„Everybody’s Darling“ auf 900 Seiten

2. Juli 2014 0

Rezension zu Hillary Clinton: Entscheidungen

Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton - BIld: gemeinfrei

Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton – BIld: gemeinfrei

Im Vorwahlkampf innerhalb der demokratischen Partei lieferten sich Hillary Clinton und Barak Obama 2008 ein durchaus spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Und beide hatten in ihrer Partei durchaus ein unterschiedliches Klientel hinter sich: Clinton profilierte sich – in Abgrenzung zum teils „abgehoben-akademischen“ wirkenden Obama als Verkörperung der „kleinen Leute“, gerade in ländlicheren und wenig gebildeteren Kreisen genoss sie weitaus mehr Ansehen als ihr jüngerer Rivale.

Mit wenig Intellekt an der Oberfläche kratzen – und das durchaus mit immenser Ausdauer. Hierdurch ist auch Hliiary Clintons aktuelles Buch Entscheidungen maßgeblich geprägt. Auf 900 Seiten gelingt es ihr äußerst wenig Neues, geschweige denn Interessantes darzubieten. Dabei ist der Anspruch durchaus hoch: Die Autorin verspricht tiefgründige Schilderungen darüber, welche Krisen und Herausforderungen sie während ihrer vierjährigen Amtszeit als US-Außenministerin zu meistern hatte und was sie aus ihren Erfahrungen für die Zukunft ableitet.

Durchaus positiv ist die transparente Strukturierung ihres Buches zu bewerten. Anstatt sich – wie manch anderes politische Urgestein – in liebloser chronologischer Additivität auszubreiten, hat Clinton ihre Reiseerfahrungen aus 112 Ländern sachlogisch nach thematischen Schwerpunkten und im Feinschliff auch nach geografischen Gegebenheiten geordnet. Wer also beispielsweise Clintons Perspektive auf den sogenannten „Arabischen Frühling“ nachlesen möchte, kann sich direkt im entsprechenden 48 Seiten umfassenden Kapitel zurechtfinden, ohne dass zum besseren Verständnis eine Lektüre der vorherigen Inhalte nötig wäre.

Dennoch enttäuscht das Buch als Feuerwerk von Banalität und Substanzarmut, gründend offenbar auf einer – wahlkampfstrategisch zweifelsohne nachvollziehbaren – Harmonieorientierung: Hier das Bekenntnis zu Israel, dort Verständnis für die Belange der Palästinenser. Hier ein flammender Appell für die weltweiten Rechte von Frauen, dort Empathie auch für jene kulturellen Eigenheiten des Islams, welche mit westlichen Werten zweifelsohne unvereinbar sind. Vielerorts im Buch bleibt hinreichende Stringenz auf der Strecke: So lobt Clinton die Obama-Regierung dafür, mittels der Zusammenarbeit mit Polen etwas Präventives gegen Putins Machenschaften geleistet haben. An anderer Stelle jedoch behauptet sie, die NATO-Osterweiterung sei in keinster Weise mit Hinblick auf eine mögliche Bedrohung seitens Russland vollzogen worden.

Zu selten erhält der Leser Einblick in solche Sachverhalte oder Perspektiven der Autorin, die nicht schon längst aus Pressearchiven erschließbar sind. Zu selten bekennt Clinton „Farbe“, zu selten tritt sie den Protagonisten ihrer Reiseerfahrungen auf die Füße. Natürlich muss man nicht von ihr verlangen, die Welt – wie es tendenziell Georg W. Bush tat – in „Freund“ und „Feind“ einzuteilen. Doch der Polarisierung des Obama-Vorgängers setzt Clinton eine nicht weniger lächerliche, weil zahnlose „Gold-Silber-Typologie“ entgegen:

Finde neue Freunde, aber vergiss die alten nicht. Die einen sind Silber und die anderen Gold, heißt es in einem Pfadfinderlied für Mädchen, das ich noch aus meiner Grundschulzeit kenne. Für Amerika ist das transatlantische Verhältnis mehr als Gold wert.“

Phrasen, nicht als Phrasen. Keine Frage: Die derzeit beliebteste Politikerin der USA möchte unbedingt „Everybody’s Darling“ bleiben, eine „Kandidatin der Herzen“. Zwar mag Clinton innenpolitisch aus liberaler Perspektive summa summarum eine akzeptable Präsidentin werden – denkt man an ihre progressive Positionierung zur Homo-Ehe und zum Recht auf Abtreibung –, doch außenpolitisch wünscht man sich als Anhänger eines wehrhaften Liberalismus eher ein Rückgrat wie jenes von John McCain.

Hillary Rodham Clinton (2014): Entscheidungen. München: Droemer HC, 944 Seiten, 28 Euro. Kaufen bei Amazon.

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