Großer Name, steile These – zweitklassiger Inhalt

30. März 2014 5

Rezension zu Hamed Abdel-Samad: Der islamische Faschismus. Eine Analyse

Hamed Abdel-Samad - Bild: Freud / Wikipedia (CC-Lizenz)

Hamed Abdel-Samad – Bild: Freud / Wikipedia (CC-Lizenz)

Alle Eigenschaften des Faschismus treffen auch auf den Islamismus zu: Beide sind politische Religionen mit einem nichthinterfragbaren Wahrheitsanspruch, mit Propheten und Führern, mit der schlichten Unterteilung der Welt in Feind und Freund, mit dem Streben nach Weltherrschaft. Zeitgleich in den 1920er Jahren entstanden, speisen sich beide Ideologien vor allem aus dem Gefühl von Niederlage und Erniedrigung – so die These des neuen Buches von Hamed Abdel-Samad. Nach seinem autobiografischen Werk Mein Abschied vom Himmel und dem eher kursorischen Der Untergang der islamischen Welt, legt der bekannte deutsch-ägyptische Politologe nun seine Analyse der Ursachen für die islamische Legitimation von Gewalt vor.

Mit einer derart zugespitzten Aussage – wie sie z. B. auch der amerikanische Historiker Daniel Pipes vertritt – will Abdel-Samad keinesfalls provozieren und sieht bei sich selbst auch keine Radikalisierung seiner Argumente: „Ich höre oft, dass ich ein radikaler Denker und ein Querkopf sei. Ich bin nur ein vernünftig denkender Mensch, der das Kind beim Namen nennt. Das war ich immer. Ich provoziere nicht, wenn ich sage, dass der Islam faschistoide Züge hat“, so der Autor in einem Interview mit der Welt. Doch welchen Erkenntniswert bringt die Lektüre, insbesondere angesichts der zahlreichen, teils exzellenten Publikationen zum radikalen bzw. politischen Islam, die in den letzten Wochen und Monaten erschienen sind? Und wie berechtigt sind die Islamophobie-Vorwürfe, die linke Medien in den letzten Tagen gegen Autor und Buch erhoben haben?

Ein grundlegender Unterschied zu anderen Werken ist zunächst, dass sich der Autor als Person sehr stark zum Gegenstand des Buchinhalts macht. Das muss nicht zwangsläufig zu einem Qualitätsverlust führen, wenn die Autorenbiographie entsprechenden Anlass hierfür gibt. Erinnert sei etwa an die großartigen Werke von Ayaan Hirsi Ali Mein Leben, meine Freiheit sowie Ich bin eine Nomadin.  Im Buch von Abdel-Samad ist es hingegen „nur“ der gegen ihn gerichtete Mordaufruf seitens radikaler Muslime, der als Aufhänger fungiert. Der Autor hatte in einem Vortrag in Kairo jene These vertreten, die auch zu den Grundannahmen seines Buches gehört und in dessen erstem Kapitel breit untermauert wird: Faschistoides Gedankengut liegt in der Urgeschichte des Islams begründet.

Ein Video mit den provokanten Thesen meines Vortrags wurde im Netz veröffentlicht und dort kontrovers diskutiert. Kurz darauf kam eine Gruppe islamischer Gelehrter zusammen, um meine Argumente live im Fernsehen zu entkräften. Nachdem sie zahlreiche Beispiele aus der Biographie des Propheten und aus dem Koran zitiert hatten, die beweisen sollte, dass der Islam Vielfalt und andere Meinungen akzeptiert, debattierten sie darüber, wie ich für meine Verunglimpfung des Islam bestraft werden sollte. Das Urteil fiel schnell und einstimmig: Ich sollte getötet werden!“

An anderer Stelle überzeugt diese Personalisierung und daraus resultierende Überspritzung Abdel-Samads hingegen mehr. So dreht sich das zweite Kapitel des Buches um die Muslimbrüder. Auf knapp 30 Seiten behandelt Abdel-Samad pointiert die Bruderschaft, welcher z. B. Petra Ramsauer ein ganzes Buch widmet. Im Gegensatz zu Ramsauer zeigt der Deutsch-Ägypter dabei deutlich stärkeren Mut zu politischer Inkorrektheit, wenn er innerhalb der Muslimbrüder „Terrormilizen nach dem Vorbild von SA und SS“ identifiziert und genau mit eben diesem Nazi-Vokabular tituliert. Ein Kapitel zum arabischen Antisemitismus und dessen Hitler-Affinität nennt er „Sein Kampf, unser Kampf“, den Teil über die Anhängerschaft bin Ladens „Heil Osama“.

Schwächen zeigt Abdel-Samad jedoch (wie bereits in seinen früheren Büchern) bei der Analyse historischer Entwicklungen des Islams, der Geschlechterapartheit und der Salafisten in Europa. Gerade zu letzteren hat kürzlich Ulrich Kraetzer ein hervorragendes und empfehlenswerteres Buch veröffentlicht.

Deutlich bemerkenswerter, wenn auch in unrühmlichen Sinne, ist Abdel-Samads letztes Kapitel unter der Überschrift „Identitätshygiene und Polarisierung – Sarrazin und Erdogan als Sinnstifter“. Es ist schlichtweg unverschämt wie überraschend, wenn der Autor wiederholt den Ex-Bundesbanker mit dem türkischen Gewaltdespoten auf eine Ebene stellt. Illustriert sei dies nur an einem von vielen möglichen Textbeispielen:

Der tosende Applaus, den Sarrazin Ende September 2010 im Münchener Literaturhaus erntete, entstammt der gleichen Quelle wie der Jubel, mit dem Erdogan Ende Februar 2008 in der Köln-Arena gefeiert wurde. […] Sarrazin und Erdogan verkaufen ihren Anhängern eine Pseudo-Alternative zur aktuellen Realität.“

Zur Erinnerung: Erdogan hatte in Köln die in Deutschland lebenden Türken von Integration abgeraten („Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“), Sarrazin hingegen hatte eine solche Integration – völlig zu Recht – ausdrücklich gefordert. Welcher Teufel hat Abdel-Samad geritten, beiden Personen derart peinlich auf eine Stufe zu stellen? War es der vorauseilende Gehorsam gegenüber den Geboten der politischen Korrektheit? Gar ein Einknicken gegenüber potentiellen Rezensenten linker Medien?

Gebracht hat es ihm freilich nichts: Linke Zeitungen wie Neues Deutschland und Der Freitag versuchten das Buch mit Kampfbegriffen wie dem der „Islamophobie“ in die reaktionäre Ecke zu rücken und dem Autor sogar Überschneidungen mit der Partei Pro NRW zuzuschreiben. Nicht nur angesichts von Abdel-Samads politisch überkorrekten Erdogan-Sarrazin-Vergleichen ist das vollkommen abwegig. Jene linken Journalisten haben das Buch wohl kaum gelesen, jedenfalls nicht bis zum Ende.

Der Islamophobie-Vorwurf gegen den Autor ist jedoch noch aus einem anderen Grund falsch: Abdel-Samad fordert sehr deutlich auch den christlichen Kirchen in Deutschland endlich die althergebrachten Privilegien zu entziehen. So würde man schließlich den dauerfordernden Islamverbänden den Wind aus den Segeln nehmen, da letztere sich nicht mehr auf Benachteiligung gegenüber Protestanten und Katholiken berufen könnten. Die Gegnerschaft zu allen Religionen – und eben nicht nur zum Islam – lässt sich als starkes Indiz dafür einstufen, dass Abdel-Samad klar säkular-emanzipatorisch statt islamophob-repressiv ausgerichtet ist.

Insgesamt zeigt der Blick auf die im weitesten Sinne islamkritischen Bücher der letzten Jahre: Unter den säkular ausgerichteten Islamkritikern sind nicht zwangsläufig die Werke mit den bekanntesten Autorennamen – wie Boualem Sansal oder eben Abdel-Samad – diejenigen mit der höchsten Qualität. Empfehlenswert sind vielmehr die Bücher von etwas weniger prominenten Autoren wie Hartmut Krauss, Ulrich Kraetzer oder eben Petra Ramsauer.

Hamed Abdel-Samad (2014): Der islamische Faschismus. Eine Analyse. München: Droemer, 224 Seiten, 18 Euro. Kaufen bei Amazon.

5 Comments »

  1. Hein 31. März 2014 at 21:22 - Reply

    Auch wenn ich die Kritik von Krause an die Nebeneinandernennung von Sarrazin und Erdogan teile: Es geht nicht allein um die Qualität der Bücher, die sich gegen den Islam wenden. Es geht auch um die Resonanz in der Öffentlichkeit – und die ist bei Hamed Abdel-Samad eben sehr viel größer als bei Schachtschneider oder Raddatz.

  2. Gast 31. März 2014 at 22:09 - Reply

    Die Ressentiments des Autors Hamed Abdel-Samad gegen Sarrazin und sein absurder Vergleich von Sarrazin mit Erdogan zeigen ebenso wie andere Äußerungen von ihm eine negative Einstellung gegenüber seinem Gastland Deutschland.

    Auch der Vergleich des Islam mit Faschismus ist politisch und historisch nicht gerechtfertigt, der Islam ist zwar auch eine politische Ideologie, aber meilenweit vom europäischen Faschismus des 20. Jahrhunderts entfernt, wie er sich in Italien, Spanien und Deutschland entwickelt hat.

    Es gäbe sehr viel an Hamad zu kritisieren, seine historisch schiefen Vergleiche, seine Ignoranz gegenüber europäischer Geschichte und Kultur, aber am meisten stört mich an ihm sein Ethnozentrismus.

    Hamad ist Ägypter und als Moslem aufgewachsen, er kritisiert den Islam, aber er kritisiert ihn wegen der zerstörerischen Wirkung innerhalb *seines* moslemischen Kulturkreises. Ihm ist die Islamisierung Europas und seiner Völker völlig egal, er hat niemals die destruktive Wirkung des Islam innerhalb Europas thematisiert, niemals die Zerstörung europäischer Kultur beklagt. Das ist wohl mit auch der Grund dafür, daß er Leute wie Sarrazin angreift. Dies hat nichts mit Anpassung an die PC zu tun, sondern entspringt seinem innersten Selbstverständnis, wonach die Menschen in Deutschland und Europa kein Recht haben, sich gegen die Einwanderung aus islamischen Ländern und den damit verbundenen ethnischen und kulturellen Umbau der Gesellschaft zu wehren.

    Damit zeigt er sich letzlich als jemand, der zwar *oberflächlich* den Islam kritisiert, aber letztlich nichts gegen die Zerstörung europäischer Kultur einzuwenden hat. Dazu passt auch seine Forderung, den Kirchen Privilegien zu entziehen. Mit welchem Recht kommt eigentlisch ein Ägypter wie Hamad dazu, der in Deutschland Gastfreundschaft und Hilfe genossen hat, hier so etwas zu fordern? Dies empfinde ich als ungeheuerliche Unverschämtheit.

    Hamad sollte in seiner alten Heimat Ägypten bleiben und dort helfen, eine demokratische und zivilisierte Entwicklung zu fördern. In Deutschland braucht man Leute wie ihn sicher nicht.

  3. kritiker 1. April 2014 at 00:51 - Reply

    Hartmut Krauss ist empfehlenswert, ich stimme zu,

    jedoch Petra Ramsauer behauptet Zitat:“
    „RAMSAUER: Die ägyptische Bruderschaft hat an sich bereits in den ersten Satzungen der Organisation, die ja schon 1928 gegründete wurde, einen klaren Gewaltverzicht ausgesprochen. “
    http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/politik/unruhen/3589434/aegypten-steht-kurz-vor-dem-kollaps.story

    Ja genau und die kairoer menschenrechte im Islam sind auch toll (Zynismus aus)
    Ich empfehle ihr dringend mal unter wikipedia bei Al-Banna dem Gründer der Muslimbrüder nachzulesen!
    Sie ist definitiv keine Empfehlung wert!

  4. Mme. Haram 1. Mai 2014 at 06:36 - Reply

    Petra Ramsauer scheint auch an dem Buch „Die Klimarevolution. So retten wir die Welt“ beteiligt zu sein.

    „Den Autoren geht es in diesem Buch aber nicht um apokalyptische Zukunftsvisionen, sondern um sinnvolle Gegenstrategien: Ausführlich widmen sie sich der Frage, was jeder von uns beitragen kann, um unseren Planeten zu retten.“

    Zertifizierte Ahnungslosigkeit.

Leave A Response »