Lebendigkeit statt Opportunismus

9. Oktober 2013 0

Rezension zu Gabriele Pauli: Die rote Rebellin. Fortschritt braucht Provokation

Anti-Mainstream-Politikerin Gabriele Pauli - Bild: Buchcover (Ausschnitt), (C) Gütersloher Verlagshaus

Anti-Mainstream-Politikerin Gabriele Pauli – Bild: Buchcover (Ausschnitt), (C) Gütersloher Verlagshaus

Ich mag Gabriele Pauli. Zur eigenen Überzeugung zu stehen, war ihr meist wichtiger als ihre Karriere. Damit unterscheidet sie sich von den meisten anderen Politikern sowie auch von dem meisten „normalen Menschen“. Denn viele von uns haben wahrlich Angst davor, auszuscheren. Auszuscheren aus dem Fraktionszwang, auszuscheren aus unseren politischen Lagern, auszuscheren aus unseren Subkulturen samt ihrer jeweiligen Denkverbote.

Ich selbst habe als Islamkritiker in meinem eignen, also dem linksliberalen Lager mit Aversionen zu kämpfen. Obwohl Religionskritik eigentlich ein ureigenes Anliegen linker und liberaler Bewegungen ist. Pauli agierte noch weitaus exotischer:  Die einstige CSU-Landrätin provozierte ihr christlich-konservatives Lager mit Positionen, welche den Grundüberzeugungen dieses Lagers wahrlich diametral entgegenstehen. So propagierte sie nicht nur eine antiautoritäre Schulerziehung, sondern auch die sogenannte „Ehe auf Zeit“. Nicht mal die Grünen waren auf eine solche Idee gekommen. Stimmen aus allen politischen Lagern reagierten im Jahr 2007 empört auf Paulis Ehekonzept. So erinnert sie sich in ihrem Buch:

Ich sehe noch heute vor mir, wie vielen Journalisten bei Verkünden dieses Programmpunktes der Atem stockte. Die Stifte hörten auf, sich zu bewegen. Ungläubiges Erstarren. Die meisten schmunzelten und raunten: Das meinten Sie doch nicht ernst?“

Doch, sie meinte es ernst. Genauso wie ich meine Zustimmung zu diesem Konzept ernstmeine. Denn halten wir uns mal unvoreingenommen vor Augen, welche nicht zu leugnenden Sachverhalte hinter diesem Vorschlag stecken: Viele Ehen werden in unserem Staat nur zum Schein geführt. Die Hälfte aller Ehen wird geschieden und das heißt noch lange nicht, dass die andere Hälfte der Ehen in Ordnung ist. Neben der formalen Scheidungsquote von 50 Prozent dürfte Deutschland eine „innere“ Scheidungsquote von 75 Prozent aufweisen. Sind Fragen der finanziellen Abhängigkeit der Partner, Steuervorteile oder auch die Angst vor einer Trennung wirklich staatlich schützenswerte Grundlagen? Keinem Menschen soll es verwehrt werden, aus wahrer Liebe heraus ein Leben lang zusammen zu bleiben. Doch Paare, die sich trennen wollen, sollten es nach Ablauf einer sogenannten „Ehezeit“ – hierfür schlägt Pauli nach wie vor sieben Jahre vor – auch ohne die sonst üblichen Scheidungsbürokratien können.

Es handelt sich nicht nur um ein ur-liberale, sondern auch ur-libertäres Konzept, welches der „natürlichen Freiheit“ des Menschen gerecht wird. Denn wir Menschen sind nun mal Tiere und keine andere Tierart hat es sich derart zwanghaft auferlegt, dass Paare bis dass der Tod sie scheidet zusammenbleiben müssen.  Die meisten Tierarten weisen eine Paarungsbindung – wenn überhaupt – nur so lange auf, bis der Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus ist. Ich stimme Pauli von ganzem libertärem Herzen zu, wenn sie in ihrem Buch feststellt:

Menschen wollen eine Ehe aus Liebe leben, mit freiem Willen. Dieser Vorschlag der erneuerbaren Ehe führt nicht zu mehr Scheidungen, sondern zu einem bewussteren Miteinander und sogar zu mehr und besseren Ehen. Weil die Menschen ehrlicher miteinander wären und sich einfach mehr Mühe gäben.“

Neben der „Ehe auf Zeit“ gehören noch elf weitere „Visionen einer besseren Welt“ zum Herzstück des Buches, jeder hiervon ist ein Kapitel gewidmet. Mir persönlich gefällt hiervon „Das Kreuz mit der Kirche“ am besten, in welchem  die konsequente Abschaffung der Kirchenprivilegien unter anderem im Arbeitsrecht gefordert wird. In weiteren Kapiteln befürwortet Pauli beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen, eine verbesserte Kinderbetreuung und eine Reform des Gesundheitswesens. Und genau hierbei wird das Buch etwas langweilig: Denn im Gegensatz zur „Ehe auf Zeit“ besitzen die in jenen Kapiteln vertretenen Thesen keinerlei Exklusivitätswert, sondern sind aus Talkshows und Zeitungskommentaren schon von vielerlei Menschen vertreten und diskutiert worden.

Exklusiver sind wiederum die tiefgehenden persönlichen Einblicke, die Pauli auf den ersten 100 der insgesamt 250 Buchseiten in ihren Werdegang gewährt. Wir erfahren von ihrem Aufwachsen in einer Vertriebenenfamilie, von ihrer Zeit als jüngste Landrätin Deutschlands, von der gleichzeitigen Bewältigung ihrer Politiker- und Mutterrolle. Und von ihrem inneren Erleben, als sie 2008 durch Publikmachen von Skandalen den Sturz des damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber bewirkte. Nachdem Pauli die CSU notgedrungen verließ und weder mit ihren späteren Parteien Freie Wähler noch mit der Freien Union an frühere Aufmerksamkeitsspannen anknüpfen konnte, stürzte sie das in eine tiefe Lebenskrise.  Auch hiervon erfährt der Leser sehr persönliche Details.

Das alles ist stets verbunden mit erfrischend formulierten Attacken gegen den parteipolitisch korrekten Opportunismus einiger ihrer  früheren politischen Weggefährten. Pauli formuliert durchweg zugespitzt und offensiv, so wie man sie kennt und ggf. liebt. Der „Charakterschwächling“ und Opportunist Markus Söder (CSU) bekommt ebenso sein Fett weg, wie der „bayerische Macho“ und Intrigant Hubert Aiwanger (Freie Wähler). Schade, dass sich Paulis Prognose vom Niedergang der Volkspartei CSU angesichts des Ergebnisses der Bundestagswahl nicht bewahrheitet hat – eher im Gegenteil: Horst Seehofer, an welchen sich Pauli ebenfalls zahnreich abarbeitet, ist stärker als je zuvor.

Ja, auch Pauli ist eitel und voller Selbstdarstellungsdrang. Doch ein solcher Paradiesvogel ist mir weitaus lieber als lauter steife politische Opportunisten. Gern würde ich Pauli wieder als belebendes Element in der Politik sehen. Doch in dieser Welt der Zwänge und Intrigen wird sie sich wohl nie wieder einfügen wollen. Aus dem bayerischen Landtag, welchem Pauli bis zur Bundestagswahl als parteilose Abgeordnete noch angehörte, hat sie sich inzwischen verabschiedet.

Gabriele Pauli (2013): Die rote Rebellin: Fortschritt braucht Provokation. Gütersloher Verlagshaus, 256 Seiten, 19,99 Euro. Kaufen bei Amazon.

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