Wahlen sind schlimmer als Sex

17. September 2013 2

Zeugen Jehovas glauben an das Königreich Gottes – Wahlabstinenz ist also oberstes Gebot

Zeugen Jehoves träumen vom Königreich Gottes - und wählen deswegen nicht - Bild: CT

Zeugen Jehoves träumen vom Königreich Gottes – und wählen deswegen nicht – Bild: CT

Die religionskritischen unter den auf Citizen Times veröffentlichen Texten beschäftigen sich zumeist mit dem Islam. Und das ist auch angemessen: Denn keine Religion breitet sich derzeit so aggressiv und gefährlich auf der Welt aus, wie eben der Islam. Nichtsdestotrotz: Als Publizisten im Dienste des Liberalismus stehen viele Citizen Times Autoren allen Religionen kritisch gegenüber.

Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl widme ich mich heute mal den Zeugen Jehovas. Was diese christliche Sekte denn mit der Bundestagswahl zu tun hat, mögen mich nun einige fragen. Man könnte so antworten: „Gar nichts“. Denn wirklich rein „gar nichts“ möchten die Zeugen Jehovas mit der Bundestagswahl, überhaupt mit Wahlen in unserer Demokratie zu tun haben. Und genau darin liegt das Problem.

Vor wenigen Tagen ergab es sich, dass zwei Personen an unserer Wohnung klingelten: Ein Mann von vielleicht Mitte 50 nebst seiner jugendlichen Tochter. Ob beide zu einem Gespräch hineinkommen dürften, fragten sie. Und diskussionsfreudig, wie ich durchaus bin, lies ich mich darauf ein – obwohl (besser: gerade weil) ich die beiden sofort als Angehörige der Zeugen Jehovas identifizierte (sie selber gaben sich zunächst noch nicht als solche zu erkennen).

Normalerweise sind es die Themen Abtreibung, Homosexualität und Sterbehilfe, anhand derer ich mich an den Zeugen Jehovas „reibe“ und jene schon oft zu Diskussionen herausgefordert habe. Diesmal sollte es anders sein. Ob es denn stimme, dass Zeugen Jehovas grundsätzlich von politischen Wahlen fernbleiben, wollte ich wissen. Und ergründen, wie Vertreter dieser religiösen Gruppierung diesbezüglich auf gegenläufige Positionen reagieren.

„Ich habe mein Leben lang noch nie gewählt“, sagte mir der Mann tatsächlich. Nie bei Bundestagswahlen? Nein, nie. Nie bei Landtagswahlen? Nein, nie. Nie bei Kommunalwahlen? Nein, nie. Und bei Europawahlen natürlich auch nicht. Von Letzteren hatte er ohnehin noch nie etwas gehört, sagte er.

Zeugen Jehovas akzeptieren nur eine einzige Regierung: Das Königreich Gottes. Säkulare Regierungen werden lediglich „geduldet“, niemals jedoch unterstützt. Und weil wählen zu gehen nun mal einer Unterstützung gleichkäme, gehört Wahlabstinenz bei der Zeugen Jehovas zu den obersten Geboten.

„Bist du schon wahlberechtigt?“, richte ich meine Frage an die Tochter des Mannes. Das Mädchen schaut verlegen drein, nickt langsam und sagt dann zögernd: „Ich bin grad 18 geworden.“ Dann ergreift ihr Vater wieder die Dominanz über das Gespräch, nachdem er kurz in der Bibel geblättert hat. Jenes Buch schiebt er mir nun vor die Augen und zeigt auf eine spezielle Stelle auf einer bestimmten Seite.

Wenn Ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieben. Weil Ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich Euch aus der Welt erwähnt habe, darum hasst Euch die Welt.“ (Johannes 15,19).

Genau diese Bibelstelle ist es, aufgrund derer die Zeugen Jehovas sich wahlabstinent verhalten und diese Abstinenz auch von allen ihren Glaubensbrüdern erwarten. Ich erinnere mich an eine Kommilitonin aus dem Studium, ebenfalls Zeugin Jehovas, die mir damals, vor der Bundestagswahl 2002, mit der gleichen Bibelstelle kam.

Bin ich eigentlich schwer von Begriff? Beim mehrmaligen Lesen dieser Bibelstelle verstehe ich noch immer nicht, warum sich hieraus das Gebot der Wahlabstinenz ergeben soll. Weil gemäß des Johannes-Evangeliums nur eine göttliche, statt einer weltlichen Regierung anerkannt werden dürfe, bekräftigt der ältere Herr seine Grundhaltung.

Nun ja, halten die Zeugen Jehovas denn sämtliche Staatengebilde für überflüssig? In manchen Bundesländern streckt diese Sekte geradezu gierig ihre Hände nach staatlichen Leistungen aus, indem sie sich als Körperschaft des öffentliches Rechts anerkennen lässt und die hiermit verbundenen Privilegien gerne einkassiert. Genau den gleichen (demokratischen) Staat, von welchem die Zeugen Jehovas liebend gern „zehren“, schwächen sie mit ihrem pauschalen Wahlboykott.

Rund 7,5 Millionen Anhänger zählen die Zeugen Jehovas weltweit, rund 165.000 davon in Deutschland. Wer dazu gehören und nicht verstoßen werden will, muss sich an sämtliche Bestimmungen ihres Sektenlebens halten: Teilnahme an Gemeindeversammlungen, regelmäßige Bibelstunden, Mitwirkung bei der Missionierungsarbeit sowie Abstinenz von Drogen und von vorehelichem Sex. Und natürlich: Abstinenz von Wahlen. Letzteres sogar vor und während der Ehe. Im Klartext: Wahlen sind schlimmer als Sex. Denn Sex ist im Gegensatz zu Wahlen immerhin nach der Eheschließung erlaubt.

Wer dem „Laster“ Wahlen nachgibt, wird nicht zu denjenigen gehören, die den bevorstehenden Weltuntergang „Harmagedon“ überleben werden. Denn dieses Glück werde nur den „wahren“, also den konsequent bibelgemäß lebenden Zeugen Jehovas zukommen. Aus deren Kreise werde sich im Anschluss an „Harmagedon“ die „Himmelregierung“ zusammensetzen, angeführt von Gott.

Wer‘s glaubt, wird selig. Wer wählt, der wird es nicht.

2 Comments »

  1. aurora von königsberg 17. September 2013 at 22:17 - Reply

    Na ja. Die Jehovas Zeugen, sie waren nie ein Problem für unsere Gesellschaft. Mögen sie glauben, was sie für richtig halten. Und behandeln wir sie im Stil anglo-amerikanischer Toleranz. Sie haben ein Recht, qua ihres Glaubens nicht zu wählen. Wir haben wirklich andere Probleme, in der Tat.

  2. Spandauer 18. September 2013 at 19:17 - Reply

    Natürlich haben sie ein Recht, „qua ihres Glaubens nicht zu wählen“. Und genauso haben wir Demokraten das Recht, diese Wahlabstinenz aufs Schärfste zu verurteilen und klarzustellen, dass es extrems demokratieschädlich wäre, wenn sich eine breite Masse aus religiösen Gründen und gedanklicher Flucht ins Gottesreich der demokratischen Mitwirkung verweigern würde. Und was heißt hier, „wir haben größere Probleme“?? Wahlabstinenz ist ein zunehmend größer werdendes Problem in unserer Demokratie!

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