Mission Euregio gescheitert?

8. April 2014 4

Rezension zu Nils Müller: Die alltägliche Reproduktion nationaler Grenzen

Grenzmarkierung auf der Insel Ziegenwerder in Frankfurt (Oder) - Bild: Ralf Lotys / Wikipedia (CC-Lizenz)

Grenzmarkierung auf der Insel Ziegenwerder in Frankfurt (Oder) – Bild: Ralf Lotys / Wikipedia (CC-Lizenz)

Die Diskrepanz zwischen einem vereinten Europa als politischem Wunschmodell und der Lebenswirklichkeit der Menschen lässt sich nicht nur anlässlich der Europawahlen anhand zahlreicher Gegebenheiten belegen. Eine hiervon ist die Entwicklung des sozialen Lebens in den innereuropäischen Grenzregionen, sei es beispielsweise an den Grenzen von Deutschland zu Frankreich, zu den Benelux-Staaten oder zu Dänemark. Im Zuge der Schengen-Abkommen in den Neunziger Jahren projizierten Europa-Optimisten ihre Hoffnungen in besonderem Maße auf jene Grenzregionen als möglichen Keimzellen eines gesellschaftlich zusammenwachsenden Kontinents.

Die nun in Buchform erschienene Dissertation des Soziologen Nils Müller fußt hingegen auf einer vergleichsweise nüchternen Hypothese: Die formale Öffnung einer nationalen Grenze führt nicht automatisch dazu, dass sich grenzübergreifende alltägliche Routinen der Grenzbewohner entwickeln. Die meisten zuvor erschienenen Studien hatten eher solche transnationalen Aktivitäten untersucht, die mit der Überbrückung weiterer Distanzen und der Entstehung europaweiter oder gar globaler Netzwerke verbunden sind. Weg von solcher „Eliteforschung“ richtet Müller seinen Blick auf die einfachen Bürger, nimmt also bewusst eine kleinräumliche und alltägliche Perspektive ein:

Dieser Perspektivenwechsel in der Untersuchung transnationaler Aktivitäten von der kontinentalen oder sogar der globalen Ebene hin zu einer lokalen Betrachtung mag auf den ersten Blick überraschen, trägt jedoch der immer doch dominanteren Form der Alltagsorganisation vieler Leute Rechnung: So war es war eine Weile en Vogue, von der Überwindung des Raums durch moderne Transportinfrastruktur und Kommunikationstechnik auszugehen und der physischen Distanz einen Einfluss auf das soziale Leben der Menschen abzusprechen. Diese Beobachtungen beschränken sich jedoch auf einen sehr kleinen gesellschaftlichen Teilbereich und sind für die Organisation des alltäglichen Lebens der Leute nur selten relevant.“

In seiner Dissertation definiert Müller zunächst den Begriff der Grenze und den der Grenzregion als Forschungsgegenstand. Die anzuerkennende Leistung dieses Kapitels besteht darin, dass Müller die ansonsten eher zersplitterte Debatte um die Entwicklung nationaler Grenzen und ihren Bezug zu den in ihrer Umgebung lebenden Menschen transparent strukturiert:

So können Grenzen als zentrale Konstitutionsbedingung des Nationalstaats gesehen werden, da sie sein Staatsgebiet definieren. Doch neben dieser rechtlichen Festlegungen übernimmt die Grenze auch eine wichtige kognitive und symbolische Funktion in der Etablierung des Nationalstaat: Sie bietet einen zentralen Anker und einen klaren Hinweis darauf, wo der eigene Staat und die eigene Gruppe endet und wo sich die Einwohner in einen anderen nationalen Kontext begeben. Sie definiert damit das ‚Wir‘ und das ‚Die‘ innerhalb einer Grenzregion und trägt so zur Abgrenzung unterschiedlicher sozialer Gruppen bei.“

Anschließend differenziert Müller seine Grundhypothese in sechs Teilhypothesen aus, die sich auf mögliche Veränderungen der individuellen Routinen in Grenzregionen beziehen sowie auf deren denkbare Auswirkungen auf die räumliche Struktur der Region. Müllers empirischer Teil basiert auf einer Reihe von episodischen Interviews mit Einwohnern von Grenzregionen in NRW, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern. Nach einer Beschreibung der geographisch-räumlichen Struktur der betrachteten Ortschaften und ihrer historischen Beziehungen zum Nachbarland und allgemeinen Beobachtungen darüber, inwiefern die Befragten ihrem Nachbarland überhaupt eine Relevanz für ihren Alltag zuschreiben, analysiert Müller die konkreten Alltagspraktiken der Befragten in den drei Bereichen des sich Versorgens, des sich Erholens und des in Gemeinschaft Lebens.

Als zentrales Ergebnis der Doktorarbeit kann herausgestellt werden, dass sich zumindest in der unmittelbaren Nähe der betrachteten Grenzen durchaus umfangreiche grenzüberschreitende Alltagspraktiken identifizieren lassen. Diese sind jedoch auf die Nachbarstadt beschränkt, im Falle der württembergischen Ortes Grenzach also auf das nahegelegene Basel, im Falle des rheinländischen Tüdderns auf die direkt angrenzende niederländische Stadt Sittard. Keineswegs lassen sich diese Beobachtungen solcher grenzüberschreitenden Alltagspraktiken über die jeweilige Nachbarstadt auf die gesamte Grenzregion oder gar auf das gesamte Nachbarland verallgemeinern. Bei diesen Praktiken dominiert übrigens die Nutzung des „physisch-materiellen Substrats“ der ausländischen Nachbarstadt.

Unter einem solchen „physisch-materiellen Substrat“ lassen sich etwa ein spezielles Erlebnisbad in Basel oder ein gut sortiertes Einkaufszentrum in Sittard vorstellen oder – was Müller allerdings selbst nicht anspricht – auch der erleichterte Erhalt bestimmter Drogen wie z. B. Cannabis in den Niederlanden. Aus Perspektive enthusiastischer Befürworter einer europäischen Einigung können die Ergebnisse von Müllers Studie wahrlich als wenig befriedigend bezeichnen werden. Weiter klafft die Diskrepanz zwischen politischen Idealen und dem Alltag der Menschen.

Nils Müller (2014): Die alltägliche Reproduktion nationaler Grenzen. UVK Verlagsgesellschaft, 316 Seiten, 41 Euro. Kaufen bei Amazon.

4 Comments »

  1. E.C. 9. April 2014 at 05:55 - Reply

    Komisch, mir erscheint, als lebe Herr Krause in einem Paralleluniversum. Die Situation meiner Heimat, die Region um Flensburg, ist durch eine enge Kooperation von Menschen beiderseits der Grenze geprägt, und das nicht erst seit Schengen. Was soll dieses Geschreibsel also? Ach ja,: Vorwärts zurück ins 19. Jahrhundert: Weg mit EU und Co.

    • MK 24. April 2014 at 20:01 - Reply

      Herr Krause ist nur der Rezensent, die Dissertation ist von Herrn Nils Schmidt.

  2. K.R. 12. April 2014 at 13:27 - Reply

    Was sagt uns das? Grenzen haben ihre Bedeutung, nicht nur staatlich-territorial, sondern im Sinne einer „Abgrenzung“ zum „Anderen“. Das fängt schon beim Gartenzaun an. Durch Abgrenzung vergewissert man sich selbst. Erst dann ist man ist fähig und auch willens, das grenzüberschreitende Gemeinsame zu entdecken, das die Menschen bzw. die Regionen über Staatsgrenzen hinaus historisch-kulturell miteinander verbindet. Diese elemtentaren psychologischen Tatsachen wollen die EU-Sozialisten nicht verstehen. Sie schwafeln zwar vom „Europa der Regionen“, aber nur im Sinne der Überwindung nationalstaatlicher Souveränität, nicht im Sinne von Selbstbestimmungrecht.
    „E pluribus unum“ ist für Europa eine totalitäre Vergewaltigung. Lasst uns selbst sein und dabei das Gemeinsame
    entdecken. Wir brauchen keine von oben verordneten „Friedensprojekte“.

  3. Simon 14. April 2014 at 20:06 - Reply

    Im Fall von Grenzach->Basel->Hüningen(F) kann ich aus eigener langjähriger Erfahrung mitteilen, dass die Öffnung der Grenze zur Schweiz exakt keinen Unterschied macht. Die Metropolregion war bereits davor eine Einheit, der Zoll wurde wahrgenommen, aber auch nicht mehr als ein Kiosk.

    Zu den Kommentaren des Volksentscheids in CH über die Schliessung der Grenze konnte ich nur müde lächeln, da sich im grenzüberschreitenden Alltag für die Bewohner im (erweiterten) Dreiländereck exakt folgendes ändern wird: Nichts.

    Das bereits manifestierte Zusammengehören der gedrittelten Region basiert in erster Linie auf der gemeinsamen Sprache (wahlweise Schwitzerdütsch, Alemannisch und Elsässerisch) und dem gemeinsamen Wirtschaftsraum, der aufgrund der früher bestehenden Vorteile in allen drei Volkswirtschaften (DE,CH,FRA) präsent zu sein bereits seit Jahrzehnten mehr oder weniger fusioniert ist. Auch nicht vergessen werden darf die jahrhundertelange Leitfunktion Basels als internationale Wissenschafts- und Handelsstadt für die umliegenden Regionen.

    Hinzu kommt das von sehr vielen gelebte goldene Lebensdreieck:
    – in der Schweiz arbeiten (mehr Geld, weniger Steuern)
    – in Deutschland einkaufen (Aldi, Lidl)
    – in Frankreich (günstig) wohnen

    Zuletzt noch muss erwähnt werden, die Region ist sagenhaft wohlhabend, nicht nur was materielles Vermögen angeht, sondern auch in Bezug auf das seit Ewigkeiten angesammelte immaterielle Vermögen an Talententwicklung. Alle beteiligten können es sich leisten, Grenzen braucht man da nicht wirklich, bzw. nur für einige Auswärtige.

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