Russland und der Dschihad

28. März 2014 0

Olympia, Syrien und die Krim Krise im geopolitischen Kontext

Russland und sein EInfluss - Bild: CrazyPhunk / Wikipedia (CC-Lizenz)

Russland und sein Einfluss – Bild: CrazyPhunk / Wikipedia (CC-Lizenz)

Noch vor wenigen Jahren hatte Ramil Hazrats, der Iman der Kul-Scharif Moschee in Kazan (in der russischen Republik Tatarstan), noch offen seinen Optimismus einer friedlichen Islamisierung Russlands und Europas kundgetan. Doch blutige Anschläge und Geiselnahmen haben den Blick auf die religiöse „Nahda“, welche nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches eingesetzt hatte, verändert. Statt der von Hazrats erhofften Liberalisierung der islamischen Regeln propagieren wahabitische Gelehrte mit finanzieller und geistlicher Unterstützung aus Saudi Arabien einen  koranischen Fundamentalismus. Im Zentrum der neuen Beziehungen zur arabischen Halbinsel und in die Türkei stehen Tatarstan, der Kaukasus und Baschkortostan, wo die meisten der 25 Millionen russischen Muslime beheimatet sind. Vor dem Hintergrund des stärker werdenden islamischen Extremismus innerhalb der Föderation, öffnet sich auch ein anderer Blickwinkel auf die außenpolitische Haltung Russlands in seinen aktuellen Konfliktgebieten.

Schauplatz Syrien

Es war eine diplomatische Meisterleistung des russischen Außenministers Sergei Wiktorowitsch Lawrow, auf die der amerikanischer Amtskollege John Kerry zumindest im Stillen neidisch gewesen sein muss. Kerry gibt sich gern als „everybody‘s darling“, aber die Rolle steht dem Leiter des Außenressorts der einzig verbliebenen Supermacht nicht. Eigentlich könnte er dem seinem russischen Amtskollegen dankbar sein. Der von Russland vorgeschlagene Chemie-Waffen-Deal hat sein Land vor einem neuen militärischen Abenteuer bewahrt, welches es sich ohnehin hätte kaum leisten können. Wenige Monate später zeigte sich dann das wahre Gesicht der Opposition gegen Assad, in welcher fortan Islamisten den Ton angeben sollten. Die Verfolgung von Christen, Alaviten und Kurden seitens der dominierenden al-Qaida nahen Opposition war eigentlich zu erwarten gewesen, aber diese Tatsache hatte man in der westlichen Medienwelt monatelang schlichtweg übersehen.

Fast hätte der Westen wie bereits seinerzeit in Afghanistan mit der Unterstützung der Taliban seine Werte den geopolitischen Interessen untergeordnet. Zu groß war die Gier nach der Kontrolle des größten Gas- und Ölumschlagplatzes der Region, zu dem sich Syrien zu Beginn des Konfliktes entwickelt hatte. Unter Beteiligung vom Gazprom wurde die begehrte Ware aus dem Iran, dem Irak und Syrien von syrischen Mittelmeerhäfen in alle Welt verschifft.

Das war für den Westen, allen voran für die Vereinigten Staaten nicht hinnehmbar. Blind sollte jeder politische Gegner Assads, zur Not auch militärisch, unterstützt werden. Zu diesem Zeitpunkt konnten zwar die zu Hunderten aus Europa herbeieilenden Gotteskrieger noch verschwiegen werden, doch der Einsatz der Islamisten aus aller Welt, darunter auch zahlreicher Kämpfer aus dem Kaukasus war für russische Interessen genug um seine Position zu verteidigen. Erst mit der Drohung Putins mit Luftschlägen gegen Saudi Arabien, von wo aus die meisten Mittel zur Finanzierung des islamischen Kampfes stammen, wurde den westlichen Regierungen bewusst, dass sie eine militärische Unterstützung der Extremisten gegenüber der eigenen Wählerschaft schlecht hätten verkaufen können. Die selbstgesetzte „rote Linie“ des amerikanischen Präsidenten zeigte deutlich, dass das wiedererstarkte Russland in seinem Einflussgebiet keine amerikanischen Expansionsbestrebungen dulden würde.

Olympia im Kaukasischen Emirat

Im russischen Maßstab gar nicht so weit entfernt von Syrien liegt mit dem Kaukasus ein weiterer Schauplatz, an welchem ein islamischer Gottesstaat propagiert wurde. Stand der Kaukasus in den letzten Jahren meist aufgrund seiner Regionalkonflikte im Vordergrund, so gab es in diesem Jahr einen fröhlicheren Anlass. Doch selten stand eine sportliche Großveranstaltung so in der medialen Kritik wie die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Schon Monate vor Beginn der Spiele wurden Terrorszenarien und eine ökologische Katastrophe heraufbeschworen. Kurz vor Beginn mochte mancher Fan meinen, er reise in ein Kriegsgebiet in einer toten Brachlandschaft, so hatten die Vereinigten Staaten kurz vor Beginn der Spiele nochmals ihre Warnungen für US Bürger verschärft und die westlichen Medien auch jeden Anwohner, bei dem ein Baufahrzeug am Haus vorbeigekommen war, in zweifelhaften Dokumentarfilmen vor die Kameras gezogen, um den Zuschauern die negativen Auswirkungen transparent zu machen.

Doch die prophezeite Katastrophe ist ausgeblieben. Dass Fans und Sportler von der professionellen Organisation und von spannenden Wettkämpfen in einer atemberaubenden Umgebung berichteten, wollte so gar nicht in das Bild der Panikmacher passen. Selbst die auf Kritik eingeschworenen Moderatoren des deutschen Staatsfernsehens waren plötzlich sichtlich angetan von der Mischung aus subtropischer Sonne am Meer und  Schnee in den Bergen und berichteten voller Begeisterung von fröhlichen Spielen, von den vielleicht Schönsten überhaupt, die Putin da auf die Beine gestellt hat.

Im Nachhinein erscheint die Nachhaltigkeitsdiskussion über aus dem Boden gestampfte Anlagen in den kaukasischen Bergen lächerlich. Die Infrastruktur und die modernisierten Skigebiete werden mittelfristig Arbeitsplätze sichern und Touristen aus der ganzen Welt anlocken. Dem Nicht-Blöd-Zeitungs-Leser stellt sich spätestens hier die Frage, wo die westlichen Umwelteiferer mit dem erhobenen Zeigefinger waren, als die Alpengipfel von Ost nach West und Nord nach Süd mit Drahtseilen überspannt wurden und die Täler dazwischen einbetoniert wurden, so dass von ursprünglicher Natur kaum noch die Rede sein kann. Im ganzen Kaukasus gibt es gerade Mal eine Handvoll Skigebiete mit vergleichsweise moderner Infrastruktur.

Olympia in Sotschi war mehr als die angebliche Propagandaschlacht des russischen Präsidenten.

Doch auch die Führer des selbsternannten Emirates Kaukasus, einer al-Qaida-nahen Gruppierung, die sich dem Befreiungskampf des Kaukasus verschrieben hat und die in den meisten Staaten als Terrororganisation gilt, haben sich verschätzt. Bei Ihren Drohungen hatten die Gotteskrieger gegen die Spiele nicht bedacht, dass die meisten ihrer Kämpfer auf der Konkurrenzveranstaltung in Syrien im Einsatz waren. An den angekündigten Schlag gegen Olympia war in Anbetracht der bestens organisierten Sicherheitskräfte nicht zu denken. Die Olympiade blieb friedlich und offenbarte, dass Russland neben der militärischen Front auch die kulturelle nach seinen Werten ausrichtet.

Für die Kaukasier, welche sich im 19. Jahrhundert unter russische Schutzherrschaft gestellt hatten, und die bis auf die von Saudi Arabien finanzierten Dschihadisten auch heute noch für eine Zugehörigkeit zum finanzstarken Mutterland im Norden einstehen, war der multikulturelle Charakter von Olympia ein Spiegel ihrer selbst. Die Region, in welcher mit über 60 Sprachen und mindestens ebenso viel Ethnien die höchste ethno-linguistische Vielfalt der Welt zu finden ist, war begeistert von dem bunten Treiben mit Sportlern und Fans aus aller Welt. Die Fröhlichkeit des internationalen Wintersportzirkus ist eben der Mehrheit der Bevölkerung näher, als Burka und Dschihad. Die mohammedanischen Lehren haben der nach Bildung und Wohlstand strebenden Generation Facebook mit ihrem selbstbestimmten Frauenbild auch im Kaukasus kaum noch etwas entgegenzusetzen. Putin hat der Welt vorgemacht, wie man auch mit radikalen salafistischen Geschichtsverdrehern umgehen kann, und das ohne Waffen zu nutzen.

Krim-Krise

Ursprünglich von turkstämmigen Krimtataren besiedelt, beendete die russische Zarin Katharina II. im Jahr 1783 den Bürgerkrieg zwischen den Stammesfürsten und stellte das ohnehin schon von Russland abhängige Gebiet der Krim unter ihre Kontrolle. Neben der Krim veranlasste die Herrscherin, welche durch ihre Expansionspolitik ihren Beinamen „die Große“ erhielt, die russische Besiedlung der seinerzeit noch unbewohnten Gebiete der heutigen süd-östlichen Ukraine.

Für die russophilen Bewohner der Ostukraine mögen die Ereignisse der jüngsten Geschichte wie ein schlechtes Déjà-vu erscheinen. Bereits 2004 war der von ihnen gewählte Präsident Viktor Janukovitsch durch die „Orangene Revolution“ abgesetzt worden. Nach einigen gescheiterten aber auch einigen erfolgreichen Umstürzen, wie der „Rosen Revolution“ in Georgien oder der „Tulpen Revolution“ in Kirgisien, haben die vom westlichen NGOs bezahlten Berufsdemonstranten ihren Weg wieder in die Ukraine gefunden. Genauso vorhersehbar, wie die mit Hilfe westlicher Dollarmillionen initiierten Massenproteste der Klitschko-Bewegung, war jedoch die Reaktion der Wählerschaft des pro-russischen Wahlsiegers. Ein zweites Mal den durch demokratische Wahlen legitimierten Präsidenten abzusetzen, war für viele Ost-Ukrainer zu viel des Guten.

Als sich dann auch noch der vermeintliche Medienliebling Timoschenko, das für viele Ukrainer eigentliche Sinnbild des korrupten Oligarchensystems zu Wort meldete und ans Tageslicht kam, dass die Täter der Todesschüsse auf dem Maidan aus den Reihen der Opposition selbst stammten, wurde der starke Bruder im Osten zu Hilfe gebeten. Wer die Ukraine und Russland die letzten Jahre besucht hat, dem wird der Unterschied der sinkenden bzw. steigenden Lebensqualität nicht verborgen geblieben sein. Während auf russischer Seite die meisten Menschen einen deutlichen Wohlstandsgewinn gegenüber Sowjetzeiten wahrnehmen, ist die Ukraine durch Misswirtschaft und Korruption sichtbar verarmt. Die Hinwendung zum Mutterland ist nicht nur dem Charisma des russischen Präsidenten geschuldet, es dürfte sich primär durchaus um wirtschaftliche Interessen handeln.

Die Krim hingegen ist sowohl für die NATO als auch für Russland ein nicht zu unterschätzender geostrategischer Standort. Die Marinebasis der russischen Schwarzmeerflotte sichert der Russischen Föderation die militärische Kontrolle über den Zugang zum eurasischen Kernland, welche die Vertriebswege russischer Rohstoffe, allen voran Erdgas, einschließt. Dass die beabsichtigte Osterweiterung der EU und NATO in die Ukraine auf russischen Widerstand stoßen würde, war vorhersehbar, dass Russland die Krim notfalls militärisch verteidigen würde, auch.

Fazit

Putin hat bereits mehrmals deutlich gemacht, dass er eine Islamisierung wie in Europa in Russland nicht hinnehmen werde, und bereit ist die russischen Werte zu verteidigen. Der Kreml beobachtet die schleichenden Re-Islamisierung des öffentlichen Lebens unter Ministerpräsident Tayyip Erdogan, welcher am wachsenden Einfluss von arabischen Geistlichen sowie von türkischen Kaufleuten, Besuchern und Bauunternehmern sichtbar wird, äußerst kritisch. Der Schulterschluss der wachsenden Minderheit der Tataren zur Türkei weckt in Russland Erinnerungen an die Kriege mit dem Osmanischen Reich, einen Konflikt, welchen man im Kreml möglichst vermeiden möchte.

Die Analyse und Berichterstattung über Russland erfolgt meist vom westlichen Standpunkt aus, oft mit erhobenem Zeigefinger und noch öfters mit der Annahme, dass unser mittelbares Demokratiemodell das richtige für Russland sein muss. Im Zweiten Weltkrieg hatte Russland die meisten Opfer zu beklagen, eigentlich ein Grund, weshalb sich Deutschland mit seiner Kritik etwas in Zurückhaltung üben sollte. Doch die Erinnerungen an die jüngste „smutnaja vremja“ (unruhige Zeit) sind den meisten Russen noch sehr bewusst; das Land geht ungeachtet des Feuerwerkes der Kritik westlicher Politiker und Medien seinen eigenen Weg, wie die jüngste Geschichte in Syrien, im Kaukasus und auf der Krim zeigt.

Syrien hat bereits gezeigt, dass Russland bei der Lösung von Konflikten nicht übergangen werden kann. Die Ignoranz der Position Russlands während der Krise in der Ukraine hat Putin letztlich in die Hände gespielt. Im Gegensatz zum Westen verfügt er über die Mittel und die Macht, die russischen Interessen und Werte im russischen Einflussgebiet zu verteidigen. Das ist im Übrigen keine neue Position. Bereits die Herrscher, welche Russland in seiner Entwicklung nachhaltig beeinflusst haben, hatten es verstanden einen Konsens zwischen dem Einfluss westlicher Innovation und der russischen Seele zu finden. Nach den Zaren Peter und Katharina der Großen, wird Putin wohl als nächster großer Herrscher in die russische Geschichte eingehen, ob es dem Westen passt oder nicht.

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