Ist Islamismus Missbrauch des Islam?

19. Januar 2014 1

Rezension zu Boualem Sansal: Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert

Wie viel Islamismus steckt im Islam? - Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Wie viel Islamismus steckt im Islam? – Bild: Dieter Schütz / pixelio.de

Sich als Deutscher kritisch zum Islam oder auch nur zum „Islamismus“ zu äußern, bleibt ein risikoreiches Unterfangen. Vielerorts lauert die „Rassismuskeule“ und selbsternannte „Antirassisten“ stampfen jegliche Islamkritik reflexhaft in Grund und Boden. Der Schriftsteller Boualem Sansal erfreut sich als Nicht-Deutscher einer etwas günstigeren Ausgangslage: Selbst aus Algerien stammend, hält er den westlichen Gesellschaften gern deren unsägliches Appeasement gegenüber dem Islam vor Augen, so auch in seinem neuesten Buch Allahs Narren.

„In Europa, dem Eldorado der Freiheit, darf man alles kritisieren und jede Form von Kritik ist erlaubt, bis hin zu Parodie und Satire – nur den Islam und seinen Propheten darf man nicht kritisch kommentieren, nicht einmal in den gewähltesten Worten und der wohlmeinendsten Absicht.“ Mit dieser Feststellung geht Sansal mit der deutschen Gesellschaft hart ins Gericht. Und wie Recht er hat, hat der Rezensent schon oftmals am eigenen Leibe erfahren – was wiederum zu lautstarker Unterstützung durch zahlreiche Initiativen und Stiftungen führte.

„Das alles hat dazu geführt, dass man heutzutage auf den Islamismus ausweicht, wenn man eigentlich über den Islam sprechen will“, schreibt Sansal weiter. Ob der Autor selbst nur aus diesem Grund schon im Untertitel des Buches von „Islamismus“ spricht, wird nicht ganz klar. Tatsächlich bezieht Sansal sich in erster Linie auf den „Islamismus“, nicht vorrangig auf den Islam allgemein. Worin jedoch genau der Unterschied zwischen „Islam“ und „Islamismus“ liegt, legt er nicht explizit dar. Seine Ausführungen lassen erkennen, dass seine Auffassung von „Islamismus“ in etwa jener Definition der deutschen Verfassungsschutzbehörden entspricht. Demnach handelt es sich um eine verfassungsfeindliche politische Ideologie, die sich europaweit gefährlich ausbreitet, deren Anhänger sich in Deutschland von Jahr zu Jahr verdoppeln und die die Scharia über das Grundgesetz stellt.

Sansals Buch handelt zunächst insbesondere vom Aufkommen des Islamismus in der arabischen Welt, im hinteren Teil geht es auch um Europa:

Sein Ziel ist die Kontrolle über die Gesellschaft und die Machtergreifung im Staate. Dieses politisch-religiöse Projekt nimmt in mehreren arabo-muslimsichen Staaten bereits konkrete Gestalt an und ist im Begriff, sich auch jenseits der Grenzen traditionell muslimischer Regionen festzusetzen. Diese Entwicklung hat sich in einem bemerkenswert kurzen Zeitraum vollzogen, innerhalb weniger Generationen, und das ist in der Tat der Analyse wert, zeigt es uns doch, wie anfällig und durchlässig die politischen, juristischen, moralischen und sonstigen Systeme sind, die die Staaten zum Schutz ihrer Institutionen und ihrer Bevölkerung gegen extremistische Auswüchse errichtet haben. Und es verdeutlicht, wie groß die Macht der modernen Kommunikationstechnologien ist, die die Islamisten mit beachtlichem Geschick für sich nutzen.“

Bis hierhin hat Sansal vollkommen Recht. Doch dann beginnt er sich immer wieder zu verirren: „Diskret und unauffällig hat der Islamismus seinen Platz in der Welt erobert, im Schatten der Diktaturen, die in den muslimischen Staaten herrschten und unter dem Deckmantel des Islam, den er schrittweise in einen ideologischen Diskurs umgewandelt hat.“ An solchen und ähnlichen Textstellen dringt Sansals Irrglaube durch, dass es sich beim „Islamismus“ um einen Missbrauch des Islams handele. Zwar lässt sich Sansal selbst meines Erachtens nicht als „islamophil“ einstufen. Dennoch redet er mit diesem „Missbrauchstheorem“, welches sich wie ein roter Faden durch sein Buch zieht, dem unreflektierten deutschen Gutmenschentum das Wort.

Um es noch einmal zu betonen: Ich habe keineswegs etwas dagegen, dass man zwischen „Islam“ und „Islamismus“ trennt. Auch in meinem eigenen Buch habe ich eine solche Trennung vorgenommen und meine Beweggründe ausführlich bei Citizen Times dargelegt.  Mit einer solchen begrifflichen Trennung würdige ich nicht zuletzt die Tatsache, dass es tatsächlich unzählige verschiedene, auch relativ friedliche Strömungen innerhalb des Islams gibt. Doch den Islamismus als Missbrauch des Islams darzustellen ist bei gesunder Betrachtungsweise vollkommen absurd. Denn der gewaltsame Dschihad muss zwar nicht, kann aber zweifelsohne direkt aus dem Koran abgeleitet werden.

Insgesamt genügt Allahs Narren keinesfalls wissenschaftlichen – nicht einmal populärwissenschaftlichen – Ansprüchen. Eine hinreichend transparente Strukturierung seines Werkes lässt der Autor ebenso vermissen wie eine genügende Klärung zentraler Begriffe. Nun muss man einräumen, dass Sansal sich auch keinesfalls als Wissenschaftler sieht, sondern vielmehr als Zeitzeuge, der seine Lebenserfahrung „literarisch“ in einem Essay niederschreibt. Doch auch ein guter Essay müsste meines Erachtens eine angemessene Struktur und genaue Definitionen aufweisen.

Boualem Sansal (2013): Allahs Narren. Wie der Islamismus die Welt erobert. Vastorf: Merlin-Verlag. 164 Seiten, 14,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

One Comment »

  1. Islamwissenschaftler 23. Februar 2014 at 01:46 - Reply

    Im wesentlichen zwischen den 8. und 10. Jahrhundert haben Islamgelehrte, die sehr eng am Korantext und an der Überlieferung zum Brauch Mohammed gearbeitet haben, durchdachte und ausgefeilte Systeme entwickelt, die später zum orthodoxen Sunnitentum der vier Richtungen der Schari’a (Hanafiten, Malikiten, Shafi’iten und Hanbaliten) und den drei Glaubenslehren (aqida/aqa’id: asch’ari, maturidi, athari) vereinigt wurden.

    Diese Systematisierungen, die sich am Koran und an den Taten und Worten Mohammeds orientieren, haben ein abstraktes System geschaffen, das untrennbar sowohl Politik als auch „Religion“ untrennbar umfasst.

    Dieses abstrakte System wurde über weite Strecken aber nicht vollständig oder sogar nur sehr rudimentär umgesetzt, weil die Mittel dazu fehlten: Bücher waren teuer und selten, nur wenige konnten Hocharabisch lesen und schreiben, es gab nur selten effektive staatliche Strukturen etc.

    Durch die Modernisierungen, die vor allem die Expansion westlichen Wissens und westlicher Technik gebracht haben (Buchdruck, Schulpflicht, moderner Sprachunterricht, Rundfunk, Fernsehen, Internet, moderner Anstaltsstaat, etc.), findet seit dem 19. Jahrhundert in der islamischen Welt etwas statt, was im protestantischen Europa nach der Reformation eingesetzt hat: eine grundsätzliche gläubige Bevölkerung hat nun Zugang zu religiösem Wissen und versucht das, was nun an Normen zugänglich ist, auch umzusetzen.

    Sowie der Katholizismus – besonders der volkstümliche – vergleichsweise bibelfern ist, im Vergleich zum Protestantismus, war auch der etablierte gelebte Volksislam oft koran- und sunnafern.

    Dem Sunnitentum gehören knapp 90% der Muslime an, vom Rest ist wohl mindestens die Hälfte Anhänger von Systemen, die sich bei Umsetzung der abstrakten Normen im konkreten Handeln nur wenig von der sunnitischen Orthodoxie unterscheidet.

    Vergleicht man Islamismus mit dem abstrakten Normensystem der sunnitischen Orthodoxie, wird man feststellen, dass beide fast deckungsgleich sind.

    Konkret heißt das, dass die sunnitische Orthodoxie, aber auch das Zwölfer-Schiitentum à la Chomeini und das Fünfer-Schiitentum (Zaidiyya) auf der Ebene des Normen des Handelns so gut wie nicht von „Islamismus“ zu unterscheiden sind.

    Sowenig der klassische Protestantismus, der sich stark an der Bibel orientiert (sola scriptura) ein „Missbrauch“ des Christentums ist, ist der „Islamismus“ ein „Missbrauch“ des Islams.

    Zu glauben, dass der „Islamismus“ einfach wieder verschwindet, ist noch wesentlich unwahrscheinlicher, als dass der „Protestantismus“ einfach so verschwindet, da in der islamischen Welt, aber auch über weite Strecken in der Diaspora kein Prozess der Säkularisierung stattgefunden hat, oder wo man dies von oben erzwingen wollte (bestes Beispiel: Türkei), die Säkularisierung entweder kaum gelungen ist, oder gerade zurückgedreht wird.

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