sinnsuche und fand ihn schließlich im katholischen Glaubensbekenntnis, eine Rückkehr zum Glauben der Ahnen. Zeitgemäß. Auch der Bezug im Roman auf Charles Peguy (1873 bis 1914), welcher nach einer kurzen Phase sozialistischer Utopien sich dem nationalen Pathos zuwandte, die Fortschrittsideologie kritisierte und im Katholizismus transzendentale Befriedigung fand.

Mit wenigen Anspielungen vermittelt Houellebecq ein konkretes Bild der französischen Parteienlandschaft. Stärken und Schwächen, Ziele und Kompromisse und wie sich einzelne Bewegungen ähneln: „Vor allem aber liegt für die Salafisten die Macht allein bei ihrem Gott, schon das Prinzip einer Volksvertretung ist gottlos, nie würden sie eine politische Partei gründen oder unterstützen“, so der Autor. Sie glauben an den Dschihad, aber behindern nicht die Kandidatur des muslimischen Präsidentschaftsbewerbers Mohammed Ben Abbes, einem konvertierten Belgier. So radikal und fundamentalistisch wie die Dschihadisten sind die Identitären in ihrem Verhältnis zum Front National, der seit seiner Gründung stets den Weg über die Urnen wählte. Houellebecq charakterisiert den Font National durch Marine Le Pens Zitat aus der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1793: „Wenn die Regierung die Rechte des Volkes verletzt, ist für das Volk und jeden Teil des Volkes der Aufstand das heiligste seiner Rechte und die unerlässlichste seiner Pflichten“. Eine Phrase. Denn, was sind die Rechte eines Volkes und welcher Teil des Volkes besitzt hierdurch die Pflicht zur Revolte?

Über das bürgerliche und linke Lager findet der Schriftsteller keine verständnisvollen Worte, eher Abscheu. „Jene Achtundsechziger seien zwar aussterbende progressistische Mumien, die als soziologisches Phänomen von der Bildfläche verschwunden seien, doch sie hätten sich in die Zitatellen der Medien flüchten können von wo sie aus in der Lage seien, die unglückliche Zeit und die widerliche Stimmung, die sich im Land ausbreite, lauthals zu verfluchen.“ Am Ende ist das Land islamisiert.

Mit der Wahl von Mohammed Ben Abbes zum Präsidenten und dessen Einsetzung einer „Regierung der nationalen Einheit“ vollzieht sich die Umkehr der früheren Kolonialisierung der arabischen Mittelmeerländer durch Frankreich. Vorbilder, so Houellebecq, sind sowohl das Römische Reich als auch Sarkozys imperiale Vorstellung einer von Frankreich geführten Mittelmehr-Union – innerhalb der Europäischen Union. Außenpolitisch schmiedet Ben Abbes Pläne über Beitritte von Marokko, Ägypten, für die Türkei besteht ein Zeitplan; innenpolitisch ändern sich die Kriminalitätsrate wie die Arbeitslosenquote und Ausgaben für die Bildung tendenziell nach unten, die Familienzulagen steigen.

Na klar: Frauen sind nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt und die reguläre Schulpflicht endet etwa mit dem zwölften Lebensjahr, höhere Ausbildungen sind Privatangelegenheit. Die gesellschaftlichen Veränderungen „versetzte zunächst die gesamte Medienwelt in einen Zustand der Fassungslosigkeit; die Linksfront bestand weiterhin fort, zumindest auf dem Papier.“ Der Präsident ist charismatisch, die Gesellschaft wird mit totalitären Zügen regiert, instrumentalisiert, umgewälzt. Der vorher drohende Bürgerkrieg ist (vorerst) abgewendet. Der neue Sorbonne-Präsident preist, auch um unseren Protagonisten für die neuen Aufgaben zu gewinnen, für den Wechsel von den Identitären zum Islam wohl auch im Namen anderer konvertierter Intellektueller. Für ihn ist die absolute Unterwerfung „Gipfel menschlichen Glücks.“

Im letzten Abschnitt wechselt Houellebecq plötzlich in die Möglichkeitsform. Er beschreibt die in nächster Zeit zu vollziehende Konversion in der Großen Pariser Moschee. Warum? Geld hatte er genug und Faulenzen gefiel ihm, aber die zunehmende Einsamkeit könne er dann mit mehreren jungen, hübschen Ehefrauen vertreiben. Francois kennt kein Heimatgefühl, das Land in seiner Vielfalt ist und bleibt ihm fremd, der versuchte Zugang zum katholischen Glauben auf den Spuren Huysmans verfehlte das Ziel. Augenscheinlich verlor nicht nur die französische Gesellschaft Werte, welche an den Umgang mit den Mitmenschen überkommene Vorstellungen einebnete, ohne das tragfähige „neue Werte“, hehre Ideale statt platte Idole das (harmonische) Zusammenleben regeln.

Parallelgesellschaften entstehen in Städten, populistische Parteien etablieren sich europaweit, Flüchtlingsströme ergießen sich aus dem Orient und Ländern der Dritten Welt, Mitteilungen über Terroristen und Opfer beherrschen die Nachrichtensendungen, Altersarmut und Bedürftigkeit nehmen auch in der Bundesrepublik zu. Die Globalisierung stößt an ihre Grenzen, weil die soziale Frage wieder auf der Tagesordnung steht, Demokratie und soziale Marktwirtschaft nur noch im offen erkennbaren Widerspruch zwischen Theorie und Praxis, in der Wahrnehmung der Bevölkerung zerrieben werden. Worthülsen.

Michel Houellebecqs gesellschaftliches Panorama französischer Zustände ist nach seiner Form Tagebuch und Chronik. Schnörkellos erzählt und rückhaltlos beschrieben, erhebt der Roman nicht den Anspruch auf parteipolitische Rechthaberei oder Gesinnungsprüfung, sondern ist wirklichkeitsnah, vollkommen nüchtern einer (un-)lebendigen abendländischen Gesellschaft nachempfunden. Stagnation.

Unter dem Vorwand neuer religiöser, andersartiger kultureller Veränderung geht es schließlich „nur“ um die bürgerliche und linke Teilhabe an der Macht unter missionarischer muslimischer Vorherrschaft. Die Traditionen, Erfahrungen wie Errungenschaften der Aufklärung und der bürgerlich-französischen Revolution(en) sind des Aufhebens, Bewahrens nicht wert. Die Sinnsuche der Schriftsteller vor dem Ersten Weltkrieg, die oft in der Rückkehr zum Katholizismus ihr Heil suchten oder im Sozialismus, Nationalismus Erkenntnis und Wagemut finden wollten, ist heute oder auch morgen in der beschriebenen Landnahme islamisch-arabischer Herrscher angelangt.

Die Lähmung der Gesellschaft resultiert aus der Unfähigkeit, nach dem Verlust religiösen oder ideologischen Gemeinschaftsdenkens gegen die Atomisierung der selbstentfremdeten Bevölkerung zu neuen gemeinschaftsstiftenden Angeboten und damit zeitgemäßen Verhältnissen zu gelangen. Die vermeintliche Rettung des Abendlandes stellt eine Wunschvorstellung dar, die nur da enden kann, wo die Islamisierung europäischer Bevölkerungsmehrheiten beginnt: Im Rückschritt auf archaische Zustände. Gehorsam wird erzwungen werden müssen. Aber, hier kann der Leser Carl Schmitt folgen:

Der Gehorsam ist doch nicht willkürlich; sondern irgendwie motiviert; warum geben die Menschen ihre Zustimmung zur Macht? In manchen Fällen aus Vertrauen, in anderen aus Furcht, manchmal aus Hoffnung, manchmal aus Verzweiflung. Immer aber brauchen sie Schutz und suchen sie diesen Schutz bei der Macht. Vom Menschen her gesehen bleibt die Verbindung von Schutz und Gehorsam die Erklärung der Macht. Wer nicht die Macht hat, einen zu schützen, hat auch nicht das Recht, Gehorsam von ihm zu verlangen. 5

Michel Houellebecq (2015): Unterwerfung (Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek) Köln, 271 Seiten, 22,99 Euro.

Notes:

  1. Clemens Klünemann (2014): Vichy war kein Betriebsunfall. In: Die Zeit, 50/2014; S. 20.
  2. Ernst Nolte (1963): Der Faschismus in seiner Epoche. München, S. 61-190:
  3. Ernst Nolte (1963): Der Faschismus in seiner Epoche. München, S. 119f.
  4. Hellmuth Kiesel (2007): Ernst Jünger. Die Biographie; München; S. 156.
  5. Carl Schmitt (2008): Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber; Stuttgart, S.14.

2 Comments »

  1. Alexander Scheiner, Israel 5. März 2015 at 08:05 - Reply

    Islam bedeutet Unterwerfung.

    (Das Wort “Islam” hat NICHTS mit Frieden zu tun.)

  2. Farin 30. April 2015 at 22:33 - Reply

    Nach englischer Art:
    MESOP : THE LAST DAYS OF EUROPE – Britain’s Labour Party Vows to Ban Islamophobia / Islam, Muslims & the British Elections

    “In Miliband’s Britain, it will become impossible to criticise any aspect of Islamic culture, whether it be the spread of the burka or the establishment of Sharia courts or the construction of colossal new mosques. … If he wins, Miliband will ensure that the accelerating Islamification of our country will go unchallenged.” — Leo McKinstry, British commentator. – The report shows that Britain’s Muslim population is overwhelmingly young and will exert increasing political influence as time goes on. The median age of the Muslim population in Britain is 25 years, compared to the overall population’s median age of 40 years.

    In an interview with The Muslim News, Miliband said: “We are going to make it [Islamophobia] an aggravated crime. We are going to make sure it is marked on people’s records with the police to make sure they root out Islamophobia as a hate crime. Read all: http://www.muslimnews.co.uk/newspaper/top-stories/labour-to-outlaw-islamophobia-says-miliband-in-an-exclusive-interview/

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