Schützenhilfe für Sozialschmarotzer

22. April 2014 3

Rezension zu Franziska Reif und Tobias Prüfer: A wie Asozial. So demontiert Hartz IV den Sozialstaat

Logo der BfA - Bearbeitung: CT

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Erst kürzlich warnte die Autorin Rita Knobel Ulrich vor Nutznießern staatlicher Sozialleistungen. Sie zielte damit vor allem auf Unternehmen ab, die durch Lohnzuschüsse von Billigarbeit profitieren, mehr noch auf private Bildungsinstitute, die chancenlose Arbeitslose mit unnötig teuren Schulungsmaßnahmen „beglücken“. An dieser Stelle sei auf eine weitere Gruppe potentieller Abzocker hingewiesen: Politisch korrekte Buchautoren, die mit sozialistisch anmutender Propaganda den Empfängern umverteilter Steuermittel ein gutes Gewissen und Argumentationshilfen für die Einrichtung in ihren „Opferrollen“ verkaufen.

A wie Asozial nennt sich das Buch eines solchen sozialromantischen Duos, bestehend aus der pinkhaarigen Ex-Linguistikstudentin Franziska Reif und dem langbärtigen Ex-Philosophiestudenten Tobias Prüwer, die man sich beide bestens auf einem Wahlplakat der Linkspartei oder – etwas wohlwollender – der Piraten vorstellen kann. „So demontiert Hartz IV den Sozialstaat“ lautet die steile These im Untertitel des 250 Seiten starken Werkes. Als Belege dienen unzählige Erfahrungsberichte, Statistiken und Sekundärliteratur. Ziel ist es, die vermeintliche „Legende vom Hängematten-Hartzer“ zu durchbrechen und den Leser von einer – leicht als sozialromantisch zu entlarvenden – politischen Agenda zu überzeugen.

Zweifelsohne haben die Autoren Recht, wenn sie auf zahlreiche Mängel in den Arbeitsabläufen und auf Inkompetenzen der Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit (BfA) hinweisen. Oder darauf, dass allzu oft die Beschönigung von Statistiken anstelle aufrichtiger Hilfe zur Jobfindung im Mittelpunkt steht. Doch leider tragen Reif und Prüwer durchgehend viel zu dick auf: Die Empfänger der Sozialleistungen würden gezielt durch psychische und auch physische Barrieren abgeschreckt, so der Eindruck, der durch die – sehr willkürliche Auswahl von Fallbeispielen – entstehen soll.

Für die etwas Jüngeren mag Donkey Kong zur Illustration dienen: Da rollen dem Bittsteller auf der Antragslaufbahn unaufhörlich Fässer entgegen, die ihm der Leistungsabteilungs-Gorilla zwischen die Beine wirft, auf dass er die schöne Prinzessin – aka Bewilligungsbescheid – nie erreichen mag. Immer wieder wird außerdem berichtet, dass Unterlagen verschwinden und erneut angefordert werden, weshalb auch Erwerbsloseninitiativen empfehlen, diese persönlich vorbeizubringen und sich den Empfang quittieren zu lassen. Dies ist aber für die Frontoffice-Mitarbeiter mit zusätzlichem Aufwand verbunden, und die in dieser Bitte mitschwingende Unterstellung, dass sie die Dokumente verschwinden lassen können, sorgt für zusätzliche Missstimmung im Empfangsbereich.“

Die von den Autoren als Belege angeführten Fallbeispiele sind nicht unbedingt falsch, sondern für sich betrachtet in jedem Einzelfall möglicherweise komplett sachgetreu dargestellt – angefangen von fehlerhaften Berechnungen, die zum Nachteil der „Kunden“ ausfallen, bis hin zur Zuweisung von Ein-Euro-Jobs, die mit den aktenkundigen gesundheitlichen Einschränkungen der Leistungsempfänger nicht kompatibel sind. Allerdings könnte man ohne großen Aufwand eine mindestens genauso große Anzahl an gegenteiligen Fallbeispielen anführen, welche (die von den Autoren vehement bestrittene) Hängematten-Mentalität und Schmarotzerei vieler Hatz-IV-Empfänger belegt.

Die willkürliche Ausblendung von ganzen Teilen der (sozialen) Realität ist frappierend: Keine Rede ist von vollkommen fitten Mittzwanzigern, die trotz blendender Gesundheit jahrelang die Grundsicherung beziehen und mit Gefälligkeitsattesten ihrer Lieblingsärzte den Chill-Modus zum Dauerstandard machen. Von notorischen Schwarzarbeitern, die ihrem verschwiegenen Einkommen auf Kosten der Steuerzahler noch eine Krönung „aufhartzen“. Von bestimmten Migrantengruppen, die hierzulande ohnehin nicht integrierbar sind und ausschließlich des Sozialstaats wegen ins gelobte Deutschland gezogen sind.

Man kann nur hoffen, dass beide Autoren ihr Sprach- bzw. Philosophiestudium nicht abgeschlossen haben. Andernfalls wäre es eine peinliche Beschmutzung des deutschen Akademikertums, so sehr mangelt dem Buch etwa an grundlegenden Begriffsreflexionen. Rita Knobel-Ulrich hat es richtig gemacht, als sie ihrem oben genannten Werk eine trennscharfe Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Armut voranstellte. Reif und Prüwer übernehmen hingegen plump das penetrante Wording von Sozialverbänden und der von diesen entsandten „Parlamentsengeln“. Die beiden Autoren haben sich offenbar sozialromantisch in das Armutsproletariat verliebt und nerven den kritischen Leser mit unkritischer Parteilichkeit; gekrönt vom peinlich sozialistischen Schmu in Form der abschließenden Überlegungen zugunsten eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Altaufklärer Günter Wallraff disqualifiziert das Buch bereits mit seinem Vorwort, in dem er die Schröder-Fischer-Regierung mit Verweis auf deren Agenda 2010 bezogen auf den Sozialstaat dumpf als „Abrisskommando“ diffamiert. Dabei ist es gerade den rot-grünen Reformen jener Jahre zu verdanken, dass Deutschland heutzutage (noch) eine angesehene Wirtschaftsmacht in Europa ist und nicht den Weg zum gleichen Abgrund wie gewisse südeuropäische Staaten eingeschlagen hat. Andernfalls gäbe es hierzulande längst nicht mehr so viel Erwirtschaftetes, was umverteilt werden könnte.

Franziska Reif, Tobias Prüfer (2014): A wie Asozial.So demontiert Hartz IV den Sozialstaat. Marburg: Tectum Verlag, 220 Seiten, 17,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

3 Comments »

  1. K.R. 28. April 2014 at 23:43 - Reply

    Danke für die Rezension (sind sie eigentlich noch ein Linker oder waren Sie es jemals wirklich?). Ja, die milliardenschwere Sozialindustrie hat viele Apologeten. Selbst die Ex-Linguistikstudentin und der Ex-Philosophiestudent können sich hier noch profilieren. Nur von der Ex-Theaterwissenschaftenstudentin hört man hier nichts. Aber schön, dass wenigstens der Wallraff noch zu Wort kommt. Kann der nicht undercover den institutionellen Rassismus in den Jobcentern aufdecken? Ja, ja, nach Schröder will es sich kein Politiker mehr mit ihnen allen verderben, so wie mit den Rentnern. Es soll sich hier auch gar nichts ändern, sondern es geht einfach darum, die Mittel auf die „Player“ im System zu verteilen. Im Gesundheitssystem ist es doch ähnlich. Die Verteilung der Mittel entsprechend den Profitinteressen der Player hat erheblichen Einfluß auf die Chancen, gesund zu werden. Seit Ausbruch der Ukraine-Krise beschleicht wohl nicht wenige das bange Gefühl, dass es mit vielem bald vorbei sein könnte (1914-2014). Untergangsstimmung verbreitet sich in den Internetforen. Auf die EU-Wahlen können wir auch gespannt sein. Leute, es wird langsam richtig spannend.

  2. ribi 4. Juni 2014 at 15:00 - Reply

    herr dr. krause: wieso sollten sie als lehrer beamter sein? stellen sie nur die fremden privilegien, hier die der „armen“, in frage! als beamter fallen sie nie so tief wie jemand, der nach 30 jahren arbeit nach einem jahr arbeitslosigkeit in alg2 landet, kennen sie nicht- bei all meinem respekt für ihren islamkritischen einsatz!!die agenda 2010, der größte sozialumbau der dt. nachkriegsgeschichte , betrifft ihres gleichen als beamte eben nicht! frau knobel-ulrich, der vorteil ihres buchrs, nennt den maßnahmenunsinn wenigstens beim wort!

  3. ribi 4. Juni 2014 at 15:03 - Reply

    dr krause: ganz vergessen, haben sie mal ein buch zum solidarischen bürgergeld oder ähnlicher gemässigter grundeinkommen gelesen? sozialpolitik scheint für sie nur ein themengebiet, um angebliche gutmenschen zu finden-sorry!die von ihnen gesehenen erfolge der agenda 2010, werden nicht überall so gesehen, auch nicht in der wissenschaft!

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