Tag der Beschneidung des Herrn

1. Januar 2014 4

Über die Vereinnahmung des Nachwuchses in religiösen Familien

Beschneidung Christi, Szene von einem Flügelretabel mit Darstellungen aus dem Leben Mariens und der Kindheit Jesu, Brabant, um 1480 (aus Mengen, Nord-Brabant) - Bild: gemeinfrei

Beschneidung Christi, Szene von einem Flügelretabel mit Darstellungen aus dem Leben Mariens und der Kindheit Jesu, Brabant, um 1480 (aus Mengen, Nord-Brabant) – Bild: gemeinfrei

Acht Tage nach Weihnachten ist gemäß unserer Zeitrechnung Neujahr und insofern der Tag, an dem Christen früher – die Katholische Kirche bis 1962 – die Circumcisio Domini feierten. Gemeint ist damit die Beschneidung des Herrn Jesus Christus, die nach jüdischem Gesetz acht Tage nach der Geburt eines Knaben durchgeführt werden soll, wie seit der heftig geführten Beschneidungsdebatte im letzten Jahr auch viele Nichtjuden in Deutschland wissen.

Im Vatikan werden von alters her Vorhäute als angebliche Reliquien diverser Heiliger aufbewahrt. Doch Christi Vorhaut ist nicht in dieser Sammlung. Sie soll zusammen mit Christus zum Himmel aufgefahren sein und – einer Legende nach – seither den Ring um den Saturn bilden, wie ich zu meiner Verblüffung las. Das hatte ich bis dahin nie so gesehen, wenn ich ehrfürchtig in den Sternenhimmel blickte – und genauso wenig in der Milchstraße einen göttlichen Samenerguss. Auf die Idee waren freilich nicht Christen gekommen; denn die glauben bekanntlich an eine unbefleckte Empfängnis, die sich bildlich nicht so gut erfassen lässt wie ein Ejakulat am Himmelszelt.

Ich gebe zu, dass ich derartige Fiktionen ernster nehmen würde, wenn sie in der Mythologie der antiken Griechen vorkämen, für die derartige Phänomene lediglich symbolischen Charakter hatten; denn die Gebildeten unter ihnen – in der griechischen Polis die Mehrheit der Freien – waren schon vor rund 2.500 Jahren vom naiven Glauben zum rationalen Denken fortgeschritten und hatten so eine geistige Entwicklungsstufe erreicht, von der Gläubige manch einer Religion heute noch weit entfernt sind.

Vom Verdacht eines naiven Gottesglaubens würde ich die vergleichsweise hoch gebildeten Anhänger des Judentums gerne ausnehmen, auch wenn die Mehrheit von ihnen – wie es scheint – für das Recht auf Knabenbeschneidung und damit für die Erhaltung eines archaischen Brauches eintritt, der auf Abrahams Wirken zurückgeht.

Dieser hat nach Überlieferungen im 1. Buch Mose von Gott den Befehl erhalten, seinen Sohn Isaak zu opfern und hält schon das Messer in der Hand, mit dem er den Sohn schweren Herzens, aber befehlsgemäß töten will, „da greift ein Engel auf dramatische Weise ein und verkündet, der Plan habe sich in letzter Minute geändert“, wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins es in seinem beeindruckenden Buch Gotteswahn darstellt. Gott habe Abraham nur „auf die Probe stellen“ wollen, wie Dawkins fortfährt, verzichte jedoch auf die Tötung des Knaben und wolle sich zum Zeichen des Bundes mit Abraham und dessen Nachkommen vom Stamme Israel mit der Beschneidung dieses sowie aller künftigen Knaben begnügen.

Nach den Überlieferungen der arabischen Muslime, die den Kindern Israel gerne das Erstgeburtsrecht streitig machen, ging es dabei allerdings nicht um Isaak, sondern um Ismael, den erstgeborenen Sohn Abrahams (vgl. Sure 37, Vers 99-109), den die Araber als ihren Stammvater betrachten. Das mögen die abrahamitischen Glaubensverwandten unter sich ausmachen und soll mich nicht weiter kümmern.

Ich folge lieber Dawkins‘ Spuren und wende mich einer Überlieferung im Buch der Richter zu, nach der ein Heerführer namens Jeftah Gott hoch und heilig verspricht, er würde denjenigen Menschen als Opfer darbringen, der ihm bei der Heimkehr als erstes begegne, wenn der allmächtige Gott ihm den Sieg über die Ammoniter schenke. Jeftah siegt und das Opferschicksal trifft zu seinem Entsetzen die eigene Tochter, für die Gott sich anscheinend nicht mit einer Beschneidung begnügen mag und die sich nun opfern lässt, nachdem sie merkwürdigerweise ihre Jungfräulichkeit beweint hat.

Dass Gott in diesem Fall eine Beschneidung nicht will, hat zwar den Vorteil, dass niemand mit Berufung auf ein göttliches Gesetz für die Genitalverstümmelung von Mädchen eintreten kann; doch es gibt zu denken, dass es sich in den beiden Legenden um die ersten überlieferten Fälle handelt, in denen jemand sich zur Rechtfertigung von Menschenrechtsverletzungen auf Befehle von oben beruft.

Es sind übrigens nicht bloß gottgläubige, sondern auch säkulare Juden, die für das Recht auf Knabenbeschneidung eintreten. Es gibt andererseits aber viele Juden, die Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit für unveräußerliche Menschenrechte halten, ihre Söhne nicht beschneiden lassen oder es bei einem symbolischen Akt belassen und anscheinend nicht besorgt sind, Sein oder Nichtsein des Judentums hinge von einem kleinen Zipfelchen am Knabengeschlecht ab.

Gott, der Ewige, nimmt es mit dem Zipfelchen möglicherweise gar nicht so genau, wie manche Eiferer glauben. Und auch die antiken Gottesanbeter vom Stamme Israel sahen das noch gar nicht so hauteng, sondern ließen beim Beschneiden noch etwas Haut als sexuelle Manövriermasse übrig. Damit war es allerdings im Zeitalter des Hellenismus vorbei, wie es in der Überlieferung heißt.

Hellas war in der Antike für die Völker zwischen dem Indus und der Straße von Gibraltar in etwa das, was die europäischen Kolonialmächte und die USA in jüngerer Zeit für Angehörige vieler Völker der Dritten Welt gewesen sind. Dementsprechend galten die Hellenen bzw. Griechen der Antike so wie heute noch die „Weißen“ nicht nur in ihrer Selbsteinschätzung, sondern auch in der Wahrnehmung anderer „Barbaren“ als Träger einer überlegenen Kultur, mit denen viele dieser „Barbaren“ damals wie heute sich gerne identifizieren wollten und möchten. Ein berühmtes Beispiel aus der Moderne ist Michael Jackson, der auf der Suche nach einer neuen weißen Identität es tragischerweise so weit kommen ließ, dass sein hübsches Knabengesicht am Ende zu einer Fratze verunstaltet war.

Ähnlich bewegt war anscheinend einst mancher jüdische Jüngling, der im weitgehend hellenisierten Judäa oder in der griechischen Diaspora sich beim gemeinsamen Nacktsport mit jungen Griechen nicht länger wegen seiner verstümmelten Vorhaut verspotten lassen wollte und an dieser herumzerrte, um sie auf griechisches Längenmaß zu ziehen. Dieses Gezerre fiel schließlich auch den Rabbinern auf, die nun ernsthaft in Sorge um die jüdische Identität ihres hellenisierten Nachwuchses waren und anordneten, dass bei der Häutung der Knaben fortan nichts mehr zum Langziehen übrig bleiben sollte.

Das wiederum war von wahrlich einschneidender Bedeutung für die Zukunft, obwohl es nicht einmal das Wort des Ewigen war, der eine tiefer greifende Zäsur als bisher wollte, sondern nur die Priesterschaft, die den radikalen Schnitt im Knabenschritt zur Wahrung der jüdischen Identität für erforderlich hielt.

Um diese ging es auch den Makkabäern, jenen „gesetzestreuen“ Juden, die sich erfolgreich gegen die hellenisierte Oberschicht des Judentums und die griechisch-makedonische Besatzungsmacht der Seleukiden erhoben (164 v. Chr.). Ausgelöst wurde diese Erhebung übrigens durch die Hinrichtung einer Mutter, die dafür gesorgt hatte, dass ihre Söhne beschnitten wurden. Das war unter der seleukidischen Herrschaft zeitweise verboten.

Auf Betreiben des Apostels Paulus wurde zwar bei der Missionierung von „Heiden“ auf eine Kahlschlagsanierung am Knabengeschlecht verzichtet und das Christentum so vom Judentum emanzipiert; aber den Eingriff an jener im Kampf gegen die „Sünde“ strategisch wichtigen Körperstelle, an der es den „Sünder“ am empfindlichsten trifft, mochten auch christliche Moralprediger sich nicht entgehen lassen. Nach strenger christlicher Auffassung war und ist Sexualität an sich etwas Sündiges und nur insoweit zulässig, als es der Fortpflanzung dient. Und wenn christliche Gemeinden vor allem in Amerika auf die Beschneidung von Knaben hinwirkten, dann machte man dort gar keinen Hehl daraus, dass dieser Schnitt dazu gedacht war, den Knaben das Vergnügen am Masturbieren zu beeinträchtigen.

Insofern geht es den Religionen und ihren willigen Helfern in jüdischen, muslimischen und christlichen Familien – auch wenn die Eltern es mit ihren Söhnen noch so gut meinen – letzten Endes um die Vereinnahmung des Nachwuchses und Gewinnung von Macht, die zum mindesten viele junge Muslime als Ohnmacht erfahren; denn anders als Juden werden sie nicht schon im  Säuglingsalter beschnitten, sondern erst später und erleiden diese Tortur bei vollem Bewusstsein und voller Grauen, wie ich aus Erzählungen Betroffener weiß. Sie würden diese „Schwäche“ allerdings kaum im Kreise ihrer Familie oder Freunde zugeben und trauen sich nicht einmal, die gleiche Tortur ihren Söhnen zu ersparen.

4 Comments »

  1. Lisje Türelüre aus der Klappergasse 2. Januar 2014 at 01:25 - Reply

    In meiner Bibel (Einheitsübersetzung) steht die Sache mit der Beschneidung bei Levitikus 12,3.
    „Der Herr sprach zu Mose…Am achten Tag soll man..“ Diese Gebot steht im Zusammenhang mit dem Bundesschluß zwischen Gott und dem jüdischen Volk. Nach jüdischer Auffassung wird der Junge damit in diesen Bund aufgenommen.
    Mit Abraham hat das nichts zu tun.
    Die Geschichte vom Heerführer Jeftah und seiner Tochter geschah NACHDEM Gott dem Abraham verboten hatte, Menschen zu opfern.
    Die Tochter wird nicht „geopfert“, also getötet, sondern soll – dem Gelübde ihres Vaters gemäß- im Tempel in den „Frauendienst“ eintreten und ein zölibatäres Leben führen. Es gab Frauen, die am Eingang des Offenbarungszeltes Dienst taten (Ex.38,8). Worin dieser Dienst bestand, ist nicht bekannt.

  2. Gast 5. Januar 2014 at 13:51 - Reply

    Mit allem Abstand gibt mir die Beschneidungsdebatte immer noch Rätsel auf.
    Interessant dabei ist, wer hier am lautesten „aufgeschrien“ (jedenfalls medial) hat und wer sich eher „zurück hielt“.
    Die Diskussion ist ja nicht nur in Deutschland. Ist „interessierten Kreisen“ hier der Prozess in Köln „durchgerutscht“? Hätte man das nicht mit einem Schweigegeld verhindern können?
    Den Säkulären sind die Gläubigen doch im Grunde egal, allenfalls Mittel zum Zweck.

  3. Herwig Schafberg 6. Januar 2014 at 22:36 - Reply

    Lisje Türelüre…, ich zitierte nicht die Bibel, sondern Dawkins, als es um die Opferung Isaaks ging. Im übrigen weiß ich nicht, was Sie für eine Bibl benutze. In der lutherischen Übersetzung, die ich als Quelle benutzte, heißt es im Buch der Richter 11.39 in Bezug auf Jephthah und seine Tochter eindeutig: „Er that ihr, wie er gelobet hatte…“ Und gelobt hatte er: „Was zu meiner Hausthür heraus mir entgegen gehet…, das soll des HErrn sein, und will`s zum Brandopfer opfern… (11.31) Da nun Jephthah kam… zu seinem Hause, siehe, da gehet seine Tochter heraus…“ (11.34)

  4. Lisje Türelüre aus der Klappergasse 8. Januar 2014 at 16:42 - Reply

    Ich zitiere Michael Hesemann, „Maria von Nazareth“, Stankt Ulrich-Verlag, 2012. S. 78:
    „Hat er das Mädchen als Brandopfer dargebracht? Das ist ausgeschlossen. Seit Abraham galten Menschenopfer als von Gott nicht gewollt, seit Moses waren sie explizit verboten; das Buch Deutoronomium bezeichnet sie als heidnisches Greuel, „das der Herr haßt: (die Kanaaniter) haben sogar ihre Söhne und Töchter verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten…Wenn du dem Herrn, deinem Gott dienst, sollst du nicht das gleiche tun wie sie“ (5Mos.12,31). Was also geschah mit Jeftachs Tochter? Sie verbrachte die „ausgehandelten“ zwei Monate…in der größtmöglichen Freiheit- mit ihren Freundinnen in den Bergen. Tatsächlich trauerte sie auch nicht, daß sie ihr Leben verlieren würde, sondern…“wegen ihrer Jungfräulichkeit“. Schließlich kennt die Tora ein Keuschheitsgelübde, das Nasiräat, auch für Frauen (4 Mos 6,2).“
    Wegen der Weihe der Tochter an den Tempel würde sie keine Kinder bekommen, Jeftach also keine Nachkommen, was eine große Schmach bedeutete, also eine wirkliches Opfer für Vater und Tochter.

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