Deutsche willkommen

21. November 2013 1

Nach 1945 mussten sich German-Americans in den USA verleugnen – heute werden die Vereinigten Staaten immer attraktiver für heimatliebende Deutsche

Deutsche sind in den USA willkommen - Bild: JUREC  / pixelio.de

Deutsche sind in den USA willkommen – Bild: JUREC / pixelio.de

Wer sich einmal für längere Zeit außerhalb touristischer Zielorte in den USA aufgehalten hat, der dürfte mehrfach die Erfahrung gemacht haben, dass ihm ein US-Amerikaner abends beim Bier von seinen deutschen Wurzeln erzählt. Verblüfft nimmt man zur Kenntnis, dass der Gesprächspartner, der völlig „americanized“ wirkt (und auch ist) und am dem absolut nichts Deutsches zu erblicken ist, den Namen seiner deutschen Ahnen, deren deutschen Herkunftsort und das Jahr ihrer Ankunft in den USA präzise benennen kann. Manchmal kann man sich mit solchen Amerikanern sogar auf Deutsch weiter unterhalten, der Tradition der Deutsch-Amerikaner geschuldet, ihre Kinder zweisprachig zu erziehen. Doch auch dann stellt sich fast immer heraus, dass der freundliche Gesprächspartner – sofern er nicht gerade als Soldat dorthin abkommandiert wurde – noch nie einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt hat und auch sonst keine weiteren Bezüge zu unserem Land hat.

Der Hintergrund solcher Begegnungen ist schnell und leicht zu verstehen: Deutsche stellen in den Vereinigten Staaten die größte Einwanderer-Gruppe. Beim US-Zensus im Jahre 2000 gaben mehr als 49,2 Millionen der damals 282 Millionen Amerikaner an, von Deutschen abzustammen. Auf englische Wurzeln führen sich nur 26,9 Millionen US-Bürger zurück, womit die einstigen Kolonialherren hinter Afroamerikanern (41,3 Millionen), Iren (35,5 Millionen) und Mexikanern (31,79 Millionen) lediglich auf den fünften Platz kommen. Dennoch spielt die deutsche Sprache in den USA nur eine marginale Rolle, die noch im 19. Jahrhundert weitverbreitete Pflege deutscher Kultur kam in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast vollständig zum Erliegen, familiäre Bindungen in die Heimat rissen ab.

Der Historiker Berthold Seewald beschreibt in einem lesenswerten Beitrag in der Welt die Gründe dafür; er erinnert daran, dass deutschstämmige Amerikaner in zwei Weltkriegen ihre Loyalität für die USA und gegen die alte Heimat unter Beweis stellen mussten. Und sich dann als „gute Amerikaner“ erwiesen hätten, die innerhalb kürzester Zeit auf ihre – nota bene! – „nationale Folklore“ verzichteten. Seewald zitiert den Historiker John Higham, der diese Entwicklung als den „spektakulärsten Fall kollektiver Assimilation“ im 20. Jahrhundert bezeichnet hat. Und auch wenn weder Higham, noch Seewald es so formulieren, bleibt dennoch der wenig schöne Eindruck einer massiven Zwangs-Assimilation zurück, denn das, was Seewald so abschätzig als „nationale Folklore“ bezeichnet, haben die German-Americans ja nicht aus eigener Überzeugung heraus aufgegeben.

Amerikanischer Patriotismus und deutsche Heimatliebe

Aber Geschichte entwickelt sich weiter, Einwanderung verändert sich und die Stimmungen in den jeweiligen Ländern auch. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland von US-Truppen besetzt, in den 1950er Jahren war die abwertende Vokabel „Kraut“ in den USA noch weitverbreitet und Amerikaner protestierten dagegen, dass die die noch junge Bundesrepublik in die NATO aufgenommen wurde. Für die German-Americans ebenfalls keine leichte Zeit, auch nicht für die vielen deutschen Frauen, die in Deutschland einen GI geheiratet hatten, diesem in seine Heimat folgten und dort mit anti-deutschen Ressentiments konfrontiert wurden. Aber auch diese Zeit ist inzwischen überwunden. Wer heute in einer deutschen Gemeinde in den USA zu Gast ist, der ist verblüfft darüber, mit welchem Selbstbewusstsein Deutsch-Amerikaner ihren amerikanischen Patriotismus und ihre deutsche Heimatliebe verbinden.

Wie amerikanisch Deutsch-Amerikaner sind, begriff ich in den Jahren ab 2003, als die damaligen Regierungschefs Gerhard Schröder und George W. Bush ihre Streitereien vor der Weltöffentlichkeit austrugen. Auf deutschen Straßen wurden US-Flaggen verbrannt, es wurde gar über einen McDonalds-Boykott debattiert. Der übrigens daran scheiterte, dass Deutsche viel schwerer auf den Big Mäc verzichten können als Amerikaner. In den USA hingegen wurde der Boykott mit umgekehrten Vorzeichen in die Tat umgesetzt, vor US-Supermärkten wurden Flugblätter mit den Namen deutscher Produkte verteilt, damit der über die Deutschen empörte US-Bürger nicht versehentlich doch eines ihrer Produkte kauft.

Aber während sich die nicht-deutschstämmigen Amerikaner gegenüber deutschen Gästen eher zurückhaltend verhielten, nahmen die German-Americans kein Blatt vor den Mund und schleuderten ihrem Gast aus Deutschland ungefiltert entgegen, was sie vom Verhalten der Deutschen so hielten. Natürlich immer mit der Ansprache in der 2. Person Plural, um das „Ihr Deutschen – Wir Amerikaner“ zu unterstreichen. Womit sich die Deutsch-Amerikaner wohltuend von jenen Deutsch-Türken unterscheiden, die jedes Mal, wenn die deutsche Presse den türkischen Premier Erdogan kritisiert, sofort Pro-Erdogan-Demos auf deutschem Boden organisieren, auf denen dann Schilder mit Sprüchen wie „Deutsche Presse, halt die Fresse!“ zu sehen sind. Nein, so etwas käme Deutsch-Amerikanern nie in den Sinn; daran, dass ihr Präsident der US-Präsident ist, dulden sie keinerlei Zweifel. Was allerdings nichts Neues darstellt, sondern nur eine Fortführung dessen, was die German-Americans bereits vor beiden Weltkriegen gelebt haben.

No Denglisch, please!

Wenn es aber um Heimatliebe, um Kultur, Sprache, Liedgut, ganz besonders um Küche, Bier und Fußball geht, dann sind Deutsch-Amerikaner stolze und selbstbewusste Deutsche. Ein Deutschsein, das dort viel unverkrampfter gelebt wird, als im nicht-bayerischen Teil Deutschlands. Sicher, Deutsch-Amerikaner mögen manchmal etwas eigenwillig sein. Was mir zum ersten Male bewusst geworden ist, als ich in einem deutschen Lokal in den USA gefragt habe, ob ich zur Abwechslung auch mal einen Cheeseburger bekommen könnte? Ein strafender Blick war die Antwort; ich musste mich mit einem Schnitzel-Sandwich begnügen, denn mehr Konzession an die US-Küche war deutschen Wirtsleuten nicht zuzumuten. Aber – so what? Einen gut durchgebratenen Cheeseburger konnte ich auch im Denny’s nebenan bekommen, die Linsensuppe mit Graubrot nicht. Und spätestens als ich feststellen durfte, dass man in der deutschen Gemeinde amerikanisches Englisch und korrektes Deutsch spricht, aber das in Deutschland übliche und mir verhasste Denglisch konsequent verweigert, gefiel mir diese Eigenwilligkeit.

Bis heute wundere ich mich darüber, wie leicht und einfach man auch außerhalb deutscher Gemeinden in den USA gute und traditionelle deutsche Küche findet. Sicher, man muss ein paar Dollar mehr bezahlen als für das Diner gleich nebenan – Deutsches ist in Amerika nicht billig. Aber irgendein German Restaurant findet sich immer, amerikanische Freunde, die gerne dorthin mitgehen, auch. Anders als in Deutschland, wo man nicht selten erstaunte Blicke erntet, wenn man beim Gespräch darüber, wo man essen gehen will, deutsche Küche vorschlägt. Deutsch? Wie langweilig!

Aber die deutsche Heimatliebe in den USA definiert sich nicht nur über die Küche. Auch andere Dinge gehören dazu; elementar ist natürlich auch die schwarz-rot-goldene Flagge, die immer zusammen mit der blau-weiß-roten der USA gehisst oder sonst wie gezeigt wird. Dass Einwanderer nur die Flagge ihres Herkunftslandes hissen, ohne die ihres neuen Heimatlandes direkt daneben, mag in Deutschland längst Normalität sein. In den USA aber hätte es schnell böse Reaktionen zur Folge, mindestens aber die, auf der Straße von niemandem mehr gegrüßt zu werden. Nur käme dort kein Einwanderer auf die Idee, sich so zu verhalten.

Deutsch = Gut

Wenn Seewald in seinem Artikel in der Welt beschreibt, dass die Deutschen in Amerika vor den Weltkriegen beliebt und respektiert waren, dieses aber mit den Verbrechen des 3. Reiches beendet war, so ist das nicht falsch: Im 19. Jahrhundert waren es die deutschen Einwanderer, die große Leistungen vollbracht haben, als es galt, die bis dato eher chaotisch organisierten Vereinigten Staaten zu einem funktionierenden Staatsgebilde aufzubauen. Im Ergebnis führte das auch zu einer sehr pro-deutschen Grundhaltung der US-Amerikaner, die in der Überzeugung gipfelte, dass „deutsch“ und „gut“ gleichzusetzen seien. 1945, nach der Kenntnisnahme der Judenvernichtung, verkehrte sich diese Sichtweise ins Gegenteil; den Deutsch-Amerikanern, die im 19. Jahrhundert ihre Kultur und Heimatliebe stets offen gezeigt und gelebt hatten, blieb nach 1945 für lange Jahre nur der Weg in die Selbstverleugnung.

Aber auch das ist inzwischen wieder Geschichte. 68 Jahre nach 1945 hat sich die traditionelle amerikanische pro-deutsche Grundhaltung längst wieder etabliert. Wovon nicht nur die Verkäufer deutscher Produkte profitieren, sondern auch alle in den USA lebenden Deutschen. Als ich vor Jahren zum ersten Male in einer deutschen Gemeinde in Texas zu Gast war, stellte ich nach einiger Zeit verblüfft fest, dass ich mich plötzlich – im positiven Sinne – „deutscher“ als in Deutschland fühlte. Und ich begriff schnell, dass das weniger mit meiner Ernährung oder einer Flagge zu tun hatte, sondern auch und vor allem damit, dass jenes Grundgefühl zurückgekehrt war, nachdem es etwas Gutes ist, deutsch zu sein. Und dieses Gefühl wurde nicht von den Deutschen selber geschaffen – es kam, wie im 19. Jahrhundert auch, von außen, von der amerikanischen Nachbarschaft. Von US-Amerikanern, bei denen die Selbstablehnung der in Deutschland lebenden Deutschen nur Verwirrung und Unverständnis auslöst, die aber für die Heimatliebe und die Kultur der German-Americans viel Sympathie empfinden. Eine Sympathie, an der die Streitereien von 2003 inzwischen auch längst wieder vorübergegangen sind: was selbst ein Hitler nicht dauerhaft zerstören konnte, dem kann ein Schröder schon mal gar nichts anhaben.

Deutsche Gemeinden verlieren an Bedeutung

Leider sind die Deutsch-Amerikaner trotz der Wiederkehr des amerikanischen „Deutsch ist gut“ inzwischen aber auch mit einer anderen, weniger erfreulichen Entwicklung konfrontiert: dem langsamen und schleichenden Bedeutungsverlust der deutschen Gemeinden. Bis weit nach 1945 war es bei Neuankömmlingen aus Deutschland üblich, sich einer deutschen Gemeinde anzuschließen. Was nicht nur kulturell begründet war, sondern auch damit, dass die Gemeinde, egal, ob sie einen ethnischen oder religiösen Charakter hat, in den USA traditionell eine soziale Funktion hat. Die Gemeinde sind die Menschen, die sich sonntags treffen, um nacheinander zu schauen, sich dabei vergewissern, dass es allen gut geht und danach schauen, ob jemand Hilfe braucht. Also ähnlich wie die Familie eine Institution, die soziale Unterstützung zu leisten hat, bevor man sich an den Staat wendet – was in den USA nicht nur schwieriger, sondern auch verpönter ist als in Deutschland.

Jene ehemaligen DDR-Bürger jedoch, die nach 1989 aus westdeutschen Auffanglagern direkt in die USA gingen, weil sie die Bundesrepublik nur als „DDR light“ betrachteten, konnten damit nichts anfangen. Für diese Ostdeutschen stand nur der starke Wunsch nach Individualismus im Vordergrund, alles, was auch nur ansatzweise nach einem Kollektivsystem aussah, wurde abgelehnt.

Also siedelte man sich in den USA abseits deutscher Gemeinden an, bevorzugt in wärmeren Gefilden. Aber auch andere jüngere Einwanderer wollen mehr Individualismus, klimatische Kriterien sind heute zumeist wichtiger als die Frage nach der nächsten deutschen Gemeinde. Und vermutlich hat auch die kulturelle Rückwärtsgewandtheit so mancher deutscher Gemeinde dazu geführt, dass man für jüngere Einwanderer und den eigenen Nachwuchs nicht mehr so attraktiv ist.

Für heimatliebende Deutsche werden die USA immer attraktiver

Vielleicht aber wird die Entwicklung hierzulande eines Tages zu einer Wiederbelebung der deutschen Gemeinden in Amerika durch neue Einwanderer aus Deutschland führen? Hier macht sich der linke Deutschenhass unverändert bemerkbar, Islam-Verbände tragen ihre dreisten Forderungen stets mit Verweis auf vermeintliche deutsche Fremdenfeindlichkeit vor, nicht erst seit den verabscheuungswürdigen NSU-Morden wird darüber diskutiert, der Rechtsextremismus „in der Mitte der Gesellschaft“ müsse durch verstärkte Einwanderung bekämpft werden und muslimische Einwanderer erklären sich selbst zu „Plus-Deutschen“. Was immer das sein mag, ein wenig schönes Gemisch, das gebürtige Deutsche zu „Minus-Deutschen“ macht? Und für die Liebe zur Flagge des Hambacher Festes sowie zu deutscher Kultur kaum noch Raum lässt?

Damit aber werden – Obama hin, Obama her – die USA für all jene Deutsche, die ihre Heimatliebe, ihre Kultur und Sprache pflegen möchten, ohne deshalb gleich in eine „rechte Ecke“ gedrängt zu werden, gar auch außerhalb von Fußball-Turnieren eine schwarz-rot-goldene Flagge über ihrer Haustür haben möchten, ohne sich deshalb sofort erklären zu müssen, immer attraktiver. Aus heutiger Perspektive betrachtet kann eine unfreiwillige Assimilation Deutscher in eine fremde Kultur für Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen längst nicht mehr ausgeschlossen werden, in den USA jedoch steht derlei schon lange nicht mehr zur Debatte. Wer sich dort gut integriert, die Gesetze beachtet und gleichzeitig sein Deutschsein selbstbewusst lebt, der kann sich der Anerkennung seiner nicht-deutschen Nachbarn und Arbeitskollegen sicher sein. Etwas, das im angeblich multikulturellen Deutschland immer weniger vorstellbar ist.

One Comment »

  1. Karl 26. April 2014 at 04:07 - Reply

    In Rumänien sagt man wenn man etwas gut machen will „etwas Deutsch machen“.

Leave A Response »