Von Auschwitz über Duisburg nach Toulouse

27. Januar 2014 2

Zum deutschen Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar

Wiederholt sich die Geschichte? - Bild: Dieter Schütz  / pixelio.de

Wiederholt sich die Geschichte? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Erst vor etwa zwei Monaten hatten wir den 75. Jahrestag der „Reichskristallnacht“, wie die nationalsozialistischen Machthaber in Deutschland jene Nacht vom 9. zum 10. November 1938 nannten, in der sie tausende Synagogen sowie andere Versammlungsräume, Friedhöfe, Geschäfte und Wohnungen deutscher Juden plündern sowie zerstören, Hunderte von ihnen ermorden ließen oder zum Selbstmord trieben. Diese „Reichspogromnacht“, wie sie besser heißen sollte, markierte den Übergang von der Diskriminierung deutscher Bürger jüdischer Herkunft zur gewaltsamen Verfolgung, die mit der systematischen Ermordung mehrerer Millionen europäischer Juden in Auschwitz sowie anderen Vernichtungslagern endete. In Erinnerung an jenen Tag im Jahre 1945, an dem Auschwitz durch die Russen befreit wurde, gilt in Deutschland der 27. Januar heute als Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus.

Von den 15.000 deutschen Juden, die den Völkermord überlebt hatten, wanderten viele nach Palästina und andere Länder aus, wie es auch die meisten der 350.000 überlebenden Juden aus Osteuropa taten, die zunächst in Nachkriegsdeutschland untergebracht waren. Manche blieben und begegneten hier z.T. weiter Aversionen, als ob es Auschwitz nie gegeben hätte.

Zu judenfeindlichen Missetaten gehörte beispielsweise die Schändung jüdischer Friedhöfe, die in den fünfziger Jahren den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer bewog, sich in einer Radioansprache an die Bürger dieses Landes zu wenden und ihnen im Umgang mit den Schändern zu empfehlen: „Wenn Sie solche Lümmel auf frischer Tat ertappen, dann geben Sie ihnen am besten gleich an Ort und Stelle eine Tracht Prügel; denn das ist die Strafe, die sie verdient haben.“ Adenauer fügte hinzu: „Und meinen jüdischen Mitbürgern sage ich, dass die gesamte Staatsmacht hinter ihnen steht!“

Wo stand die Staatsmacht in Duisburg?

Es ist in diesem Januar fünf Jahre her, dass Araber und Türken in den Straßen unserer Städte gegen eine israelische Militärintervention in Gaza demonstrierten und unüberhörbar schrien: „Tod, Tod, Israel“, „Tod den Juden“, „Judas verrecke“ und „Hamas – Hamas – Juden in das Gas“! Doch die Polizei, die all diese Demonstrationen begleitete und Ohrenzeuge solchen Geschreis war, unternahm nichts, um die bösartigen Hetzkampagnen zu unterbinden.

Es kam noch schlimmer: Als die Demonstranten am 9. Januar 2009 in Duisburg an einem Haus vorbeikamen, aus dem eine Israel-Flagge hing, löste der Anblick dieser Flagge eine Massenhysterie aus. Aus der Masse heraus wurde nach Adolf Hitler gerufen und ein wild gewordener Mob drohte das beflaggte Haus zu stürmen. „Gefährlich ist´s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn, doch der Schrecklichste der Schrecken das ist der Mensch in seinem Wahn“, heißt es dazu passend im Lied von der Glocke, das Friedrich Schiller unter dem Eindruck dichtete, den der Straßenterror des Pariser Pöbels während der Französischen Revolution bei ihm hinterlassen hatte.

Dass der Straßenpöbel in Duisburg schließlich doch nicht jenes Haus stürmte, lag allein daran, dass Polizisten ihm die Mühe abnahmen, selber das Haus stürmten, die Tür zu der in Betracht kommenden Wohnung aufbrachen und die anstößige Flagge unter dem Triumphgeschrei des wütenden Mobs abnahmen. Ähnlich wie ihre Kollegen 1933 nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zu Bütteln der SA geworden waren, wurden deutsche Polizisten im Januar 2009 zu Handlangern des Pöbels, statt die Herrschaft über die Straße denen zu entreißen, die kaum sich selbst zu beherrschen wussten.

“Oh judgement, thou art fled to brutish beasts and men have lost their reason”, ließ William Shakespeare Marcus Antonius in Julius Cesar auf dessen Totenfeier sagen. Das fiel mir ein, als ich an das tollwütige Treiben dieses Mobs und den perversen Rechtfertigungsversuch der Duisburger Polizei dachte. Diese versuchte, ihre Handlangerdienste beim Wohnungseinbruch damit zu rechtfertigen, dass der jüdische Wohnungsbesitzer mit seiner Beflaggung am Fenster die Demonstranten provoziert hätte. Mit anderen Worten: Der Jude war selber schuld.

„Die Juden sind schuld“ ist übrigens der Haupttitel einer Studie über Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus. Was ich anno 2005 bei der Präsentation dieser Studie durch den Grünensprecher Cem Özdemir hörte und in der Broschüre las, war im Großen und Ganzen interessant, aber nicht neu; denn über die dort dargestellten Probleme war schon zehn Jahre früher berichtet worden, ohne dass danach Nennenswertes zur Problemlösung geschehen war. Und wie sollte es nun weitergehen? Blieb es bei dieser Studie oder wurden mit öffentlichen Mitteln einige Anschlussprojekte sowie eine Evaluierung dieser Projekte finanziert und auf diese Weise irgendwelche Amigos aus der weit verzweigten Gutachterbranche mit lukrativen Aufträgen versorgt? Oder wurde sonst etwas unternommen?

Ich weiß nur, dass es seit dieser gut gemeinten Studie in diesem Lande zu weiterer Gewalt nicht nur, aber auch und vor allem von Arabern sowie anderen Muslimen gegen Juden kam, jüdische Mitbürger angepöbelt oder gar verprügelt wurden, wenn sie sich mit Kippa oder Davidstern auf die Straße trauten, und in aller Öffentlichkeit ungeniert zur Vertreibung oder gar Ermordung von Juden aufgerufen wurde, wie auf den genannten Demonstrationen gegen die israelische Militärintervention in Gaza.

Wann ist die Schmerzgrenze der Judenfeindlichkeit erreicht?

Was Araber und andere Muslime während der Massenproteste an Feindseligkeit gegen Juden demonstrierten, „müssen wir bis an die Schmerzgrenze“ ertragen, meinte unsere damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zur Begründung für die Zurückhaltung der deutschen Staatsmacht. Sind „wir“ es, Frau Ministerin a.D., oder sind es nicht in Wirklichkeit unsere jüdischen Mitbürger, die solche Feindschaft „bis an die Schmerzgrenze“ ertragen sollen? Und wann ist diese „Schmerzgrenze“ erreicht? Erst wenn Juden angepöbelt, verprügelt und sogar getötet werden, und nicht schon früher, wenn etwa Araber zusammen mit ihren deutschen Sympathisanten – wie während der israelischen Militärintervention in Gaza – proisraelische Demonstrationen stören und dabei ungeniert zur Zerstörung des Staates Israel aufrufen? Einige jener Störer entblödeten sich nicht einmal zu monieren, dass „die Juden“ überhaupt demonstrieren durften.

Auch wenn mir mancher Palästinenser in seiner Sorge um Verwandte in Gaza leid tat, empört mich die Frechheit, mit der einige die Rückkehr der Juden aus Israel nach Europa verlangen. Man stelle sich vor, was es für eine Entrüstung auf arabischer sowie auf deutscher Seite gäbe, wenn jemand die Aussiedlung der hier lebenden Araber in deren Herkunftsländer forderte! Abgesehen davon, dass die Israelis längst nicht alle aus Europa stammen, sondern zum Teil aus orientalischen Ländern wie dem Jemen, dem Irak, Marokko und anderen arabischen Ländern, aus denen ihre Eltern oder Großeltern nach der Gründung des Staates Israel ebenso flohen, wie wenige Jahre vorher andere Juden vor dem nationalsozialistischen Terror aus Europa geflüchtet waren, gibt es keinen triftigen Grund, aus dem sie Israel und insoweit ihr Heimatland verlassen sollten. Besonders empörend finde ich, dass es nicht bloß Araber sind, sondern auch Deutsche, die solche Judendeportationen fordern, als wären Juden nicht schon einmal Opfer deutscher Aussiedlungspläne gewesen.

Juden brauchen Israel als potenzielle Zufluchtsstätte, wenn die deutsche Staatsmacht nicht voll und ganz wie zu Adenauers Zeiten hinter unseren jüdischen Mitbürgern steht, Polizisten sich sogar zu Handlangern eines judenfeindlichen Pöbels machen lassen und Menschen gleich welcher Herkunft nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern jüdische Mitbürger für israelische Militäraktionen mitverantwortlich machen, sie anpöbeln, verprügeln und mancherorts auch töten.

Ein Wendepunkt in Toulouse?

In Frankreich etwa nahm die Zahl judenfeindlicher Aggressionen 2012 um 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, wie es in einem Bericht der jüdischen Organisation SPCJ vom vergangenen Februar hieß. Dazu gehörte insbesondere das Attentat des Islamisten Mohamed Merah, der im März 2012 vor einer jüdischen Schule im südfranzösischen Toulouse drei Schüler und einen Lehrer erschoss. Das war für viele Juden in Frankreich ein schockartiger „Wendepunkt“, wie der israelische Präsident Schimon Peres meinte, und bewirkte, dass die Zahl der Auswanderer nach Israel in die Höhe schnellte.

Die judenfeindliche Hetze ging auch nach diesem Attentat direkt sowie indirekt weiter. Seit Jahren provoziert der aus Afrika stammende Komiker Dieudonné, dessen Internetvideos schon von Millionen Menschen angeklickt wurden, mit Sätzen wie: „Der Holocaust hat uns viel gekostet. Wir zahlen noch immer.“ Oder: „Was für ein Projekt haben die Neonazis 2013? Seife aus der Crème de la Crème des französischen Showbusiness zu machen?“ Die Debatten, die er damit ausgelöst hat, dürften französische Juden eher verunsichern als beruhigen und zum weiteren Exodus nach Israel beitragen.

Neben Frankreich sind es nicht zuletzt Länder wie Belgien und Schweden, in denen seit der Masseneinwanderung von orientalischen Muslimen Judenfeindlichkeit bedrohliche Ausmaße angenommen hat. So verlassen gegenwärtig Hunderte von Juden Belgiens Hauptstadt Brüssel, weil sie unter den massiven Attacken von Seiten junger Muslime leiden und sich in einigen Stadtteilen nicht mehr sicher fühlen. Nicht viel anders geht es in der schwedischen Stadt Malmö zu, in der analog zu solcher Masseneinwanderung die Zahl judenfeindlicher Angriffe  zugenommen hat und es immer mehr jüdische Familien zur Auswanderung nach Israel drängt.

Dass muslimische Jugendliche mit solchen Aggressionen erheblich zum jüdischen Exodus aus Frankreich sowie anderen Ländern Europas nach Israel beitragen, obwohl sie dort gar keine Juden haben wollen, und mit ihrer Judenfeindlichkeit insofern völlig kontraproduktiv wirken, ist eine Einsicht, die solchen Lümmeln wohl nur schwer zu vermitteln ist. Ich fürchte, dass sich an ihrer Dummdreistigkeit auch dadurch nichts ändern ließe, dass man der Empfehlung Adenauers folgte und ihnen das Popoderle verwichste.

2 Comments »

  1. Lisje Türelüre aus der Klappergasse 1. Februar 2014 at 19:29 - Reply

    Das stimmt nicht!
    Die Bezeichnung „Reichskristallnacht“ stammt mitnichten von den Nationalsozialisten. Wie diese die Aktionen dieser Nacht nannten, ist mir im Moment nicht geläufig. Fest steht aber, daß der Ausdruck „Reichskristallnacht“ die beißende Kritik des Berliner Volksmundes war, mit dem dieser zum Ausdruck brachte, daß kein Mensch die offizielle Version glaubte, wonach sich hier ein „empörter Volkszorn“ entbrannt habe. Jeder wußte, daß es sich um eine von oben, also vom „Reich“ gesteuerte Aktion handelte.
    Jeder Gutmensch, der versucht denBegriff „Reichskristallnacht“ durch ein politisch korrektes „Reichspogromnacht“ zu ersetzen, zeigt nur daß er nichts, aber auch gar nichts verstanden hat.

  2. Russ R. Floyd 7. Februar 2014 at 02:33 - Reply

    was vor allem von antiimp-seite gerne übersehen oder verschwiegen wird, ist die tatsache, dass andere militärmächte aus der region wie iran oder syrien einen stellvertreterkrieg gegen israel führen. und davon abgesehen, wie wäre es damit, wenn sich palästinenserInnen gegen die antisemiten von der hamas zusammentun und diese endlich verjagen und dann gemeinsam mit den israelis zur abwechslung mal etwas kreatives zustande bringen? abseits von der unnötigen „nationalen“ konfliktebene haben doch alle im grunde die gleichen alltagsprobleme, israelis wie palästinenserInnen. antisemitische barbarei ist jedenfalls definitiv nicht die antwort auf die probleme, die ihre ursache im kapitalismus haben.

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