Weihnachtliche Mythen

8. Dezember 2014 1

Über die „unbefleckte Empfängnis“, die „Jungfräulichkeit in der Geburt“ und andere Dogmen

Mosaiken der Verkündigung in der Kathedrale der hl. Sophia in Kiew - Bild: gemeinfrei / Wikipedia

Mosaiken der Verkündigung in der Kathedrale der hl. Sophia in Kiew (Ausschnitt) – Bild: gemeinfrei / Wikipedia

Bald ist es wieder soweit, dass Christen – doch nicht nur sie – Weihnachten feiern, sich über schöne Geschenke unterm Tannenbaum sowie üppiges Essen auf dem Tisch freuen und viele von ihnen zudem der Geburt Jesu Christi gedenken.

Die christliche Urgemeinde hatte sich noch mit der Vorstellung begnügt, dass Jesus der von jüdischen Propheten verheißene Messias (Hebräisch) bzw. Christos (Griechisch) gewesen wäre. Anscheinend ging der Apostel Paulus einen Schritt weiter und lehrte, dass Jesus als „überirdisches, himmlisches Wesen, das von Anfang an bei Gott“ gewesen wäre, „sich freiwillig seiner göttlichen Herrlichkeit“ entledigt und zum „Heil der Menschen Knechtsgestalt“ angenommen hätte, in dieser Gestalt „vom Weibe geboren“ und „unter das Gesetz getan“ worden wäre, wie der Philologe Wilhelm Nestle in seinem lehrreichen Buch über „die Krisis des Christentums“ die Christosdeutung dieses Apostels skizzierte. 1 Und das ist eine Deutung, die sich nahezu in der gesamten Christenheit durchsetzte.

Wenn ich das entsprechende Dogma der Katholischen Kirche richtig verstanden habe, wollte also der göttliche Christos nicht durch Geschlechtsverkehr befleckt, sondern von einer unbefleckten Jungfrau empfangen sowie geboren werden. Und diese Jungfrau sollte ebenfalls unbefleckt empfangen worden sein, wie die Kirche 1854 posthum indoktrinierte.

Heute, am 8. Dezember, feiern Katholiken den „Tag der unbefleckten Empfängnis“. Und damit gemeint ist nicht, dass Maria Jesus vom Heiligen Geist empfangen hätte, sondern dabei geht es um die Zeugung Marias. Es ist zwar schwer zu begreifen, warum Anna und Joachim, Marias legendäre Eltern, sich der kirchlichen Lehre nach in diesem Moment heftig umarmen sollten, obwohl die Empfängnis Marias gar nicht durch diesen Geschlechtsakt, sondern genau im gleichen Moment „unbefleckt“ zustande kam – und ich muss gestehen, dass es einfacher ist, den Überblick zu behalten, wenn der eine oder andere Gott im antiken Griechenland die Gestalt eines Stieres, eines Schwans oder einer Biene annahm, um sich mit einer irdischen Schönheit ohne Sünde zu paaren und bei manch einer solchen Gelegenheit einen Helden zu zeugen; aber wir wissen nach der oben angegebenen Belehrung nun wenigstens, dass Maria als Mutter Gottes prädestiniert war, weil sie durch die „unbefleckte Empfängnis“ frei von der Erbsünde war, die nach der augustinischen Kirchenlehre durch Geschlechtsverkehr auf jeden Nachwuchs übertragen wurde.

Doch was war die Erbsünde? Am Anfang hatten nicht nur die Griechen es mit oder ohne Götter arglos getrieben. Mit der Arglosigkeit war es jedoch vorbei, als Priester der einen und dann auch der anderen Religion den Menschen einredeten, dass es nicht nach Lust und Laune ginge, sondern mit Schuld und Scham, mit der zunächst jüdische, dann noch viel mehr christliche, später auch muslimische Schriftgelehrte, Prediger und ihre willigen Helfer aus der staatlichen Obrigkeit die Fortpflanzung und damit auch das Sexualverhalten zu kontrollieren versuchten. Nachdem Adam und Eva, die ersten Menschen, Gott ungehorsam geworden waren und die verbotene Paradiesfrucht gegessen hatten, „schämten sie sich und bedeckten ihre Geschlechtsteile mit Feigenblättern“, heißt es dazu in der biblischen Genesis. Und was die beiden dort schamhaft bedeckt hielten, war nach der augustinischen Kirchenlehre jener Ort der Triebe, von dem aus die erste Sünde von Generation zu Generation weiter vererbt wurde.

Ich weiß nicht, ob bzw. inwieweit die Lehre des Augustinus vom Zusammenhang zwischen Sexualität und Erbsünde für die Kirche immer noch verbindlich ist. „Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären“, heißt es in der Genesis zum Zeichen der Verfluchung des Weibes für den sündigen Biss in die Frucht. Und dass seither auf jeder Mutterschaft ein Fluch laste, wird von katholischen Moraltheologen immer wieder betont. „Aber dieser Fluch ist lediglich eine Ausgeburt sexualneurotischer Phantasie“, lästert die streitbare Theologin Uta Ranke-Heinemann in ihrem ebenso interessanten wie amüsanten Buch über die „Eunuchen für das Himmelreich“ und frotzelt: „Je öfter manche Mariologen die Mütter verflucht sein lassen, umso stärker drängt sich der Verdacht auf, dass es sich nicht um einen Fluch Gottes, sondern um einen Fluch in den Augen zölibatärer Theologen handelt.“ 2

Für Augustinus war allein Jesus frei von Erbsünde, weil er ohne Geschlechtsverkehr entstanden war. Und zum Beweis dafür musste es nach Auffassung der Kirche – nicht erst seit dem Dogma der „unbefleckten Empfängnis“ Marias – eine Jungfrau sein, die ihn nicht bloß als solche empfangen, sondern merkwürdigerweise auch ihre „Jungfräulichkeit in der Geburt“ bewahrt hatte. Während die Päpste bisher darüber hinweggesehen haben, dass Adolf von Baer 1827 das weibliche Ei entdeckt und damit den hälftigen Anteil der Frau an der Zeugung eines Kindes nachgewiesen hatte, betonen sie immer wieder, dass Maria „unversehrt“ geblieben und somit ihr Hymen während der Geburt nicht zerrissen worden wäre; denn sonst wäre sie ja versehrt oder – mit anderen Worten – unrein geworden. „Sie hat ein Kind geboren und blieb doch reine Magd“, heißt es in dem bekannten Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“. Diese Geburt soll so erfolgt sein, wie „Geister ohne Widerstand durch die Körper hindurchgehen“, heißt es dazu in einem Handbuch der katholischen Dogmatik, als wäre ein Lichtstrahl durch Marias Geschlechtskanal niedergekommen.

Die Idee von Marias „Jungfräulichkeit in der Geburt“ geht anscheinend zurück auf eine Erzählung im sogenannten Protevangelium des Jakobus über eine gynäkologische Untersuchung der besonderen Art, in der heißes Verlangen auf frommen Schauder stößt: „Und die Hebamme trat aus der Höhle heraus, und es begegnete ihr Salome, und sie sagte: ‚Salome, Salome, ich habe dir ein nie dagewesenes Schauspiel zu erzählen: Eine Jungfrau hat geboren, was doch die Natur nicht zuläßt‘. Und Salome sprach: ‚So wahr der Herr, mein Gott, lebt, wenn ich nicht meinen Finger hineinlege und ihren Zustand untersuche, so werde ich nicht glauben, daß eine Jungfrau geboren hat.‘ Und Salome ging hinein und legte sie bereit zur Untersuchung ihres Zustandes. Und sie erhob ein Wehgeschrei und rief: ‚Ich habe den lebendigen Gott versucht. Siehe, meine Hand fällt von Feuer verzehrt von mir ab.‘ Und sie betete zum Herrn. Und siehe, ein Engel des Herrn stand vor Salome und sprach zu ihr: ‚Gott der Herr hat dein Gebet erhört. Tritt herbei und fasse das Kind an, dann wird dir Heilung geschehen.‘ Und Salome tat so. Und sie wurde geheilt, wie sie gebetet hatte, und ging aus der Höhle hinaus.“ 3

Nachdem Maria diese theologische Begutachtung ihrer vagina intacta über sich ergehen lassen hatte, war sie anscheinend das, was die Kirche von ihr erwartete: Die eine unversehrte sowie reine Mutter, im Vergleich zu der alle anderen Mütter als besonders versehrt und unrein entwürdigt werden konnten.

Als wollte man(n) damit ein Zeichen ihrer Entwürdigung setzen, ist es nicht bloß im muslimischen Orient bis heute üblich, sondern war auch im christlichen Abendland lange Zeit ein weit verbreiteter Brauch, nach der Hochzeitsnacht ein blutbeflecktes Bettlaken vorzuzeigen, um den inquisitorisch lauernden Verwandten sowie Freunden klar und deutlich vor Augen zu halten, dass die Braut zuvor noch eine unversehrte reine Jungfrau gewesen wäre und nun nach vollzogener Ehe versehrt sowie unrein war oder ist.

 

Notes:

  1. Wilhelm Nestle (1947): Die Krisis des Christentums. Ihre Ursachen, ihr Werden und ihre Bedeutung, S. 51.
  2. Uta Ranke-Heinemann (1998): Eunuchen für das Himmelreich. Katholische Kirche und Sexualität, S. 357.
  3. Ebd.: S. 358.

One Comment »

  1. Alexander Scheiner, Israel 16. Dezember 2014 at 18:39 - Reply

    Dieser Artikel hat mich als Jude, Israeli und Zionist, erschüttert. Nicht etwa weil ich an die jungfräuliche Geburt und Zeugung glaube, nein. Im Judentum ist dieser Vorgang unbekannt, wir glauben auch nicht an diese speziellen Vorkommnisse. Jedoch haben auch wir unsere Mythen und diese sind immer wahrer als Geschichte, das wissen wir auch. Dogmen kenne ich im Judentum keine.
    Erschüttert hat mich, dass ein Nichtjude es wagt darüber zu schreiben ohne zu gewärtigen, dass er nun verfolgt wird, befürchten muss, dass eine christliche „Fatwa“ gefertigt wird um ihn für vogelfrei zu erklären. Oder, dass er in den Medien gemobbt, verleumdet und fertig gemacht wird, er und seine Familie.
    Das ist es, was Juden gewärtigen müssen, wenn sie die Volksseele zum kochen bringen. In der Regel wenn sie ausdrücklich unschuldig sind

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