Er war ein Herr

31. Januar 2015 0

Nachruf auf Richard von Weizsäcker

Richard Weizsäcker (links), damals noch Berliner Bürgermeister, mit US-Präsident Ronald Reagon und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Checkpoint Charlie (Berlin) am 11. Juni 1982

Richard Weizsäcker (links), damals noch Berliner Bürgermeister, mit US-Präsident Ronald Reagon und Bundeskanzler Helmut Schmidt am Checkpoint Charlie (Berlin) am 11. Juni 1982

Mit Richard von Weizsäcker starb nun ein Mann, der weit über die Grenzen unserer Bundesrepublik Deutschland und über seine Amtszeit als Bundespräsident (1984 – 1994) hinaus hohes Ansehen genossen hat.

Man erinnert dieser Tage an seinen Werdegang und sein Wirken, zu dem manch eine bemerkenswerte Rede gehört – vor allem seine weltweit beachtete Ansprache „Zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ am 8. Mai 1985. Er wird immer wieder mit einem Satz aus dieser Rede zitiert, in dem es heißt: „Der 8. Mai war der Tag der Befreiung.“ Das ist nicht falsch, aber nur die halbe Wahrheit. Für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft war es zweifellos ein Tag der Befreiung. Doch die Opfer litten ja nicht bloß unter der nationalsozialistischen Staatsgewalt, sondern mittelbar auch unter dem deutschen Staatsvolk, dass diese Gewaltherrschaft bis nach Stalingrad und zurück mittrug, auf diesem Irrweg deutscher Geschichte Verheerendes mit zu verantworten hatte und erst vollständig besiegt werden musste, damit Krieg und Terror beendet werden konnten.

Deswegen ließ Richard von Weizsäcker den zitierten Satz nicht stehen, ohne im weiteren Verlauf seiner Ansprache auf die Ursachen des Unheils einzugehen und zu betonen, dass wir Deutschen keinen Grund hätten, uns „an Siegesfeiern zu beteiligen“. Dennoch zitiere ich – um der Klarheit willen – lieber unseren ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, der in einem Atemzug sagte, dass die Deutschen „besiegt und befreit zugleich“ worden wären. Es mag für manchen zeitgeistig Betörten nicht politisch korrekt sein, von einer Niederlage zu sprechen; doch ich halte es für sachlich angemessen.

Die meisten Menschen in diesem Lande kennen vermutlich kaum noch eine Rede Richard von Weizsäckers, soweit sie nicht dieser Tage ins Bewusstsein gerückt werden, erinnern sich aber an sein Benehmen, das vielen von ihnen vornehm erschien. „Er ist eben ein Herr“, befand meine alte Tante zum Ausdruck ihrer hohen Wertschätzung dieses Mannes.

Und so schätzen es viele, die an der Spitze des Staates niemand haben wollen, der so ist wie Du und ich, sondern einen Besseren und damit einen Aristokraten in des Wortes ursprünglicher Bedeutung – nicht einen Mann wie Georg Leber, der sich nicht scheute, an einem Wurstbrötchen kauend Besuchern die Haustür zu öffnen, und auch keinen wie Christian Wulff, der es im Unterschied zu Leber zwar zum Bundespräsidenten schaffte, sich dann aber als Schnäppchenjäger um dieses Amt brachte.

Auf einer Wurststulle kauend oder auf der Jagd nach Schnäppchen mochte man sich den Freiherrn von Weizsäcker nicht vorstellen. Das entsprach nicht dem Ruf, den er sich nicht bloß in der breiten Öffentlichkeit, sondern auch im engeren Kreise der politischen Elite erworben hatte. Zu der Zeit, als Richard von Weizsäcker Regierender Bürgermeister von Berlin war (1981 – 1984), erzählte mir ein Teilnehmer von Sitzungen des Berliner Senats, in einer dieser Sitzungen hätte der Justizsenator den Antrag gestellt, dass ein Staatssekretär seiner Verwaltung sich ebenso wie Senatoren die Reise zu Parteitagen von der öffentlichen Hand finanzieren lassen dürfte. Dass hoch bezahlte politische Beamte sich solche Reisen vom Staat bezahlen lassen konnten und auch wollten, fand Richard von Weizsäcker höchst befremdend und ziemlich unanständig, wie er unmissverständlich durchblicken ließ. Vielleicht waren es solche konsternierenden Erfahrungen, die zu seinem Wunsch beitrugen, den anrüchigen Niederungen der Berliner Lokalpolitik in das Amt des Bundespräsidenten zu entrücken.

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