Vom angeblichen „Feindbild Kapitalismuskritik“

29. August 2014 4

Rezension zu Klaus Simon: Zwickmühle Kapitalismus. Auswüchse und Auswege

Muss der Kapitalismus ins Museum? - Bild: Daniel Krause

Muss der Kapitalismus ins Museum? – Bild: Daniel Krause

Seit der wirtschaftlichen Krise ab dem Jahr 2008 gehört Kapitalismuskritik stärker denn je zum politisch korrekten Ton – und dieses auf gefährlich-unreflektierte und geradezu extremistische Art und Weise. Zu Recht warnte Bundespräsident Joachim Gauck 2012, dass der Traum von einer Welt, in der man sich der Bindung von Märkten entledigen könne, eine romantische Vorstellung sei. Zu glauben, dass die Entfremdung vorbei sei, wenn man das Kapital besiege, und dann alles schön sei, bezeichnete Gauck als „Irrweg“. Die damals sich lawinenhaft ausbreitenden Occupy-Bewegungen titulierte Gauck nachvollziehbar als „albern“, weil sich die Aktivisten eher in blinden Parolen verirrt hatten, als sich an Sachlichkeit und Rationalität zu orientieren. Auf einmal drohten ewiggestrige sozialistische Ideologien in breiten Teilen der Gesellschaft wieder hoffähig zu werden.

Als Verbreiter solch fragwürdiger irrationaler Gedankengüter – wenn auch in höchst „rational“ daherkommendem Gewand – fungiert in Deutschland die im Sommer 2008 gegründete Akademie Solidarische Ökonomie, welche laut ihrem zunächst harmlos klingenden Selbstverständnis „dem Dogma der Alternativlosigkeit unserer kapitalistischen Wirtschaftsweise entgegentreten und Modelle einer lebensdienlichen, solidarischen und zukunftsfähigen Ökonomie aufzeigen“ will. Nach mehrjähriger Arbeit stellt die Akademie nun die Ergebnisse ihrer internen Diskussionen der Öffentlichkeit vor: Das aktuelle Buch des Autors Klaus Simon mit dem Titel Zwickmühle Kapitalismus, herausgegeben von besagter Akademie, möchte eine Rundumsicht auf dem globalen Finanzmarkt bieten und verspricht „befreiende Auswege“.

„Hätte man Mephisto vor die Aufgabe gestellt, eine möglichst destruktive Wirtschaftsordnung zu entwickeln, wäre ihm wohl nicht viel anderes als die real existierende kapitalistische Marktwirtschaft eingefallen.“ Bereits mit diesen ersten Sätzen des Vorwortes werden die katastrophalen ökonomischen Auswirkungen stalinistischer und sonstiger kommunistischer Abgründe frevelhaft verharmlost. Und auch an weiteren Stellen schlittert der Autor immer wieder meilenweit an der historischen wie auch gegenwärtigen Realität vorbei, wenn er zum Beispiel aus seiner Opferrolle heraus lamentiert: „Das Nachdenken über Alternativen zum Kapitalismus erscheint heute als nahezu unanständig. Der Mythos der Alternativlosigkeit des herrschenden Systems sitzt fest in den Köpfen.“

Die gesellschaftliche Stimmung sieht schon lange anders aus als von Simon penetrant skizziert. Bereits vor der letzten großen Wirtschaftskrise 2008 lehnte die Hälfte aller Deutschen die soziale Marktwirtschaft zugunsten eines Systems stärkerer sozialer Fürsorge ab (Focus). Nach einer Umfrage im Jahr 2010 waren es schon 90 Prozent (!) aller Deutschen, die den Kapitalismus verschmähen. Seitdem selbst die CDU – insbesondere in der Rentenpolitik wie auch beim Mindestlohn – sozialistische Positionen übernommen hat und die FDP aus dem Parlament herausgewählt wurde, spiegelt auch die Zusammensetzung des Bundestages diese kapitalismusfeindliche Haltung der Bevölkerung wieder. Simons Märchen von dem verbreiteten „Feindbild Kapitalismuskritik“, welches sich wie ein roter Faden durch das Buch frisst, ist ein peinliches Indiz für das unseriöse geistige Fundament dieses Werkes.

Dabei sind Elemente einer vernünftigen Herangehensweise im Buch durchaus vorhanden, würdigt man zum Beispiel die klare und leicht verständliche Darstellung im ersten der insgesamt vier Kapitel, welches zahlreiche Grundbegriffe – wie Marktwirtschaft oder Eigentumsordnung sowie Terminologie aus dem Geldsystem wie auch der Geldpolitik – zunächst frei von tendenziösen Wertungen transparent aufbereitet. Die durchaus seriösen Diagramme und laienfreundlich verfassten Erklärungen, didaktisch hervorragend aufeinander aufbauend, sind sogar für so manche Unterrichtsstunde in der Schule bestens brauchbar.

Schon deutlich tendenziöser zeigt sich leider das zweite Kapitel, in welchem die „fortwährende Umverteilung von unten nach oben als unmittelbare Folge des kapitalistischen Systems“ dominant herausgestellt wird. Dass die „unten“ verharrenden Völker dieser Welt ihr Elend nicht nur den vermeintlichen „Ausbeutern“ aus den Industrienationen, sondern oftmals vielmehr fortschrittsfeindlichen religiösen und sonstigen kulturellen Verirrungen verdanken, wird von einem gutmenschelnden und hierbei noch einseitig-ökonomiebezogenen Autoren wie Klaus Simon nicht ins Spiel gebracht. Dass es – ungeachtet des Ausmaßes von „Einkommensscheren“ den Ärmsten unserer heutigen Gesellschaft deutlich besser geht als es den Ärmsten früherer Gesellschaften, gehört zu jenen „unbequemen“ Faktoren, welche Simon zwar nicht ganz unerwähnt lässt, aber gern in die Beiläufigkeit verdrängt.

Was am System müsste sich ändern? Dieser Frage geht das dritte der vier Kapitel nach, wobei ein Schwerpunkt auf ökologischen Ansätzen liegt. Ergebnisoffen ist die Vorgehensweise mitnichten: „Es kann im Kapitalismus keine Lösung der Ökokrise geben“, so Simons Fazit, womit er sich beispielsweise vollkommen konträr zum aktuellen Buch von Al Gore stellt. Simon wörtlich: „Das kapitalistische System ist den vor uns stehenden Herausforderungen nicht gewachsen, wir werden uns umorientieren müssen.“ Immerhin: Die von Simon im vierten Kapitel skizzierten Umrisse einer alternativen Ökonomie grenzen sich strikt von gewaltsamen Umsturzversuchen oder von Diktaturen politischer Apparate ab und stützen sich auf folgendes Menschenbild:

Treibt uns die Biologie unterm Strich zum Egoismus? Sind wir durch unser Genom hoffnungslos festgelegt? Ist Kooperation unnatürlich? Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre geben neue Antworten. So sind wir offenbar gar nicht so starr genetisch vorgezeichnet wie bislang angenommen […] Die Möglichkeiten des Individuums, sich in Richtung mehr Kooperation zu entwickeln, ist weder mit biologischen noch soziologischen Argumenten in Abrede zu stellen. Im Gegenteil, wir sind regelrecht auf Kooperation geeicht. Der Mensch kann sich selbstverständlich wandeln, und wo immer dabei Kooperation gelingt, fühlt er sich gut.“

Der Mathematiker Simon hat sich offenbar nur recht flüchtig in biologische und soziologische Forschungsbereiche eingelesen. Zu wenig würdigt er, dass sowohl Konkurrenzkampf als auch Kooperation Teil eines gesunden menschlichen Daseins sein dürften. Und das genau hieraus eine Aufteilung in Lebensbereiche entsprungen ist: Kooperation innerhalb der Familie und weiteren Teilen des Privatlebens, Konkurrenzkampf im Beruf und dem sonstigen Wirtschaftsleben.

Obwohl, wie oben belegt und entgegen Simons lamentierender Behauptungen, die Kapitalismuskritik in Deutschland sehr weit verbreitet ist, zeigt die Betrachtung unserer Gesellschaft zweifellos: Auf den historisch beispiellosen Wohlstand, den die sozialen und freien Marktwirtschaften unserer Gesellschaft beschert haben, wodurch eine Expansion von Freizeit und postmaterialistischem Familienleben (in welchem Kooperation auf wahrer Liebe, nicht auf ökonomischer Notwendigkeit beruht) erst möglich geworden ist, möchte verständlicherweise wohl kaum ein Deutscher oder sonstiger westlicher Bürger verzichten.

Klaus Simon (2014): Zwickmühle Kapitalismus. Auswüchse und Auswege (herausgegeben von der Akademie Solidarische Ökonomie). Marburg: Tectum Wissenschaftsverlag, 200 Seiten. 17,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

4 Comments »

  1. Die Lilly 29. August 2014 at 22:25 - Reply

    Einerseits Wahlplakate verbrennen und am gleichen Tag einen so qualifizierten Text veröffentlichen. Wie soll man den Rezensenten einordnen? Irgendwo zwischen Kontrastreichtum umd Schizophrenie.  

  2. Reiner Schöne 30. August 2014 at 11:03 - Reply

    Es gibt keine Alternative zur sozialen Marktwirtschaft auch wenn viele es sehen möchten. Sie lief ohne Probleme Jahrzente lang bis Ende der 80 ziger Jahre. Der Anfang von Niedergang der Marktwirtschaft, war Ende der 80 ziger Jahre, als die Gewerkschaften die Reduzierung der Arbeitszeiten durchsetzen. Da die soziale Marktwirtschaft ein filigranes Gefüge ist, kam es dadurch zum Anfang des Niederganges, es war eine versteckte Erhöhung des Stundenlohnes ohne erkennbare Erhöhung der Produktivität. Das Ende dieser Idee ist, daß eine zeitlang ein die 40 Stunde wieder eingeführt wurde, ohne Lohn. Hätte man es bei den Ursprung belassen, wäre eine Lohnerhöhung auch eine Steigerung der Produktivität. Die deutsche Währung war ausgelegt auf das Bruttosozialprodukt. Durch die Wiedervereinigung Deutschlands wurden auch kommunistische Gedanken in die Marktwirtschaft eingeführt, die den Effekt der Forderungen der Gewerkschaften, verstärkten. Das Ergebnis haben wir heute. Die Marktwirtschaft dümpelt am Boden, die Unternehmer tätigen keine Investitionen mehr, dadurch keine Arbeitsplätze. Die viel gepriesene kommunistische zentrale Marktwirtschaft hat der damaligen DDR und dem Ostblock nichts gebracht, im Gegenteil. Soziale Marktwitschaft hätte Ende der 80 ziger Jahre nur der Zeit angepasst werden müssen aber in der ureigenen Definition weiter bestehen müssen.

  3. K.R. 12. September 2014 at 23:40 - Reply

    Die von Ihnen angeführten Umfrageergebnisse sind erschreckend, obwohl die 90-prozentige Ablehnung des Kapitalismus in 2010 sicherlich der Finanzkrise und der Bankenrettungen auf Kosten des Steuerzahlers geschuldet ist („Gewinne privatisieren – Verluste sozialisieren“). Der Bundespräsident erscheint mit seiner Meinung als einsamer Rufer in der Wüste. In den Parlamenten finden sich dagegen kaum glaubwürdige und überzeugende Verfechter einer marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung. Das Versagen von FDP und CDU besteht doch auch gerade darin, keine überzeugende Gegenposition zur linken Kapitalismuskritik vertreten zu haben, insbesondere die liberalen Grundgedanken von Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung. Das Steuersystem bestraft über die kalte Progression die Leistungsbreitschaft des Mittelstands. Mehr Leistung lohnt sich eben nicht! Die FDP hat daran nichts geändert und wurde dafür zu Recht bestraft. Die CDU leider (noch) nicht. Lieber verteilt sie soziale Wohltaten auf Kosten zukünftiger Generationen. Dies sollte alles bedacht werden, wenn man über linke Kapitalismuskritik spricht, deren Verführungskraft auf Grund hehrer Ideale wie sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit immer groß sein wird. Und last but not least: dass in den schulischen Lehrplänen das Fach Wirtschaft zu wenig Berücksichtigung findet, hört man auch schon seit Jahrzehnten.

  4. ribi 16. September 2014 at 14:59 - Reply

    sieht sich der autor dieser buchkritik als teil des kapitalistischen systems,- oder ist er als überversorgter bildungsdienstleister mit lebensjob und pensionsberechtigung nicht teil einer einmalig begünstigten scheinwelt??redet er so gerne von leistung und die anderen sollen sich nicht so anstellen, dann soll der werte herr doch einmal außerhalb des einmalig begünstigten dt. beamtensystems arbeiten! auch ich glaube, dass sie marktwirtschaft den menschlichen berdürfnissen am besten gerecht wird, aber niemand darf hinten-runterfallen!

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