Von den gerecht und edel Denkenden

24. Februar 2014 4

Rezension zu Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland

Cover des neuen Buchs von Thilo Sarrazin (Ausschnitt) - Copyright: DVA

Cover des neuen Buchs von Thilo Sarrazin (Ausschnitt) – Copyright: DVA

Wenn der Autor von Deutschland schafft sich ab ein Buch über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland schreibt, drängen sich willkürlich einige Fragen auf. Denn Thilo Sarrazins vor mittlerweile fast vier Jahren erschienenes Werk war nicht nur das umstrittenste Sachbuch der letzten Jahrzehnte. Es war auch mit Abstand das bestverkaufte. Ganz offensichtlich also konnte Sarrazin seine Thesen über Zustand und Fortbestehen unseres Landes nicht nur frei veröffentlichen (kein einziger Satz aus dem Buch war je Teil eines Gerichtsprozesses). Sie fanden sogar größte Wertschätzung bei den Buchkäufern. Und das gerade weil Sarrazin so viel Gegenwind von Medien und Politik bekam.

Will man also anhand der Rezeption von Deutschland schafft sich ab über Meinungsfreiheit und Tugendterror diskutieren, läuft alles darauf hinaus, über die Entfremdung medialer, politischer und in Teilen auch wissenschaftlicher Klassen vom Volk zu sprechen. In Sarrazins neuem Buch kommt dieses Missverhältnis immer wieder zum Vorschein. Etwa dann, wenn er mit Studien zeigt, dass Journalisten sich in aller Regel politisch links von der Gesellschaft und sogar ihrer eigenen Leserschaft positionieren. Vielmehr noch geht es Sarrazin aber um die Frage, warum so viele Menschen lieber konform zur Mehrheitsmeinung denken und reden, anstatt offensichtlich Falsches infrage zu stellen – und öffentlich zu kritisieren:

Was hindert intelligente, gebildete Menschen daran, Tatsachen und kausale Zusammenhänge zur Kenntnis zu nehmen und geistig adäquat zu verarbeiten, die sich bei logisch einwandfreiem Vorgehen zwingend aufdrängen? Ist es die Furcht, sich mit einer strittigen Sichtweise zu exponieren? Ist es der Wunsch, eigene Illusionen zu schützen? Ist es die Angst, den logischen Konsequenzen ins Auge zu sehen?“

Auf der Suche nach Antworten referiert der Autor zunächst etwas ermüdend den medialen Umgang mit seinem Bestseller, um anschließend bei Niccolò Machiavelli, Alexis de Tocqueville, Sigmund Freud, Elisabeth Noelle-Neumann sowie diversen Verhaltensforschern Argumente für das zu finden, was er titelgebend als Tugendterror bezeichnet.

Das ist der Kern des Tugendterrors: Die Ideologie (oder Religion) der Gleichheit erklärt alle sich manifestierenden Unterschiede in den Leistungen und im materiellen Erfolg von Individuen zum Ergebnis des Bösen, das in dieser Welt wirkt […]. Der Kern eines jeden Tugendterrors ist der Glaube, nicht nur im Besitz einer zentralen Wahrheit zu sein, sondern auch zu den auserwählten Agenten zu gehören, die sie gegen das Böse oder Rückschrittliche auf der Welt durchsetzen müssen. […] Die dem Tugendterror innewohnende Belohnung ist die Sinnerfahrung für jene, die sich fügen und in seinen Dienst stellen.“

Es überrascht natürlich, eine solche Aussage von jemanden zu lesen, der sagte, er werde sein SPD-Parteibuch mit ins Grab nehmen. Ist doch gerade die Sozialdemokratie vom Leitgedanken der größtmöglichen Gleichheit durchdrungen. Sarrazin macht jedoch glaubhaft deutlich, dass Gleichheit für ihn vor allem Gleichberechtigung und Chancengleichheit darstellt, die gerne auch mittels staatlicher Regulation herbeigeführt werden soll. Das politische Streben nach Ergebnisgleichheit „(1) im Sinne der Verneinung aller im Menschen selbst begründeten Unterschiede und (2) im Sinne von moralischer Verdammung aller in den äußeren Umständen liegenden Unterschiede“ hingegen sieht Sarrazin als direkten Weg in den Sozialismus und des damit verbundenen Leids: „Rousseaus Auffassung [von Gleichheit] führte in Stalins Folterkeller, jene von John Locke und David Hume zur westlichen Demokratie.“

Die Ideologie der Gleichheit ergänzt sich perfekt mit dem Bedürfnis der Menschen, dazu gehören zu wollen, Teil der Mehrheit zu sein. Über die öffentliche Meinung lässt sich soziale Kontrolle ausüben und ein hoher Integrationsdruck aufbauen. Als scheinbar lapidares Beispiel führt der Autor die Mode an, die über die formalen Bekleidungstrends hinaus auch moralische Normen setzt bzw. gesellschaftliche Integration und Ausgrenzung produziert. Überhaupt zeigen zahlreiche Experimente der Verhaltensökonomik, dass Urteile öfter dem Kriterium konform vs. non-konform folgen, als dem Kriterium wahr vs. falsch, so Sarrazin. Eine solche moralische Aufladung selbst banaler Sachverhalte (wie etwa Mode) führt dazu, dass Andersdenkende nicht einfach als dumm, sondern als schlecht wahrgenommen werden.

Sarrazin 2014: Pro & Contra

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland geschrieben. Die Diskussion über Der neue Tugendterror hier bei Citizen Times: [catlist id=379 numberposts=-1]

An insgesamt 14 „Axiomen des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ führt der Autor diese moralische Aufladung von Denken und Sprache vor. Dabei nimmt er zunächst die Position der Moralapostel ein, um deren Argumente überspitzt vorzuführen. Anschließend liefert er mit seiner üblichen Methodik der Zusammenfassung und Interpretation von statistischen Datensammlungen Gegenargumente.

Immer wieder kehrt Sarrazin zur Verwendung von Sprache zurück – der wohl stärksten Waffe der selbsternannten Tugendwächter zur Durchsetzung ihrer Normen. Hierbei bieten sich verschiedenste Mittel an. So werden ungeliebte störende Tatsachen zu bloßen Meinungsäußerungen degradiert und umgekehrt erwünschte Meinungen zu vermeintlichen Tatsachen erhoben. Fragestellungen werden tabuisiert, indem „man sie unter einem Oberbegriff subsumiert, der seinerseits ein Tabu anspricht. Das geschieht z. B. regelmäßig mit dem Vorwurf des Rassismus.“ Oder aber es werden ständig neue Begriffe für Tabuisiertes erfunden, ohne jedoch die eigentliche Ursache dafür zu ändern. Ziel des Tabus ist es, das rationale Hinterfragen eines Sachverhaltes unmöglich zu machen. Eine gesellschaftliche, und damit eigentlich veränderbare, Norm wird so gewissermaßen zum Naturgesetz erhoben (Karl Popper).

Wo es immer schwerer bzw. unmöglich gemacht wird, in sozial akzeptierter Sprache relevante Sachverhalte zu beschreiben, dort verliert Sprache nicht nur einen Teil ihrer kommunikativen Funktion, sondern sie behindert und verzerrt darüber hinaus die Erkenntnis der Wirklichkeit und die richtige Einordnung von Ereignissen und Entscheidungen.“

Nach 340 Seiten ist das Buch dann recht unvermittelt zu Ende. Der Leser bleibt zurück mit zahlreichen Fakten, vielleicht sogar einigen neuen Erkenntnissen. Doch was am Tugendterror so neu sein soll, wird nicht wirklich klar. Vielmehr scheinen es die urmenschlichsten Verhaltensweisen zu sein, die seit jeher die Meinungsfreiheit und mit ihr jede andere Freiheit bedrohten: Zum einen das Bedürfnis, andere zu bevormunden; zum anderen der Wunsch, Teil der Gemeinschaft zu sein, auch auf Kosten der Verleugnung eigener Überzeugungen. Welche Form der Tugendterror annimmt, wird freilich von Jahrhundert zu Jahrhundert verschieden sein.

Insgesamt ist Sarrazins neues Werk kein schlechtes Buch, doch fehlt ihm eine gewisse Stringenz, eine Erzählweise, die zielführend und lösungsorientiert ist. Sarrazins Fazit bleibt dann ähnlich nüchtern, die das Gefühl des Lesers am Ende der Lektüre: „Ich wünsche mir mehr Leidenschaft für die Wirklichkeit und ihre spröden Kausalitäten. Der moralische Impuls muss sich auf die Bekämpfung des Bösen richten und weniger darauf, die Menschen beim Gutsein zu bevormunden.“

Die Lektüre von Der neue Tugendterror lohnt sich aber dennoch, vor allem, weil das Buch aufgrund der zu erwartenden Medienresonanz selbst Teil der Debatte über Meinungsfreiheit in Deutschland werden wird. Zu viele werden sich wieder darüber äußern, ohne es gelesen zu haben. Zu viele werden wieder einzelne Sätze ihrem Zusammenhang entreißen („Sarrazin verteufelt Homo-Ehe“) und sich daran abarbeiten. Zu viele werden sich persönlich beleidigt fühlen und den Autor verteufeln ohne seine Argumente zu kennen, geschweige denn zu verstehen.

Thilo Sarrazin (2014): Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 397 Seiten, 22,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

4 Comments »

  1. Herr Richter 24. Februar 2014 at 12:36 - Reply

    Sarrazin bezeichnet die Homo-Ehe als „Übergriff“ der Schwulenbewegung. Insofern ist die Aussage „Sarrazin verteufelt Homo-Ehe“ zutreffend.

    • Felix Strüning 24. Februar 2014 at 12:52 - Reply

      Sehr geehrter Herr Richter,

      das ist sehr aus dem Zusammenhang gerissen. Zunächst zu Sarrazins Ehe-Definition:

      „Stets wurde die sexuelle Verbindung zwischen Mann und Frau in irgendeiner Weise reguliert, um die Männer zu binden, den Müttern und Kindern Schutz zu bieten und ihre Versorgung zu sichern. Das ist der historische Ursprung der Ehe und der einzige Zweck, der die staatliche Regulierungn der sexuellen Lebensgemeinschaft von Mann und Frau rechtfertigt.“ (S. 321)

      Dann die Kritik Sarrazins an der Übernahme des Ehe-Begriffs durch die Homosexuellenbewegung:

      „Aus historischer Sicht ist die ‚Home-Ehe‘ ein Kunstprodukt der allerjüngsten Zeit, entsprungen aus dem Wunsch der Homosexuellen beiderlei Geschlechts, ihre sexuelle Neigung nicht nur geduldet zu sehen, sondern mit Legitimität zu versehen. Diese Legitimität möchte man durch den Transfer des Wortes ‚Ehe‘ erreichen. Damit wird der historisch überkommene Begriff der Ehe entgrenzt und seines historischen Sinngehalts beraubt.“ (S. 322)

  2. DausB 24. Februar 2014 at 16:20 - Reply

    Sehr geehter Herr Strüning, Sarrazins Vorwurf des „Übergriffs“ findet sich tatsächlich nicht auf den Seiten 321 und 322, die Sie hier anführen, dafür aber im vierten Kapitel zum Thema „Sprache“. Das kommt einer Verteufelung durchaus nah. Das hat queer.de in einer Rezension von gestern korrekt dargestellt.

  3. Alexander Scheiner, Israel 2. März 2014 at 10:47 - Reply

    Konsequent gelebter Islam? Muessen die Buerger aus westlichen Demokratien nun mit islamischem Terrorismus leben?

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