Wie funktioniert eine Diktatur?

22. Oktober 2013 0

Rezension zu Anne Applebaum: Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956

Die Berliner Mauer als Teil des Eisernen Vorhangs - Bild: Karl Ludwig Lange / Wikipedia

Die Berliner Mauer als Teil des Eisernen Vorhangs – Bild: Karl Ludwig Lange / Wikipedia

Das neue Buch von Anne Applebaum beschäftigt sich sehr ausführlich damit, wie sich die stalinistische Ideologie in den Staaten Osteuropas ausbreitete und sich in Wirtschaft, Politik sowie weiteren Teilen der Gesellschaft in rasanter Geschwindigkeit durchsetzte. Die Festlegung der in Warschau lebenden gebürtigen US-Amerikanerin auf den Zeitraum von 1944 bis 1956 ist aus historischer Perspektive allerdings irritierend, wie eine sehr kritische Rezension im Tagesspiegel nachvollziehbar moniert. Denn das Werk erweckt mit seinen weit über 600 Seiten den Anspruch, dem Leser eine ausführliche Analyse der Entstehung des Eisernen Vorhangs zu bieten. Dessen Zementierung erreichte bezogen auf die DDR – also jenem Staat, auf welchem der Schwerpunkt des Buches liegt – jedoch erst 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer ihren Höhepunkt.

Allenfalls aus forschungsstrategiescher Sicht könnten respektable Gründe vorliegen, warum sich Applebaum auf den Zeitraum bis 1956 konzentriert. Denn ihre besondere Intention liegt in der Einbindung authentischer Zeitzeugenberichte von Menschen, die aus eigenem Erleben die Entstehung des Eisernen Vorhangs noch heute schildern können. Solche Personen kommen in dem Buch zu Wort, indem sie Ereignisse und Gefühle der damaligen Zeit in eigenen Worten dem Leser nahebringen. Applebaum hat eine der letzten Möglichkeiten genutzt, einem umfassenden Pool erinnerungsfähiger Zeitzeugen der ersten Hälfte der Fünfziger Jahre einzubinden. Dieses könnte zum jetzigen Zeitpunkt eine Beschränkung des Forschungsgegenstandes auf den Zeitraum bis 1956 rechtfertigen, auch wenn Applebaum selbst dieses nicht selbst ausdrücklich geltend macht.

Die Autorin zeigt ambitioniert auf, wie systematisch und brutal das Leben der Menschen durch sowjetische Truppen wie auch durch einheimische Kommunisten mehr und mehr durchdrungen wurde. Der Leser erfährt, wie Menschen innerhalb kurzer Zeit lernen mussten, mit den neuen Regimen dauerhaft zu leben. Die Bandbreite möglicher menschlicher Reaktionen in solchen diktatorischen Umbruchzeiten wird dabei regelrecht spürbar: Wie bislang völlig unpolitische Menschen der Partei oder anderen Institutionen der Diktatur bereitwillig beitraten oder wie dieses nach und nach trotz inneren Widerwillens geschah; wie manche Menschen aktiven oder passiven Widerstand leisteten und einige davon ihren Willen hierzu doch schnell oder langsam wieder verloren; wie sie zu schrecklichen Entscheidungen gezwungen waren, vor denen die meisten von uns im Westen niemals standen und hoffentlich auch niemals stehen werden.

Das Buch verfügt über zwei (jeweils etwa 300 Seiten umfassende) Teile namens „Falsche Morgenröte“ und „Hochstalinismus“, welche sich wiederum in mehrere Kapitel unterteilen, die jeweils bestimmten Bereichen der Gesellschaft und deren psychologischer Durchdringung durch die stalinistische Ideologie gewidmet sind. Emotional sehr berührend ist etwa das Kapitel „Homo Sovieticus“, in welchem Kindergärtnerinnen und Lehrer als Zeitzeugen zu Wort kommen. Hatten die „progressiven“ Pädagogen noch gehofft, ein „linkes“ Regime werde die anti-autoritäre Pädagogik der Weimarer Republik mit ihrer Betonnung von Spontanität und Kreativität fortsetzten, so trat genau das Gegenteil ein: Nicht „kinderzentriert“, sondern „stalinzentiert“ wurde die Erziehung. Hinter dem Eisernen Vorgang mussten Lehrer lernen, dass nicht in den Schriften libertärer Pädagogen wie A.S. Neill, sondern vielmehr in den Büchern von Anton Makarenko, einem Verfechter stalinistischer Pädagogik, die „korrekten“ Erziehungsmethoden vorzufinden seien. Linientreue Romanautoren arbeiteten daran, die Kinder der neuen Ära mit ideologisch passender Schullektüre zu versorgen. Entsprechend wurden Lehrer in rasantem Tempo umgeschult – oder noch rasanter entlassen.

Als Beispiel für einen der vielen nahegehenden Zeitzeugenberichte, welche das Buch so lebendig machen, sei die Beobachtung eines Geländespiels aus dem Jahr 1950 hier zitiert. Hieran sieht man, wie traditionelle Kinderspiele wie „Fangen“ und „Verstecken“ gemäß des Regimes instrumentalisierend modifiziert wurden:

An allen Abhängen, unter Sträuchern und Bäumen versteckt, lagen Jungen und Mädchen, krochen vorwärts über die Wege, immer in Deckung, teilweise mit Zweigen, die sie über ihre Köpfe hielten, getarnt. […] Als wir weitergingen, sahen wir eine Pionierleitung mit roter Armbinde, bei der wir uns erkundigten, was die Kinder spielen. Sie erklärte nun, dass die Kinder in zwei Armeen eingeteilt sind, in die Volksarmee und in eine kapitalistische Armee. Sie zeigte und dann auf einem Berg eine DFJ-Fahne, die von der kapitalistischen Armee erobert werden sollte. […] Auf einer anderen Anhöhe waren viele grünbebänderte Volksarmee-Pioniere, die in Sprechchören zur kapitalistischen Armee hinüberriefen: ‚Kämpfe nicht für Kapitalisten lauft über zur Volksarmee‘ und ähnliche Losungen. Beim Kampf musste dem Gegner das kennzeichnende Bändchen abgerissen werden. Ein Pionier ohne Bändchen galt als Toter.“

Ein weiteres, regelrecht beängstigendes Kapitel des Buches trägt den Titel „Polizisten“. Es legt hautnah dar, wie Menschen für die osteuropäische Geheimpolizei rekrutiert wurden und hierbei lernten, den Zorn und Ekel der Sowjetunion für ihre Gegner zu empfinden. So, wie Spitzel die Öffentlichkeit zu beobachten lernen mussten, lernten Geheimpolizisten die Spitzel zu observieren.

Den Bezug des Buchinhalts zur heutigen Weltgeschichte, welchen die Autorin ihrerseits leider kaum explizit herausstellt, kann sich der weltpolitisch kundige Leser durchaus erschließen: Viele der schlimmsten Diktatoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festigten ihre Macht mit den im Buch beschriebenen Methoden. Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi übernahmen Elemente des Sowjetsystems sogar mit direkter Hilfe aus der UdSSR und der DDR. Auch Fidel Castro und Husni Mubarak stehen in ihren diktatorischen Methoden in sowjetischer Tradition.

Hannes Schwenger führt in der erwähnten, sehr kritischen Rezension im Tagesspiel zahlreiche Detailfehler in Applebaums Buch auf. Diese Fehler mögen den Historikern innerhalb der Leserschaft wahrlich böse aufstoßen. Jedem einzelnen Leser obliegt indes die Entscheidung darüber, welche Wertschätzung das Buch, dessen Anspruch vorrangig auf Nähe zum authentischen Zeitzeugen liegt, angesichts der zweifellosen Erfüllung dieses Anspruchs dennoch verdient.

Anne Applebaum (2013): Der Eiserne Vorhang. Die Unterdrückung Osteuropas 1944-1956. München: Siedler Verlag, 640 Seiten, 29,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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