Wohltätigkeit, Indoktrination, Verschleierungstaktik

22. März 2014 0

Rezension zu Petra Ramsauer: Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk.

Muslimbruder - Bild: Buchcover (Auszug), Copyright Molden Verlag

Muslimbruder – Bild: Buchcover (Auszug), Copyright Molden Verlag

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist eine Unmenge von deutschsprachigen Büchern zum Islam, seiner radikalen Auslegung und den sich ergebenden Gefahren erschienen. Um sich dem Phänomen Islam in seinen Facetten von Religion über allumfassende Ideologie bis hin zur Terrorlegitimation zu nähern, wählen die Autoren verschiedenste Zugänge und legen recht unterschiedliche Begriffe zugrunde. Das zeigt schon ein Blick auf neuere Buchtitel: Boualem Sansal spricht von „Islamismus“, Rauf Ceylan und Michael Kiefer sowie auch Ulrich Kraetzer sind auf „Salafismus“ spezialisiert, Berthold Löffler und Bruno Tellia schließen sich in ihrem Werk aus christlicher Perspektive der säkularen Position von Hartmut Krauss an, wonach man einfach von „Islam“ sprechen solle, da es Unterschiede zwischen „Islam“ und „Islamismus“ nicht gebe – eine Position die bspw. auch Manfred Kleine-Hartlage schon vor Jahren bezog.

Mit dem sogenannten Arabischen Frühling, wie die gewaltsamen Unruhen im Nahen Osten und Nordafrika euphemistisch bezeichnet werden, wurden viele Westler erstmals mit einem weiteren Begriff bzw. einem wesentlichen Akteur der Islamdebatte konfrontiert, der Muslimbruderschaft. Selbiger widmet sich nun die langjährige Nahost-Korrespondentin Petra Ramsauer in ihrem neuen Werk: Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk. Damit legt die Journalistin als Ergebnis von Reportagereisen und Interviews bereits ihr zweites Buch über die Umbrüche in der arabisch-islamischen Welt vor. „2011 war häufig davon die Rede, dass Islamisten die Revolution ‚gekidnappt‘ haben hätten“, schreibt Ramsauer. „Danach setzte sich die Hoffnung durch, dass die Demokratie die Islamisten kidnappen könnte.“ Doch diese blauäugige  Wankelmütigkeit bis unterwürfige Beschwichtigungstaktik des Westens zeigt eigentlich nur, dass den wenigsten klar ist, was genau sich hinter der Muslimbruderschaft verbirgt.

Im Jahr 1928 gründete der Lehrer Hassan al-Banna in Ägypten die Bewegung der Muslimbrüder. Aus einer Gruppe, die anfangs nur sechs Mitglieder zählte, wurde im Laufe von Jahrzehnten eine Organisation mit Millionen von Anhängern in der gesamten arabischen Welt und darüber hinaus. Heute ist sie die größte, einflussreichste Gruppe des sunnitischen politischen Islam mit einem global agierenden Netzwerk. Der sie antreibende Gedanken:  Die Ordnung von Politik und Gesellschaft solle auf den Fundamenten des Islam beruhen.

Al-Banna hatte einen exakten Plan vorgegeben. Er teilte den Weg zum islamischen Staat in drei Phasen: die Phase der Propaganda, die Phase des Aufbaus der Organisation, der dann die Phase der Verwirklichung des Projekts folgt. Und diese Phase der ‚Machtergreifung‘ wurde als jener Moment empfunden, in dem die Utopie der Bewegung Realität werden sollte. Denn an dieser zentralen Botschaft haben die Vertreter der Bruderschaft in ihrer acht Jahrzehnte langen Geschichte niemals gerüttelt. Und das Verhalten der politischen Führungsspitze in Ägypten legte in vielen Fällen keineswegs nahe, dass sich daran etwas geändert haben könnte.“

Werden Muslimbrüder inquisitorisch gegen Andersdenkende vorgehen, wenn sie unanfechtbar an der Macht sind? Oder werden sie, wie westliche Optimisten in Bezug auf Tunesien gern prognostizieren, einen Weg zur Vereinbarkeit von Islam und Demokratie ebnen? Wer vom Ramsauers Buch hier klare Antworten erwartet, wird an dieser Stelle leicht enttäuscht. In Gesprächen mit Vertretern der Bruderschaft konnte die Autorin weder eine definitive Absage an demokratische Grundsätze noch eine ebenso klare Abgrenzung gegenüber einer wörtlichen Auslegung des islamischen Rechts ausmachen. Dies schafft einen breiten Auslegungsspielraum, sowohl für Anhänger wie auch für Gegner der Muslimbrüder.

Deutlich klarer vermag die Autorin das Erfolgskonzept der Bewegung zur Einflussgewinnung darstellen: Die Muslimbruderschaft lebt offensive Wohltätigkeit, kombiniert mit zur Schau gestellter Religiosität, betont Ramsauer. Dieses System garantiere eine tiefe Verankerung in der Gesellschaft, die der Grund für die Wahlerfolge im Zuge des Arabischen Frühlings gewesen ist und auch für die Einflussperspektiven in anderen Staaten bedeutsam sei:

Gruppen in 79 Ländern haben mittlerweile – wie Franchise-Unternehmen – die Ideologie und die Organisationsform der Bewegung des Mutterlands Ägypten übernommen. Die palästinensische Hamas zählt dazu, genauso wie Vereine, die in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder in den USA aktiv sind.“

Das Buch fasst zunächst die aktuellen Entwicklungen nach dem Arabischen Frühling zusammen, die anschließend in Bezug zur Geschichte dieser Bewegung gesetzt werden. Hinsichtlich Ägyptens, wo die Muslimbruderschaft nach jahrzehntelanger Unterdrückung von 2012 bis 2013 den Präsidenten stellte, bilanziert die Autorin entsprechend:

Mit dem gewaltsamen Ende ihrer 18-monatigen Herrschaft wurde diese Gruppe wieder in ihren bewährten Betriebsmodus katapultiert: jenen der Oppositionsbewegung, die im Untergrund operiert. […] Die Prognose scheint berechtigt, dass nun ein Kapitel, aber nicht die Geschichte der Muslimbruderschaft endet.“

Im weiteren Verlauf analysiert die Autorin die Entwicklungen in Libyen in einem eigenen, ausführlichen Kapitel besonders gründlich. Die Wahl fiel auf dieses Land, „weil der enorme Ressourcen-Reichtum des Landes nach einer etwaigen Machtübernahme durch die Muslimbruderschaft eine tektonische Verschiebung ihrer Bedeutung nach sich ziehen würde.“ Im hinteren Teil des Buches wird der Einfluss dieser Bewegung in den westlichen Ländern unter die Lupe genommen, wobei die Autorin in Bezug auf den deutschsprachigen Raum besonders die vom Verfassungsschutz beobachtete Islamische Gemeinschaft Milli Görüș (IGMG) thematisiert, deren Aktivitäten alles andere als integrationsfördernd sind.

Nachdenklich stimmt die Autorin den Leser dadurch, dass sie die Ambivalenz aufzeigt, durch die der Umgang des Westens mit der Muslimbruderschaft noch vor nicht allzu langer Zeit geprägt gewesen ist: Immer wieder wurden Allianzen zwischen Regierungen und der Gruppe geschlossen, um mit ihren Vereinen „gegen die Radikalisierung der Islamisten“ zu kämpfen. Erst recht spät wurden diese Kooperationen seitens der europäischen Länder wieder zurückgenommen, weil doppeltes Spiel vermutet wurde: „Dieser Verdacht speiste sich immer wieder daraus, dass eben auch Gruppen wie die Hamas und nicht bloß Suppenküchen und Erwachsenenbildungsstätten zur Bruderschaft zählen.“

Wie überfällig ein solch kompetentes Sachbuch wie jenes von Ramsauer ist, zeigt sich nach wie vor anhand der USA, deren ungeklärten Umgang mit der Muslimbruderschaft die Autorin offenlegt: Während der führende Republikaner Newt Gingrich mit guten Argumenten die Muslimbrüder als „Todfeind unserer Zivilisation“ bezeichnete, sieht der einflussreiche Historiker Juan Cole diese Bewegung nach wie vor als Stützpunkt für eine Kooperation mit der arabischen Welt, ja sogar als „einzige Chance, eine sinnvolle Außenpolitik aufzubauen“.

Es ist das Verdienst Petra Ramsauers, auf rund 200 Seiten zu entlarven, mit welchen Verschleierungstaktiken die Muslimbruderschaft (mal mehr, mal weniger erfolgreich) in ihren globalen Netzwerken agiert. Insbesondere zum Buch von Boalem Sansal, welches thematisch ähnliche Ansprüche erhebt, jedoch an fehlenden Belegen und mangelnden Kausalitäten schwächelt, ist Ramsauers Werk die ideale Alternative. Es bleibt zu hoffen, dass die Recherche- und Analyseleistungen Ramsauers wirksamen Einzug in die westliche Islamdebatte finden werden.

Petra Ramsauer (2014): Muslimbrüder. Ihre geheime Strategie. Ihr globales Netzwerk. Wien: Molden Verlag, 208 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

Leave A Response »