Pädagogik im Zeichen des Libertarismus

23. September 2013 0

Heute vor 50 Jahren starb Alexander Sutherland Neill, der größte libertäre Erzieher aller Zeiten

Alexander Sutherland Neill - Bild: Zoe Readhead / Wikipedia (CC-Lizenz)

Alexander Sutherland Neill – Bild: Zoe Readhead / Wikipedia (CC-Lizenz)

Die politische Haltung des Libertarismus wird überwiegend im Zusammenhang mit Wirtschafts- und Sozialpolitik wahrgenommen, auch libertärere Meinungsbeiträge auf Citizen Times haben sich bislang meist auf diese Bereiche bezogen. Am heutigen Tag ist es an Zeit, daran zu erinnern,  dass insbesondere auch hinsichtlich der Erziehungs- und Bildungsthematik namhafte libertäre Ansätze bestehen. Denn heute vor 50 Jahren starb Alexander Sutherland Neill, der Begründer und berühmteste Praktiker einer wahrhaft libertären Schulerziehung, die zwischen konservativer „schwarzer Pädagogik“ und sozialistischer Gleichmacherei anzusiedeln ist.

„Wer sind wir, um Autoritäten in Zweifel zu ziehen?“ – eine Gesellschaft mit solch gefährlichen Verhaltenstraditionen ist kein Umfeld für die Erziehung einer neuen Generation, so die Grundhaltung Neills. Geboren 1889 in Schottland, hatte er zwei Weltkriege inklusive des Holocausts miterlebt. Seine Konsequenz hieraus: „Die Zeit ist reif sich einzugestehen, dass bedingungsloser Gehorsam und Anpassung an Bestehendes in der Menschheitsgeschichte weitaus mehr Schaden angerichtet hat als gelegentliche Rebellion.“ Von gehorsamen Kindern, die das althergebrachte Schulsystem ohne zu hinterfragen akzeptieren, dessen Zwänge und Strafmaßnahmen hinnehmen und kritiklos zu deren Fortführung beitragen, geht laut Neill eine viel größere Gefahr aus als von gelegentlichen Schulschwänzern.

„Wer kann ernsthaft noch stolz sein auf den beschrittenen Weg unserer Zivilisation?“, fragte Neill. „Wer kann ernsthaft die Erziehungspraktiken solcher Generationen fortsetzen wollen, die zwei Weltkriege und millionenfache Massenmorde zu verantworten haben? Nicht mal mehr die Erziehung eine Ratte gehört in die Verantwortung dieser bestialischen Generationen.“

Laut Neill sind Kinder vom Wesen her zunächst mitfühlend, mitleidsvoll. Seiner Ansicht nach gerieten Kinder in Entsetzen und Abscheu, wenn sie Gewalt beobachten – sogar dann, wenn es sich „nur“ um Gewalt gegenüber kleinen Tieren handelt. Nie kämen Kinder von sich aus auf die Idee, einen Juden oder einen Schwarzen zu töten – wozu auch? Antisemitismus, Rassismus und andere Ideologien waren laut Neill Erfindungen der alten Erwachsenenwelt. Erst durch gesellschaftlich gewachsene Erziehungsziele wie Kriegstauglichkeit und althergebrachte Männlichkeitsideale gerate das „Gute“ im Kind in Bedrängnis. Denn Mitleidsempfinden werde als gesellschaftsschädlich verachtet, so lange die Gesellschaft nach Soldaten und anderen gewaltanwendenden Berufen verlangt.

Die Austreibung des kindlichen Mitgefühls sei über Generationen hinweg über das Mittel der Erziehung zum Gehorsam gelungen: „Höre nicht auf Dein Mitgefühl, sondern tue, was man Dir sagt“. „Du bist nichts, die Obrigkeit ist alles“ – dies waren die Erziehungsdogmen, um junge Menschen willensschwach zu machen und sie in traditionelle Wertesysteme einzufügen. Und Neill hatte Recht: Die Geschichte der Menschheit zeigt, wie stumpf das individuelle Gewissen werden kann, wenn es sich passiv nach Autoritäten richtet – so wurde es erst möglich, dass Millionen Menschen in Kriege zogen und in den KZs die Gashähne aufgedreht wurden.

So geht es im Alltag in unzähligen Verkleidungen weiter, betonte Neill: Bei der Mutter, die sich ihr Baby wegen der Krankenhausvorschriften wegnehmen lässt, obwohl ihr Instinkt unbedingt fordert, es festzuhalten und zu liebkosten. Oder bei Eltern, die ihre Kinder zu unaufrichtiger Höflichkeit trimmen und sie für vermeintlich „schlechte“ Manieren strafen – oft nicht, weil sie das selbst für so wichtig halten, sondern weil sie Angst haben, was die Nachbarn sonst von ihnen denken können. Oder beim Patienten, der stillschweigend unter den Nebenwirkungen einer ärztlich verschriebenen Medizin leidet, aber nicht nach Alternativen fragt. Dieses Ideal von einem rundum „mündigen“ Menschen unterscheidet Neils Pädagogik grundlegend von Ideologien wie dem Nationalsozialismus oder dem Kommunismus, welche allesamt das Individuum allesamt einem (national-)sozialistischen Kollektiv unterwerfen wollen.

Laut Neill gelang die humanistische Erneuerung der Gesellschaft nur durch einen radikalen Bruch in den Erziehungsgrundsätzen. Für solchen „Bruch“ stand sein 1923 in England angesiedeltes Internat Summerhill:

Summerhill ist ein Schonraum, ja Schutzraum vor dem Einfluss des verderblichen Alten. In Summerhill kann das Gute im Kind in Frieden gedeihen. Zu Beginn noch braucht jedes zarte Pflänzchen, um groß und stark und dann auch wehrhaft werden zu können, die schützende Umgebung eines Gewächshauses.“

Um dieses Gute später in die Gesellschaft hineintragen zu können, müsse Schule noch mehr sein als ein Schutzraum – nämlich ein Übungsfeld für die Erneuerung der Gesellschaft. Summerhill sollte Vorbote für moderne Schulen sein, die gesellschaftliche Zustände nicht länger blind reproduzieren.

Die wöchentlichen Schulversammlungen unterstreichen Summerhills Stellenwert als erste Kinderdemokratie der Welt: Auf diesen Schoolmeetings begannen die jungen Menschen selber die Regeln ihres Zusammenlebens festzulegen.  Manchmal beschlossen sie auch Strafen für diejenigen, die diese Regeln missachten. So wurde Summerhill keineswegs  zu einer chaotischen Anarchie, sondern durchaus zu einem Ort geregelten Zusammenlebens. Das Besondere aber war, dass Summerhills Schülerschaft ohne den Einfluss von Erwachsenen organisierte und sich somit nicht an den Werten und Normen der alten, verderblichen Erwachsenenwelt. Neill betonte zu Recht:

Was in unseren Schulversammlungen klappt, kann Vorbild auch für den ganzen Staat sein: nämlich, dass neue Generationen alte Gesetze nicht kritiklos übernehmen, sondern mit neuartigen Regeln Fortschritte in die Wege leiten. In ihren selbstgeschaffenen Regelwerken verwirklichen es unsere Schüler, entgegen der Tradition früherer Generationen den Wert des Mitleidsempfindens höher zu stellen als den der Kriegstauglichkeit, den Wert der kritischen Meinungsäußerung höher als den des Gehorsams, den Wert einer gelebten Sexualität höher als den der Keuschheit. Unsere freien Kinder regeln das Verhältnis der Geschlechter neuartig und räumen den Mädchen ganz selbstverständlich die gleichen Rechte ein wie den Jungen. Von sich aus kämen Kinder niemals darauf, sich geschlechtsspezifische Rollenzwänge wie vorherige Generationen aufzuerlegen. Die Überwindung dieser Zwänge erleben unsere Schüler als Freiheitsgewinn für beide Geschlechter.“

Besorgtheit weckte bei Außenstehenden insbesondere, dass auch die Entscheidungen darüber, was im Unterricht behandelt wird, in Summerhill in den Händen der Kinder lag. Hinter solchen Ängsten steckte ein zumeist recht autoritäres Menschenbild. Dieses ging davon aus, dass der Mensch von Natur aus „lernfaul“ sei und darum durch extrinsische Motivation zum Lernen gezwungen werden müsse.

Neill jedoch begleitete jahrelang Hunderte von Kindern auf ihrem Lernweg und stellte fest:  „Kinder sind von Natur aus durchaus am Lernen interessiert. Zwar wollen nicht alle Kinder alles lernen. Doch jedes Kind steckt voller Neugierde für bestimmte Dinge, stellt Fragen zu all dem, was es interessiert, hat hierin Freude am Beobachten und Nachahmen. Wenn sie sich von innen heraus für etwas begeistern, dann schaffen Kinder beim Lernen beachtliche Höchstleistungen.“

Umso schlimmer ist, dass traditionelle althergebrachte Schulen diesen intrinsischen Lerntrieb durch extrinsische Überreizung abtöteten. So lassen sich laut Neill zwei gegensätzliche Szenarien skizzieren, wie die Schullaufbahn eines Kindes, das von Natur aus zunächst einmal lernfähig und -willig ist, verlaufen kann. Betrachten wir hierbei zunächst das „unfreie“ Kind, das auf einer traditionellen Pflichtschule in mehreren Schritten dem autoritären Teufelskreis erliegt. Und vielleicht lässt sich ein solcher Teufelskreis teils noch heute in Schulen ausfindig machen:

Von Beginn an sehen sich Kindern in autoritären Schulen mit einem pauschalen Lehrplan konfrontiert, der auf individuelle Neigungen kaum Rücksicht nimmt. Das Kind wird vom Lehrer nicht nach eigenen Interessen gefragt. Für die Pflichtschule bleibt geradezu unsichtbar, welche intrinsischen Ressourcen der junge Mensch in anderen Bereichen als dem Pflichtschulstoff einbringen könnte. Das Kind muss seine Energie dafür aufwenden „stillzuhalten“, Sehnsüchte zu unterdrücken.

Der Lehrer erkennt, dass das Kind keine intrinsische Motivation und keine hinreichende Energie zur Befolgung des Lehrplans mitbringt. So greift der Pflichtschullehrer notgedrungen auf einen breiten Katalog extrinsischer Maßnahmen zurück, den das Pflichtschulsystem bereithält, allen voran Noten- und Versetzungsdruck. Manipulation liegt laut Neil sogar schon dann vor, wo durch bunte Bildchen in Schulbüchern ein uninteressanter Stoff schmackhaft gemacht werden soll.

Schon bald verbindet das Kind mit dem Begriff „Schule“ nur noch Zwang, die natürliche Freude am Lernen ist inmitten lauter Notenwahn und aller Angst vor Sanktionen verloren gegangen. Die intrinsische Motivation, die zumindest in bestimmten Bereichen zur Geltung hätte kommen können, ist dadurch abgetötet, dass „Lernen“ von nun an grundsätzlich mit Unannehmlichkeiten verbunden wird.

So wird das Kind passiv, unselbständig, geradezu abhängig von äußerem Druck, es lernt am Ende tatsächlich nur noch aufgrund von Sanktionen. Ist der Lehrer mal nicht im Raum bzw. steht eine Zeit lang mal keine Klassenarbeit an, geht die Leistung des Kindes dann oft zurück, der gelernte Stoff wird vergessen. Die autoritäre Propaganda richtet prompt den Zeigefinger drauf: Seht her, es läuft nichts ohne Zwang! Mit diesem Scheinbeweis beginnt ein Teufelskreis: Der Lehrer sieht sich zu immer mehr Druck veranlasst, und das Kind wir immer passiver und passiver…

Anders das „freie“ Kind, welches die glückliche Situation einer „freien“ Schule erfährt: Lesen und Schreiben zu lernen ist auch dort Pflicht, doch darüber hinaus gilt die Freiwilligkeit. Zum Vorschein kommt, welche besonderen Interessen und Neigungen im Kind Zu all dem, was es interessiert, zeigt das Kind aktive Neugierde, stellt Fragen und sucht nach Antworten, beobachtet aufmerksam und ist geschickt beim eigenen Tun.

Von manchen Dingen nimmt das Kind auch schnell wieder Abstand, weil das Interesse oft doch nicht so groß ist wie es anfänglich scheint – andere Dinge nimmt es sich hingegen immer zielstrebiger und immer intensiver vor. Es kristallisiert sich immer stärker heraus, in welchen Bereichen der junge Mensch die größten Interessen und besten Fähigkeiten hat.

Der Übergang ins Berufsleben solcher Kinder gelang laut Neill meist problemlos, ja sogar besser als bei Pflichtschulkindern. Denn entdecke ein „freier“ junger Mensch, der von klein auf an effektives selbstbestimmtes Lernen gewohnt ist, früher oder später leuchtenden Auges seine ureigene Bestimmung zum Künstler, Arzt oder Sprachenforscher, so würden innere psychologische Prozesse ganz selbstverständlich dazu führen, dass dieser junge Mensch von sich aus das nötige Wissen geradezu neugierig „aufsaugt“.

Neill  erlebte dies oft bei 15- und 16-Jährigen, die sich mit Hinblick auf einen speziellen Studienwunsch als hervorragende, erfolgreiche „Spätzünder“ entpuppten und sich hocheffektiv auf Abschlussprüfungen oder bestimmte Hochschulzugangstests vorbereiteten – aber eben immer mit dem Bewusstsein, dass solche formalen Hürden kein „Selbstzweck“ sind, sondern nur ein nötiger Schritt zu einem selbstgesetzten höheren Ziel.

Wirklich freie Menschen wählen ihren Beruf laut Neill so aus, dass sie ihn gerne ausführen und überhaupt nicht als Mühseligkeit empfinden. „Doch die Fähigkeit, die richtige Berufsauswahl treffen zu können, kommt eben nicht von alleine, sondern setzt einen langen Prozess der freien Selbstfindung voraus, wie ihn nur Schulen wie die unsrige den jungen Menschen ermöglichen.“

Auch ich bin überzeugt: Je weiter die laufenden gesellschaftlichen Umbrüche voranschreiten und immer breitere Teile der Bevölkerung dieses betrifft, desto stärker erweist sich das libertäre Schulkonzept als das tragfähige Konzept, um jungen Menschen die besten Grundlagen für ihr Leben mitzugeben.

Wir Soziologen sprechen vom „post-modernen“ Zeitalter. Immer neue, immer schneller kommende und gehende Erfindungen und Lebensstile sorgen dafür, dass neue Berufsbilder immer schneller entstehen und auch immer schneller wieder verschwinden. Familien halten nur noch übergangsweise zusammen, Partnerschaften bestehen nur noch vorrübergehend. Wer kann schon heute noch darauf hoffen einen elterlichen Betrieb übernehmen und ein Leben lang weiterführen zu können? Kaum ein heute 30-Jähriger kann damit rechnen, in zehn weiteren Jahren noch den gleichen Beruf auszuüben, noch am gleichen Ort zu leben, den gleichen Familienstand innezuhaben. Künftige Generationen werden regelrecht zur Freiheit und ständig neuen Entscheidungen „verdammt“ sein.

Es ist wichtiger als je zuvor, dass der Mensch in jungen Jahren erst einmal in sich geht und sich fragt: Wer bin ich eigentlich? Was sind meine Potentiale? Welche Ziele setze ich mir? Und welchen Weg dorthin möchte ich gehen? Wer diesen Fragen in jungen Jahren nachgegangen ist, hat gute Chancen, zu den „Gewinnern“ der modernisierten Gesellschaft zu zählen.

Gemessen an den Anforderungen der Modernisierung verschafft libertäre Pädagogik den Kindern allerbeste Ausgangsbedingungen: Noch heute lernen sie in Summerhill – losgelöst vom Herkunftsmilieu, losgelöst von elterlichen Autoritäten – ihre ureigenen Neigungen zu erkennen und ihre darauf gerichteten intrinsischen Motivationen in Berufserfolg und Lebensglück. Summerhills Absolventen der letzten Jahrzehnte berichten übereinstimmend, es in diesem Punkt im späteren Leben deutlich leichter gehabt zu haben als viele ihrer Altersgenossen. In vielen europäischen Ländern hatte die Bildungspolitik dieses erkannt und libertäre Ideen in die staatlichen Schulsysteme integriert.

Nirgendwo werden Kinder stärker als in Summerhill schon früh darauf vorbereitet sich immer wieder aufs Neue entscheiden zu müssen. Sich selber Ziele zu setzen, sich selber Wege dorthin zu suchen und diese mit selbstbestimmtem Tempo individuell zu beschreiten, sprich: sich selbst Unterrichtsfächer auszusuchen, selbst Stundenpläne zu gestalten, sich selbst Lernstrategien und Lösungshandlungen ausgucken, sich selbst die Aufgaben für die einzelnen Lernziele zu suchen, sich selbst bei den eigenen Lernfortschritten beobachten und diese zu steuern lernen – aus genau diesen Fähigkeiten kommt es an.

Wir können von Schlüsselqualifikationen für selbstständiges, unabhängiges, letztendlich „glückliches“ Leben sprechen. Genau diese Qualifikationen stellen den Schlüssel dar, der den Weg zu den Chancen eröffnet, welche die Vielfalt einer postmodernen Gesellschaft bietet. Die permanenten Herausforderungen zu Entscheidungsfähigkeit und Selbstständigkeit, die sich in Summerhill den Schülerinnen und Schülern stellen und die dort tagtäglich trainiert werden, entsprechen den realen Lebensanforderungen des Erwachsenen im 21. Jahrhundert.

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