Analytiker statt Hellseher

12. Juli 2014 1

Rezension zu Al Gore: Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern

Autor Al Gore - Bild: Screenshot aus dem Film zum Buch

Autor Al Gore – Bild: Screenshot aus dem Film zum Buch

Politische Memoiren und persönliche Entwürfe für nichts Geringeres als das Schicksal unserer Welt stehen in den USA derzeit wieder hoch im Kurs. Schließlich gilt es bald, über Kandidaturen für die 2016 anstehenden US-Präsidentschaftswahlen zu sprechen. Der Aufschlag von Ex-First-Lady und Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton überzeugte dabei keinesfalls, eher im Gegenteil: Zu oberflächlich, zu harmonieorientiert kommt der 900 Seiten starke Wälzer daher. Aus offensichtlich wahlkampfstrategischen Gründen möchte die Autorin weder anderen Menschen zu sehr auf die Füße treten noch den Ruf einer „abgehobenen Intellektuellen“ riskieren – letzteres kommt in den USA alles andere als gut an.

Ganz im Kontrast zu Clintons Buch steht das aktuelle, ebenfalls sehr umfangreiche Werk eines anderen Urgesteins der US-Demokraten: Der ehemalige Vize-Präsident und Ex-Präsidentschaftskandidat Al Gore geht in seinem BuchDie Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern durchaus hart und komplex mit der amerikanischen Gesellschaft sowie dem politischen System seines Landes ins Gericht. In der Folge nimmt man ihm seine einleitende Absage an künftige Kandidaturen durchaus ab:

Ich habe oft genug für politische Ämter kandidiert. Wenn ich danach gefragt werde, ob ich meine Ambitionen diesbezüglich aufgegeben habe, antworte ich […]: Ich bin ein Politiker in der Entwöhnung, und die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist mittlerweile so klein, dass ich guter Dinge bin, der Versuchung nicht wieder zu erliegen.“

Was den globalen Wandel vorantreibt, ist die Frage, auf die Gores mehr als 600 Seiten abzielen. Der ehemalige Vize-Präsident hat den Anspruch genauer Antworten, ohne sich dabei auf vorgefasste Dogmen zu stützen, vielmehr auf vorhandene Indizien für die in der Welt herrschenden Verhältnisse. Daraus leitet Gore die aus seiner Sicht sechs wichtigsten Triebkräfte des globalen Wandels ab – wie diese konvergieren und interagieren, wo sie die Menschheit hinführen und Zivilisationen die Entwicklung dieses Wandels beeinflussen können. Als diese sechs Triebkräfte identifiziert Gore:

  1. die Herausbildung einer stark vernetzen globalen Wirtschaft, die zunehmend als vollständig integriertes ganzheitliches Gebilde agiert und ein völlig neuartiges Verhältnis zu Kapitalflüssen, Arbeitskraft, Verbrauchermärkten und Nationalstatten aufweist;
  2. die Entstehung eines globalen elektronischen Kommunikationsnetzes, das Milliarden von Menschen in ihren Gedanken und Gefühlen miteinander verbindet und ihnen schnell Anschluss an noch schneller wachsende Datenmengen gewährleistet;
  3. die Herausbildung einer völlig neuen Balance politischer, wirtschaftlicher und militärischer Machtverhältnisse, wobei sich Machtzentren von staatlichen zu privaten Akteuren sowie von politischen Systemen zu Märkten verlagern;
  4. ein schnelles, aber aufgrund des rasant wachsenden Ressourcenverbrauchs „nicht nachhaltiges“ Wachstum der Bevölkerung;
  5. die Entwicklung revolutionärer Techniken in Biologie, insbesondere in Genetik, was auf eine „Neuerfindung von Leben und Tod“ hinauslaufe;
  6. eine radikal neue Beziehung zwischen der menschlichen Zivilisation und den Ökosystemen der Erde.

Leicht durchschaubar ist, dass diese Unterteilung in sechs scheinbar klar voneinander abgrenzbare Faktoren eher mit Gores Ziel leserfreundlicher Plakativität statt durch Sachlogik begründet ist, denn in Wahrheit gehen diese Bereiche thematisch sehr ineinander über und weisen riesige Schnittmengen auf. Doch nichts für ungut – es handelt sich schließlich nicht um eine Dissertation, sondern um ein populärwissenschaftliches (und in diesem Rahmen wiederum fundiertes und sehr differenziertes) Werk: Gore betreibt keineswegs Panikmache, sondern stützt seine Analyse auf wissenschaftliche Studien verschiedenster Richtungen, welche er in Beziehung zueinander setzt und sie mittels eigener Schlussfolgerungen hochgradig fruchtbar macht. Der Autor weist sich hierbei einmal mehr als Meister der Strukturierung aus, indem er jedem der sechs Hauptkapitel eine Mind-Map voranstellt. In der Rezension des Deutschlandfunks vom Mirko Smiljanic wird ausgerechnet dieses scharf kritisiert:

Jedem Kapitel stellt Al Gore eine Mindmap voran, eine Gedankenlandkarte. Ins Zentrum stellt er das jeweilige Stichwort, von dem dünne Linien zu Unteraspekten führen, die sich dann ebenfalls wieder auffächern. Nun mögen Mindmaps für Autoren hilfreich sein, Außenstehende empfinden sie eher als verwirrend. So ist es auch bei Al Gore. Das Stichwort ‚Welt AG‘ unterteilt er unter anderem in die Aspekte ‚Rückgang der Armut‘, ‚3D-Druck‘, ‚Transformation der Produktionsfaktoren‘, ‚Größere Handelsströme‘, ‚Scheinliquidität‘ und ‚Flash Crash‘. Inhaltlich gefüllt werden die Begriffe erst in den nachfolgenden Texten.“

Was ist daran falsch, dass Begriffe aus Mindmaps „erst“ in den nachfolgenden Texten inhaltlich ausgestaltet werden? Jeder modernen, schülerorientierten Unterricht verläuft nach dem gleichen Muster: Zuerst wird beim Rezipienten eine kognitive Dissonanz erzeugt, welche in sogenannten „Erarbeitungsphasen“ – in diesem Fall: bei der Lektüre der Kapitel – nach und nach unter Erzielung einer aus Neugier motivierten Wissensaneignung – mehr und mehr geschlossen wird. Entgegen der Behauptung Smiljanics erweist sich Gore in seinem Buch nicht nur als „Fleißarbeiter“, sondern durchaus auch als hervorragender Analytiker – anders hätte dem ehemaligen Vize-Präsidenten seine professionelle didaktische Aufbereitung unter Bewahrung der fachlichen Tiefe samt Quervernetzungen gar nicht gelingen können.

Noch ungerechter als Smiljanic geht Armin Pfahl-Traughber in seiner Rezension beim Humanistischen Pressedienst (hpd) vor, und zwar in Gestalt – möglicherweise anti-amerikanisch motivierter – Kritiktirade:

Gore betont dabei offen Defizite und Verantwortlichkeiten, die in seinem Land zu sehen sind. So spricht er etwa vom ‚Vordringen des großen Geldes in den demokratischen Entscheidungsprozess‘, womit ‚das Schrumpfen der demokratischen Sphäre und die Erweiterung der Sphäre des Marktes‘ (S. 166) verbunden gewesen sei. Derartige Auffassungen findet man an nicht wenigen Stellen seines Buches, wobei sie im offenkundigen Widerspruch zu einer anderen Position stehen. Gore fordert immer wieder für die Welt die ‚intelligente, klare, wertorientierte Führung durch die USA‘ (S. 24) ein. Doch wie soll dies dort angesichts der so dominierenden ‚Rolle des Geldes in der Politik‘ (S. 495) möglich sein? Offenkundig dominiert mitunter allzu sehr nicht der Analytiker, sondern der Patriot.“

Entgegen des von Pfahl-Traughber vermittelten Eindrucks legt Gore durchaus dar, wie „ein reformierter und nachhaltiger Kapitalismus“ der Welt mehr Dienste erweisen kann als jedes andere Wirtschaftssystem und wie sich hiermit die schwierigen, aber notwendigen Veränderungen im Verhältnis zwischen menschlichem Tun und den biologischen wie ökologischen Systemen der Erde bewerkstelligen lassen. Zusammen könnten Kapitalismus und eine vernünftige demokratische Entscheidungsfindung die Gesellschaft in die Lage versetzen, die Zukunft zu retten. Gores Buch glänzt gar – jenseits von naivem Optimismus – als potenzielle inhaltliche Füllung der Obama-Parole „Yes, we can“. Zudem sind Gores Ausführungen höchst brauchbar, um jenen linksverblendeten Zeitgenossen etwas entgegenzusetzen, welche die Weltwirtschaftskrise zum pauschalen Abgesang auf den Kapitalismus generell missbrauchen.

Man muss als Rezensent nicht zwanghaft nach Kritikpunkten suchen, nur weil man ein gutes Buch nicht einfach als solches „stehen lassen“ möchte. Wobei sich bezüglich Die Zukunft ein Kritikpunkt tatsächlich aufdrängt: Das mit über 100 Seiten sehr aufgebläht wirkende Quellenverzeichnis, welches offenbar Gores immense Belesenheit demonstrieren soll, wäre allenfalls bei einer Dissertation angemessen und eben nicht bei einem populärwissenschaftlichen Werk. Wobei ungebrochen gilt, dass sich Die Zukunft im Rahmen der populärwissenschaftlichen Literatur durchaus der allerhöchsten Niveauklasse zurechnen lässt.

Al Gore (2014): Die Zukunft. Sechs Kräfte, die unsere Welt verändern. München: Siedler Verlag, 624 Seiten, 26,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

One Comment »

  1. Simon 18. Juli 2014 at 21:19 - Reply

    Der kurze tabellarische Auszug der Globalprobleme deckt sich so ziemlich mit meiner eigenen Prioritätenliste. Evtl würde ich die Liste aber noch um zwei Aspekte erweitern:

    1. Die Zuspitzung des gebundenen Maschinenwissens, dh der Grad der beruflichen/wissenschaflichen Spezialisierung von Experten, wodurch sich noch viel extremer eine technische Tätigkeitselite herausbilden wird, die als kleine Elite die zunehmende (Teil)Komplexitäten noch verstehen und beherrschen kann. Damit einhergehend stehen die Verteilung von Einkommen, Vermögen und Macht vor einer nicht vorstellbaren Spreizung (zb. Google).
    Z
    2. Die Renaisance der Metaphysik. Das hätte ich mir vor einiger Zeit kaum vorstellen können, aber es scheint doch in die Richtung zu gehen. Der Wohlstand lässt uns Zeit haben und die unverstehbare Komplexität der neuen Welt treibt Antwortsuchende in die Richtung des Glauben(müssen)s. Ob das gut ist und in einem friedlichen Konkurrenz- und Koexistenzverhältnis endet, oder ob die Koranwörtlichversteher ihr Salz in die Suppe spucken kann ich nicht beurteilen, aber das Weltmomentum spricht eindeutig für mehr Gott in der Öffentlichkeit.

    PS: Ich werde dem Buch eine Chance geben..

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