Der Wahl-O-Mat – ein Contra

31. August 2013 3

Das besonders misslungene Beispiel der SZ zeigt die drohende Manipulation – vor allem von Erstwählern

Das SZ-Wahl-O-Mat-Ergebnis des Autors - Bild: Screenshot

Das SZ-Wahl-O-Mat-Ergebnis des Autors – Bild: Screenshot

Sogenannte Wahl-O-Maten sind besonderes bei Jung-, allen voran bei Erstwählern beliebt. Gerade als Lehrer weiß ich, wie viele Kolleginnen und Kollegen im Politikunterricht (in manchen Bundesländern: Gesellschaftskunde) Wahl-O-Maten kurz vor Bundes- oder Landtagswahlen benutzen, um bei Jugendlichen ein erstes Interesse für (Partei-)Politik zu wecken. Manchmal dürfen Schülerinnen und Schüler eigens hierfür sogar ihre Handys, Smartphones oder gar Net- oder Notebooks im Unterricht einschalten und die Fragen des Wahl-O-Maten in „Einzelarbeit“ beantworten und mit Interesse das eigene Ergebnis abwarten.

Problematisch ist dieses immer dann, wenn hiermit keine kritische Reflektion (spätestens direkt im Anschluss) einhergeht. Denn man muss wissen: Je geringer der Bildungsgrad und der kritische Intellekt und je geringer die „sonstige“ politische Vorbildung der Schüler ist (je stärker also Gesamt, Real- oder gar Hauptschulverhältnisse vorliegen), desto stärker nutzen sie die Wahl-O-Maten nicht nur zu Zwecken der Unterhaltung oder des Einstiegs ins Thema, sondern nehmen die Ergebnisse der Maten ernst und richten, sofern schon Wahlberechtigung und überhaupt Wahlbereitschaft vorhanden sind, ihr Stimmverhalten danach aus.

Besonders „ungeeignet“ bis geradezu „gefährlich“ ist der Wahl-O-Mat, der gegenwärtig auf der Webseite einer angeblichen „Qualitätszeitung“ steht, nämlich der Süddeutschen Zeitung (SZ).

Ich habe diesen Wahl-O-Maten an mir selbst getestet, das Ergebnis ist auf dem Foto zu sehen. Demnach bin ich klar FDP-Wähler, da ich mit dieser Partei 73 Prozent Übereinstimmung habe. Es folgen die Freien Wähler mit 71 Prozent, gefolgt von der CDU, den Piraten und der CSU. Schlusslicht bilden SPD, Grüne und Linke.

Nun wähle ich jedoch – aus reflektierter Überzeugung, keineswegs aus Stammwählermentalität – die Grünen und befürworte eine rot-grüne Koalition. Was mit diesem Wahl-O-Maten falsch läuft, ist für sachkundige Kenner (sowohl des Wahl-O-Maten wie auch meiner Person) naheliegend:

  • Zunächst einmal ist festzustellen: Es handelt sich nicht um einen „klassischen“ Wahl-O-Maten, welcher die Parteiprogramme widerspiegeln würde. Grundlage sind hier stattdessen die Meinungen von 600 Abgeordneten.
  • Der Wahl-O-Mat lässt nur die einfache oder wahlweise doppelte Gewichtung von Thesen zu. Bei bestimmten Thesen, etwa bei der Frage nach steuerlicher Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, würde ich jedoch eher zehnfach gewichten wollen. Würde der Wahl-O-Mat dieses berücksichtigen, würden die Grünen deutlich besser, die sogenannten „bürgerlichen“ Parteien deutlich schlechter abschneiden.
  • Weitere, sogar wahlkampfrelevante Fragen, sind gar nicht im Wahl-O-Maten enthalten, etwa die Frage nach dem Veggie-Day, den die Grünen planen. Bekanntlich ernähre ich mich konsequent vegan (CT-Interview) und würde eine solche These vielleicht sogar zwanzigfach(!) gewichten. Die FDP als entschiedener und am lautesten bellender Gegner der Veggie-Day-Idee würde garantiert nicht mehr auf den ersten Platz gelangen.

Doch noch aus einem anderen Grunde ist dieser SZ-Wahl-O-Mat auf geradezu skandalöse Weise schlecht: Denn er berücksichtigt nur eine sehr kleine Zahl von Parteien, was jedoch auch juristisch hoch umstritten ist. Das Verwaltungsgericht München hat schon 2008 geurteilt, dass dieses rechtswidrig ist und solche Wahl-O-Maten daher nicht mehr von der Bundeszentrale für politische Bildung verbreitet werden dürfen, da die kleinen, weniger bekannten Parteien vernachlässig werden. 1

Peinlich, dass ausgerechnet eine in München, dem Ort dieses Gerichtsentscheids, ansässige Zeitung dennoch einen so fragwürdigen Wahl-O-Maten präsentiert. Aber es wird noch schlimmer. So vertrat die Bundeszentrale für politische Bildung damals eine andere Auffassung als das Gericht:

„Die Auswahl beruhe – wie auch bei allen bisherigen Versionen – auf den normalen Kriterien: Berücksichtigt würden nur solche Parteien, die bereits im Bayerischen Landtag vertreten sind sowie jene, die laut Umfrage zur Landtagswahl mindestens drei Prozent der Wählerstimmen erhoffen konnten.“ 2

Der Wahl-O-Mat der SZ wird selbst diesen Ansprüchen nicht gerecht. Die Zeitung möge erklären, warum sie zwar den Piraten, nicht jedoch die Alternative für Deutschland (AfD) im Wahl-O-Mat berücksichtigt. Denn auch letztere Partei kann (sowohl bei der Bundestags- wie übrigens auch bei anstehenden Landtagwahlen in Hessen) auf drei Prozent der Stimmen „hoffen“. Hat die SZ hier mal wieder bewusst „politisch korrekte“ Zensur zulasten einer „politisch inkorrekten“ Partei betrieben?

So oder so: Dieser Wahl-O-Mat ist „für die Tonne“ und meines Erachtens sogar für „Unterhaltungszwecke“ zu schlecht. Zumindest dann, wenn es sich um einigermaßen anspruchsvolle Unterhaltung handeln soll.

Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung ist aufgrund der größeren Anzahl politischer Themen sowie Parteien durchaus besser als jener „angebliche“ Wahl-O-Mat der SZ. Doch auch bei der Bundeszentrale ist nur eine einfache oder doppelte Gewichtung möglich und viele politische Themen bzw. Forderungen der Parteien, z.B. der „Veggie-Day“, bleiben auch hier außen vor. So schaffen es die Grünen auch bei diesem Wahl-O-Maten bei mir nicht auf Platz Eins.

3 Comments »

  1. Fahni 31. August 2013 at 13:07 - Reply

    Bin selbst Wähler der Piraten und dieser SZoMat setzt diese bei mir auf den vorletzten Platz. Und was soll eigentlich diese Frage ob man bei rot nachts über die Ampel geht??

  2. K.R. 1. September 2013 at 20:33 - Reply

    Herr Dr. Krause, vielleicht liegt der Wahl-O-mat doch nicht ganz falsch und offenbart nur Ihre freiheitliche Einstellung. Deswegen müssen Sie ja noch lange nicht FDP wählen, wovon man auch nur abraten kann. Es gibt ja auch noch andere freiheitliche Parteien. Schönen Gruß!

  3. GM 3. September 2013 at 22:30 - Reply

    Der Wahl-O-Mat stellt eine wirkliche Gefahr für junge und vor allem wenig am politischen Geschehen interessierte Menschen dar. Die sog. Thesen sind eindeutig zu wenig differenziert! Fraglich ist tatsächlich, ob die Durchführung wirklich zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Themen führt oder diese nicht gerade für einige überflüssig macht, weil sie die Funktion des Wahl-O-Maten nicht begriffen haben. -Der Hinweis, der WOM gebe keine Wahlempfehlung, kann gegen Bequemlichkeit und Unwissenheit auch nicht ankommen.

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