Warum „muss“ ich AfD wählen?

28. Oktober 2013 3

Die AfD – eine echte Alternative für Deutschland? Teil XII: Peter Hemmelrath wundert sich, dass er trotz wachsender Unzufriedenheit für die neue Partei stimmen soll

Auch nach der Bundestagswahl werden die Ziele der AfD nicht klarer - Bild: AfD-Logo (Bearbeitung: CT)

Auch nach der Bundestagswahl werden die Ziele der AfD nicht klarer – Bild: AfD-Logo (Bearbeitung: CT)

Das Thema des Jahres 2013 dürfte in der im weitesten Sinne islamkritischen Szene ganz klar die neugegründete Alternative für Deutschland (AfD) sein. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht auf irgendeinem Blog ein neuer Beitrag zur AfD erscheint. Nirgendwo ein Autor, der sich noch nicht mehrfach zu dieser Partei geäußert, wenn nicht gar AfD-Sprecher Bernd Lucke öffentlich erklärt hat, wo es langgeht. Und schaut man sich bei diesen Artikeln die Anzahl der Kommentare an, so kann einem ganz schwindelig werden. Man fühlt sich an Herrn Pawlow und seine Hunde erinnert: Kaum fallen die drei Buchstaben A, f und D, schon hat jeder etwas zu sagen oder weiß alles besser.

Trotzdem gehe ich diesem Thema als Autor schon seit Monaten aus dem Weg. Hauptsächlich, weil ich andere Themen bediene und in Sachen AfD über keine spezifische Kompetenz verfüge – Schuster, bleibe bei deinen Leisten! Aber auch  deshalb, weil ich keinen Sinn darin sehe, nach dem gerade erst veröffentlichten achthundersiebenundvierzigsten Beitrag zur AfD schnell noch den achthundertachtundvierzigsten herunterzutippen, nur damit die eifrig kommentierende Leserschaft auch noch was von mir dazu zu lesen bekommt. Alles gute Gründe, seine Klappe zu halten.

Mit der AfD habe ich mich bislang nur in meiner Eigenschaft als Wähler beschäftigt. Aber genau deswegen muss ich jetzt zur Abwechslung doch mal meinen Senf dazugeben! Auch auf die Gefahr hin, dass mir dann vorgeworfen wird, ich wäre bei diesem Thema gar nicht qualifiziert. Einfach deswegen, weil es mir als Wähler mit jedem Tag unbegreiflicher wird, dass um eine Partei, die bis heute entweder nicht weiß oder nicht sagt, wofür und wogegen sie eigentlich ist, ein solcher Wirbel veranstaltet wird. Und weil ich in der islamkritischen Szene immer häufiger erlebe, dass man mit der AfD unzufrieden ist, aber trotzdem ein weitverbreiteter und nicht hinterfragter Konsens darüber besteht, dass man diese Partei wählen „müsse“. Pardon, aber warum eigentlich? Warum „muss“ ich eine Partei wählen, die mir nicht wirklich sagen kann oder will, wofür sie denn nun steht?

Warum muss ich AfD wählen?

Muss ich eine Partei deshalb wählen, weil sie bessere Chancen hat, in ein Parlament einzuziehen, als jene Null-Komma-Irgendetwas-Prozent-Parteien, die ich jahrelang gewählt habe, nachdem ich jede Lust verloren hatte, CDU oder FDP zu wählen? Wenn man von der guten, altmodischen Sichtweise ausgeht, dass die Aufgabe des Wählers in der Demokratie darin besteht, die Partei zu wählen, die am ehesten seinen Überzeugungen entspricht, muss ich das nicht. Oder muss ich eine Partei deshalb wählen, weil es vorstellbar ist, dass sie sich eines Tages als genau die Partei entpuppt, die meinen Vorstellungen entspricht? Kann ich tun, muss ich aber nicht. Nein, als Wähler muss ich gar nichts; im Gegensatz zur ehemaligen DDR, wo man, wenn man nicht wählen gegangen ist, Tage später von irgendeinem Parteisekretär nach dem Grund dafür befragt wurde, muss ich in unserer Republik nicht einmal zur Wahl gehen.

Aber als Wähler will ich auch nicht ungerecht sein. Und natürlich ist mir bewusst, dass die Chefs der AfD es von Anfang an nicht einfach hatten; sie mussten eine Antwort darauf finden, dass sie von Medien, die Linkspopulismus als unverhandelbares Grundrecht, aber Rechtspopulismus als Verbrechen betrachten, sofort in die „rechte“ Ecke gedrängt wurden. Auch mussten sie damit leben, von anderen bedrängt und vereinnahmt zu werden. Warum meine Mitstreiter in der islamkritischen Szene vom Chef einer als eurokritisch gegründeten Partei sofort erwartet haben, er möge seine Position zum Islam erläutern, habe ich nie verstanden. Haben sich die Klima-Skeptiker etwa sofort und täglich zu Wort gemeldet und gesagt: „Also, lieber Professor Lucke, das mit dem EURO ist ja schön und gut. Aber wie stehen Sie zur Theorie des menschengemachten Klimawandels? Das ist das wichtigste Thema überhaupt, jetzt bekennen Sie endlich Farbe!“

Nein, haben sie nicht. Aber die Islam-Kritik hat den Chef einer eurokritischen Partei sofort bedrängt, er möge sich doch bitte zum Islam äußern. Noch weniger habe ich verstanden, warum sich jeder Islam-Kritiker sofort persönlich angesprochen gefühlt hat, als Bernd Lucke zwei Wochen vor der Bundestagswahl im Kölner Stadt-Anzeiger (KStA) sagte, er wolle keine „dumpfen Islamfeinde“ in seiner Partei. Auf die simple und naheliegende Idee, dass sich da nur ein Politiker, der bald gewählt werden will, von den Umarmungen eines anderen Herrn distanzieren wollte, dessen eigenes Wahldebakel wegen seiner öffentlichen Auftritte in der bayerischen Landeshauptstadt allgemein erwartet wurde, ist kaum jemanden gekommen. Auf mich wirkte das wie viel Lärm um Nichts; da Lucke nie explizit von Islam-Kritikern gesprochen hat, habe ich diese Aufregung bis heute nicht verstanden. Geschweige denn, dass ich mich von seiner Aussage im KStA angesprochen fühlte.

Sich inhaltlich zu erklären, ist die Bringschuld einer jeden Partei

Trotzdem ist mein Verständnis für diese Parteiführung längst aufgezehrt. Dass es nicht gut ist, wenn alle hochrangigen Mitglieder einer frischgegründeten Partei von einzelnen Interessengruppen sofort bedrängt, gar zu vereinnahmen versucht werden, ist die eine Sache. Dass die Führung einer neugegründeten Partei zu „liefern“ hat, dass sie eine Bringschuld hat, dem Wähler irgendwann einmal zu erklären, wofür man inhaltlich steht, die andere. Und die Chefs der AfD liefern einfach nicht. Als Wähler bin ich es inzwischen müde, mir anhören zu müssen, wovon sich die AfD distanziert und wovon nicht, wer hineindarf und wer nicht. Habe ich etwa gefragt, ob ich auch mitmachen darf? Nein, habe ich nicht – ich will überhaupt nicht Mitglied einer Partei sein. Wegen mir muss Dagmar Metzger keine schlaflosen Nächte haben, keine Sorge. Aber ich bin Wähler. Und als Wähler will ich endlich konkret hören, wie die AfD zu diesem und jenem steht.


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Dass niemand eine Ein-Thema-Partei will, ist in Deutschland nun wirklich ein alter Hut. Also möchte ich auch bei einer eurokritischen Partei irgendwann wissen, wie diese zur Islamisierung, zur Terror-Bekämpfung, zum freien Markt, zum Patriotismus und zu vielem mehr denn so steht. Und ja, ein wenig Information dazu, was man von der Theorie des menschengemachten Klimawandels hält, wäre auch nicht so falsch. Dass sich die AfD kurz vor der Bundestagswahl die Mühe gemacht hat, dem Wähler zu erklären, wie sie zum EU-Beitritt der Türkei, zu Israel und zur Westbindung Deutschlands steht, war schön, mir aber trotzdem zu wenig und zu spät. Denn solange ich als Wähler die Inhalte einer Partei nur unzureichend kenne, kann ich sie bei einer unmittelbar anstehenden Wahl auch nicht in die nähere Auswahl einbeziehen. So einfach ist das. Und natürlich würde ich mit einer Partei, die außer Islam-Kritik keine anderen Positionen hat oder sie mir nicht verrät, auch nicht anders verfahren.

An der Basis liegt‘s nicht

Sicher bin ich mir inzwischen nur darin, dass dieser unbefriedigende Zustand nicht der Parteibasis geschuldet ist. All die unzähligen Artikel und Kommentare, die sich mit den hochrangigen Mitglieder der AfD befassen und jede ihrer Aussagen sezieren, analysieren und spekulativ alles Mögliche hineininterpretieren, übersehen völlig, wie dynamisch sich die Basis der AfD entwickelt. Landauf, landab strömen Menschen in diese Partei; auch in Nordrhein-Westfalen sieht man allerorts, wie tatkräftig AfD-Strukturen aufgebaut werden und wie leidenschaftlich deren Mitglieder um Inhalte ringen. Wer sich nur die Vorgänge um den im Wahlkampf eher blass und unbekannt gebliebenen Noch-Landesvorsitzenden Alexander Dilger anschaut, dem entgeht völlig, welche Aufbruchsstimmung an der nordrhein-westfälischen AfD-Basis oftmals herrscht.

Die AfD ist zuerst zu einer Wahl angetreten, um sich erst danach der Selbstfindung zu widmen. Eine wenig logische Reihenfolge, die dazu geführt hat, dass sie bis jetzt eher eine hochfrequentierte Projektionsfläche ist, als eine wählbare Partei. Trotzdem haben mehr als zwei Millionen Wähler die AfD „auf Verdacht“ hin gewählt, womit eine Partei ohne richtiges Programm aus dem Stand bei einer Bundestagswahl 4,7 Prozent der gültigen abgegebenen Stimmen bekommen hat. Daran sehen wir mehr als deutlich, wie groß die Nachfrage nach einer – im wahrsten Sinne des Wortes – Alternative für Deutschland ist. Aber spätestens wenn zwei Millionen Wähler vorab leisten, ohne zu wissen, was sie überhaupt kriegen, dann ist es an der Parteiführung, auch endlich zu liefern.

Und wenn eine Parteiführung, die zum großen Sprung angesetzt hat, danach – wie es Christian Jung in der letzten Woche so treffend formuliert hat – wieder vom Sprungbrett herunterklettert, dann offenbart das eine Mutlosigkeit, die keiner Partei dieser Welt jemals eine Zukunft bescheren würde. Mehr noch: es wirft die Frage auf, ob wir es hier mit einer „Mogelpackung“ zu tun haben? Obwohl inzwischen so viel über die AfD geschrieben, geredet und gestritten wurde, habe ich bis heute keine Ahnung, was von dieser Partei tatsächlich zu halten ist. Wissen tue ich nur, dass all die Menschen, die sich tagtäglich an der Basis der AfD engagieren, Besseres verdient haben. Die Wählerinnen und Wähler, die diese Partei voller Vertrauen und Hoffnung gewählt haben, auch.

3 Comments »

  1. aurora von königsberg 28. Oktober 2013 at 23:12 - Reply

    Der Artikel trifft meine Befindlichkeit auf den Punkt genau. Chapeau.

  2. Peter Schmid 23. November 2013 at 12:03 - Reply

    Hallo,
    schon gelesen? Wahlprogramm der AfD:
    https://www.alternativefuer.de/partei/wahlprogramm/

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