Gewalt gegen Polizisten

und 16. März 2014 0

Erkenntnisse aus der NRW‐Studie zur erlebten Gewalt gegen Polizeibeamte, die psychischen Folgen und mangelnden Rückhalt in Justiz und Politik

Polizisten nach Farbbeutelattacke auf linksextremer Demontration - Bild: KDH

Polizisten nach Farbbeutelattacke auf linksextremer Demontration – Bild: KDH

Polizisten werden nicht nur bei Demonstrationen von Neonazis, Linksextremisten oder Salafisten verletzt. Auch im Alltag kommt es regelmäßig zu gewalttätigen Übergriffen auf die Beamten. So beklagen die Polizeigewerkschaften eine seit Jahren steigende Gewaltbereitschaft gegenüber den Einsatzkräften (aktuell: GdP NRW am 13. März 2014). Doch Sozialwissenschaftler wie der Hamburger Kriminologe Rafael Behr meinen, die Gewerkschaften sollten endlich mit dem „Jammern“ aufhören. Tatsächlich habe sich lediglich die Wahrnehmung von Gewalt verändert und nicht die Zahl der Übergriffe. Auch Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) geht langfristig von einer Abnahme der Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten aus, weil die Gesellschaft infolge des demographischen Wandels immer älter wird.

Um steigende oder abnehmende Gewalt gegenüber Polizeibeamten belegen zu können, bedürfte es systematischer Längsschnitterhebungen. Da aber selbst bei den Strafverfolgungsstatistiken und Verfassungsschutzberichten uneinheitliche Methoden zu Anwendung kommen, die darüber hinaus subjektiven und politischen Wertungen unterliegen, ist es eher unwahrscheinlich in naher Zukunft aussagekräftige Studien zu erhalten. Ob es überhaupt möglich ist, die Gewaltbereitschaft des polizeilichen Gegenübers adäquat zu messen, ist ohnehin fraglich. Denn zu viele Faktoren wie beispielsweise die Anzeigebereitschaft nehmen Einfluss auf das Ergebnis.

Tätliche Übergriffe auf Polizisten

Die kürzlich vorgestellte NRW-Studie – Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erlaubt allerdings eine breit angelegte Momentaufnahme und zugleich einen tiefen Einblick in die subjektiven Gewalterfahrungen von Polizisten. Die am Institut für Psychologie der Kieler Christian-Albrechts‐Universität erstellte Studie glänzt durch ein hohes Maß an Repräsentativität: Zum einen nahm mit 18.443 Vollzugsbeamten nahezu jeder zweite in Nordrhein-Westfalen tätige Polizist teil. Zum anderen wiesen mehr als die Hälfte der Befragten zwischen 20 und 39 Dienstjahre und somit eine große Erfahrung auf.

Insgesamt erlebten 43 Prozent der befragten Polizisten mindestens einen tätlichen Angriff im Jahr 2011. Von den Beamten, die im Rahmen ihrer Tätigkeit tatsächlich mit Bürgern in Kontakt kamen, berichtete sogar mehr als die Hälfte (54 %) von wenigstens einem tätlichen Angriff. Einen nicht-tätlichen Angriff erlebten sogar 80 Prozent der Befragten. Im Durchschnitt gab jeder Beamte mit Bürgerkontakt an, im Jahr 2011 2,3 tätlichen Angriffen und 13,7 nicht-tätlichen Angriffen ausgesetzt gewesen zu sein. Diese Rate war besonders hoch (75-85 %)  für die Bereiche Polizeigewahrsamsdienst, Hundeführerstaffel, Bereitschaftspolizei, Wachdienst und Einsatztrupps.

Von dem berichteten Ereignis (jeweils nur eines als Referenz) erfüllten 85 Prozent den Straftatbestand Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, 59 Prozent waren Körperverletzungen, 25 Prozent gefährliche Körperverletzungen, 16 Prozent galten als Nötigung und 13 Prozent als Landfriedensbruch.

Die Beamten hatten zusätzlich die Möglichkeit, sich in einem Freitext zu den Merkmalen der Angreifer zu äußern. Hier wurde häufig auf einen Migrationshintergrund der Täter hingewiesen. Auch machten die Befragten mehrfach Aussagen zum herabwürdigenden Umgang der migrantischen Angreifer gegenüber weiblichen Beamten im Besonderen und einer mangelnden Anerkennung polizeilicher Autorität sowie einem pauschalen Vorwurf rassistischer Vorgehensweisen im Allgemeinen. Dass es sich bei Angreifern häufig um junge Menschen handelt, wurde ebenfalls thematisiert – genauso wie eine als zunehmend empfundene Respektlosigkeit gegenüber den Beamten.

Folgen von Angriffen

In der Folge auf die berichteten Angriffe stellen 58 Prozent der Befragten einen Strafantrag. Jeder vierte (24 %) hielt das jedoch für unnötig, weitere 18 Prozent begründeten ihre Inaktivität mit der Erfahrung, dass die Verfahren sowieso eingestellt würden und der daraus resultierenden Resignation, aber auch mit dem bürokratischen Aufwand. Diese Resignation bzw. das Nicht-Stellen des Strafantrages auf Grund fehlender Erfolgsaussichten fand sich sogar bei fast jedem Zweiten, der eine Körperverletzung oder gefährliche Körperverletzung erlitt. In diesem Zusammenhang gaben mehrere Befragte an, eine mangelnde Unterstützung der Behörden bei Angriffen zu erleben. Dies empfanden sie insbesondere in Bezug die Strafverfolgung der Täter, d. h. dass Täter aus ihrer Sicht zu mild oder zu spät bestraft oder die Verfahren sogar eingestellt wurden.  Auch „ein fehlender Rückhalt und eine mangelnde Würdigung der Gefährlichkeit polizeilicher Arbeit durch die Politik“ wurde von einigen Befragten bemängelt.

Nahezu ein Viertel der Beamten (23 %) musste nach einen tätlichen Angriff ambulant oder stationär ärztlich versorgt werden, rund zehn Prozent waren anschließend für durchschnittlich 18 Tage arbeitsunfähig. Zwei Prozent trugen eine dauerhafte körperliche Beeinträchtigung durch dieses Ereignis davon.

Allerdings nahmen nur drei Prozent derjenigen, die von einem Angriff betroffen waren, danach ein Betreuungs- oder Beratungsangebot ihrer Behörde in Anspruch. Die meisten anderen sahen in ihrem Fall entweder keinen Bedarf für ein solches Angebot oder verarbeiteten das Ereignis in ihrem Familienkreis. Dennoch berichtet ein nicht unerheblicher Teil der Befragten, die tätlich angegriffen wurden, von einer erhöhten Wachsamkeit (23 %), erhöhter Reizbarkeit (20 %) oder Schlafstörungen (17 %) als Folge der erlebten Belastung.

Mehr Unterstützung für Polizisten

In ihren abschließenden Handlungsempfehlungen raten die Psychologen der Kieler Universität dazu, mehr psychologische Fachkräfte zur Betreuung der Polizisten einzusetzen und die Bekanntheit entsprechender Betreuungs- bzw. Beratungsangebote zu steigern. Auch sollte dringend an der Unterstützung der Polizeibeamten seitens der Vorgesetzten, der Behörden, der Justiz und der Politik gearbeitet werden – insbesondere bei der Bearbeitung von Strafanträgen.

Janine Jager, Thimna Klatt, Thomas Bliesener (2013): NRW‐Studie: Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte. Die subjektive Sichtweise zur Betreuung und Fürsorge, Aus‐ und Fortbildung, Einsatznachbereitung, Belastung und Ausstattung. Institut für Psychologie. Christian‐Albrechts‐Universität zu Kiel. Abschlussbericht online verfügbar als PDF.

Von den 18.443 Befragten waren 82 Prozent männlich, die meisten zwischen 40 und 59 Jahre alt. Nahezu jeder zweite Befragte war in einem Präsidium angestellt, die anderen in div. anderen Behörden. Insgesamt hatten 80 Prozent der teilnehmenden Beamten überhaupt Bürgerkontakt. Abgefragt wurden verschiedene Themenbereiche in Bezug zu einem oder mehreren erlebten Angriff(en) im vergangenen Jahr (Erhebungszeitpunkt war Frühjahr 2012).

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