Herr Janich erklärt die Welt

24. März 2014 2

Die ukrainische Revolution, die Krim-Krise und vorgeblich Libertäre

Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt - BildN Sigismund von Dobschütz

Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt – Bild: Sigismund von Dobschütz (CC-Lizenz)

Seit einiger Zeit taucht eine besondere Spezies unter den Liberalen und Libertären auf, die vorgibt, der einzige konsequente Vorkämpfer und Sachwalter der Freiheit zu sein. Indem sie alle anderen Strömungen des Liberalismus zu diskreditieren und zu delegitimieren sucht und schnellstens auf den Müllhaufen der Geschichte befördern möchte, erhebt sie einen Alleinvertretungsanspruch auf Weltdeutung und politische Führung. Ein wahrhaft größenwahnsinniges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass es sich nur um eine Handvoll unbedeutender Individuen handelt. Und eine Anmaßung sondergleichen, wenn man sich ihre dürftigen theoretischen Ergüsse und intellektuellen Ausdünstungen vor Augen und Nase führt.

Wer ist Janich?

Zu dieser Spezies gehört Oliver Janich, seines Zeichens Journalist und Publizist und Gründer der libertären Gruppe Partei der Vernunft, die ihn mittlerweile von sämtlichen Führungspositionen entfernt hat. Die aktuelle internationale Lage, sprich der Ukraine-Konflikt, gibt uns Gelegenheit, die theoretische Qualität und die konkrete politische Wirkung dieser konsequentesten aller konsequenten Libertären zu  überprüfen und zu beurteilen. Zumal uns Janich den Anlass dazu mit seinem beim Kopp Verlag publizierten Aufsatz Krim-Krise: Der amerikanische Imperialismus selbst liefert.

Typisch für ihn, wie auch für die anderen seiner Zunft, samt Janichs geistigen Vater Hans-Hermann Hoppe, ist die Unfähigkeit die konkrete Realität zu erfassen. Ich bitte um Entschuldigung für diese dämliche Tautologie – die Realität ist immer konkret. Aber gerade das verstehen Janich und Co. nicht. Unfähig von den abstrakten Höhen ihrer dürftigen und sterilen Metaphern in die Welt der realen Fakten und realen Kausalitäten herunterzusteigen, gerät ihnen die politische Analyse bestenfalls zum Pfusch. Meistens jedoch besteht ihre Beschreibung der realen Welt aus einem Wust diverser Verschwörungen, die in ihrer Gesamtheit eine einzige globale Totalverschwörung ergeben, an deren Ende eine Neue Weltordnung steht.

Titel und Thema

Zunächst aber eine Bemerkung zum Titel und Inhalt des Textes, der geradezu schulbuchmäßig die ganze Konfusion und Widersprüchlichkeit dieser neuen selbsternannten Avantgarde der Menschheit dokumentiert. Der Inhalt hält nicht, was der Titel verspricht: Über die Krim-Krise und ihre Ursachen erfährt man nichts, über den „amerikanischen Imperialismus“ auch nichts, der Autor schreibt hauptsächlich über den Antiamerikanismus bzw. sein Verhältnis zu Amerika und den Amerikanern. Darauf gehe ich nicht ein, das Verhältnis Janich-USA ist irrelevant. Relevanter ist die Weltsicht, die Janich in seinem Text verbreitet und für Libertarismus ausgibt.

Janichs Welt

Die Welt in der Janich’schen Wahrnehmung sieht so aus:

Keine Regierung der Welt vertritt die Interessen ihrer Bevölkerung, weder die amerikanische noch die russische, die deutsche, die israelische, die palästinensische oder die ‚europäische‘. Das ist die Lehre des Libertarismus und folgt ganz einfach logisch aus dem Eigennutzkalkül der handelnden Personen.“

Dass das die Lehre des Libertarismus sein soll, ist besonders erheiternd. Das ist keineswegs die Lehre des Libertarismus, höchstens die Lehre von Hoppe und die seines Hofsängers Janich. Zu mehr reicht es intellektuell wohl nicht. Hier stehen, wie überhaupt insgesamt auch in diesem Fall, Anspruch und Wirklichkeit in einem krassen Missverhältnis zueinander. Der gleiche Janich, der einen Satz später den allermeisten Menschen Mangel an Gehirnmasse attestiert, ist offensichtlich völlig unwissend bezüglich des Umfangs, Inhalts und Tiefe der politischen Literatur des Liberalismus/Libertarismus.

Wie Staaten funktionieren erfahren wir auch:

Der Trick dieser Regierungen, ihrer Agenten und unzähliger nützlicher Idioten, die es mangels Gehirnmasse nicht besser wissen, ist es daher, jede Kritik an ihnen als ‚unpatriotisch‘ oder eben anti-xy darzustellen.“

Hier erreicht der ebenso rabiate, wie infantile Primitivismus des „einzig wahren“ Libertarismus einen seiner beklagenswerten Höhepunkte. Das mag so sein im Hoppe-Janich‘schen Paralleluniversum oder in den künftigen „privatrechtlichen“ anarchistisch-paradiesischen Dorfgemeinden, von denen Janich und Hoppe träumen. Mit der realen Welt, mit den komplexen Strukturen von Gesellschaften und Staaten dieser Welt hat es gar nichts zu tun. Hier malt sich ein Gehirn, das offensichtlich nur zu intellektuellen Minderleistungen fähig ist, die Welt nach seinem eigenen Muster.

Andere Banden

Seinem geistigen Mentor folgend, definiert Janich einige Abschnitte weiter den Staat als Gaunerbande. Jeder Staat ist gleichermaßen eine Gaunerbande. Wenn wir uns auf diese kindische Metaphorik einlassen, dann müssen wir entgegnen: das ist falsch. Es gibt zwar Banden, die aus Gaunern bestehen. Es gibt jedoch noch andere Banden: Jene, die aus Räubern bestehen, und jene, die sich aus Mördern zusammensetzen. Die Unterschiede sind durchaus praktisch und konkret. Der Gauner betrügt dich um dein Geld, der Räuber raubt dir das Eigentum und der Mörder schneidet dir die Gurgel durch. So wie es unterschiedliche Banden, mit unterschiedlichen Gefährlichkeitsgraden für Mensch und Eigentum gibt, so gibt es auch unterschiedliche Staaten.

Staaten werden von der nichtinfantilen, seriösen und wissenschaftlichen Politologie klassifiziert entsprechend der Macht, die sie gegenüber der Gesellschaft aufweisen. In der Politikwissenschaft entspricht die Gaunerbande der infantilen Metaphorik der Demokratie mit ihren diversen Subtypen, der Räuberbande entspricht der autoritäre Staat, vulgo Diktatur, der Mörderbande der totalitäre Staat. Der normale Mensch, ohne „Gehirnmasse“ in Janichs Terminologie, weiß sehr gut um die gravierenden Unterschiede dieser Staats- und Gesellschaftsordnungen – er stimmt dort, wo man ihm verwehrt „Gauner“ zu wählen, mit den Füßen ab und flieht in die Länder in denen „Gauner“ herrschen. Kein Zufall ist es, dass ausgerechnet in diesen Ländern sein Leben sicherer und der Wohlstand höher ist. Wohlstandsverwöhnte Kinder der „Gauner“-Länder verstehen das nicht. Es ist gleichermaßen traurig wie auch höchst ärgerlich dies „Libertären“ sagen zu müssen – früher, vor der Wende und dem Mauerfall, hat man das den Kommunisten und ihren linken und halblinken Sympathisanten gesagt. Die Zeiten ändern sich, die Anmaßung der Idiotie bleibt.

Zurück zur demokratischen „Gaunerbande“, die, wie bekannt, in der Realität behaftet ist mit den institutionellen Merkmalen des Privateigentums, der Menschenrechte, der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung, die mit einem Wort eine ziemlich offene und freie Gesellschaft ist, in der die Menschen in Wohlstand leben. Dass diese Gesellschaften von Staaten beherrscht werden, die man durchaus als Gaunerbanden beschreiben kann, ist unstrittig. Dass diese Gesellschaften massive degenerative Symptome aufweisen ist ebenso unstrittig. Und, dass die Demokratien von Interessengruppen und ihren politischen Klassen missbraucht und ausgebeutet werden können – und immer missbraucht und ausgebeutet wurden – wusste man schon immer.

All dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die „Gauner“ nur innerhalb eines bestimmten institutionalisierten Rahmens, innerhalb eines bestimmten Systems agieren können, das sie zwar durch ihre Gaunereien fortgesetzt unterminieren und ruinieren. Das System zwingt sie aber nicht nur, sich wie Gauner zu verhalten, das heißt sich Vorteile und Privilegien durch Betrug, Täuschung, Erschleichung, Manipulation usw. zu verschaffen. Das System zwingt sie auch, dieses System im Notfall zu verteidigen („Eigennutzkalkül der handelnden Personen“) oder es unter günstigen Umständen expandieren zu lassen.

Es ist ein System, das zum erheblichen Teil immer noch auf dem Privateigentum beruht, in dem immer noch die Freiheits- und Menschenrechte gelten und in dem der allergrößte Teil des Reichtums in Marktverhältnissen erwirtschaftet wird. Deshalb, des liberalen Erbes und der liberalen Errungenschaften wegen, sind die demokratischen Systeme erfolgreicher und attraktiver als alle anderen. Die degenerierteste marktwirtschaftliche Demokratie ist immer noch besser als die erfolgreichste Diktatur. Das lässt die normalen Menschen mit den Füßen abstimmen. Die Leute fliehen aus der Diktatur entweder ins Ausland… oder sie laufen zum Majdan, um einen Räuber zu stürzen und zu verhaften. Wir wären somit beim eigentlichen Thema des Janich‘schen Textes angelangt.

Janichs Widersprüche

Die steril-abstrakte Metaphorik der Hoppe-Janich‘schen Begrifflichkeit erlaubt nicht, andere Wirklichkeiten als die der „Gaunerbanden“ zu erkennen. Janich schreibt: „Natürlich ist er (Putin) ein Gauner wie alle anderen. Es handelt sich um einen Wettbewerb der Obergauner. Wer jetzt da der schlimmste Gauner ist, sei dahingestellt.“

Sein dürftiger Begriffsapparat erlaubt Janich nicht, die Realität zu erfassen. Die politische Realität erscheint ihm wie ein einheitlicher Brei, in dem alles grau und neblig ist. Plötzlich jedoch fährt ein Lichtstrahl in Janichs Hirn: „Amerika ist das einzige Land, in dem Menschen für weniger Staat auf die Straße gehen.“

Ja wie denn das? Sind doch die USA eine Gaunerbande wie alle anderen auch. Nun erfahren wir, dass in Amerika die Leute auf die Straße gehen können und dazu noch, um für Janich oder für weniger bzw. andere Gauner zu demonstrieren. Ist das auch in Nordkorea denkbar und möglich? Können dort auch die Leute für Janich demonstrieren? Es gibt doch offensichtlich erhebliche Unterschiede zwischen den Staaten. Wenn dem so ist, dann existieren doch zwischen den USA und Nordkorea qualitative Unterschiede. Der durchaus praktische Unterschied zwischen einem demokratischen System („Gauner“) und einem totalitären („Mörder“) ist der, dass es im zweiten Falle weder einen Herrn Janich gäbe noch Demonstranten, die für ihn auf die Straße gingen. Herr Janich ist durch und durch ein Phänomen der dekadenten bürgerlichen Gesellschaft.

Die aufgezeigten Widersprüche sind typisch für die Hoppe-Janich‘sche-Zunft. Ihr ganzer „Libertarismus“ bedarf eigentlich keiner Widerlegung, man braucht nur zu warten, bis sich ihre Protagonisten in ihren eigenen Widersprüchen selber verfangen. Sie stolpern in ihrem kognitiven Nebel über ihre eigenen Füße.

„Analyse“ der „Krim-Krise“

Was älteren Lesern von Janichs Text sofort auffällt und übel aufstößt, ist die sattsam bekannte kommunistische (ja kommunistische!) Argumentationstechnik, besser gesagt die demagogischen Kniffe der Kommunisten:

Als Deutscher kann ich weder Herrn Putin noch die kommunistische Partei in China abwählen. Frau Merkel, die als Erfüllungsgehilfe der US-Regierung, genau gesagt der hinter ihr stehenden Finanzoligarchie, agiert, könnte man theoretisch schon abwählen. Es ist daher schlicht eine Frage der Prioritäten, sich auf die Fehler seiner eigenen Regierung zu konzentrieren.“

Bemerkenswert ist zunächst die Selbstdefinition Janichs als Deutscher. Liberale aller Zeiten und aller Länder verstanden sich immer zuerst als Kosmopoliten und Internationalisten. Sei’s drum. Janich erklärt, als Deutscher, könne er nicht Putin abwählen oder die KP Chinas. Nun, als Russe bzw. Chinese könnte dies Herr Janich auch nicht. Sei’s drum. Als Deutscher müsse er sich auf Frau Merkel konzentrieren. Diese Dame, abgesehen davon, dass sie wählbar und abwählbar ist (bemerkenswert), was man von Putin nicht sagen kann, ist „Erfüllungsgehilfe“ der US-Regierung und der im Hintergrund agierenden Finanzoligarchie. Das ist nun stalinistisch-nazistische Rhetorik reinsten Wassers. Und das mit der Priorität ist ein Trick, den kommunistische Agenten ihrer westlichen Klientel aus friedensbewegten und evangelischen Kreisen schon immer zugeflüstert hatten.

Wer eine Analyse einer revolutionären Situation (in der Ukraine) und eines internationalen Konflikts schon so beginnt, macht sich unglaubwürdig, und bringt sich in Verdacht. Welchen Verdacht? Dem Verdacht ein „nützlicher Idiot“ (im Sinne von Lenin und nicht von Janich) zu sein.

Neu ist, dass diese Methoden nicht mehr in klassisch kommunistischer Einflussumgebung erfolgen, sondern in einem „neuen“ Ambiente. Der Text erschien auf Kopp-Online. Es ist eine Plattform, auf der sich vorzugsweise Verschwörungsneurotiker (zu denen Janich selbst zählt), Esoteriker und Okkultisten, Geistheiler und Ufologen, Anhänger von Madame Blavatsky und Fans des Oberguru des Russofaschismus Alexander Dugin austoben, sowie auch gewöhnliche Auftragsschreiber der aktuellen Kremlherren.

Aus einem antagonistischen Konflikt zwischen Volk und Diktator, aus einem Systemkonflikt zwischen Demokratie und Freiheit auf der einen Seite und einem autoritär-dikatorischen System mit starker Tendenz zu Totalitarismus faschistischer Prägung (so der eh. Berater von Putin Illarionow) auf der anderen, wird ein Konflikt zweier „Gauner“, zu denen man auf Äquidistanz zu gehen hat. In Wirklichkeit ergreift man Partei für den Diktator und seine Schergen. In Wirklichkeit, Herr Janich, sind Sie kein Libertärer, Sie stehen heute auf der Seite Putins – vermutlich standen Sie auch schon in der Zeit der Wende auf seiner Seite. Herr Janich, ich weiß zwar nicht genau, wer und was Sie sind, auf jeden Fall sind Sie aber ein Antidemokrat, in Wirklichkeit bekämpfen Sie aktiv die Freiheit – die konkrete Freiheit, denn die Freiheit ist immer konkret. Und Sie sind nicht nur ein Feind des ukrainischen Volkes. Sie, als Unterstützer Putins, der 1:1 seine Propagandalügen verbreitet, sind auch ein aktiver Feind des russischen Volkes, das Putin in seiner Krim-Rede als „5. Kolonne“ bezeichnet hat.

Ein Liberaler/Libertärer, der eine demokratische Volkserhebung, eine demokratische Revolution nicht zu erkennen und identifizieren vermag, ist kein Liberaler oder Libertärer. Wer eine demokratische Revolution diffamiert und ihre Feinde unterstützt, ist ein Konterrevolutionär und Reaktionär. Ein Liberaler/Libertärer, der sich von einer Diktatur instrumentalisieren lässt oder gar eine Diktatur unterstützt, hat seinen Anspruch ein Liberaler/Libertärer zu sein verwirkt. Angesichts des Freiheitskampfes eines Volkes nicht zu wissen, auf welcher Seite der Barrikade man zu stehen hat, sich entweder „neutral“ zu enthalten oder sich gar auf die Seite der Schweinehunde zu stellen, bedeutet den schäbigsten Verrat zu begehen, den man überhaupt begehen kann. Freiheit? Majdan! Hier zeigt sich, wer ein wahrer Freiheitskämpfer ist.

„Hic Rhodus, hic salta“!

2 Comments »

  1. Neidhardt 28. März 2014 at 09:04 - Reply

    Du lieber Himmel, wie kann man dieses ganze Propagandagelüge nur so einfältig fest glauben. Man sollte sich den Text Peter Mokwas auf Wiedervorlage legen, in ein paar Monaten oder Jahren hat man dann etwas, worüber man sich amüsieren kann.

  2. Anonymous 6. Januar 2016 at 16:37 - Reply

    Das eigentliche Problem an diesem Artikel (Mokwa) ist nicht die Meinung die er vertritt, sondern die Schreibart an sich. Obwohl er gebildet und informiert zu sein scheint (ich vermag das nicht zu beurteilen), ist sein Artikel nicht viel mehr als das runtermachen eines anderen. Ob dies angebracht wäre oder nicht, ist hier gar nicht die Frage.

    Es geht darum, dass wir von einem Artikel (der wissenschaftlich sein will) ein hohes Maß an Objektivität erwarten. Hier wechseln sich jedoch Subjektivität und Objektivität, nicht klar trennbar, voneinander ab.

    Ich bin zuerst auf diesen Artikel gestoßen und habe noch nichts von Janich gelesen. Ich kenne mich mit dem Thema nicht aus. Trotzdem werde ich, durch das hohe Maß an Subjektivität (besonders in Form von runtermachen Janichs) auf die Gegenseite gezogen – obwohl das Gegenteil die Absicht des Autors war.

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