Feindbild freier Bürger

8. Dezember 2013 0

Bernd Zeller über den Untertan, den Herrscher und warum deren Verhältnis immer funktioniert

Freie Bürger oder doch eher Untertanen? - Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

Freie Bürger oder doch Untertanen? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Den Untertan gibt es nicht mehr. Schon gar nicht den besonders schlimmen, den deutschen. Den aus dem Buch von Heinrich Mann von vor einhundert Jahren und dem Film vor sechzig, den Archetypen des Deutschen. Angesagt ist das Gegenteil: Widerstand gegen Staat, Gesellschaft und Mehrheit. So scheint es, und darin sind sich alle einig – ein Grund, es nicht zu glauben. Der Grund ist, dass es nicht stimmt.

Kleine Gegenprobe: Wenn der Untertan wirklich nicht mehr existieren sollte, begegnet uns dann dafür etwa der innerlich und äußerlich freie Mensch umso häufiger? Der aufgeklärte Geist, der selbst denkt und von seiner Vernunft öffentlichen Gebrauch macht? Das wäre eine gewagte Behauptung, sie müsste auf der Annahme beruhen, dass die Randgruppenforderungen und Toleranzerlasse Ausdruck von Freiheit wären und dass als Zeichen allgemeiner Vernunft alle ohne Angst für alles rebellieren und Polizisten angreifen dürfen.

Wenn wir den Untertan nicht vorfinden, dann, weil wir ihn vor lauter Untertänigkeit nicht sehen. Wir haben vergessen was das Wesen des Untertanen ausmacht, nämlich nicht die Gefolgschaft, der Gehorsam, sondern die sich darauf begründende Macht über andere. Mit dem Kaiserführer im Rücken, dem man Treue geschworen hat, herrscht es sich leichter, als mit dem Versuch, seine Machtausübung aus eigener Legitimation zu begründen. Wer dem Oberherrscher folgt, bekommt dafür eine unmittelbare Belohnung in Form eines Machtausübungsberechtigungsscheins, mit dem man andere dominieren kann. So funktioniert die Despotie, deshalb tritt das Untertanentum umso deutlicher in Erscheinung, je totalitärer das System ist.

Ein Diktator ist also einer, der das Bedürfnis nach großer Diktatur bei den Kleindiktatoren bedient.

Man könnte sogar sagen, nicht der Herrscher verlangt Untertanen, das tut er auch, aber die Untertanen verlangen noch stärker nach dem Herrscher, um als Gefolgschaft getarnt, als Diener im Sinne eines Großen und Ganzen Herrschaft über andere auszuüben.

Dieses Bedürfnis verschwindet nicht per Verfassung. Wir haben bloß keinen Führerkaiser mehr, hinter dem sich alle zu versammeln haben und in dessen Auftrag man zur Ordnung mahnt.

In der freiheitlich-demokratischen Phase der Bundesrepublik, als das Grundgesetzt eine Wertordnung vorgab, konnte man zwar auch aufsteigen, indem man sich an einen führenden Bonzen heranwanzte, den konnte man sich aber wenigstens noch selbst aussuchen. In Hinsicht auf den Staat jedenfalls konnte man gefahrlos seine Freiheit leben. Ob man darin einen hohen Gewinn sieht, liegt an jedem selbst.

Doch wenn der Staat keinen Ersatz für eine personifizierte Gewalt bietet, er sich also nicht dazu einsetzen lässt, Herrschaftsansprüche auszuleben, dann sucht sich der Untertanengeist etwas anderes. Einen anderen Funktionszusammenhang, mit dem man im Sinne einer nicht zu hinterfragenden Sache die Freiheit beschränken kann. Und nun schauen wir einmal, ob uns so etwas begegnet. Finden wir Beispiele für repressive Gewalt vermittels eines Dienens am Höheren zum Zwecke der Begründung einer Machtausübung über uns?

Das ist nicht leicht, denn wir haben ein funktionierendes Über-Ich. Wir lehnen Werte nicht grundsätzlich als faschistisch ab, wir glauben deshalb, dass die korrektpolitischen Gerne-Guten vielleicht manchmal etwas zu weit gehen mit ihrem Eifer für das Gute, sie es aber doch irgendwie letztlich gut meinen und halt nicht in der Lage sind, immer die Auswirkungen ihrer Ideologie zu bedenken. Wir wollen das glauben. Wir halten an diesem Glauben fest, solange es geht. Weil er bequem ist. Wir müssen schon die Augen aufmachen, wenn wir hinschauen wollen.

Wer mit der Moralkeule kommt, mit der Toleranzkeule, mit der Gerechtigkeits-, Armuts- oder Rassismuskeule, dem geht es nicht um Moral, Gerechtigkeit, Liebhaben. Dem geht es ums Zuschlagen.

Wer die Sprache regulieren will, dem geht es nicht um einer Verbesserung der Ausdruckskraft, dem geht es um das Regulieren. Darum, am Regulierungshebel zu sitzen. Die Kontrollinstanz zu sein. Darum, andere zu beherrschen durch Anpassungsdruck.

Uns widerstrebt bereits die Vorstellung, über andere zu bestimmen, wir wollen das nicht mit anderen tun und nicht mit uns tun lassen, deshalb fehlt uns der erkennende Blick dafür, wenn es passiert, wir tappen in die Argumentationsfalle, weil wir denken, es ginge um die Angelegenheit auf Sachebene. Wir begeben uns damit in die Defensive und erkennen so bereits das Herrschaftsverhältnis an. Wir versuchen, uns zu rechtfertigen: Aber nein, wir haben gar nichts gegen den Aztekenkult, aber gewiss doch sind wir tolerant, die Menschen ohne doppeltes Geschlecht haben wir natürlich mitgemeint. Oder wir bemühen uns, dem Betonkopf die fehlenden Informationen zu geben, damit er sein Weltbild öffnen kann: Lesen Sie doch mal, was die selbst über sich sagen, gucken Sie doch mal in das Buch, beschäftigen Sie sich doch bitte mit dem Leben des falschen Verkünders. Nicht? Och bitte. Schauen Sie doch nur, den Indianern ist gar nicht gedient, wenn wir sie Sioux und Irokesen nennen.

Wir meinen, die Würde der Person unseres Gegenübers zu achten, indem wir uns an seine Vernunft wenden. Das funktioniert aber nur bei jemandem, der seinerseits mit rationalen Argumenten sich zur Debatte stellt, und dabei handelt es sich um andere Leute als die.

Nein, wir müssten reagieren, indem wir klarmachen, dass wir diesen Eingriff abwehren. Wir müssten sagen: Ich lasse mir von dir keine Sprechvorschriften machen. Du hast kein Recht zu bestimmen, was ich denke und wie ich es ausdrücke. Ich lasse es nicht zu, wie du die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte abschaffst. Ich will von dir nicht die Verfassung als Teil der großen Vielfalt ruinieren lassen. Nein, ich bin nicht randgruppophob, ich habe etwas gegen dich, weil du mich mit dieser Unterstellung hindern willst, deine Legitimität zu bezweifeln. Du hast nicht zu entscheiden, was Kultur ist. Ich dulde deine Anmaßung nicht. Meine Vernunft gestattet es mir nicht, auf deine faschistoide Allmachtsphantasie einzugehen.

Das klingt auf einmal so selbstverständlich, warum geschieht das nicht genauso oft, wie es anstünde? Viel Mut würde dazu gar nicht gehören, aber was dazu gehört, ist weniger Angst. Die Angst als Repressionsinstrument der Herrschenden ist bereits durchgesickert. Wie in jeder Diktatur hat der einfache Bürger auf der Straße und online Angst, etwas Falsches zu sagen, ein gefährliches Wort zu benutzen, in den falschen Kreisen vermutet zu werden, nicht den Anforderungen an Diversity-Mainstreaming zu entsprechen. Besser, man sagt gar nichts. Sonst ist man der nächste, es wurden ja bereits genügend Exempel statuiert.

Und hier steht eine Entscheidung an. Entweder ist man irgendwann wirklich der nächste, ganz gleich, wie konform man sich verhält und ob man vielleicht auf eine ansehnliche Zahl von Denunziationen kommt, oder man hört auf, sich mit Beschwichtigungen und Beschönigungen und Visionen belügen zu lassen, weil man nicht das Recht hat, sich anlügen zu lassen.

Dazu muss man aufhören zu glauben, die Politiker wären unfähig.

Angenehmer ist zwar die Annahme, die Herrschenden wären vielleicht nicht ausreichend informiert, sie wollten die Probleme nicht sehen, sie wären auf Harmonie aus. Aber warum sollen die Herrschenden auf einmal nett geworden sein, warum sollen sie sich um das Gemeinwohl kümmern, warum sollen sie sich der Freiheit verpflichtet fühlen, nur weil wir sie gewählt haben? Nur weil sie von einer Partei sind, die es satzungsmäßig gut meint? Nur weil sie nicht mehr Gauleiter oder Herzog heißen, sondern Ministerpräsident und Oberbürgermeister?

Nein, es ist realistischer, davon auszugehen, dass sie wie eh und je dem eigenen Machterhalt alles unterordnen, dass die Missstände lukrativ sind, dass sie den Leuten noch mehr Geld abnehmen können, wenn die Missstände noch größer werden, und dass sie nicht im Traum daran denken, die Bürger vor Schlägerbanden und Gewalttätern zu schützen, sondern die Verbrecher brauchen, um das Volk einzuschüchtern. Wer sich noch einbildet, ein freier Mensch zu sein, wird spätestens dadurch diszipliniert, dass er sich auf der Straße unsicher fühlt, und zum Untertan, indem er dies toleriert. Die Zustände sind also ganz im Sinne der Herrschaft, das ist der Grund, warum man sich abschminken kann, die Politik hätte lediglich versagt.

Wieder eine Gegenprobe: Würde nicht ein Verdummungspolitiker das Gleiche tun wie einer, der sich heute als Bildungspolitiker bezeichnet? Ist das, was unsere aktuellen Innensenatoren und Justizpolitiker tun und verlautbaren, nicht dasselbe, wie wenn Doktor Mabuse oder Der Joker oder Fantomas im Amt wären? Und sind die Journalisten, die das tragen, nicht genauso gleichgeschaltet wie unter Goebbels?

Dass es den Machtergreifern nicht um die Beglückung ihrer erwählten Randklientel geht, dass diese nur als Mittel gebraucht wird, zeigt sich zum einen, wenn man die von ihnen erhobenen Forderungen vergleicht mit dem, was für die, als deren Fürsprecher sie sich aufspielen, wirklich nützlich wäre. Zum anderen offenbart sich der Autoritätsanspruch in der Feindseligkeit gegen die Unbeteiligten. Eine totalitäre Herrschaft duldet keine Nischen. Das ist der Grund, warum der Einzelne grundsätzlich ins Unrecht gesetzt werden muss – als „Mitte der Gesellschaft“ (populistisch), als Alltag (rassistisch), als Bürger (bürgerlich). Wer sich womöglich auch noch als freier Bürger behaupten möchte, ist nicht nur verdächtig, sondern schuldig.

Es fällt dem freien Bürger schwer, sich mit dieser Kriegserklärung an eine ominöse Gruppe persönlich gemeint zu fühlen, man hat keinen Mitgliedsausweis ominöser Gruppen. Man möchte einfach in Ruhe gelassen werden. Dann darf man sich aber nicht mit der trügerischen Ruhe begnügen. Man darf nicht nur, man muss sich angegriffen fühlen, wenn man Meldungen vorgesetzt bekommt, die Gewaltdelikte wären nicht häufiger geworden, sie würden nur doppelt so oft angezeigt. Man muss erschrecken bei Verharmlosungen wie „Problembezirk“ und „problematische Partymeile“. Man muss es als Raub erkennen, der uns alle angeht, wenn mehr Geld für Großherzigkeitsbildung ausgegeben werden soll. Und es als Frechheit empfinden, wenn ein Politiker beliebt sein will.

Das beginnt damit, sich das Denken nicht abnehmen zu lassen, und geht damit weiter, diejenigen, die das tun wollen, in die Schranken zu weisen.Dafür erreicht man keinen Zivilcouragepreis.

Aber Zivilcourage.

Leave A Response »