Das Elend des deutschen Liberalismus

10. März 2014 0

Eine historische Skizze der Freiheitsbewegungen – Teil 1: Aufklärung, Romantik und Staatsglaube

Die Französische Revolution war nur eine - Bild: Die Freiheit führt das Volk, Gemälde von Eugène Delacroix, 1830

Die Aufklärung begann nicht erst mit der Französischen Revolution – Bild: Die Freiheit führt das Volk, Gemälde von Eugène Delacroix, 1830

Die europäische Geschichte und das europäische Denken sind, trotz aller Rückschläge, geprägt von Freiheit und Rationalismus. Griechische Philosophie, römisches Rechtsdenken, die naturrechtliche Scholastik des Mittelalters und der Renaissance sowie die Aufklärung sind ihre wesentlichen Stationen und Elemente. Der Liberalismus ist Zeitgenosse und Nachfolger der Aufklärung und die Quintessenz der europäischen Geschichte.

Die Aufklärung und die Whigs

Entgegen der weitverbreiteten Ansicht beginnt die Aufklärung nicht in Frankreich, sondern mit John Locke in England. Später zieht Schottland nach und wird Hochburg der Aufklärung. David Hume, Adam Smith, Adam Ferguson sind die prominentesten der schottischen Aufklärer und überragen ihre französischen Zeitgenossen um Einiges. Politisch war für die französischen Aufklärer England das Vorbild. Das galt vor allem für Montesquieu, aber auch für Voltaire und die anderen.

Eine historische Skizze der Freiheitsbewegungen

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Noch weniger bekannt sind außerhalb Großbritanniens die Whigs. Die erste und letzte, größte und wirkmächtigste konsequent liberale Partei der Geschichte. Im Anschluss an die vierzigjährige Bürgerkriegs- und Revolutionsphase der englischen Geschichte regierten die Whigs das Land ein weiteres halbes Jahrhundert. Sie waren es, die das liberale England schufen und die Fundamente für die Industrialisierung legten. Über die Whigs schreibt Wikipedia durchaus zutreffend:

Die Bezeichnung Whig wurde ursprünglich beleidigend von den politischen Gegnern gebraucht und bedeutet ‚Viehtreiber‘ (Whiggamore) […] Generell stand die Partei für politischen und wirtschaftlichen Liberalismus, vor allem für den Freihandel, ein starkes Parlament mit Widerstandsrecht im Sinne John Lockes, die Abschaffung der Sklaverei und religiöse Toleranz gegenüber den so genannten Dissenters (protestantischen Denominationen, die das episkopale System der Church of England ablehnten). 1832 setzte die liberale Regierung von Earl Grey die erste Parlamentsreform durch, die eine Ausweitung des Wahlrechts auf breitere Schichten der Bevölkerung und eine Neueinteilung der Wahlkreise anhand der Bevölkerungszahl vorsah, im Jahr darauf wurde die Sklaverei im gesamten Britischen Empire abgeschafft. Die Anhänger der Whigs fanden sich vornehmlich in fortschrittlichen und handelsorientierten Schichten des aufstrebenden Bürgertums.“ 1

Zweihundert Jahre nach der Epoche der Whigs bekannte der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek enthusiastisch „Ich bin ein Old Whig“ und definierte auf diese Weise den Liberalismus. 2

Am englischen Vorbild orientierten sich dann die Amerikanische Revolution und zu Beginn auch die Französische. Die amerikanischen Verfassungsdokumente, die Virginia Bill of Rights, die Unabhängigkeitserklärung der USA und die amerikanische Verfassung sind sozusagen geronnener Geist der Aufklärung und wichtige Manifeste des Liberalismus.

Die Romantik

Die Romantik führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen historischen Dammbruch herbei. Der Damm, den die europäische Zivilisation gegen den Irrationalismus errichtete und über Jahrhunderte aufrechterhielt, wurde auf Dauer beschädigt. Diese, hauptsächlich deutsche Literatenbewegung, verstand sich von Anbeginn als eine Antwort auf die Aufklärung. Mit ihrer Betonung des Emotionalen und Instinktiven im Gegensatz zum Vernunftdenken, war und ist die Romantik in der Tat nichts anderes als Gegenaufklärung. 3 Die Romantiker machten die Welt undurchsichtig und unkenntlich und ersetzten Wahrheit und objektives Wissen durch subjektives Meinen. Die Romantik war selbstverständlich nicht auf Deutschland beschränkt, hier feierte sie jedoch ihre größten Erfolge – in einem Land, das zwar mit dem großen Aufklärer Immanuel Kant aufwarten konnte und zeitweise den großen liberalen Staatsdenker Wilhelm von Humboldt an der Spitze der preußischen Reformbewegung sah, aber kaum von der Aufklärung erfasst wurde.

Ohne den Einbruch irrationaler Ideen zu Beginn des 19. Jahrhunderts und ohne die darauf folgende, das ganze Jahrhundert andauernde Überflutung des europäischen Geistes mit antiliberalen Gedanken sind die Niederlagen des Liberalismus im 19. Jahrhundert und die totalitären Massenbewegungen und totalitären politischen Systeme des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen. 4 Natürlich ist die Romantik nicht einfach mit dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts gleichzusetzen, viele frühe Romantiker waren Freiheitskämpfer und wären über so eine Gleichsetzung empört. Dennoch waren es die Romantiker, die die Schleusen öffneten, durch die kurz darauf Sozialismus und Nationalismus einströmten. Und aus diesen vergifteten Blumen ist Jahrzehnte später der Totalitarismus entstanden. Und in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind aus diesem romantischen Baum schließlich die Ökologiebewegung und die Grünen entsprossen. 5

Der deutsche Liberalismus in der Anfangsphase

Es waren aber nicht die Romantiker, die in Deutschland zunächst die öffentliche Meinung beherrschten. Die meisten von Ihnen fand man auf der Seite der Metternichschen Reaktion. Ludwig von Mises, der bedeutendste Ökonom des 20. Jahrhunderts beschrieb die politische Stimmung in Deutschland wie folgt:

Im 18. Jahrhundert haben es die Deutschen nicht einmal zu lesbaren Übersetzungen der großen Engländer, Schotten und Franzosen gebracht. Was die deutsche idealistische Philosophie über gesellschaftliche Dinge zu sagen wusste, erscheint ärmlich, wenn man es mit dem zeitgenössischen  englischen und französischen Schrifttum vergleicht. Doch die geistige Oberschicht des deutschen Volkes nahm die Lehren von Freiheit und Menschenrecht, die ihr vom Westen zugetragen wurden, mit Begeisterung auf. Die klassische deutsche Dichtung ist von diesen Ideen erfüllt, die großen deutschen Musiker liehen ihr Töne. Schillers Werk ist von Anfang bis zu Ende ein Hymnus auf diese Ideen. Jedes Wort, das er schrieb, war ein Stoß ins Herz des alten Deutschland, und jedes seiner Worte wurde von allen Deutschen, die Bücher lasen und Theater besuchten, mit begeistertem Beifall begrüßt […]

Die Romantiker, die Dichter der Befreiungskriege und Heinrich von Kleist blieben dem deutschen Volke ebenso fremd wie die Schriften der Publizisten, die die Staatseinrichtungen des Mittelalters zu neuem Leben erwecken wollten. Nicht dem Mittelalter wendete sich das Interesse des deutschen Publikums zu, sondern dem parlamentarischen Leben des Westens. Nicht die Werke der Romantiker wurden gelesen, sondern die Goethes und Schillers. Nicht die Stücke Kleists wurden gespielt, sondern die Schillers. Goethe und Schiller wurden dem deutschen Volke immer vertrauter; Schiller wurde zum großen Nationaldichter. In Schillers Freiheitsdichtung fand das deutsche Volk sein politisches Ideal. Die Feier von Schillers hundertstem Geburtstag war die eindrucksvolle politische Kundgebung des deutschen Volkes. In seiner Hingabe an die Ideen Schillers war das deutsche Volk damals einig.

Alle Versuche, das deutsche Volk dem Freiheitsgedanken abspenstig zu machen, scheiterten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann der Liberalismus auch auf deutschem Boden immer mehr Anhänger. Ungehört verhallten die Worte seiner Gegner. Vergebens hatte Metternichs Polizei gegen die liberale Flut gekämpft“ 6

Der Nationalismus

Im Verlaufe der 30er und 40er Jahre gesellten sich jedoch zum Liberalismus andere Ideen, die zunehmend stärker wurden und die Ziele der antiabsolutistischen Bewegung verwirrten.

Die romantischste aller neuen irrationalen Ideen war zweifelsohne der Nationalismus. Neben den Ideen Carlyles, der in das politische Denken den Persönlichkeitskult einführte, 7 war er ein legitimes Kind der Romantik und Gegenaufklärung. Sehr bald schon führte er vor allem in Mittel- und Osteuropa zu unlösbaren Problemen. Die Idee des ethnisch homogenen Nationalstaates versprach zunächst Harmonie unter den Völkern, mündete aber in einer bis heute nicht abbrechenden Kette von Massenvertreibungen und Massenmorden. „Ethnische Säuberungen“ hat nicht erst Milosevic erfunden.

Der neue Staatsglaube

Neben dem Liberalismus und zwei Abkömmlingen der französischen Aufklärung und Französischen Revolution, dem Republikanismus und der Idee der Demokratie, tauchten weitere neue Ideen auf.

Der Etatismus

Der Glaube an das Gottesgnadentum schwand, ja selbst der Glaube an Gott war erschüttert. Irgendetwas musste das entstandene Gefühlsvakuum füllen. Parallel zum neuen Glauben an die Herrlichkeit der eigenen Nation, entstand der Glaube an den Staat, an seine Unfehlbarkeit und Omnipotenz. Alle Attribute Gottes wurden nun auf ihn übertragen, er sollte alle menschlichen Probleme lösen. Der alte Aberglaube an die Heilsmacht des Monarchen wurde ersetzt durch den neuen Aberglauben an die Heilsmacht des neuen Staates. Die Nationalisten erwarteten von der Errichtung ethnisch homogener Nationalstaaten die Lösung aller Probleme; die Republikaner erwarteten dies von der Republik; vom allgemeinen Wahlrecht erwarteten die Demokraten politisch und sozial harmonische Verhältnisse. Die antiabsolutistischen Kräfte der bürgerlichen Revolution von 1830 und 1848 waren sich einig, dass die Ursachen aller sozialen und politischen Übel in der gottesbegnadeten Staatsform des Absolutismus zu suchen waren. Ihr politisches und ökonomisches Wissen reichte nicht aus, um die Lösung woanders zu suchen als nur im Politischen. Konsequenterweise trachteten sie ausschließlich danach, das Ancien Régime durch eine neue Staatsform zu ersetzten, die alle sozialen, ökonomischen und sonstigen Probleme lösen würde.

Der neue Aberglaube, der Etatismus, tritt in zwei Varianten auf, dem Interventionismus bzw. Neomerkantilismus und dem Sozialismus.

Der Interventionismus oder der Neomerkantilismus

Kaum hatten die Aufklärung, die Amerikanische und Französische Revolution dem Absolutismus den Garaus gemacht, entstand erneut die absolutistische Wirtschaftslehre: der Merkantilismus. Natürlich in neuem Gewand, angeblich gestützt auf die neuesten Errungenschaften des menschlichen Geistes. Der Neomerkantilismus stellt nicht das Privateigentum und den Markt in Frage, er will beide kontrollieren und reglementieren. Angeblich zum Wohle aller. In Wirklichkeit ist der Neomerkantilismus ein Agent diverser gesellschaftlicher Sonderinteressen und seine Maßnahmen und Eingriffe in den Markt führen stets zum Gegenteil dessen, was er ursprünglich zu erzielen beabsichtigte. 8

Der Sozialismus

Mit den interventionistischen Ideen breitete sich der ebenfalls aus Frankreich und England kommende Sozialismus aus. Nur einige wenige Liberale und ausgerechnet die radikalen Sozialisten suchten die Lösung der sozialen Probleme in der Ökonomie. Es war Karl Marx, der in Deutschland die Theorien von Adam Smith und David Ricardo mit Nachdruck ins Spiel brachte. Natürlich nicht in deren Sinne, d. h. nicht im Sinne der Stärkung der freien Wirtschaft, der Stärkung der Märkte und der Autonomie der Gesellschaft gegenüber dem Staat und schon gar nicht im Sinne eines schlanken Staates, der Wilhelm von Humboldt vorschwebte. Den sollte bald darauf der Führer der deutschen Sozialisten, Ferdinand Lassalle, als „Nachtwächterstaat“ verleumden. Marx brauchte die bürgerliche liberale wissenschaftliche Ökonomie um der bürgerlichen Gesellschaft, „dem Kapitalismus“ ein Ende zu setzen. Der Sozialismus wollte nicht nur den Staat umgestalten, er wollte die Gesellschaft umkrempeln; er wollte „das Übel an der Wurzel packen“, und das sind das Privateigentum und die Familie. Das wollte der Sozialismus, und er will es immer noch.

Weiterlesen im zweiten Teil…

Notes:

  1. Seite Whig. In: Wikipedia, online verfügbar unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Whig, zuletzt geprüft am 10.03.2014.
  2. Friedrich August von Hayek (1979): Liberalismus. Tübingen.
  3. Isaiah Berlin (2004): Die Wurzeln der Romantik. Berlin.
  4. Ernst Cassirer (1985): Vom Mythos des Staates. Frankfurt.
  5. Rüdiger Safranski (2007): Romantik. Eine deutsche Affäre. München. Der Autor streitet zwar ab, dass die Nationalsozialisten in der Kontinuität der Romantik stehen, gibt es aber hinsichtlich der 68er-Bewegung und der Grünen bereitwillig und stolzerfüllt zu.
  6. Ludwig von Mises (1978): Im Namen des Staates oder die Gefahren des Kollektivismus (mit einem Vorwort von Alfred Müller-Armack), Stuttgart, S. 23f. und 27f.
  7. Ernst Cassirer (1985): Vom Mythos des Staates, Frankfurt, S. 246ff.
  8. Ludwig von Mises (1976): Kritik des Interventionismus. Untersuchungen zur Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsideologie der Gegenwart / Verstaatlichung des Kredits? Darmstadt. Ludwig von Mises (2011): Interventionism. An Economic Analysis, Indianapolis (siehe auch: Interwencjonizm, Krakow 2005, polnische Ausgabe). Ludwig von Mises (2012): Vom Wert der besseren Ideen. Sechs Vorlesungen über Wirtschaft und Politik, München. Einige Artikel und Bücher von Mises und anderen liberalen Denkern gibt es im Internet kostenlos unter www. mises.de.

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