Gedanken zu Ostern

19. April 2014 0

Über Fruchtbarkeit, Auferstehung und Mordlust

Frohe Ostern 2014 - Bild: Rike  / pixelio.de

Frohe Ostern 2014 – Bild: Rike / pixelio.de

Nur wenigen ist bewusst, dass Ostern nach der keltischen Göttin Ostara benannt ist. Diese steht mit Ei und Hase symbolisch für die Wiedergeburt der Erde im Frühling – also für die Jahreszeit, in der Pflanzen wieder zu wachsen und zu blühen beginnen, die Hasen als erste unter den Tieren nach dem Winter in großer Zahl Nachwuchs bekommen und sich auf der Suche nach Grünfutter bis in unsere Gärten vorwagen.

Dass diese für ihre Fruchtbarkeit ebenso wie für ihre Scheu bekannten Tiere sich im Frühling bis in die Nähe der Menschen trauen, hat die menschliche Phantasie von jeher beschäftigt. So wird beispielsweise bei uns den Kindern bis heute erzählt, im Garten wären zu Ostern Eier zu finden, die der Osterhase dort abgelegt hätte.

Eier werden zu Ostern nicht nur hier, sondern auch anderswo verschenkt. In Südosteuropa werden sie allerdings nicht vom Osterhasen im Garten versteckt und von Kindern gesucht, sondern man(n) bekommt sie sozusagen als Gegenleistung für das „Bespritzen der Rose“, das bei den Zigeunern in der Slowakei wie bei den Siebenbürger Sachsen in Rumänien alter Brauch ist. Bei den einen wie bei den anderen ist es seit langem üblich, dass ein junger Mann Ostern auf Mädchen zugeht und sie unverblümt fragt, ob er ihre Rose bespritzen dürfe. Wenn solch ein Mädchen damit einverstanden ist, spritzt er ihr in die Haare – mit Parfum. Als Gegenleistung wird er vom Mädchen zu einem Imbiss eingeladen und bekommt von ihr hart gekochte Eier, zumeist auch Schnaps. Da die jungen Männer sich im Allgemeinen nicht damit begnügen, nur eine „Rose“ zu bespritzen, sondern auch zu anderen Mädchen gehen, pflegen die Osterfeiertage dort häufig damit zu enden, dass die Mädchen von schwer erträglichen Duftwolken verschiedener Parfums umflort und die Burschen völlig betrunken sind. Das Ei ist hier nicht so sehr als Nahrungsmittel, sondern ebenso wie das Bespritzen der Rose eher als angedeutete Befruchtung gemeint. Wer die Wirkung balkanischer Schnäpse kennt, der weiß, dass den jungen Männern zur Nacht wohl mehr nach Übergeben als nach intimer spritzigen Annäherungen zumute ist und es bei Andeutungen bleibt.

Dass ein Ei als Symbol der Fruchtbarkeit und Lebensspende gilt, ist weit verbreitet und seit langem üblich. Es wurde auch im Urchristentum so angesehen, deutete allerdings damals schon über das irdische Leben hinaus. So war es Brauch, den Toten ein Ei als symbolisches Zeichen für die Auferstehung ins Grab zu legen. Der Glaube an die Auferstehung spielt bekanntlich in den jüdisch-christlichen Überlieferungen von jeher eine wesentliche Rolle, so dass es beispielsweise als ungeheuerlicher Abfall vom „rechten“ Glauben verurteilt wurde, als ein preußischer Pfarrer zur Zeit Friedrichs des Großen Zweifel an der Auferstehung äußerte. Als man Friedrich von dieser Ungeheuerlichkeit berichtete, sah dieser irreligiöse Philosoph auf dem preußischen Königsthron jedoch keine Notwendigkeit zur Maßregelung des ketzerischen Pfarrers, sondern tat die Sache mit der spöttischen Bemerkung ab: „Wenn er nicht an die Auferstehung glaubt, dann soll er doch liegen bleiben!“

Wie man weiß, sehen Christen im Tod nicht das Ende ihres Daseins, sondern sie rechnen damit, dass sie bei der Wiederkehr Christi am „jüngsten Tag“ auferweckt und von ihrer Schuld erlöst werden. Doch das setzt voraus, dass Jesus Christus nicht am Kreuz verendete, sondern selber auferstand, wie Paulus lehrte: „Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube eitel, so seid ihr noch in euren Sünden. So sind auch die, so in Christo entschlafen sind, verloren.“ (1. Korinther 15,17-8)

Daher ist es nicht die Wiedergeburt des Lebens auf Erden, die Christen nach altem Brauch zu Ostern feiern, sondern die Auferstehung Christi und insofern „ein Durchbruch in der Geschichte der Evolution und des Lebens überhaupt“, wie Papst Benedikt in der Nacht zu Ostern 2006 predigte. Zur Feier dieses zentralen Ereignisses im christlichen Glauben gehört traditionsgemäß das Osterlamm, das symbolisch für den gekreuzigten Christus steht und gewissermaßen Gott geopfert wird.

Diese Tradition übernahmen die Christen von den Juden, die zum Pessachfest ein Lamm opferten. Pessach ist nach christlicher Überlieferung sieben Tage vor Ostern, fällt nach jüdischem Kalender in diesem Jahr ebenfalls mit der Woche vor Ostern zusammen und ist eines der höchsten Feste im Judentum. An diesem Fest wird daran erinnert, dass der Legende nach ein Engel im Auftrag Gottes jeden männlichen Erstgeborenen in Ägypten tötete, die Kinder Israels jedoch davon verschonte, und so letzten Endes den Pharao zwang, das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei zu befreien und aus dem Lande ziehen zu lassen.

Eva Sandler schrieb vor zwei Jahren im Internetforum Chabad.Org:

Bald kommen die Tage des Pessachfestes. Bitte ladet Andere zu euch nach Hause ein, damit jeder einen Platz bei einem Seder findet, um den Feiertag unserer Freiheit zu feiern. Zusammen mit unseren schmerzhaften Erinnerungen an unsere Prüfungen in Ägypten vor so vielen Jahren sprechen wir immer noch davon, ‚wie sie Generation für Generation gegen uns gestanden haben, um uns zu zerstören.‘ Wir alle werden mit lauter und klarer Stimme verkünden: ‚G*tt rettet uns vor ihren Händen.‘ Der Geist des jüdischen Volkes kann niemals ausgelöscht werden; seine Bindung zur Torah und ihren Vorschriften können nie zerstört werden […].“

Eva Sandler ist eine Jüdin, die kurz zuvor bei den Meuchelmorden in Toulouse ihren Mann und ihre Söhne Gabriel (4) sowie Arieh (5) verloren hatte und mit einem ungeborenen Kind zurückgeblieben war. Sie waren ermordet worden von Mohammed Mehra, der zu jenen Terroristen gehört, denen eine „bösartige Philosophie der Zerstörung… ein neues perfides Selbstwertgefühl“ gibt, wie Muhammad Sameer Murtaza in Jenseits von Eden schreibt:

Ihre terroristischen Taten geben ihnen ein nie gekanntes Machtgefühl, da sie plötzlich entscheiden, wer von uns leben darf und wer von uns sterben muss, damit maßen sie sich eine gottgleiche Macht an. Mit ihrer feuerwerkartigen Selbstinszenierung feiern sie diese scheinbare Macht, genießen unsere Angst und finden Erregung an ihrem Macht- und Blutrausch. Gleiches zeigt sich bei Mohammed Mehra, der kaltblütig die Ermordung seiner Opfer filmte […] Letztlich ist diese Philosophie der Zerstörung für sie auch eine Erlösung von ihrem unbedeutenden Dasein, denn in der Selbstzerstörung und der Zerstörung des anderen erfolgt im Denken des Extremisten eine Reinigung der Welt, die anders nicht mehr zu retten ist.“

Da der streng religiöse Mensch „ein biologisches Lebewesen ist und auf Glück, Entspannung und Befriedigung unter keinen Umständen verzichten kann“, wie Wilhelm Reich in seiner Massenpsychologie des Faschismus schreibt,

sucht er das illusionäre Glück auf, das ihm die religiösen Vorlustspannungen zu geben vermögen, also die uns bekannten vegetativen Strömungen und Erregungen im Körper […] In Wirklichkeit hilflos, muß er um so mehr an übernatürliche Kräfte glauben, die ihn stützen und beschirmen. Wir verstehen daher, daß er in manchen Situationen auch eine unglaubliche Kraft der Überzeugung, ja des passiven Todesmuts entwickeln kann. Er schöpft diese Kraft aus der Liebe zu der eigenen religiösen Überzeugung, die ja von lustbetonten Körpererregungen getragen wird. Er glaubt freilich, die Kraft stamme von ‚Gott‘. Seine Sehnsucht nach Gott und zu Gott ist also in Wirklichkeit die Sehnsucht, die seiner sexuellen Vorlusterregung entstammt und nach Auslösung ruft. Die Erlösung ist und kann nichts anderes sein als die Erlösung von den untragbaren körperlichen Spannungen, die nur so lange lustvoll sein können, als sie sich mit der Befriedigung und Entspannung vermengen können […] Die religiösen ekstatischen Zustände sind nichts anderes als nie erledigbare sexuelle Erregungszustände des vegetativen Nervensystems. Die religiöse Erregung läßt sich ohne den Widerspruch, der sie beherrscht, überhaupt nicht begreifen und daher auch nicht bewältigen. Sie ist nicht nur antisexuell, sondern in hohem Grade selbst sexuell. Sie ist nicht nur moralisch, sondern zugleich zutiefst widernatürlich, im sexualökonomischen Sinne unhygienisch […].“

Ich wende mich voller Grausen von solchen lebensverneinenden Menschen ab und wünsche allen, die es mit sich selbst sowie ihren Mitmenschen gut meinen, schöne Ostern – einerlei, ob es zum Gedenken der Auferstehung Christi ist oder ob es zur Feier der Fruchtbarkeit Ostereier mit oder ohne Bespritzen der Rose gibt.

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