Leitkultur, nicht „Homonationalismus“

13. Januar 2014 1

Rezension zu Daniel Krause: Als Linker gegen Islamismus. Ein schwuler Lehrer zeigt Courage

Islam oder Islamismus? - Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

Islam oder Islamismus? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Es war nur ein kurzer Moment, in dem der Lehrer Dr. Daniel Krause seine berufliche Existenz, sogar sein Leben aufs Spiel setzte. Er trat für linksliberale Positionen ein und prangerte die Juden-, Schwulen- sowie Frauenfeindlichkeit der Salafistenbewegung um Pierre Vogel an. Soweit und an einem anderen Ort eigentlich kein Problem. Aber Krause sprach spontan auf einer Kundgebung in ein Mikrofon, das ihm ein Vertreter der Partei Pro NRW hinhielt. Für viele Linke, die das im Internet spitzkriegten, hatte er damit ein falsches Feindbild und sich als „Rechter“ entlarvt, was für sie ein Synonym für das „Böse“ ist. Grund genug für diese Glaubenseiferer, ihn als Andersgläubigen zu diffamieren und sich davon als „Gutmenschen“ abzugrenzen.

„Der Jude wird verbrannt“, lautete das Urteil des Patriarchen, den es nicht interessierte, warum Lessings Nathan der Weise ein Christenkind angenommen hatte. Ebenso reflexhaft urteilten Vertreter eines grobschlächtigen, jeder Reflektionsfähigkeit abholden Antifaschismus über Daniel Krause. Statt das Gespräch mit ihm zu suchen, fanden Denunzianten seine Adresse sowie Schule heraus und zeigten beides im Internet an. Die Folge war, dass der Schulleiter unnachsichtig wie der Patriarch Krauses Suspendierung vom Dienst betrieb und „Freunde“ ihn vom Veganer-Stammtisch exkommunizierten, um nicht das Abendmahl mit einem Mann zu teilen, der vom Glauben abgefallen schien. „Tötet den Verräter“, hetzten Linksradikale im Internet in unheiliger Allianz mit Islamisten, die ebenso zum Mord an Krause aufriefen. Es war anno 2012 und nicht etwa 1220, als diese „Ketzerverfolgung“ stattfand.

Krause hat darüber ein Buch geschrieben und begründet darin, was er „als Linker gegen Islamismus“ – so der Buchtitel – hätte. Er schreibt, dass er zur Achtundsechziger-Emanzipationsbewegung stehe und konsequent Sexismus einschließlich Homophobie von Muslimen sowie Christen kritisiere. Diese Konsequenz vermisst er bei anderen Linken gegenüber Muslimen. Im Untertitel des Buches heißt es: „Ein schwuler Lehrer zeigt Courage“. Doch es sei kein Zeichen von Mut, auf einer Kundgebung von Pro NRW gegen den Islam zu sprechen, meint die Westdeutsche Allgemeine bar jeder Kenntnis der Umstände und fragt, ob solch ein Lehrer muslimischen Schülern zugemutet werden könne. Diese Frage ist genauso absurd, als ob man sich um katholische Schüler sorgen müsse, wenn ein Lehrer gegen die Pius-Brüder sei; denn Krause hatte nicht den Islam kritisiert, sondern den Islamismus.

Dass der nicht zwischen Islam und Islamismus unterscheide, kritisiert er an Geert Wilders von der niederländischen Freiheitspartei, bewundert aber dessen Landsmann Pim Fortuyn, obwohl der ebenso wie Wilders den Islam an sich für eine Bedrohung hielt. Fortuyn war homosexuell und wollte nicht tolerieren, dass in Moscheen seines Landes schwulenfeindlich gehetzt wurde und junge Muslime Homosexuelle überfielen. Er war für eine gelenkte Immigration und forderte eine strikte Integration von Migranten in die niederländische Gesellschaft. Dass politische Gegner ihm Islamfeindlichkeit vorwarfen, hielt ihn nicht auf – auch nicht, dass Linksradikale ihm eine kotverschmierte Torte ins Gesicht warfen. Aber wer glaubte, dass diese außer Mist nicht viel im Sinn hätten, täuschte sich; denn kurz vor dem Wahlsieg seiner Partei im Jahr 2002 wurde Fortuyn von einem Linksradikalen ermordet. Fortuyns Agenda wurde jedoch im Großen und Ganzen von anderen Parteien übernommen und erhielt Gesetzeskraft. Bezeichnenderweise hält der linke arabischstämmige Bürgermeister von Rotterdam, für den Fortuyn seinerzeit ein Moslemhasser war, diesen inzwischen für „einen der größten Niederländer aller Zeiten“ und meint wie dieser, dass Migranten, die sich gesellschaftlich nicht anpassen wollten, in den Niederlanden nichts zu suchen hätten.

„Der deutsche Diskurs hinkt dem niederländischen um mindestens zehn Jahre hinterher“, befindet Krause in seinem Buch. „Sozialromantiker schießen fortdauernd gegen Islamkritiker, auch gegen solche des eigenen politischen Lagers“, wie etwa Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln. Krause erklärt die „Abwehrhaltung gegenüber Islamkritik“ u.a. mit einem Hang zur „Verharmlosung“ und der Sorge vor Diffamierung durch den „Linksfaschismus“. Er hätte an der Stelle die Angst vor islamistischer Gewalt hinzufügen können. Die äußerte sich insbesondere, als es um den islamkritischen Film Die Unschuld der Muslime und Mohammed-Karikaturen ging. Islamisten im Orient nahmen beides zum Anlass für Überfälle auf westliche Botschaften und lösten bei uns ängstliche Diskussionen um Meinungsfreiheit aus. „Respekt gegenüber religiösen Gefühlen darf nicht um jeden Preis gezollt werden“, findet Krause. „Andernfalls hätten sich die Länder Europas niemals zu belastungsfähigen Rechtsstaaten entwickelt.“

Doch die Belastungsfähigkeit unseres Rechtsstaates ist nicht groß, wie sich bei einer Demonstration in Duisburg gegen eine israelische Militärintervention in Gaza zeigte (2009). Als zumeist türkische und arabische Demonstranten an einem Haus vorbei kamen, aus dem eine Israel-Fahne hing, setzten sie zum Sturm auf das Haus an. Zur Vorbeugung brach die Polizei in das Haus ein und holte die Fahne herunter. Damit hatte die Staatsmacht schmählich vor der Herrschaft des Straßenpöbels kapituliert.

Es gibt sicher auch judenfeindliche Deutsche. Im Unterschied zu orientalischen Demonstranten in Duisburg und anderswo würde ein Deutscher sich aber kaum trauen, zum Mord an Juden aufzurufen; denn die politische Elite Deutschlands sieht „edlen Wilden“ aus dem Orient manches nach, was sie einheimischen Wilden nicht durchgehen lässt. Das fiel mir ein weiteres Mal auf, als über 6.000 türkische Islamofaschisten fast unbemerkt und unbehelligt im Ruhrgebiet aufmarschierten (2012), während Parteien und Gewerkschaften etwa zur gleichen Zeit ihren jährlichen Jagdausflug nach Dresden machten, um dort ein paar Dutzend Rechte durch die Stadt zu treiben. „So verfallen politische Eliten in das, was in der Psychoanalyse ‚Verschiebung‘ heißt“, erklärt Krause die Fokussierung auf rechte Randgruppen. „Man verlagert seinen Widerstand weg vom überlegenen Mächtigen hin zum besiegbaren Schwächeren.“ Hinzu kommt, dass viele Linke sich mit Islamisten in der antiamerikanischen und antiisraelischen Haltung einig sind.

So wie viele kaum zwischen Judentum und Israel differenzieren, wird auch Krause seinem Anspruch auf Abgrenzung des Islamismus vom Islam nicht immer gerecht. „Verurteilen Sie niemals Muslime pauschal“, mahnt er, kommt aber nicht um die Einsicht herum, dass Juden- und Schwulenfeindlichkeit unter Muslimen weit verbreitet ist – viel weiter als unter anderen. Linke sehen die Ursachen für solche Defizite gerne in den sozialen Verhältnissen; das stimmt jedoch nur insoweit, als die Ursachen vor allem in muslimisch sozialisierten Milieus liegen, wie Studien zeigen, die Krause vorstellt.

Er schildert Fälle von Juden- sowie Schwulenverfolgungen durch junge Muslime und macht sich Gedanken über Motive der Übeltäter sowie Einflüsse, denen sie ausgesetzt sind – u.a. von Seiten nahöstlicher Medien, deren judenfeindliche Agitation wie Appelle an den inneren Schweinehund des Menschen wirkt. Mich beeindruckt vor allem der Fall eines Lehrers, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hatte und daraufhin von seinen arabischstämmigen Schülern ständig schikaniert wurde. Doch es waren nicht diese Bengels, die der Schule verwiesen wurden, sondern ihr Lehrer, der an eine andere versetzt wurde – auf Wunsch des Schulleiters, der um Verständnis für die „irreversible“ Homophobie seiner Schüler aus Muslemkreisen warb. Vielleicht gehört seine Schule zu denen, die bei sinkender Schülerzahl von Schließung bedroht wären und daher auf muslimische Schüler angewiesen sind; denn aus deren Familien ist mehr denn je der Nachwuchs zu erwarten, den Schulen zur Bestandssicherung brauchen. Auch deshalb könnten Islamverbände im Religionsunterricht ungehindert Einfluss auf die moralische Orientierung muslimischer Schüler nehmen, klagt Krause.

Er streitet für eine „Leitkultur“, die nicht bloß Freiheit für Religionen, sondern auch von diesen und Gleichberechtigung von Frauen sowie Schwulen vorsieht. Das hat nichts mit „Homonationalismus“ zu tun, der ihm auf einer linken Website vorgeworfen wurde. Lasst die Tassen im Schrank, Genossen!

Daniel Krause (2013): Als Linker gegen Islamismus. Ein schwuler Lehrer zeigt Courage. Radolfzell: HJB-Fakten, 176 Seiten, 12,90 Euro. Kaufen bei Amazon. Siehe auch die CT-Rezension von Felix Strüning.

One Comment »

  1. Kim Karlstein 13. Januar 2014 at 21:42 - Reply

    Dass es etliche Linke gibt, denen LGBT Rechte komplett egal sind, wenn sie gegen die „falschen“ Leute durchgesetzt/aufrecht erhalten werden muessen, ueberrascht mich ueberhaupt nicht mehr. – Worueber ich mich allerdings immer wieder wundere sind Lesben und Schwule, die vor muslimischer Homophobie fest die Augen verschliessen.

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