Blind auf dem linken Auge?

13. März 2014 3

Rezension zu Armin Pfahl-Traughber: Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme

Aufkleber der linksextremen Antifa in Erfurt - Bild: Felix Strüning

Aufkleber der linksextremen Antifa in Erfurt – Bild: Felix Strüning

In Zeiten des hyperaktiven Kampfes „gegen rechts“ haben Bücher über Linksextremismus keinen leichten Stand. Dennoch sind zu Jahresbeginn gleich zwei bemerkenswerte Titel zum Thema erschienen: In Deutschland, einig Antifa? beleuchtet Bettina Blank speziell den Antifaschismus als Agitationsfeld von Linksextremisten. Der Redakteur des Humanistischen Pressedienstes (hpd) Armin Pfahl-Traughber geht das Thema unter dem Titel Linksextremismus in Deutschland hingegen viel grundlegender an und verspricht seinem Leser eine Gesamtdarstellung des politischen Lagers.

Anfang der 1990er Jahre führten fremdenfeindliche Gewalttaten im gerade wiedervereinigten Deutschland – völlig nachvollziehbar – zur erhöhten Aufmerksamkeit für den Rechtsextremismus. Nachvollziehbar auch deshalb, weil dezidiert fremdenfeindliche Parteien zugleich gelegentliche Wahlerfolge erzielen konnten. Durch die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington verstärkte sich der Blick auf den Islamismus als weitere Extremismusform. Doch hinsichtlich anderer Formen anti-demokratischer Bestrebungen unterblieb eine öffentliche Diskussion weitestegehnd. Genau hier setzt das Buch von Pfahl-Traughber an, der in der Einleitung konstatiert:

Da sich an der Fixierung auf diese beiden Extremismusbereiche auch seit Beginn der 2010er Jahre nichts geändert hat, kann man die Frage stellen: Wie angemessen ist daher eine Einführung und Gesamtdarstellung des Linksextremismus? Angesichts des Fehlens einer einschlägigen Publikation zum Thema erklärt sich allein schon dadurch die Notwendigkeit eines solchen Werkes. Und: Der Blick auf eher gefährlichere Bestrebungen in den beiden genannten Extremismusbereichen darf eben nicht zur Ignoranz gegenüber den Entwicklungen im Linksextremismus führen.“

Der Autor beginnt mit einer kompakten, erfreulich übersichtlichen Darstellung des bisherigen Forschungstandes, wobei er transparent zwischen parteipolitischem, subkulturellem, terroristischem und gesellschaftlichem Linksextremismus differenziert. Mit letzterem ist vor allem die Akzeptanz einschlägiger Einstellungen und Mentalitäten in der Bevölkerung gemeint: „Sie bilden eine Art Resonanzboden für das Agieren der angesprochenen politischen Akteure, die darin auch ein mögliches Mobilisierungspotential erblicken.“

Auf die Einleitung folgt eine gründliche und sachlogisch aufgebaute Beschäftigung mit der Definition des Linksextremismus. Bevor dieser im engeren Sinne abgegrenzt wird, liefert Pfahl-Traughber noch grundlegende Erörterungen zur allgemeinen Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“. Eine demokratische und eine extremistische „Linke“ können in Deutungsmustern, Idealen und Utopien durchaus Gemeinsamkeiten haben, stellt der Autor klar. Ihre grundlegende Differenz ergebe sich aus der Antwort auf die Frage, ob sie auf dem Weg zu deren Umsetzung den Pluralismus und die Rechtsstaatlichkeit zur Disposition stellen wollen oder nicht:

Bilanzierend kann Linksextremismus somit wie folgt definiert werden: Es handelt sich dabei um eine Sammelbezeichnung für alle politischen Auffassungen und Bestrebungen, die im Namen der Forderung nach einer von sozialer Gleichheit geprägten Gesellschaftsordnung die Normen und Regeln eines modernen demokratischen Verfassungsstaates ablehnen.“

Die folgenden Kapitel widmen sich zunächst dem Marxismus als ältester ideologischer Grundlage des Linksextremismus und dann dem Leninismus, Stalinismus, Trotzkismus, Maoismus und Luxemburgismus als neueren Grundlagen. In der heutigen Öffentlichkeit, gefördert auch durch einseitigen Geschichtsunterricht in Schulen, wird Rosa Luxemburg weitgehend mit ihrem bekanntesten Zitat verbunden, wonach Freiheit „immer die Freiheit des Andersdenkenden sei“. Eine besonders aufgeweckte Stelle in Pfahl-Traughbers Buch stellt sich dieser weit verbreiteten Verherrlichung Rosa Luxemburgs entgegen:

Mangelte es den Arbeitern aus ihrer Sicht am ‚richtigen Bewusstsein‘, so akzeptierte Luxemburg auch nicht deren Mehrheitswillen. Als Belege dafür stehen ihre Auffassungen zur Bejahung der Einberufung einer Nationalversammlung in Deutschland oder zu den Volksabstimmungen über die Zugehörigkeit zu Sowjetrussland in Randgebieten. Luxemburg trat daher bilanzierend betrachtet keineswegs für die gleiche Freiheit auch von nicht-sozialistischen Auffassungen ein. Mit der Gleichsetzung von ‚Diktatur des Proletariats‘ und ‚wahrer Demokratie‘ ging es ihr gerade um deren Unterdrückung. An einem derart kritischen Luxemburg-Bild mangelt es gleichwohl in Öffentlichkeit und Wissenschaft.“

Anschließend wendet sich Pfahl-Traughber dem Anarchismus als weiterer ideologischer Grundlage des Linksextremismus zu, bevor das sechste Kapitel historisch auf die KPD schaut, von der Entstehungs- und Gründungsphase bis zum Parteiverbot. Die sich anschließenden drei Abschnitte beschäftigen sich jeweils mit den Parteien DKP, MLPD und Die Linke. Bezüglich letzterer legt Pfahl-Traughber eine erfreuliche Ausgewogenheit an den Tag, Argumente für wie auch gegen eine Einschätzung als linksextremistisch werden vorgestellt, überprüft und in eine bilanzierende Einschätzung überführt. Der organisationspolitische Linksextremismus von Avanti über Rote Hilfe bis zu den Trotzkisten steht im Fokus von Kapitel zehn, bevor Autonome als Repräsentanten des subkulturellen Linksextremismus behandelt werden. Die beiden sich anschließenden Kapitel stehen im Zeichen terroristischerAusprägungen der RAF sowie der Bewegung 2. Juni und RZ.

Insgesamt zehn Handlungsfelder von Linksextremisten werden in Kapitel 14 vorgestellt, z. B. Antiimperialismus, Antikapitalismus und – natürlich – Antifaschismus. Dass dieses schwergewichtige Handlungsfeld bei Pahl-Traughber nur relativ wenig Raum einnimmt, erscheint etwas befremdlich. „Trotz oder gerade wegen seiner Uneindeutigkeit ist der ‚Antifaschismus‘ wie kaum ein anderes Thema geeignet, wohlmeinende Demokraten für eine vordergründig gute Sache zu gewinnen“, so die alarmierende, aber vollkommen richtige Einschätzung Blanks in ihrem Werk zum Thema – das sich an dieser Stelle als hervorragende Ergänzung zu Vertiefungszwecken anbietet.

Auch das Verhältnis von Linksextremismus zu diversen Protest- wie z. B. Frauen- und Ökologiebewegungen wird beleuchtet. In zahlreichen sozialen Bewegungen agieren Linksextremisten mit großen Einfluss, so Pfahl-Traughber. Jene Bewegungen distanzieren sich zwar meist gegenüber Rechts-, selten aber gegenüber Linksextremisten.

Kapitel 16 vergleicht schließlich Erscheinungen des Linksextremismus in ausgewählten europäischen Ländern, bevor im letzten Kapitel eine auf Deutschland bezogene Bilanz erfolgt: „Es gibt gute Gründe dafür, die Bedrohung durch den Islamismus und Rechtsextremismus höher einzuschätzen. Diese Einsicht gestattet aber weder Desinteresse noch Ignoranz gegenüber dem Linksextremismus.“ Mit dieser Quintessenz bezeugt Pfahl-Traughber, dass er den Linksextremismus unter dem Strich als deutlich weniger gefährlich einstuft, als bspw. Blank es tut, deren Buch mit dem Fazit schließt:

Die Abwehrbereitschaft gegen Rechtsextremismus steigt, diejenige gegen Linksextremismus sinkt dramatisch. Die vom ‚Antifaschismus‘ ausgehenden Gefahren werden von Staat und Politik, ebenso von ‚bürgerlichen‘ Demokraten entweder nicht erkannt, nicht wahrgenommen oder unterschätzt. […] Der Weg in die ‚antifaschistische Republik‘ hat längst begonnen. […] Die von Linksextremisten nachhaltig unterstützte Parole ‚Hinschauen, nicht wegsehen!‘, wenn es um die Bekämpfung des Rechtsextremismus geht, muss ebenso für den Linksextremismus gelten.“

Insgesamt hat Pfahl-Traughber ein überaus wertvolles Grundlagenwerk zum Linksextremismus  vorgelegt. Im Vergleich zu anderen Autoren schlägt er zudem einen etwas weniger pessimistischen Grundton an – was den Zugang für den Leser durchaus erleichtert. Letztlich weist Pfahl-Traughbers Linksextremismus in Deutschland den Vorteil auf, bei Springer VS erschienen und dadurch für günstige 25 Euro bzw. als PDF in den meisten deutschen (Uni-)Bibliotheken sogar kostenlos erhältlich zu sein. Viele andere Fachpublikationen zum Linksextremismus – wie auch die von Blank – erscheinen im Nomos Verlag und regen aufgrund des meist über 60 Euro liegenden Preises nicht gerade zum Erwerb an.

Armin Pfahl-Traughber: Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. Wiesbaden: Springer VS, 250 Seiten, 24,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

3 Comments »

  1. Nachleser 14. März 2014 at 11:19 - Reply

    Handelt es sich um den Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz Armin Pfahl-Traughber oder ist das eine zufällige Namensgleichheit?

  2. Uwe Gattermann, Thailand 16. März 2014 at 08:46 - Reply

    Soweit war der Artikel zunächst ja vielversprechend. Aber als ich las, „Rechts“-Extremismus und Islam seien gefährlicher, hätte ich fast den Kaffee über die Tatstatur geprustet.

    Wobei ich die Einschätzung bezüglich des Islam durchaus teile!

    Diese Darstellung der NSDAP und ihrer Brüder im Geiste als „rechts“ wird durch ständige Wiederholung nicht wahrer! Es sind Sozialisten uns somit Linke, denen nichts mehr zuwider war als Bürgertum und Kapitalismus. Übrigens waren sie wie ihre heutigen Brüder im Geiste Freunde des Islam. Die heutige Linke ist allerdings – ein Wesenszug Linker – faktenresistent. Sonst hätten sie mitbekommen, daß im Iran nach vollendeter Revolution ihre Glaubensbrüder als erste an den Baukränen baumelten.

  3. Leser 21 17. März 2014 at 00:10 - Reply

    Zur Frage von Nachleser:

    Ja, es ist ein und derselbe Armin Pfahl-Traughber. Dieser war seit 1994 Referent im Bundesamt für Verfassungsschutz bzw. später Referatsleiter im BfV. Seit einiger Zeit ist er hauptberuflich als Professor an der Fachhochschule des Bundes, Abteilung Verfassungsschutz, für die Ausbildung des Vefassungsschutzbeamtennachwuchses (Laufbahnausbildung gehobener Dienst) zuständig. Pfahl-Traughber ist darüber hinaus SPD-Mitglied und Stammautor der Zeitschrift „Blick nach rechts“, in der Sozialdemokraten und Kommunisten schreiben. Der „Blick nach rechts“ wurde von zwei West-IMs der Stasi (Bernt Engelmann und Kurt Hirsch) gegründet und später von der SPD übernommen.

    Bettina Blank ist Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg.

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