Pädagogically incorrrect?

6. November 2013 4

Rezension zu Michael Winterhoff: SOS Kinderseele. Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können

Was hilft Schülern wirklich? - Bild: Anne Garti  / pixelio.de

Was hilft Schülern wirklich? – Bild: Anne Garti / pixelio.de

Vor kurzem habe ich hier auf Citizen Times eine anerkennende Würdigung zum 50. Todestag des großen libertären Pädagogen Alexander Sutherland Neill veröffentlicht. Denn gerade als progressiver Pädagoge weiß ich das liberalisierende Wirken jenes berühmten Summerhill-Gründers nach wie vor sehr zu schätzen. Nichtsdestotrotz ist einzusehen: Neills radikaler Libertarismus war eine Gegenreaktion auf die damals vorausgegangenen Jahrhunderte allzu menschenfeindlicher-autoritärer Erziehung. Für die heutige Zeit wäre eine Radikalität wie jene Neills nicht mehr angemessen, und entsprechend ist der pädagogische Diskurs seit etwa zehn Jahren zunehmend durch konservativere Strömungen dominiert.

Als „konservativer“ Pädagoge lässt sich auch Michael Winterhoff einstufen, welcher in diesem Herbst sein fünftes Buch innerhalb von sieben Jahren veröffentlicht hat. Das erste hiervon – Wie Kinder zu Tyrannen werden – erschien im Jahr 2008 und wurde zum heiß diskutierten Beststeller. Progressiv-liberale Pädagogen sahen den Autor von Anfang an kritisch, ihm wohlgesonnene Zeitgenossen hingegen lobten Winterhoff geradezu in den Himmel: Dieser Autor wirke als zeitgemäßes „Korrektiv“ auf einen vermeintlichen antiautoritären Mainstream innerhalb der pädagogischen Institutionen. Geboren 1955, arbeitet Winterhoff seit 1985 mit Kindern und Jugendlichen, die als verhaltensauffällig gelten. In Gestalt des  besagten Beststellers glückte vor sieben Jahren sein damals gefasster Entschluss, die Erkenntnisse aus seiner Arbeit  in Buchform zu verarbeiten und zu publizieren.

SOS Kinderseele. Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können – mit diesem Buchtitel hofft sich Winterhoff nun erneut in der pädagogischen Debatte bemerkbar zu machen. Alarmieren will er seine potenzielle Leserschaft mit einer klaren Kernthese: Der Gesellschaft drohen aufgrund der psychosozialen Unreife eines Großteils ihres Nachwuchses gravierende Probleme in der Zukunft.

Fakt ist, dass es immer mehr Kinder gibt, die gravierende Störungen im Lern-, Leistungs- und Sozialverhalten zeigen. Darüber hinaus haben wir immer mehr Heranwachsende, die nicht in der Lage sind, arbeiten zu gehen, weil ihre psychische Entwicklung es ihnen nicht gestattet. Wenn wir also nicht wollen, dass wir immer mehr Egoisten, Narzissten sowie beziehungsfähige und lustorientierte Egoisten in unserer Gesellschaft haben, müssen wir sehr schnell aufwachen und gegensteuern.“

Winterhoff sieht sich als couragiertes Sprachrohr einer politischen Inkorrektheit – mit „pädagogically incorrect“ könnte man den Anspruch seines Buches durchaus treffend beschreiben. Vor allem im Bereich der Bildungspolitik und der Erziehungswissenschaften verhänge eine machtvolle „Lobby“ unausgesprochene Denkverbote, um einmal für richtig erachtete antiautoritäre Denkweisen ungehindert in Konzepte und Handlungsanweisungen gießen zu können. Einige dieser von ihm beklagten Denkverbote fasst Winterhoff in seinem neuen Buch zusammen:

Dass Freiheit sich innerhalb sinnvoller Grenzen am besten entfalten kann, darf niemand sagen. Heute gilt: Freiheit ist immer grenzenlos, und somit sind auch die Methoden, um Kindern Freiheit zu gewähren, von Grenzenlosigkeit geprägt. Wer das differenzierter betrachtet, gilt als Feind der Freiheit. Niemand darf sagen, dass es im Verhältnis von Kindern und Erwachsenen eine ganz natürliche Hierarchie gibt. Denn Hierarchie klingt nach Machtspielchen, Einschränkung von Freiheit und einem längst überwunden autoritären Erziehungsgedanken. Wer trotzdem die positive Auswirkung dieser natürlichen Hierarchie erläutert, disqualifiziert sich als Anhänger autoritärer Erziehungskonzepte.“

Den meisten Pädagogen – auch mir – mögen Winterhoffs Skizzierungen reichlich übertrieben vorkommen. Die von ihm beklagte antiautoritäre „Meinungsdiktatur“ mag es vielleicht in den 1970er Jahren an bestimmten Fakultäten gegeben haben. Doch spätestens um die Jahrtausendwende herum ist an Universitäten wie auch in anderen pädagogischen Institutionen eine erfreulich ausgewogenere Diskussionskultur festzustellen. So schwingt bei Winterhoff ein erheblicher Hauch von marketingorientierter Selbstprofilierung mit, wenn er in seinem neuen Buch behauptet:

Niemand darf darauf hinweisen, dass Kinder sich nicht quasi von ganz allein entwickeln. Wer dagegen die Bedeutung von Eltern, Großeltern, Lehrern, Erzieherinnen – oder allgemeiner gesprochen: erwachsenen Bezugspersonen – besonders betont und den Hintergrund dieser Bedeutung erläutert, engt bereits wieder die Freiheit ein und spricht autoritären Erziehungskonzepten das Wort.“

Winterhoff irrt sich: Nicht die libertären, sondern konservative Pädagogen wie Bernhard Bueb haben in den letzten Jahrzenten an Oberwasser gewonnen. In der Bildungspolitik vieler Bundesländer zeigte sich dieses zum Beispiel anhand der Einführung von autoritären Elementen wie den umstrittenen Kopfnoten. Winterhoffs Ausführungen dienen somit weniger einer ausgewogenen Analyse des Ist-Zustandes, als vielmehr seiner persönlichen Inszenierung. Denn nach wie vor setzt er darauf, als jemand zu gelten, der die genannten (und vielen anderen) „Denkverbote“ couragiert bekämpft:

Das ist notwendig, um zu einer vorurteilsfreien Sichtweise auf die kindliche Entwicklung zu kommen. Sie soll helfen, Kinder emotional zu stärken, statt sie zu schwächen, und ihnen die Aneignung sozialer Kompetenz zu ermöglichen, statt sie zu verhindern. Viele dieser Denkverbote entstehen unbewusst und entwickeln mit der Zeit eine große Eigendynamik. Wir sollten uns aber der Möglichkeit der eigenständigen Denkens, das ein Ergebnis unserer entwickelten Psyche ist, bedienen und immer wieder hinterfragen, was Wissenschaft und Politik und als gegeben vorsetzen.“

Das Buch ist eine klare Absage an vermeintlich unreflektierte „Kuschelpädagogik“: Winterhoff analysiert grundlegend die unbewusst veränderten Beziehungsebenen zwischen Kindern und Erwachsenen und klassifiziert verschiedene Arten von Beziehungsstörungen, allen voran „übertriebene Partnerschaftlichkeit“ zwischen Pädagogen und Zöglingen, aber auch die Projektion von Wünschen der Erwachsenen auf die Kinder. Diese Beziehungsstörungen haben nach seiner Einschätzung nach zur Folge, dass immer mehr Kinder sogar noch im Schulalter den Entwicklungsstand von Kleinkindern im Alter von bis zu anderthalb Jahren aufweisen.

So sieht Winterhoff die „Schuld“ bei uns Erwachsenen: Unter anderem führt er aus, wie Eltern und auch professionelle Pädagogen ihre immer größere Überforderung in einer immer komplexeren Welt über die Kinder kompensieren. Dadurch, dass wir Erwachsenen mit den gesellschaftlichen Veränderungen seit Anfang/Mitte der Neunziger Jahre nicht souverän genug umgingen, gerate ein funktionierendes gesellschaftliches System aus dem Gefüge. Immer mehr Eltern ließen sich im Rahmen einer Symbiose, in die sie unbewusst geraten seien, vom Kind steuern anstatt selbst die nötige Führung zu übernehmen. Eltern wollten zu sehr von ihren Kindern geliebt werden, so die Klage Winterhoffs.

In der Beziehungsstörung kompensieren Erwachsene ihre Defizite über die Psyche der Kinder. Diese Kompensation versetzt sie letztlich in die Lage, mit dem Druck, der auf ihnen lastet, umgehen zu können. Wir Erwachsenen kommen dann weiterhin mit dem Leben klar, aber die Kinder können sich nicht entwickeln, weil es ihnen am erwachsenen Gegenüber fehlt.“

Schon hier wird deutlich, dass sich Winterhoffs Analyse nur für einen Teil der in Deutschland lebenden Bevölkerung beziehen kann. Auf zahlreiche Migrantenmilieus, insbesondere solche mit muslimischen Wurzeln, treffen seine Analysen ganz und gar nicht zu. Mit der zunehmenden Islamisierung Europas erleben konservative und geradezu menschendfeindlich-autoritäre Erziehungsideale auch hierzulande wieder eine gefährliche Renaissance. Wobei dies freilich fast ausschließlich für innerfamiliäre, weniger für die institutionalisierte Erziehung gilt.

Winterhoff kritisiert die vermeintlich zunehmenden Bestrebungen von Kindergärten und Schulen, möglichst immer und überall „vom Kinde aus“ zu denken. So verberge sich hinter neumodischen Schlagworten wie „partizipativer Pädagogik“ zwar gut klingende, aber sträflichst naive Ideale von einem „gleichberechtigten Lernen zwischen Pädagogen und Kindern“. Konzepte wie der kinderzentierte „offene“ Unterricht, welcher den traditionellen „lehrerzentierten“ Unterricht in den letzten Jahrzehnten ersetzt haben, beinhalten aus Winterhoffs Sicht erhebliche Gefahren: Das Kind verliere tendenziell das Gegenüber, an dem es sich orientiere und durch das es lerne. Allerdings räumt Winterhoff ein:

Mir geht es nicht darum, dem Kind jegliche Möglichkeiten zu Entscheidungen abzusprechen. Kinder sollen und können sich äußern, es muss nur klar sein, dass Erwachsene je nach Alter des Kindes entscheiden, in welchem Bereich diese Entscheidungen stattfinden und wie weit diese gehen sollen.“

Bezogen auf das Kindergartenalter heißt dieses beispielsweise: Ich als Erwachsener entscheide, ob das Kind noch ein Stück Kuchen essen darf, das Kind kann aber sagen, ob es lieber Erdbeerkuchen oder Kirschkuchen möchte. Ich als Erwachsener entscheide, ob Zeit und Gelegenheit ist, auf den Spielplatz zu gehen, das Kind kann aber sagen, ob es rutschen, klettern oder in der Sandkiste spielen möchte. Auf ältere Kinder bezogen müssten freilich größere Freiräume eingeräumt werden – aber auch hier nur stets in jenem Ausmaße, wie es die altersgemäße psychosoziale Entwicklung des Kindes zulässt.

Ich behaupte keineswegs, dass Winterhoffs Anmahnungen eines altersgemäßen Umgangs mit Kindern falsch sind. Ich bezweifele jedoch, dass die professionellen Akteure in Kindergärten und Schulen so weit von solchen Erkenntnissen entfernt sind, wie Winterhoffs Buch es darstellt. Als praxiserfahrener Lehrer sehe ich das Problem eher in der ungenügenden personellen und insgesamt mangelnden finanziellen Ausstattung der pädagogischen Institutionen.

Winterhoff ist auch in anderer Hinsicht unglaubwürdig: So beklagt er, dass zahlreiche in Kindergärten angewandte pädagogischen Konzepte keineswegs durch Langzeitstudien abgesichert seien. Doch selbst wenn dieses so sein mag, so ist Winterhoff gemäß der von ihm selbst gesetzten Maßstäbe entgegenzuhalten: Auch seine eigenen Diagnosen zu den genauen Ursachen notleidender Kinderseelen basieren nicht auf seriösem empirischen Fundament, sondern auf seinen eigenen Arbeitserfahrungen mit einem vermutlich nicht repräsentativen Klientel sowie auf seinen subjektiven Interpretationen seiner eigenen Beobachtungen.

Auch generell betreibt Winterhoff fortlaufend Pauschalisierungen und lässt es an Differenzierungen vermissen. Denn bestimmte progressive akademische Milieus bringen ihren Kindern durchaus von der Wiege an auf sehr produktive Weise den verantwortungsvollen Umgang mit Freiheit bei. Neill‘s Summerhill-Klientel mit ihren durchaus erfolgreichen Lebensläufen sind lebende Paradebeispiele hierfür. Für viele Kinder wäre die flächendeckende Zurückdrängung progressiver „freier“ Pädagogik in den Schulen – so wie Winterhoff es offenbar will – ein herber Rückschritt hin zu mehr Unmündigkeit.

Winterhoffs Ratschläge sind vorrangig auf seine eigene therapeutische und offenbar sehr „schwierige“ Klientel gemünzt. Die Kinder in den Schulen sind in ihrer Gesamtheit jedoch weitaus heterogener. Für viele von ihnen ist eine möglichst „offene“ Unterrichtsgestaltung die ideale Vorbereitung auf ein selbständiges und mündiges Leben unter postmodernen Anforderungen. Verantwortungsbewusste Pädagogen in den Schulen wissen dieses aufgrund ihrer Praxiserfahrung und werden hierbei hoffentlich bleiben. Niemals würden sie sich anmaßen, Winterhoff in seine therapeutische Arbeit hereinzureden. Aber auch Winterhoff selbst sollte lernen, sich nicht zu überschätzen.

Michael Winterhoff (2013): SOS Kinderseele. Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können. München: C.Bertelsmann Verlag, 224 Seiten 17,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

4 Comments »

  1. Carsten 6. November 2013 at 13:15 - Reply

    Vorab: es fällt immer schwer, einen solchen Text ernst zu nehmen, wenn der Autor nicht mal in der Lage ist, eine korrekte bibliographische Angabe zum Buch zu machen…

    Es lässt sich sicherlich nicht bestreiten, dass Winterhoff zuspitzt, bisweilen wohl auch überspitzt. Das scheint mir allerdings als Stilmittel, um auf real existierende Probleme aufmerksam zu machen, durchaus legitim.

    Fragen Sie mal in Ausbildungsbetrieben, wie sich die Leistungsfähigkeit und Qualität der Bewerber in den letzten Jahren entwickelt hat. In der Regel klingen Ihnen nach den Antworten die Ohren. Ein immer höherer Anteil der Bewerber ist nicht in der Lage, grundlegende Voraussetzungen zu erfüllen.

    Winterhoffs Analyse geht insofern m.E. absolut in die richtige Richtung, es fällt halt – auch ihm selbst – immer schwer, zu vermitteln, dass er keiner pädagogischen Richtung das Wort redet, sondern auf psychische Entwicklungsstufen hinweist, die für jede pädagogische Intervention die Grundlage bilden.

    BTW: Wer sich so an einzelnen Textstellen aufhängt, sollte zumindest in der Lage sein, eine korrekte bibliographische Angabe zu erstellen… Verlagsort ist München, nicht Gütersloh. Und der Verlag heißt „C.Bertelsmann“…

    • Felix Strüning 7. November 2013 at 11:12 - Reply

      Anmerkung der Redaktion: Für die fehlerhafte bibliografische Angabe war die Redaktion verantwortlich, nicht der Autor. Wir bitten dies zu entschuldigen und haben den Fehler umgehend korrigiert.

  2. Carsten 7. November 2013 at 11:44 - Reply

    Alles klar, sorry, dass es gleich zweimal im Kommentar drinsteht. Das war auch nicht beabsichtigt… 🙂

  3. jacques 31. Juli 2014 at 17:33 - Reply

    hier kann man sehen wie die Praxis von Winterhoff aussieht.
    Als Vorstand ist da nicht viel von seinen schönen Theorien zu sehen.
    http://kleiner-muck-bonn-erfahrungsbericht.de/

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