Sarrazins enttäuschendes Revival

24. Februar 2014 1

Rezension zu Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland

Thilo Sarrazin bei der Veröffentlichung seines Buches 2010 (Bild: Richard Hebstreit, Quelle: Wikipedia)

Thilo Sarrazin bei der Veröffentlichung seines Buches 2010 (Bild: Richard Hebstreit, Quelle: Wikipedia)

Thilo Sarrazins erster Bestseller Deutschland schafft sich ab war noch ein durchaus wertvoller Beitrag zur politischen Debatte in Deutschland, die Kritik hieran teils überzogen und unsachlich. Dreieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung jenes Werkes ist nun Sarrazins neues Buch erschienen: Der neue Tugend-Terror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. Ein Kolumnist des Tagesspiegels verteufelte das Werk bereits drei Wochen vor Erscheinen aufs Übelste – ohne es selbst gelesen zu haben, versteht sich. „Ich denke, ich nehme mir die Freiheit, das Buch nicht zu lesen“, schreibt jener Journalist am Ende seines Textes großkotzig.

Ich selbst nehme mir niemals die Freiheit, ein von mir ungelesenes Buch zu beurteilen oder gar zu verteufeln. Als einer der ersten in Deutschland hatte ich am vergangenen Donnerstag die Ehre, Sarrazins frisch gedrucktes Buch in den Händen zu halten. Trotz aller politisch korrekten Warnungen habe ich mir durchaus „die Freiheit genommen“, die 340 Seiten einer aufgeschlossenen Lektüre zu unterziehen.

Nein, blind verteufeln sollte man dieses Buch keineswegs. Dennoch gibt es reichlich Anlass, das Werk als „überschätzt“ bis „überflüssig“ einzustufen. Dem Leser präsentiert sich nämlich wenig Neues, stattdessen spricht hier der „verkopfte alte Mann“ aus Sarrazin. Betroffen ist hiervon bereits das erste der sechs Kapitel, in welchem Sarrazin dem Leser gähnend langweilige theoretische Ausführungen zum Thema Meinungsfreiheit präsentiert. Das zweite Kapitel ist nur unwesentlich innovativer, es untersucht die Diskussion um Deutschland schafft sich ab als Fallstudie. Sarrazin verspricht dem Leser von diesem Kapitel  hochstaplerisch einen „hohen Erkenntniswert“,  dabei gab es schon vor zwei Jahren umfangreiche Literatur, die ausführlich eben jene Sarrazin-Debatte gründlich und perspektivenreich reflektierte. Im dritten Kapitel werden ellenlange Theoreme zum Thema Meinungsbildungsprozesse ausgebreitet, bevor es zunächst etwas spannender zu werden scheint.

„Die Sprache als Instrument des Tugendterrors“ nennt sich das vierte Kapitel. Es thematisiert mit Aktualitätsbezug linguistische Auseinandersetzungen um Begriffe wie „Neger“ oder „geschlechtergerechte Sprache“. Vor dem Hintergrund, dass Sarrazin Ende 2013 in Leipzig gemeinsam mit homophoben russischen Politikern aufgetreten ist, galt diesem Kapitel meine besondere Aufmerksamkeit. Zwar lehne ich jegliche inflationäre Nutzung des Begriffs „Homophobie“ ab und möchte diesen keineswegs auf Sarrazin ausweiten, doch sind zahlreiche diesbezügliche Ausführungen Sarrazins in diesem Kapitel klar anti-emanzipatorisch ausgerichtet. So spricht der Autor beispielsweise vom vermeintlichen „Akt des Übergriffs“ von Homosexuellen auf den Begriff „Ehe“. Sarrazin möchte gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften keineswegs den Status „Ehe“ samt entsprechender Privilegien zugestehen. Der ehemalige hohe Spitzenbeamte ätzt dabei vehement gegen die diesbezügliche Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Man muss Sarrazin entgegenhalten: Eine überwältigende Mehrheit der Deutschen, sogar unter CSU-Wählern, befürwortet die Ehe-Öffnung. Insofern liegt bei diesem Thema – anders als beim Thema Islam – keineswegs der von Sarrazin beschworene „Tugendterror“ einer politisch korrekten Minderheit gegen die Mehrheit vor.

Sarrazin 2014: Pro & Contra

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland geschrieben. Die Diskussion über Der neue Tugendterror hier bei Citizen Times: [catlist id=379 numberposts=-1]

Im sechsten, zugleich letzten Kapitel formuliert Sarrazin als „deutsche Axiomatik des Tugendterrors“ vierzehn Felder des gesellschaftlichen und politischen Erkenntnisinteresses, auf denen dieser Tugendterror seiner Meinung nach besonders deutlich zu spüren sei. Er geht dabei um solche Axiome, nach denen etwa alle Kulturen „gleichwertig“ seien, der Islam eine „Religion des Friedens“ sei und die Schuld an Armut ausschließlich bei den „bösen Reichen“ liege. Sarrazin versucht solche politisch korrekten Annahmen zu widerlegen, wobei er allerdings relativ oberflächlich vorgeht und nichts wirklich Neues hervorbringt. Hinzu kommt: Zu den von Sarrazin in die Mangel genommenen Axiomen existiert bereits zahlreiche politisch inkorrekte Literatur, dieses betrifft sowohl die Debatte um den Islam wie auch die Debatte um Armut. Die zu diesen Themen bereits bei Citizen Times rezensierten Bücher stellen hierbei nur einen kleinen Ausschnitt aus der Masse dar, angesichts derer Sarrazins Ausführungen wahrlich „verspätet“ und somit „überflüssig“ daherkommen.

Überhaupt sind die im sechsten Kapitel sichtbar werdenden Ansätze eines „Kompendiums politischer Inkorrektheit“ eine durchaus interessante, aber leider keineswegs neue Idee. So veröffentlichten etwa bereits vor einem halben Jahr der Ökonom Michael Brückner und der Politologe Udo Ulfkotte ein entsprechendes Buch: Politische Korrektheit. Von Gesinnungspolizisten und Meinungsdiktatoren. Darin werden auf 300 Seiten insgesamt 36 Axiome politischer Korrektheit aus „inkorrekter“ Perspektive in die Mangel genommen, transparent strukturiert nach wirtschaftspolitischen und gesellschaftlich-kulturellen Themen. Brückner und Ulfkotte sprechen sehr wahrscheinlich die gleiche Klientel wie Sarrazin an, gekennzeichnet durch Konservatismus, Nationalbewusstsein und Wirtschaftsliberalität. Wer sich also ein solches „Kompendium“ ins Regal stellen möchte, für den ist das neue Sarrazin-Buch keineswegs die erste Wahl.

Thilo Sarrazin (2014): Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 397 Seiten, 22,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

One Comment »

  1. DausB 24. Februar 2014 at 16:26 - Reply

    Daniel, dein letzter Abschnitt irritiert mich. Deine Kritik an Sarrazins Homophobie ist richtig aber Ulfkotte und Brückner und deren Verlag sind gerade in diesem Punkt noch weitaus reaktionärer als Sarrazin. Deren Buch als bessere Alternative darzustellen ist fragwürdig, es sei denn du versetzt dich hier ganz bewusst in die Präferenzen der Erzkonservativen.

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