Die antifaschistische Republik

22. Januar 2014 1

Rezension zu Bettina Blank: „Deutschland, einig Antifa“? „Antifaschismus“ als Agitationsfeld von Linksextremisten

Linksextreme Antifa erklärt Stadtteile zu ihrem Herrschaftsgebiet - Bild: KDH

Linksextreme Antifa erklärt Stadtteile zu ihrem Herrschaftsgebiet – Bild: KDH

„Wir war’n achtzehn / Antifas mit Intifada-Schal und Army Parka“ sang Max Herre als Frontmann der Musikgruppe Freundeskreis. Heute sitzt er zwischen Nena und The BossHoss in der Jury einer Castingshow. Antifaschistisches Engagement wird nicht hinterfragt, sondern besungen, gewürdigt und im schlimmsten Fall als Jugendsünde abgetan. In Post-NSU-Zeiten ein Buch zu veröffentlichen, das sich kritisch mit Antifaschismus auseinandersetzt, erscheint geradezu verwegen. Bettina Blank hat es trotzdem getan.

Die Arbeit der 1956 geborenen Politikwissenschaftlerin beinhaltet bereits im Untertitel eine wichtige Differenzierung: Mit dem Thema „Antifaschismus als Agitationsfeld von Linksextremisten“ schert die Autorin keineswegs alle Aktivisten über einen Kamm und sie erklärt die Antifa nicht schlechthin zur kriminellen Organisation. Das ist wichtig, denn Engagement gegen Rechtsextremismus ist richtig und notwendig. Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus sind ernstzunehmende Probleme. Aber wie die Praxis zeigt, ist nicht jedes politische Engagement allein deswegen demokratisch, weil es sich „gegen rechts“ richtet. Es ist eine Sache, Aufklärungsbroschüren zu erstellen und friedlich gegen NPD-Kundgebungen zu demonstrieren. Es ist eine andere, zu Gewalt aufzurufen, Steine auf Menschen zu werfen, sie zu schlagen oder sie menschenunwürdig zu behandeln.

Blank legt mit ihrem 400 Seiten starken Buch eine faktenreiche Darstellung der antifaschistischen Bewegung seit der Wiedervereinigung vor. Dabei konzentriert sie sich auf die DKP, Die Linke und den VVN-BdA, ein weiteres Kapitel widmet sich dem militanten Teil der Bewegung. Die große Gefahr sieht die Autorin aber in der „Machtergreifung über die Köpfe“. Linksextremisten seien über das Mittel Antifaschismus in der Lage, das gesellschaftliche Denken und Handeln „auf sublime Art“ zu beeinflussen.

Dabei stelle die Aufdeckung der NSU-Mörderbande einen Wendepunkt dar – allerdings nicht für die rechtsextreme Szene, sondern für den Antifaschismus, der sich von einem defensivem zu einem offensivem gewandelt habe. Das Beispiel Dresden habe gezeigt, dass immer mehr bürgerliche Gegendemonstranten dazu bereit seien, illegale Aktionen als legitim zu betrachten – solange sie sich „gegen rechts“ wenden. Konsequenterweise fordert die Autorin, Engagement gegen den linksextremen Antifaschismus müsse in der politischen Mitte, bei Unterstützern und Weg-Sehern in den demokratischen Parteien ansetzen. Antidemokratische Tendenzen im antifaschistischen Spektrum müssten offen benannt und geächtet werden. Dafür aber sei Zivilcourage im eigentlichen Sinne notwendig – das „Gegenteil von Avancen an den Zeitgeist“.

Spektakuläre Insiderinformationen kann Blank nicht bieten. Aber das ist auch nicht erforderlich, denn die Antifa ist keine Geheimorganisation. Antifaschisten haben es in den meisten Fällen nicht nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Ideologische Stellungnahmen und Berichte über (illegale) Aktionen finden sich zuhauf im Internet. Daher ist es nachvollziehbar, dass sich die Autorin auf öffentlich zugängliche Quellen beschränkt und das Gros der Quellen aus dem Internet gewonnen hat.

Mit ihrer Konzentration auf Parteien und Organisationen neigt die Autorin dazu, die von der militanten Linken ausgehende Gefahr zu unterschätzen. Zwar erklärt sie, wenn es um Antifaschismus gehe, sei die Gewaltbereitschaft sehr hoch; selbst Tötungsdelikte würden von Teilen der Szene als legitim angesehen. Aber sie vertritt die Auffassung, die Lage der Autonomen sei insgesamt „desolat“, auf Demonstrationen gegen Neonazis seien „höchst selten mehr als einige hundert militante Teilnehmer“ und das Phänomen der Massenmilitanz sei „weitgehend Geschichte“.­ Richtig ist, dass die militante Linke längst nicht mehr so stark ist wie in den achtziger Jahren. Nur: Solange Politik und Gesellschaft die militante Linke tolerieren, hat diese keinen Grund, sich in Szene zu setzen. Sobald sie sich jedoch angegriffen fühlt – wie im Falle der (unbegründeten) Räumungsgerüchte um die Rote Flora im Dezember 2013 – erwacht sie aus ihrem Dornröschenschlaf und es folgen Großkundgebungen mit mehreren Tausend Militanten (davon abgesehen stellen auch mehrere Hundert eine durchaus ernstzunehmende Gefahr dar!).

Insgesamt ist das Buch von einem pessimistischen Unterton durchzogen. Gegen Ende gelangt die Autorin zu einem etwas beängstigendem Fazit: Was vor dem Hintergrund der Blockkonfrontation im Kalten Krieg nicht gelungen ist, könne sich nun aufgrund der Ignoranz der politisch Verantwortlichen als realistische Perspektive erweisen – die sukzessive Umdeutung des Grundgesetzes hin zu einem antidemokratischen System. Der Weg in die „Antifaschistische Republik“ habe längst begonnen.

Bettina Blank (2013): „Deutschland, einig Antifa“? „Antifaschismus“ als Agitationsfeld von Linksextremisten (Extremismus und Demokratie: Band 28). Baden-Baden: Nomos Verlag, 412 Seiten, 64 Euro. Kaufen bei Amazon.

One Comment »

  1. K.R. 5. Februar 2014 at 12:51 - Reply

    „…Machtergreifung über die Köpfe. Linksextremisten seien über das Mittel Antifaschismus in der Lage, das gesellschaftliche Denken und Handeln auf sublime Art zu beeinflussen“.

    Kann man das so stehen lassen? Von „Antifaschismus“ ist in den Mainstream-Medien eigentlich nie die Rede oder nur in Anführungszeichen, weil der Begriff eine kommunistische Propagandaworthülse ist, die man aus guten Gründen meiden sollte, gerade auch weil es die DDR mit einer echten Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Ostdeutschland nie richtig ernst genommen hat; die Nazi-Vergangenheit war dort doch eine Sache der kapitalistischen BRD. Das Ergebnis dieser Vergangenheitsentsorgung können wir bis heute in den ostdeutschen Bundesländern sehen.

    Aber auch von der „Antifa“ als in der westdeutschen BRD entstandene militante Gruppierung des Linksextremismus ist in den Medien eigentlich nur selten die Rede (oder täusche ich mich da?); nur bei der VVN-BdA taucht der Begriff Antifaschisten als Teil des Gruppennamens auf – er scheint dort durch den Opferstatus akzeptabel. Statt Antifa ist von Autonomen die Rede, weniger häufig von Linksradikalen und seltener von Linksextremisten die Rede. Die verschwommene Begrifflichkeit in den Medien, hat es der Antifa ermöglicht, sich als radikale Speerspitze im „Kampf gegen Rechts“ und im weiteren Sinn gegen die Auswüchse des bösen (= rechten) Kapitalismus zu etablieren. Ihre Militanz und Brutalität wird von den Medien nicht gerechtfertigt. Als Teil des „Kampfes gegen Rechts“ wird sie jedoch hingenommen und damit stillschweigend geduldet.

    Man kann diese einfachen Zusammenhänge nicht oft genug wiederholen. Es ist die Darstellung der Antifa und des militanten Linksextremismusin in den Medien, die Akzeptanz fördert, auch für die physische Gewalt gegenüber Andersdenkenden (=“Rechten“).

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