Wie viele Muslime leben in Deutschland?

14. November 2014 5

Wie die unseriöse „Forschung“ des SVR notwendige Debatten über den Islam behindert

Fragwürdige Infografik des SVR - Bild: SVR

Fragwürdige Infografik zur Zahl der Muslime in Deutschland – Bild: SVR

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) drängt mit einer Sonderauswertung seines bereits Ende April veröffentlichten Integrationsbarometers 2014 an die Öffentlichkeit. Darin kritisiert die Lobbyorganisation, dass die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime durch die Bevölkerung stark überschätzt werde. Doch statt zu fragen, woran dies liegen könne, wird mit Überspitzungen, Auslassungen und willkürlichen Interpretationen polemisiert. Ein Paradebeispiel dafür, wie unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit die dringend notwendige Debatte über den Islam als Ideologie und die hier zu integrierenden Muslime beeinflusst – wenn nicht gar behindert werden soll.

Die vom SVR am 13. November 2014 versandte Pressemitteilung beginnt wie folgt:

Zahl der Muslime in Deutschland wird überschätzt
Eine Sonderauswertung des Integrationsbarometers ergibt, dass 70 Prozent der Befragten die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime überschätzt. Ein knappes Drittel der Befragten schätzt die Zahl sogar auf über 10 Millionen – obwohl sie tatsächlich bei nur etwa 4 Millionen liegt. Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität kann durch verbesserte Information verringert werden.“

Unterschlagene Fakten: Anteil der Muslime in Deutschland wächst

Schon der Titel der Pressemitteilung ist fraglich, suggeriert er doch, dass es öffentliche Statistiken sind, die falsch lägen. Erst bei der weiteren Lektüre wird klar, dass es sich um eine Befragung handelt – die nicht einmal repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ist (siehe unten).

Am problematischsten ist jedoch, dass eine Zahl für die tatsächlich hier lebenden Muslime als Faktum genannt wird, die längst nicht mehr der Realität entsprechen dürfte. Denn die angeführte Menge von „etwa 4 Millionen“ Muslimen entstammt einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Anfang 2008 erhoben wurde. Bis zur Befragung des SVR-Integrationsbarometers in 2013 vergingen also ganze fünf Jahre, in denen sich die Zahl der Muslime in Deutschland deutlich erhöht haben dürfte. So zeigen internationale Prognosen zur muslimischen Bevölkerungsentwicklung in Deutschland und der Welt ein viel stärkeres Wachstum, als das der einheimischen Bevölkerung.

Hinzu kommt, dass sich seit den kriegerischen Unruhen in der arabisch-islamischen Welt der Zahl der Flüchtlinge in Deutschland in den letzten Jahren massiv erhöhte. Auch hieraus leitet sich also eine massive Zunahme des muslimisch geprägten Bevölkerungsanteils ab. Alles Fakten, die der SVR in seiner Pressemitteilung und sogar der ausführlichen Analyse (PDF) getrost unter den Tisch fallen lässt.

Methodischer Mangel: Befragte leben in Ballungsräumen

Problematisch ist auch, dass die Befragung in den Ballungsräumen Rhein-Ruhr, Stuttgart, Rhein-Main, Berlin-Brandenburg sowie Halle-Leipzig stattfand. Mit Ausnahme letzterer alles Regionen, in denen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund – und somit auch der Muslime – deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 20,5 Prozent liegt. In Berlin etwa betrug der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund im Jahr 2013 knapp 27 Prozent, in Stuttgart fast 30 Prozent. 1

Wenn Menschen in Ballungsräumen also denken, dass mehr Muslime in Deutschland leben, als es tatsächlich der Fall ist, ist dies allein durch ihre Alltagswahrnehmung erklärbar. Hier hätte der SVR auf eine für die in Deutschland lebende Bevölkerung repräsentative Befragung zurückgreifen müssen.

Islam beherrscht öffentliche Debatte

Als dritter Mangel fällt die Interpretation der Fehleinschätzung auf. So lässt sich Dr. Cornelia Schu, Direktorin des zuständigen Forschungsbereichs beim SVR in der Pressemitteilung zitieren: „Das deutliche Informationsdefizit, das in den Schätzungen zu Tage tritt, deutet darauf hin, dass es auch an Wissen um die Vielfalt der hier lebenden Muslime mangelt.“ Mal ganz abgesehen davon, dass dieser Schluss weit hergeholt ist (was haben Menge und Lebensart miteinander zu tun?), fehlt vor allem die eigentlich entscheidende Frage: Warum irren sich die Befragten so sehr?

Liegt dies vielleicht daran, dass der Islam und damit zusammenhängend auch die Frage nach der Integration der Muslime tagtäglich in den Medien debattiert werden? Dass gleichzeitig kaum eine Frage versucht wird derart zu tabuisieren, wie die nach der islamischen Legitimation von Gewalt, Frauenunterdrückung oder Schwulenhass? Der amerikanische Journalist Christopher Caldwell schrieb schon 2009, dass der Islam die wichtigste Religion in Europa sei, weil ihr medial die größte Aufmerksamkeit gewidmet werde. Und jede repräsentative Bevölkerungsbefragung in Deutschland zeigt deutlich, wie groß die Differenz zur Ideologie des Islams wahrgenommen wird – bei gleichzeitiger Akzeptanz der Muslime als Gläubiger.

Seriöse Ursachenforschung würde dem SVR so vieles besser stehen, als derartige Verzerrungen. Doch um die Ursachen für vermeintliche Vorurteile und Fehleinschätzungen ging es dieser Art von „Forschung“ noch nie. Denn was aus ihrer Sicht nicht sein darf, kann es nicht geben. Eine fatale Vermischung von Fakten und Moral, in deren Folge Andersdenkende nicht falsch liegen, sondern böse (islamophob!) sind.

Notes:

  1. Vgl. Statistisches Bundesamt (2014): Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2013 (Fachserie 1, Reihe 2.2), S. 44, online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund2010220137004.pdf?__blob=publicationFile, zuletzt geprüft am 14.11.2014.

5 Comments »

  1. Alexander Scheiner, Israel 14. November 2014 at 14:21 - Reply

    Das Problem sind nicht die Muslime. Das Problem ist der Islam, der als allumfassende Ideologie Liberalismus und Demokratie ablehnt und Menschenrechte nicht kennt.
    Ein weiteres Problem ist die Parallelgesellschaft der Muslime in Europa. Mit ihrer eigenen Rechtssprechung untergraben sie die Justiz in den Einwanderungsländern.

  2. Reiner Schöne 17. November 2014 at 19:12 - Reply

    Was ist nur aus der BRD geworden, es wird falsch widergegeben, falsche Zahlen genannt, falsche Informationen bzw. geschönte Informationen veröffentlicht. Kann man sich Ehrlichkeit nicht mehr leisten? Ist es schon soweit, dass man nicht mehr ehrlích sein darf da sonst Sachen als Licht kommen die keiner wissen sollte. Aus der guten BRD ist eine schlechte DDRBRD geworden. Wir sollten etwas ändern solange es noch möglich ist, denn wenn erst alles unter Strafe gestellt ist, ist es zu spät.

  3. Thorsten Elberswald 19. November 2014 at 19:56 - Reply

    Meine Vermutung wäre, dass bei den Leuten die Kopftücher auf der Strasse im Gedächtnis haften. So ist es jedenfalls bei mir. Es war vor fast 10 Jahren, als ich in meinem Heimatkaff am frühen Nahmittag durch die Innenstadt ging und nur Kopftücher und eindeutig als Muslime erkennbare Männer sah. Das ist auch an anderen Orten so, mit leicht steigender Tendenz.

    Ich dachte mir damals, na gut, das sind dann wohl die neuen Zeiten, besser du gewöhnst dich an den Gedanken und das Bild. Dann kam 2006 und plötzlich waren überall blonde Deutsche mit Fahnen. Das war für mich eine ziemliche Überraschung, es war völlig unerwartet, dass da noch so viele sind. Es dauerte dann einige Zeit, bis ich die beiden extrem voneinander abweichenden Bilder miteinander vereinbaren konnte und eine (sehr unangenehme) Lösung fand: Muslime haben am frühen Nachmittag Zeit, weil sie nicht arbeiten gehen. Der Rest ist nicht zu sehen, weil alle im Bürositzen/an der Werkbank stehen.

    Jeder, der dann mal ausnahmsweise an einem Wochentag mittags auf die Strasse kommt, der sieht das gleiche: Viele Kopftücher.

  4. K.R. 21. November 2014 at 01:35 - Reply

    „Deutschland: Ein Land voller Räte und trotzdem ziemlich oft ratlos!“. Heute der „Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration“! Richtiger wäre „Sachverständigenrat der Stiftungen der deutschen Wirtschaft“, die „als wichtiger Teil der sich stärker organisierenden und vernehmbarer artikulierenden Bürgergesellschaft wahrgenommen werden wollen“ (Geleitwort S.5). Oh, das ist schön! Wir Bürger und unsere Wirtschaft! Da fühlt sich der von Phobien bedrohte Deutsche (ohne Mh) gleich besser. Alles wird gut! Wenn wir nur noch etwas offener werden und unsere Willkommenskultur verbessern. Es liegt doch nur an uns.

    Ironie off! Was ist an der Studie auffällt, ist nicht allein die fragwürdige Methodik, sondern vielmehr wie stark die auf „Ausdünnung“ von Deutschland („Weniger Deutschland!“) abzielende Programmatik der Grünen mit den Interessen der Wirtschaft zur Deckung gekommen ist. Bis in die Diktion hinein lesen sich die aus den Umfrageergebnissen (75% der Befragten waren Immigranten, 25% Deutsche) abgeleiteten Forderungen wie ein Parteiprogramm der Grünen aus den 90er Jahren.

  5. Dorothee Schanne 10. Oktober 2015 at 19:08 - Reply

    Wir sollten nicht vergessen, dass der gegenwärtige Terror in der muslimischen Welt Nordafrikas der Feindschaft von Sunniten und Schiiten entspringt. Der IS ist sunnitisch geprägt – die sich bildende gegnerische muslimische Allianz aus Iran und Irak ist schiitisch geprägt. Herrn Putin ist das egal – er unterstützt Assad aus Gründen der militärischen Präsenz. Herr Obama, Frau Merkel, Herr Holland möchten es sich ungern mit den Sunniten in Saudi-Arabien, dem Oman, den Emiraten aus wirtschaftlichen Gründen und mit der Türkei aus militärischen Gründen verderben. Soweit sind die Handlungsweisen der aktuellen „Großmächte“ klar.
    Was mir nicht klar ist:
    Warum suchen die verfolgten Schiiten Nordafrikas nicht Asyl im freundlichen Iran und Irak – und warum suchen die verfolgten Sunniten nicht Asyl in der freundlichen Türkei, Saudi-Arabien, den Emiraten etc. Dort ist sicherlich genug Geld vorhanden, um die geschundenen Glaubensbrüder zu versorgen.

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