Der Wohlfahrtsstaat ist unser Untergang

15. Februar 2014 5

Thomas Rettig meint, die Gesellschaft entwickelt sich zu Nietzsches Stechmückenschwarm – es ist aber nicht dein Los Fliegenwedel zu sein.

Der Staat als legitimierte Räuberbande? - Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de

Der Staat als legitimierte Räuberbande? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Der fortschreitende Verfall der westlichen Welt wird durchaus auch von den Gutmenschen gesehen. Wie eh und je machen sie allerdings den Kapitalismus, die Vorherrschaft der USA bzw. andere vermeintliche oder tatsächliche Verschwörungen verantwortlich. Weil den Pfründe-Inhabern angesichts des drohenden Staatsbankrotts die Felle davon zu schwimmen drohen, blasen sie in jüngster Zeit auf sehr breiter Front zum Angriff auf das, was von der Marktwirtschaft und von der bürgerlichen Freiheit noch übrig geblieben ist. „Da muss der Staat was tun“, erklingt der Schlachtruf der Staatsgläubigen im Hinblick auf Probleme, die erst durch staatliches Eingreifen entstanden sind. „Hier ist die Politik gefordert“, rufen die Politisch-Korrekten, die meist aus der gleichen Ecke kommen.

Nur wenige sehen durch die Rauchsäulen und Nebelwände hindurch das ursächliche Problem unserer Zeit, von der Sündhaftigkeit des Menschen einmal abgesehen: Der Wohlfahrtsstaat ist unser Untergang. Er bootet die abendländische Kultur aus, indem er ihre tragenden Säulen überflüssig macht und durch den Wegfall der Belastung zum Einsturz bringt: das Gottvertrauen, die Eigeninitiative, die christliche Ehe, die Familie, die Verwandtschaft, die Nachbarschaft, die Dorfgemeinschaft – wie überhaupt alle dezentralen Solidargemeinschaften verkümmern, wenn der Sozialstaat mit seinen Steuermilliarden in Konkurrenz zu ihnen tritt, sie entlastet, um am Ende das Monopol auf alle Mitmenschlichkeit zu beanspruchen.

Mit dem Rückzug der naturrechtlich gewachsenen Institutionen wie der Ehe und der bürgerlichen Familie, mit der grotesken Verzerrung der Rollen von Mann und Frau, mit dem Verschwinden des christlichen Glaubens verschwinden jedoch auch Sittlichkeit und Wertmaßstäbe. Denn der Staat ist ein kaltes Tier und tut in seiner Kaltblütigkeit nur so, als ob er die Moral für sich gepachtet hätte. Es handelt sich dabei um bloßes Marketing-Geblubbere, weil die stetig wachsende Zahl derjenigen, die beim Wohlfahrtsstaat direkt oder indirekt in Lohn und Brot stehen (und dabei meist wie die Made im Speck leben), auch noch ein gutes Gewissen haben sollen. Der übertriebene Sozialstaat ist nur nach außen hin ein Hort der Mitmenschlichkeit, damit sich die von ihm Privilegierten als die Ärmsten vorkommen können; damit die Sozialhilfeempfänger die vergoldeten Gitterstäbe und die gepolsterten Wände um sich herum nicht sehen, und damit die Steuerzahler nicht bemerken, wie sie vielfach nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet werden.

Die Angriffe des Gutmenschentums kommen von allen Seiten, erdrückend ist die Überzahl der Linken, der Grünen und Multikulti-Propheten aus den etablierten Parteien. Je intensiver man sich als Lesender und Schreibender in das Kampfgetümmel der politischen Meinungen begibt, desto mehr hat man Ohren für das herannahende Trommelfeuer der Staatsgläubigen aus allen Lagern. Über den ganzen Horizont hört und sieht man die Stalin-Orgeln der Political Correctness. Ein Trost nur, dass sie unsere Kultur so konsequent beschießen, dass ein baldiger Zusammenbruch immer wahrscheinlicher wird. Dann werden die Karten neu gemischt, denn nach dem Kollaps der zentralen Sozialsysteme ist ein schneller Bewusstseinswandel hin zur freien Marktwirtschaft zu erwarten. Vor allem setzen die Wohlmeinenden dieser Tage so sehr auf das aus dem Nichts geschaffene Geld der Zentralbanken, auf staatliche Milliarden und Luxus auf Pump, dass neue gigantische Investitionsblasen entstehen. Spätestens wenn diese platzen, wird der Staat zahlungsunfähig sein. Der schädlichste Götze unserer Zeit ist dann entzaubert.

Auch Nietzsche wetterte leidenschaftlich gegen den Staat. In Also sprach Zarathustra (1883) gibt es ein Kapitel über den Staat (Vom neuen Götzen) und eines über die Prediger der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit (Von den Taranteln). Eine zuweilen düstere Prophetie über den Sozialstaat und diejenigen, die auf ihn bauen. Eine vernichtende Abrechnung mit dem, was man neudeutsch „Social Engineering“ nennt. Kommunismus und Sozialismus waren zu Nietzsches Zeiten noch weitgehend theoretische Konstrukte und der Wohlfahrtsstaat hatte damals erst seinen Anfang genommen, weswegen Nietzsche seine die kulturzersetzende Wirkung zwar sah, aber leider immer noch unterschätzte. Der Philosoph hasste die Verlogenheit und geistige Enge weiter Teile des Bildungsbürgertums mit seinem „erbärmlichen Behagen“.

Dass heute immer weitere Kreise dieses Behagen auch noch vom Staat finanziert bekommen und sich die arbeitende Bevölkerung umso mehr dem krankmachenden „Ehrgeiz-Gezappel“ hingeben muss: für solche Dekadenz hätte der erbarmungslose Analytiker der bürgerlichen Befindlichkeiten drastische Worte gefunden. Die Folge der Entchristlichung: Ein wachsender Teil der vom christlichen Glauben „Befreiten“ fällt ins Bodenlose. Hätte Nietzsche geahnt, dass die auf diese Weise immer dicker werdende Schicht der sozial Schwachen in die Abhängigkeit vom Staat gelockt würde, wie ein Fixer vom Heroin abhängig ist, hätte er sich vollends auf den Wohlfahrtsstaat anstatt auf das Christentum eingeschossen. Der Dichterphilosoph wäre ein Reformator anstatt ein Zertrümmerer christlicher Werte geworden.

Nicht die Christen sind das Problem, auch nicht die Kapitalisten, sondern die Kostgänger und Befürworter des „modernen Sozialstaats“. Ohne es zu merken bewirken sie die Zerstörung ihrer eigenen Kultur. Solange dieser Bürgerkrieg aber noch nicht in die entscheidende Phase getreten ist, dürfen wir liberalen und konservativen Verteidiger des Abendlandes uns nicht verrückt machen lassen. Gerade weil wir auf verlorenem Posten stehen, sollten wir trotz allem das Leben genießen und dankbar sein, für das, was uns noch geblieben ist.

Wir müssen was tun – keine Frage, sonst werden wir uns später Vorwürfe machen. Wir sollten uns aber nicht hineinsteigern, schon weil auf dem Zahnfleisch daherkommende Revolutionäre nur wenig Anziehungskraft auf potentielle Mitstreiter ausüben. Auch sollte jeder überlegen, ob er genug Kräfte und Ressourcen hat, um jahrelang zu kämpfen. Zuweilen ist im Krieg auch ein strategischer Rückzug angesagt. Nietzsche empfahl in seinem Zarathustra sogar die Flucht in das Einsiedlertum, so etwa im Kapitel „Von den Fliegen des Marktes“.

Der Ausnahmephilosoph vermochte am Ende des 19. Jahrhunderts im Angreifer aber noch keine feindlichen Divisionen zu sehen, sondern Stechmückenschwärme, gegen die jede Gegenwehr sinnlos ist, denn „es ist nicht dein Los, Fliegenwedel zu sein“. Der alte Pulverkopf gehörte eben nicht zu denen, die aus einer Mücke einen Elefanten machen. Seine Verachtung für die Fliegen des Marktes war nicht etwa Kritik an der Marktwirtschaft, gegen die Nietzsche nichts auszusetzen hatte, eher eine Kritik an der frauenzentrierten Gesellschaft. Die Fliegen befallen den Arbeitsmarkt, auf dem sich jeder Mann möglichst gut verkaufen will und muss, egal auf welcher Seite er kämpft. Sie befallen aber auch den Heiratsmarkt, insofern die Männer den Erlös brauchen, um sich eine Familie leisten zu können, um Weib und Kinder ernähren und sich auf diese Weise vom Dasein als Einzelgänger loskaufen zu können.

Die Frauenbewegung hat diesen Zwang keineswegs beseitigt, sondern im Gegenteil enorm verschärft, nicht zuletzt weil der Wohlfahrtsstaat (zum Beispiel mit den familienpolitischen Leistungen oder mit dem Unterhaltsrecht) die Machtbalance zwischen den Geschlechtern endgültig zu Gunsten der Frau gekippt hat.

„Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten“, sagt Zarathustra im benachbarten Kapitel Vom Krieg und Kriegsvolke. Daher empfiehlt er als Mittel gegen die Schwarmintelligenz menschlicher Stechmücken den vorübergehenden Rückzug, um sich neu zu ordnen, um die Kräfte zu sammeln und für Entscheidungsschlachten aufzubewahren. Vor allem aber, weil man auch als Kämpfer gegen den Wohlfahrtsstaat in der Gefahr steht, sich den Maßstab dieser Gesellschaft zu eigen zu machen. Für die Männer ist dieser Maßstab der Erfolg im Beruf. Für die Frauen kommt es dagegen mehr auf gutes Aussehen an. Der Ruhm, die berufliche Karriere, das Geld, das man verdient, und die Frau, die man sich damit kaufen kann, das sind die Köder, mit dem der Mann in die Sklaverei gelockt und zu Höchstleistungen angestachelt wird.

Weil bei uns nicht die Kräfte des Marktes, sondern Gewerkschaften und Sozialpolitiker das Arbeitsleben regeln, wird der Leistungsgedanke pervertiert und völlig überzeichnet. Im Wohlfahrtsstaat hat der Einzelne prinzipiell die Wahl zwischen zwei Extremen – entweder Sozialhilfeempfänger oder Arbeitssklave, der dazu verdammt ist, die seinen Tariflohn entsprechende Leistung zu erbringen. Das gilt insbesondere für Männer. In der freien Marktwirtschaft dagegen gibt es keine Lohnuntergrenzen und keine Berufseinstiegsbarrieren. Hier kann sich jeder für eine Karriere entscheiden, aber auch für einen lockeren Job mit einem entsprechend geringeren Verdienst.

Wie gesagt, Zarathustra empfiehlt, die „Krämpfe der Ehrgeizigen“, die „Lüsternheit nach Höhe“ fahren zu lassen und den Stechmücken möglichst aus dem Weg zu gehen. Denn wer der Getriebenheit und der Selbstentfremdung eigenständige Überlegungen entgegensetzt, auf den haben sie es besonders abgesehen:

Abseits vom Markte und Ruhme begibt sich alles Große: abseits vom Markte und Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werte. Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht! Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbärmlichen zu nahe. Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie nichts als Rache. Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzählbar sind sie, und es ist nicht dein Los, Fliegenwedel zu sein. Unzählbar sind diese Kleinen und Erbärmlichen; und manchem stolzen Baue gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange. Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen. Zerbrechen und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen. Ermüdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich dich an hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zürnen. Blut möchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen Seelen – und sie stechen daher in aller Unschuld. Aber du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich noch geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm über die Hand. Zu stolz bist du mir dafür, diese Naschhaften zu töten. Hüte dich aber, daß es nicht dein Verhängnis werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!“

Von Thomas Rettig erschien zuletzt im Mai 2013: Karriereleiter oder Hamsterrad? Manifest für eine bürgerliche Revolution – Wider den Wohlfahrtsstaat. Norderstedt: BoD, 336 Seiten, 22 Euro. Kaufen bei Amazon.

5 Comments »

  1. luxlimbus 18. Februar 2014 at 03:04 - Reply

    Es ist nicht nur ein übertriebener interner Wohlfahrtstaat der unser Untergang ist. Primär ist es eine ressourcenraubende apokalyptische Bevölkerungsexplosion der III.-Welt (plus 5 Milliarden Mäuler!), welche nicht ansteht sich zu einem verantwortlichen wirtschaftlichen und geistigen Kompetitor gegenüber Europa und der freien Welt entwickeln zu wollen.
    Durch offene Grenzen gegenüber diesen fortschrittsfernen, und nur auf Dynamiken von Macht (Dominanz) geeichten Fremden, manifestiert sich deren Wille an verhältnismäßig einfach erreichbaren Einfluß und Kontrolle bei uns, welche sich bereits durch deren pure Quantität (sprich: Anwesenheit) erlangen läßt. Ein Modell auf Kosten des Abendlandes, welches unter Mißachtung der Zahlen- und Machtverhältnisse, sich fälschlich immer noch in einer nachzueifernden Vorbildrolle wähnt, obwohl dessen strukturelle Versklavung längst begonnen, und durch Symptome wie aufgeblähte Sozialhaushalte und Mangel, bereits Teil unseres Alltags geworden ist.

  2. Thomas Rettig 27. Februar 2014 at 23:36 - Reply

    Sie haben Recht. Als Libertär-Konservativer bin ich für freien Welthandel, und ich halte die Globalisierung (abseits von staatlichen Subventionen und Exportsubventionen) für einen Segen. Unter marktwirtschaftlichen Bedingungen ist die Bevölkerungsexplosion zu meistern, und die Selbstheilungskräfte des Marktes können, wenn man sie wirken lässt, auch hier zu einem Gleichgewicht führen.

    Doch bin ich, ebenso wie Sie, strikt gegen offene Grenzen für Jedermann. Abgesehen von wirklich politisch (oder auf Grund ihres christlichen Glaubens) Verfolgten sollten wir nur Hochqualifizierte aufnehmen. Wer für freien Handel mit Waren eintritt, der muss noch lange nicht eine freie Einwanderung in die westliche Welt befürworten, denn Menschen sind keine Waren! Es ist nicht gut, Menschen aus ihrer Kultur und aus ihren sozialen Zusammenhängen herauszulocken, schon gar nicht mit großzügigen Sozialleistungen. Bei Hochqualifizierten ist die Zuwanderung weniger ein Problem, weil die sich schon vor ihrer Einreise meist längst an die westliche Weltkultur angepasst haben.

  3. Rüdiger Stamm 14. März 2014 at 18:55 - Reply

    Hallo Herr Rettig,

    über eine Semantik bin ich in Ihrem gründlichen und stilistisch präzisen Beitrag gestolpert.

    Ich zitiere: „Der übertriebene Sozialstaat ist nur nach außen hin ein Hort der Mitmenschlichkeit, damit sich die von ihm Privilegierten als die Ärmsten vorkommen können; damit die Sozialhilfeempfänger die vergoldeten Gitterstäbe und die gepolsterten Wände um sich herum nicht sehen…“

    Ich glaube, an dieser Stelle ist die Kritik nicht ganz richtig. Was früher „Fürsorge“, „Stütze“ oder „Allimente“, dann Sozialhilfe und neuerdings ALII heißt, ist meiner Einschätzung nach quantitativ weit geringer zu veranschlagen, als die Summe der Einkommenen zzgl. sonstiger Leistungen, die diejenigen erhalten, die das zu betreuen, zu verwalten sowie juristisch und politisch „stützen“. Nicht zu vergessen die institutionellen Sozialeinrichtungen (bilanzielle Aktiva), in welcher juristischen Form auch immer, die noch da dran hängen. So habe ich in einem Fall einmal recherchiert, daß für ein „zwangsweise“ untergebrachtes Kind in einem „Kinderheim“ mit 5 „Patienten“, über 10 Mitarbeiter, in dem Heim, zuständig waren. (Das Mädel ist „ausgebrochen“ und mit der Familie ins Ausland geflüchtet.)

    Ich glaube ganz entschieden nicht, daß „Sozialhilfeempfänger“ hinter goldenen Gitterstäben leben. Das Problem sind ganz entschieden die Gutmenschen und ihre Semantik, die gar kein Interesse daran haben können, daß jemand aus dieser Fürsorge entlassen wird. Als Beleg verweise ich auf die m.E. überwiegend sinnlosen Qualifizierungsroutinen, die nur nach dem Zufallsprinzip zum Erfolg für den „Betreuten“ führen können. Wer es nicht glaubt, recherchiere beispielhaft nur mal in einem beliebigen VHS-Katalog die Kurse zur „Sozialkompetenz“ nach, weil das ja meist im höchstmöglichen Argen zu liegen scheint. Erfolg ist jedoch ein Kollateralschaden von Begeisterung und in diesem Sinne kann es nicht verwundern, wenn man in Deutschland auf eine flächendeckend sedierte Begeisterungslosigkeit stößt, es sei denn, sie entfaltet sich für die linke Semantik und vielleicht noch für Bier, Smartphone etc.. Alles was daran bedrohlich kratzt, wird systematisch in einen Bedarfsfall konvertiert.

    Der Wohlfahrtsstaat ist von übel. Sehr richtig! Was wir anzustreben hätten, wäre der Wohlstandsstaat. Weiterhin wäre die Terminologie „Sozialhilfeempänger“ um den „Sozialhilfegeber“ zu bereichern, um ihn quantitativ dingfest machen zu können. Ich meine die sprachliche Wendung war ja schon beim Arbeitnehmer falsch, der eigentlich der Arbeitgeber ist und der Arbeitgeber, der eigentliche Arbeitnehmer. Arbeit gegen Einkommen. In anderem Zusammenhang hatte Rüdiger Safranski es umfänglich sehr treffend als „diskursive Freiheitsberaubung“ bezeichnet, was hier als Wurzel des Überls zu konstatieren ist. Wenn die Benennungen schon nicht greifen, wie sollte es da in der Praxis anders aussehen?
    In England gibt es sog. Agenturen, vergleichbar der „Arbeitnehmerüberlassungs“-Fimen hierzulande, die einfach im Namen des Arbeitssuchenden Arbeit finden und diese vermitteln. Übertragen auf Deutschland bedeutete das, daß die Arbeitsagentur und die JobCenter 3/4 ihrer Arbeitszeit am Telefonhörer im Gespräch mit Unternehmen wären, um Jobs ausfindig zu machen. Das kann ich mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, daß (immernoch) staatliche Behörden Erfolge produzieren wollen. Stattdessen wird mit dem AÜG (Arbeitnehmerüberlassungsgesetz) und dem Gesezt über die Scheinselbständigkeit, um nur beispielhaft Gesetze zu nennen, ein dermaßen enges Korsett geschnürt, daß es praktisch heroisch anmutet, wenn jemand dem menschlich erträglich entkommt.

    Insofern sind nicht die „Sozialhilfeempfänger“ die Priviligierten, sondern die Sozialindustrie an sich! Die Kreise, die das zieht, reichen weit bis in die Justiz, in Ärzteschaft und Psychatrie, weiterhin ist die empirische Sozialforschung zu nennen, die überflüssig ist, usw. usw. Gedanklich sind da keine Grenzen zu sehen.

    Ich behaupte, wenn es „bürokratielos“ möglich wäre, wie Ende der ´70 noch, Geld zu verdienen (vgl. vs. Steuerhinterziehung, Scheinselbständigkeit etc.), dann hätten wir nur noch ein geringen Rest an Langzeitarbeitslosen, den wir menschlich gerne allimentieren würden.

    Insofern einen Dank an Ihren Artikel!

  4. Thomas Rettig 27. März 2014 at 14:06 - Reply

    Hallo Herr Stamm, danke für das Lob. Ich sehe wie Sie die staatliche und halbstaatliche Helferindustrie als den größten Profiteur des Wohlfahrtsstaats an. Ihre Mitarbeiter haben ein handfestes Interesse daran, immer mehr Menschen dauerhaft in die Abhängigkeit vom Staat zu locken. Dies habe ich auch in meinem Buch „Karriereleiter oder Hamsterrad“ (Mai 2013) deutlich gemacht, zum Beispiel in den Kapiteln „Gegen die Staatsgläubigkeit“, „Nachhaltige Sozialpolitik“ und „Gegen die Delegation der Mitmenschlichkeit an den Staat“. Wichtiger ist es jedoch herauszuarbeiten, dass der Sozialstaat nicht nur eine sündhaft teure Arbeitsbeschaffungsmaßnahme darstellt, sondern dass er das soziokulturelle Gleichgewicht der Bürgergesellschaft aus dem Lot bringt, dass er das Gesellschaftssystem wie mit der Chemiekeule traktiert und damit langfristig zerstört.

  5. pete L 13. September 2015 at 22:44 - Reply

    Ziemlich guter Artikel, danke

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