Sarrazin reloaded

9. August 2013 0

Till Schneider über die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste

Nach Sarrazin - oder über hin hinaus? Bild: CT-Montage, Orig. Sarrazin: Richard Hebstreit / Wikipedia

Nach Sarrazin – oder über ihn hinaus? Bild: CT-Montage, Orig. Sarrazin: Richard Hebstreit/Wikipedia

Demokratie, die Herrschaft des Mehrheitswillens, leistet viel, und sie hat sich anderen Herrschaftsformen gegenüber immer wieder als überlegen gezeigt. Doch unterliegt sie, wie alles andere auch, systematischen Beschränkungen, die mit ihrer Ontologie, ihrem „Wesen“ zusammenhängen. Dazu zählt: Die Demokratie als solche kann kollektive Neurosen der Wähler nicht ausgleichen, gar heilen. Denn die Neurose des Wählers liegt ja dessen Wahlverhalten zugrunde, heißt: Es liegt im Interesse des Wählers, qua Wahlentscheid ebendiese Neurose zu pflegen, ergo sie auch weiterhin als Bestandteil, ja tragendes Element der politischen Verfasstheit seines Landes genießen zu können.

Kernmerkmal von Neurosen ist zweifellos das Bedürfnis nach Sicherheit: Neurose schützt – wenn auch nicht substantiell – vor der Beschäftigung mit, ja schon vor dem Zurkenntnisnehmen von potentiell „retraumatisierenden“ Aspekten der Wirklichkeit. Indem sich also der Wähler für die Perpetuierung der kollektiven Neurose entscheidet, versucht er in möglichst weite Ferne zu rücken, dass ihm die (gefühlte) Sicherheit genommen werden könnte, die das unhinterfragte Ausleben der Neurose gewährleistet. Auf jeden Fall aber gilt: Der Wähler kann nur das wollen, was er wollen kann. Und dieses Wollenkönnen unterliegt den Gesetzmäßigkeiten auch, vielleicht sogar vor allem seiner Neurosen, indem diese neurosentypischerweise unbewusst sind, heißt: der politischen Infragestellung nicht offenstehen.

Im Deutschland nicht erst des Jahres 2013 besteht eine solche kollektive Neurose in der Furcht, als Ausländerfeind, Rassist oder Neonazi zu gelten, ja auch nur entfernt in diesen Ruf geraten zu können. Der historische Grund für diese Neurose – die Erbschuld der Deutschen aus dem Dritten Reich – ist bekannt und muss nicht mehr analysiert werden. Daher zurück: Die oben genannte Sicherheit bedeutet demnach für den zeitgenössischen Deutschen im Zustand kollektiver Neurose, absolut sicher sein zu können, dass er der genannten Untugenden nicht verdächtigt werden kann. Dafür aber nimmt er Unsicherheit auf anderer, diesmal nicht gefühlter, sondern realer Ebene in Kauf: Er erlaubt zum Beispiel den massenhaften Zuzug von Migranten, die aus vielfältigen Gründen nicht oder nur sehr eingeschränkt integrationsfähig sind, und die damit sein eigenes Leben im Heimatland drastisch verändern. Dass diese Veränderung auch akute Bedrohung miteinschließt (also das genaue Gegenteil von Sicherheit), ist bekannt; die Statistiken zu Kriminalität und Gewalttätigkeit durch Migranten belegen es.

Auch die Gründe hierfür sind längst untersucht; sie liegen, kurz gesagt, in der Sozialisation der Migranten sowie im Aufeinanderprallen dieser Art von Sozialisation mit dem andersartigen sozialen Kontext des „Einwanderungslandes“ unter äußerst speziellen politischen Rahmenbedingungen. Doch sollen auch diese Gründe nicht weiter interessieren, denn es geht an dieser Stelle um etwas anderes: um die realen Konsequenzen jenseits von Gründen. Es geht, mithin, um etwas, das Thilo Sarrazin mit seinem vielgeschmähten Buch Deutschland schafft sich ab (2010) in die Debatte einzubringen versucht hat, und Migranten bezieht sich auch hier vor allem auf diejenigen aus muslimischen Ländern. Letzteres aus Gründen der Statistik, und damit der gesellschaftlichen Relevanz: Diese stellen klar die größte Gruppe der Migranten – Spitzenreiter mit weitem Abstand: Menschen aus der Türkei –, und zugleich haben respektive bereiten sie die schwerwiegendsten Integrationsprobleme aller ethnischen Gruppen. Die entsprechenden Zahlen hat Thilo Sarrazin im genannten Buch vorgelegt.

Die bisherige Darstellung krankt noch an entscheidender Stelle, am besten sichtbar in der Formulierung: „Er erlaubt den massenhaften Zuzug von Migranten.“ Wer ist „er“? Dieser Satz geht vom oben genannten Wähler aus, also von demjenigen, der angeblich über die Politik seines Heimatlandes entscheidet. Das ist aber de facto nicht der Fall: Entscheiden tun die Politiker, und mitentscheiden tun zum Beispiel die Vertreter der Medien, indem sie enorme Macht besitzen (womöglich noch größere als die entsprechende der Politiker), den politischen Dialog inhaltlich zu bestimmen. Was dann wiederum in massiver Weise auf die Politiker zurückwirkt, indem es diese nötigt, sich an den solchermaßen bestimmten Inhalten zu messen, ja zu „bewähren“ – und das müssen sie, denn was das Wahlvolk „weiß“, ist nicht zuletzt das, was ihm die Medien servieren, und es erwartet, dass die Politik dazu Stellung bezieht.

Daher fasse ich Politik und Medien für meine hiesigen Zwecke zu einer Einheit zusammen, die ich als inhaltsbestimmende Kaste bezeichne, und gehe von folgender Annahme, eigentlich Behauptung aus: Die Wechselwirkungen zwischen den Elementen dieser Kaste entscheiden praktisch allein über Inhalt und Art des „kollektiven“ Dialogs. Es könnte als weiteres Element der Kaste noch die Wirtschaft in Frage kommen, doch ist dies im vorliegenden Zusammenhang ohne Belang; hingegen tragen Behörden, Institutionen (etwa die Kirchen) sowie bestimmte Interessengruppen zu solcher Beschränkung des Dialoginhalts bei und sind daher – als Elemente, Anhängsel oder mindestens Zuträger – der inhaltsbestimmenden Kaste zuzurechnen, nicht der komplementären Kategorie Wahlvolk.

Dass es eine solche Kaste geben könnte, und dass sie tatsächlich in der genannten Art bestimmen könnte, worüber – und sogar: was und wie – geredet wird, legt unter anderem das Programm der Partei Die Linke nahe: Es macht anhand von gewichtigen Beispielen geltend, dass viele politische Entscheidungen, die faktisch getroffen werden, nicht (mehr) dasjenige repräsentieren, was der Wähler will, ja dass nicht einmal versucht wird herauszufinden, was er will, und leitet daraus unter anderem die Notwendigkeit ab, alternative Formen der Wählerbeteiligung zu installieren, teilweise sogar die herkömmlichen Formen durch diese zu ersetzen. Ein zu meinem Thema passendes Beispiel liefert die Schweiz: Wegen des „Minarettstreits“ wurde dort eine Volksbefragung durchgeführt; die Süddeutsche Zeitung berichtete am 17. Mai 2010 (alle Hervorhebungen, auch im weiteren Text, vom Autor): „Anders als erwartet stimmten die Schweizer für ein Minarett-Verbot“, und sie folgerte: „Es gibt offenbar eine riesige Kluft zwischen der veröffentlichten Meinung und der öffentlichen Meinung, zwischen dem politisch für vernünftig Gehaltenen und der wirklichen Meinung der Leute.“

Gesetzt nun den Fall, es verhielte sich tatsächlich so wie von mir behauptet und wie vom Schweizer Beispiel nahegelegt – dass die inhaltsbestimmende Kaste so gut wie allein über den Dialog entscheidet –, dann ist zunächst zu fragen: Unterliegen auch die Vertreter dieser Kaste der genannten kollektiven Neurose? Denn wenn dies der Fall ist, dann ist eigentlich alles in schönster Ordnung: Dann fällt ihre Neurose mit der Wählerneurose in eins, und es kann mit vereinten Kräften an dem gearbeitet werden, was die besondere Art der gefühlten Sicherheit weiterhin gewährleistet. (Psychologen würden an dieser Stelle von Verdrängung sprechen, aber auch das ist momentan nicht erheblich.) Ich wiederhole noch einmal den Inhalt der Neurose: Es ist die Furcht, als Ausländerfeind, Rassist oder Neonazi zu gelten, ja auch nur entfernt in diesen Ruf geraten zu können. Ein (Massen-)Beispiel dafür, wie sich das in der Praxis auswirkt, gibt die bekannte deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek:

Es gibt heute viele unter den Orientalisten und den Ausländerbeauftragten, bei den Grünen und den Vertretern der Kirchen, die aus lauter Angst davor, als ausländerfeindlich oder intolerant zu gelten, auch noch die wunderlichsten Argumente finden, ‚ihre‘ Ausländer zu verstehen und um jeden Preis zu verteidigen. Sie propagieren ein Toleranzverständnis, das einer Selbstaufgabe gleichkommt. Die Freiheitsrechte haben bei ihnen im Zweifel gegenüber dem Verständnis für eine andere Kultur hintanzustehen.“

Die genannte Neurose belegt demnach alle eigenen Gedanken, ja sogar Gefühle, die als ausländerfeindlich, intolerant et al. angesehen werden könnten, mit einer rigiden Selbstzensur. Ich füge hinzu: Das gälte umso mehr für Handlungen, die auf solchen Gedanken und Gefühlen basieren, zu denen es aber aufgrund des ersten Punkts unmöglich kommen kann. Es handelt sich also bei dieser wie bei allen anderen Neurosen, verhaltenstherapeutisch gesprochen, um Vermeidungsverhalten, das bereits auf der emotionalen und kognitiven Ebene ansetzt, weshalb tatsächliche Handlungen in Richtung des zu Vermeidenden sicher ausgeschlossen sind. Ja es kann gesagt werden: Nichts kann Handlungen sicherer ausschließen als die Neurose – man konsultiere die psychologische Literatur.

Doch weiter: Sind die Vertreter der inhaltsbestimmenden Kaste in gleicher Weise neurotisch wie ihre Wähler, oder sind sie es nicht? Die Frage ist mit einem klaren „mindestens“ zu beantworten. Das klingt zum Beispiel so: Unter der Überschrift „Dünkel und Empörung“ vermerkt Andrian Kreye im Leitartikel der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 2013, es gebe derzeit in Deutschland einen „auffälligen Debattenstau“. Dieser betreffe gleich drei Themen, nämlich Antisemitismus, Rassismus und Sexismus, und er zeichne sich dadurch aus, dass in allen drei Debatten Dünkel und Empörung der Debattanten deren Beiträge bestimmten. Dies sei aber unhöflich, egoistisch, gedanken- und gefühllos sowie kontraproduktiv und müsse daher im Rahmen einer zu schaffenden Konsenskultur anders werden. Im Einzelnen – nun des Pudels Kern bezüglich meiner Fragestellung – führt Kreye aus:

Alle drei Debatten halten sich mit viel Empörung und Lappalien auf. Es geht eben nicht um die Siedlungspolitik Israels und die damit verbundene imperialistische Perfidie, sondern um die antisemitischen Muster in den Köpfen, die immer noch auf den alten Klischees von der jüdischen Weltverschwörung basieren, mit denen zaristische Offiziere im 19. Jahrhundert Pogrome befeuerten. Es geht nicht um die Werktreue von Kinderbüchern, sondern darum, ob man Beleidigten das Recht einräumt, beleidigt zu sein.“

Zuvor macht Kreye klar: „Nun könnte man die drei Diskurse jeden für sich mit einer einfachen Grundregel der Höflichkeit beiseitefegen: Es geht nie darum, wie man Ressentiments definiert, sondern wie sie empfunden werden.“ Um hinzuzufügen: „Da mangelt es in Deutschland oft an Feingefühl.“

Ich würde zunächst sagen: Diese Passagen können in einer eminenten Weise als inhaltsbestimmend gelesen werden – womit mein Konstrukt einer inhaltsbestimmenden Kaste sprunghaft an Plausibilität gewänne. Kreye sagt ja unzweideutig und volldichotomisierend, es gehe eben nicht um dies, sondern um das. (Die Textstelle geht sogar noch weiter, heißt: Kreye dichotomisiert danach in analoger Weise auch bezüglich der Sexismusdebatte nach Brüderle/Himmelreich.) Und in einem zweiten Schritt würde ich geltend machen: Hier zeigt sich die Neurose in voller Blüte. Weshalb sonst könnte ein Journalist ein so offenkundig dringendes Bedürfnis verspüren zu behaupten, es gehe eben nicht um die israelische Siedlungspolitik, sondern um die antisemitischen Muster in den Köpfen? Also: aus der Angelegenheit eine Entweder-Oder-Frage zu machen, und zugleich kategorisch zu bestimmen, worüber überhaupt geredet werden darf? Letzteres ist zutiefst undemokratisch, und Ersteres allein schon unlogisch, zudem aller Erfahrung widersprechend: Bei anderen Streitfragen – nehmen wir als Beispiel: Ausbau von Flughäfen und Lärmschutz für die Bewohner des Umlandes – werden von Journalisten keine Entweder-Oder-Unterscheidungen getroffen. Jedenfalls nicht von vornherein und grundsätzlich. Und selbst wenn ein Journalist höchst dezidiert Stellung bezieht, werden die Interessen der anderen Seite nicht pauschal als Unfug, gar als unmoralisch abgetan. Sie werden lediglich als nachrangig bewertet, nicht aber als a priori unberechtigt oder krankhaft.

Man könnte Kreyes Behauptungen nach allen Regeln von etlichen Künsten auseinandernehmen. Zum Beispiel könnte man sagen: Kein heutiger Deutscher – natürlich cum grano salis – denkt bei seiner Kritik an israelischer Siedlungspolitik an eine Fortsetzung der jüdischen Weltverschwörung, und schon gar nicht an zaristische Offiziere des 19. Jahrhunderts. Dies entweder, weil er über das Genannte zu wenig beziehungsweise nichts weiß, oder weil er realistischerweise schon seit Jahren und Jahrzehnten davon ausgeht (gar: schon immer davon ausgegangen ist), dass eine solche jüdische Weltverschwörung einfach nicht existiert; schließlich, weil er vielleicht eine ungefähre Vorstellung von der Größendifferenz zwischen Welt und Westjordanland hat. Zum Zweiten könnte man, diesmal aus der Perspektive der Psychologie, argumentieren, dass es sogar häufig darum geht, gefühlte „Ressentiments“ in Frage zu stellen: Der Fühlende kann sich nämlich täuschen – beispielsweise aufgrund eigener Neurosen –, so dass beim Gegenüber in Wahrheit gar kein Ressentiment vorliegt, sondern sachlich-kritische Überlegungen, die, etwa aufgrund der Inanspruchnahme von Meinungs(äußerungs)freiheit, offen gemacht wurden.

Man könnte also sagen, dass aus dem schieren „Fühlen” von „Ressentiment“ keineswegs dessen tatsächliches Vorhandensein beim Gegenüber abgeleitet werden kann – oder, bezogen auf Kreyes Einlassung zu Kinderbüchern: dass eben kein universelles „Recht“ existiert, „beleidigt zu sein“, genauer: dass solches Beleidigtsein in bestimmten Fällen vom Beleidigten hinzunehmen ist und die beklagten „Verluste“ nicht einklagbar sind. Man könnte sogar noch viel weiter gehen und geltend machen, dass „Beleidigte“ über eine eigene Psyche verfügen, die denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegt wie die eigene, dass also etwas, das summarisch als „Schlechtigkeit“ des Verursachers der Beleidigung bezeichnet werden kann, durchaus auch beim Beleidigten selbst vorliegen kann. Und dass dies so weit gehen kann, dass es die „Schlechtigkeit“ des Verursachers bei weitem übertrifft, ja dass ein gezielter Missbrauch eines angemaßten Opferstatus vorliegen kann, der in blinder bis zynischer Weise die Interessen sämtlicher anderer Personen hintanstellt oder gar vollständig missachtet, um auf diese Weise eine Vormachtstellung zu erzwingen. Dass vielleicht sogar, aufgrund dieser Möglichkeiten, ein jederzeitiges unhinterfragtes sich-Richten nach „Beleidigten“ der generellen Bereitschaft gleichen könnte, sich über den Tisch ziehen zu lassen, und damit der Kelekschen Selbstaufgabe zum Verwechseln ähnlich sähe. (Besonders kritische Geister könnten gar auf die Idee kommen, gewisse Mordfälle, die sich beispielsweise im Zusammenhang mit skandinavischen Comicstrips ereignet haben sollen, mit auf die Rechnung zu nehmen, doch muss man ja den Bogen nicht überspannen.)

Als Beleg für das Genannte kann Unzähliges aus der gesamten Weltgeschichte herangezogen werden, aber auch das jüngste Buch eines der prominentesten Psychotherapeuten der Bundesrepublik, Arnold Retzer, von dem der Autor – meiner Meinung nach zu Recht – sagt, es könne auch als politisches Buch gelesen werden. Titel: Miese Stimmung – Eine Streitschrift gegen positives Denken (2012). Darin wird zum Beispiel den Eltern einer längst erwachsenen, unglücklichen Tochter geraten, sich von deren unablässigen Anklagen nicht weiterhin bestimmen zu lassen und sich gewissermaßen davon zu emanzipieren, indem sie der Tochter die alleinige Verantwortung für ihr eigenes, aktuelles und zukünftiges Leben zusprechen und fortan konsequent die Ohren verschließen gegenüber deren Vorwürfen. Man beachte: Dies sogar, obwohl ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen dem Unglück der Tochter und vorgängigem elterlichen Verhalten vorliegen könnte – und das heißt übersetzt: Selbst Schuldige haben das Recht, nicht für alle Zukunft ihr eigenes Leben vom Geschädigten bestimmen zu lassen. Hierbei wiederum beachte man die Parallele zur Rechtsprechung, die ja weitestgehend zeitlich begrenzte Strafmaße ausspricht, und das aus gutem Grund. Mit einem Wort: Irgendwann hat selbst der Schuldige verdient, dass Schluss ist mit der Sühne.

Dies ist nicht als Anspielung auf die Schuld der Deutschen durch das Dritte Reich gedacht, aber es kann auch darauf bezogen werden. So kann 68 Jahre später gefragt werden, inwieweit „wir Nachkommenden“ dafür noch in aposteriorische Sippenhaft genommen werden können, sowie – ganz pragmatisch – mit Arnold Retzer, ob das überhaupt noch irgendjemandem etwas brächte, ja ob es nicht vielmehr weiteres Unheil anrichten könnte. Letzteres auch bei den Nachkommenden der Geschädigten, und zwar aus den besagten psychologischen Gründen: Retzer zeigt in seinem Buch auf (siehe mein obiges Beispiel), wie verheerend sich etwa die Orientierung an Wiedergutmachungswünschen auf das eigene Leben auswirken kann. Wobei er keine Unterscheidung trifft zwischen berechtigten und unberechtigten Wiedergutmachungswünschen, denn das ändert nichts an demjenigen, worauf es für das konkrete, gegenwärtige Leben des nach Wiedergutmachung Verlangenden substantiell ankommt. Man könnte formulieren: Erhaltene Wiedergutmachung macht ein Leben noch nicht lebenswert, und das fortgesetze Streben danach kann es geradezu ruinieren.

Doch zurück zu Andrian Kreye. Die Frage war: Erweist er sich – pars pro toto, also als Vertreter der inhaltsbestimmenden Kaste – in gleicher Weise als neurotisch wie der Wähler? Ich denke, man hat gesehen, dass dies im Bereich des Höchstwahrscheinlichen liegt, und schreite fort zur Anschlussfrage: Erweist er sich womöglich sogar als neurotischer denn der Wähler? Auch hierfür gibt es Anzeichen. Nehmen wir den Begriff „Lappalien“, den Kreye auf den Inhalt kritischer Äußerungen zum Beispiel zur israelischen Siedlungspolitik münzt. Um es kurz zu machen: Diese Angelegenheit ist mit Sicherheit keine Lappalie; man befrage einen beliebigen Palästinenser. Und wie sieht es mit Kreyes Ursachenzuschreibung aus, worauf solche Meinungsäußerungen angeblich basieren, also den antisemitischen Mustern in den Köpfen – nun einmal ab von zaristischer Weltverschwörung, und per se? Ich beschränke mich darauf, die Konsequenz zu benennen, die sich aus Kreyes Argumentation ergibt: Deutsche können im Grunde gar nicht über Dergleichen sprechen, denn in diesem Fall greifen automatisch antisemitische Muster in ihren Köpfen und verzerren in grotesker bis brandstifterischer Weise deren Denken. Und deshalb dürfen sie es auch nicht, was miteinschließt, dass sie es auf keinen Fall sollten. Daher wiederum ist es Aufgabe und Verantwortung der wenigen überlegenen, weil selbstkritischen Köpfe der Nation, die hellbraunen Nassforschen regelmäßig auf ihren Defekt hinzuweisen und ihnen auf dieser Grundlage künftige Äußerungen über derlei Themen zu untersagen, sowie ihnen nahezulegen, sich aus den nämlichen Gründen erst gar nicht damit zu beschäftigen.

Oder der Punkt historische Kinderbücher: Jeder Trottel, so klingt bei Kreye unüberhörbar durch, muss doch sehen, dass das Vermeiden von Ausländerbeleidigung ein ungleich höheres Ziel ist als die Bewahrung eigener Kulturgüter im Originalzustand. Wobei „Trottel“ strenggenommen durch „anständiger Mensch“ zu ersetzen ist, denn worum es im Kern geht, ist ja eindeutig Moral. Und Moral ist, im Gegensatz zur Ethik, selbst normativ, was an Kreyes Artikel in Reinform beobachtet werden kann: Es handelt sich um eine normative Keule, bestimmt dazu, endlich Ruhe im Land herzustellen. Mittel: Unterstellung von unanständigen Reflexen (und natürlich, das darf nie fehlen, von Dummheit), Ziel: „Konsenskultur“.

Doch kann es vorkommen, in Demokratien sogar erlaubterweise, dass eben kein Konsens herrscht. Zum Beispiel in der Weise, dass inhaltsbestimmende Kaste und Wahlvolk uneins sind bezüglich gewisser Themen, und dass diese Uneinigkeit, siehe den Schweizer Minarettstreit, überhaupt nur durch Volksabstimmung zutage treten kann. Weshalb das? Weil sich die Leute erst in der Wahlkabine und unbeobachtet trauen, ihre tatsächliche Meinung zu bekunden, und in Vorbefragungen durch Interviewer (also nicht unbeobachtet) etwas sagen, das kollektivneurosenkonform und damit für sie sicher ist. Mit dieser Mechanik jedenfalls erklären Wissenschaftler im oben zitierten Artikel das gewaltige Auseinanderklaffen von Vorbefragungs- und Wahlergebnis – Fachterminus: „Phänomen der sozialen Erwünschtheit“, richtiger vielleicht: Erwünschtheit durch die inhaltsbestimmende Kaste –, und ich würde kommentieren: Das kann man sich problemlos vorstellen. Oder besser andersherum: Selbst unter maximaler Hirnverrenkung will einem kein anderer möglicher Grund einfallen.

Und wie ist es zu beurteilen, dass das Schweizer Wahlvolk anderer Meinung war als die inhaltsbestimmende Kaste? Der deutsche Autor des zitierten Artikels, Hans-Jürgen Jakobs, lässt keinen Zweifel zu: Sein erstes Wort im laufenden Text ist natürlich. Der Satz beginnt so: „Natürlich ist das überraschende Minarett-Votum der Schweizer nicht nur eine Niederlage für Vielfalt und Toleranz.“ Aha – dann ist das also schon einmal klar, und natürlich natürlich: Der Schweizer hat Vielfalt und Toleranz mit Füßen getreten. So weit, so schlecht für ihn – aber was waren seine Gründe dafür? Hierzu ist im Artikel zu erfahren, dass es eine Anti-Minarett-Initiative im Internet gegeben hat, an der sich zahlreiche Schweizer beteiligten, und: „Die Zuschriften der User gaben in der Mehrheit der Anti-Minarett-Initiative recht“. Kommentar Jakobs: „Hier fühlt sich der ‚kleine Mann‘ offenbar von den politisch Korrekten bevormundet.“ Mein Kommentar: Könnte durchaus sein, aber seine Meinung hat der kleine Mann sicher auch jenseits von Trotzreaktionen gegen „Bevormundung“ – und wahrscheinlich dieselbe wie mit. Zweitens: Dann hätten es also die Demoskopen schon vorher wissen können, hätten sie ins Internet geschaut. (Am Rande: Sieh an, das Internet ist besser als die Demoskopen. Ein Wunder? Nein, denn mit dem Internet ist man ganz allein. Unbeobachtet. Oder zu zweit: Kleiner Mann und Maus. Jedenfalls keine soziale Erwünschtheit, nirgends. Mäuse sind da wenig fordernd. Das eröffnet Möglichkeiten zu demoskopischem Dazulernen, könnte man denken. Und wenn die Demoskopen dann gar den Politikern erzählen würden, was sie beobachten, könnten auch diese etwas dazulernen. Wenn sie wollten. Oder eben könnten.)

Weiter die Süddeutsche: „Als der Politikchef des Blick [die größte Schweizer Bezahl-Tageszeitung, T.S.] die Fehler der Nein-Koalition analysierte und die Initiative behutsam kritisierte, musste er sich beschimpfen lassen.“ Aha – die Fehler der „Nein-Koalition“. Dann ist das auch klar. Und wie sahen die Beschimpfungen aus? Drei werden zitiert, und ich kommentiere jeweils: „Schon wieder reden Sie um heißen Brei herum … schämen Sie sich.“ Schade, dass man nicht erfährt, was das Drumherum des heißen Breis war, aber man kann sich das eine und andere vorstellen, wenn man schon einmal Zeitung gelesen hat. „Sie irren sich, indem Sie die Wichtigkeit des Turms unterschätzen“, und: „Der Blick als Medium redet schon längst nach dem Wind… das Minarettverbot löst nicht das Islam-Problem, es setzte aber ein wichtiges Zeichen.“ Du liebe Güte, was für Beschimpfungen – und das nur, weil ein Politikchef (sic! Das ist kein kleiner Mann!) sich sorgend hinabbeugt und die analysierten Fehler kritisiert, wohlgemerkt behutsam. Man will es eigentlich kaum glauben. Diese Schweizer!

Aber zum Inhalt: „Die Wichtigkeit des Turms unterschätzen“ – das ist ein sachlicher Einwand, der durchaus stechen könnte. Man weiß aus der Geschichte, welche Rolle sogenannte „Symbole“ spielen können, und der Einwand will vermutlich hinaus auf: Wir wollen, dass gar nicht erst damit angefangen wird, solche Symbole zu installieren, denn es besteht die Gefahr, dass damit eine unkontrollierbare Inflation losgetreten wird – und die wollen wir nicht. Ähnlich im dritten Zitat: „Das Minarettverbot löst nicht das Islam-Problem, es setzte aber ein wichtiges Zeichen.“ Ja, es könnte sein, dass dieses Zeichen wichtig war, zumal es um etwas geht, das der Verfasser als Problem bezeichnet: das Islam-Problem. Vielleicht hat er ja recht? Wer will es ausschließen? Vielleicht kann er das sogar besser beurteilen als die inhaltsbestimmende Kaste, zum Beispiel, weil er das Problem in seinem Alltag erlebt? Und Gründe hat, es als Problem zu bezeichnen, die auch die inhaltsbestimmende Kaste nachvollziehen könnte, wenn sie – ja, was eigentlich?

Oder: Fährt die inhaltsbestimmende Kaste mit Bus und Straßenbahn? Wenn ja, wie oft? Ich tue es zumindest manchmal. Zum Beispiel letzten Freitag, achtzehn Uhr, in einer Großstadt mit hohem Anteil muslimischer Migranten und ausgedehntem „Türkenviertel“. Ich sitze; neben mir im Durchgang steht ein junger Mann, offenbar ein, in Sarrazins Worten, autochthoner Deutscher. Haltestelle; ein junger Mann steigt zu, offenbar Türke, geht mit Schwung auf den ersteren Mann zu, als wolle er durch ihn durch, bremst zehn Zentimeter vor ihm ab und brüllt: „Samma, was stehst’n hier rum, muss das sein, isch glaub‘s geht los, du Wichser, mach ma‘ sofort ‘n Weg frei!“ Der Autochthone springt geschockt zur Seite, der Türke geht, unvermindert weiter pöbelnd, nach hinten.

Ich habe verbal eingegriffen, sogar sehr dezidiert, aber es war zwecklos – die Flut ergoss sich danach eben über mich. Fragt eine jugendliche Autochthone, offenbar in der Absicht, zu beruhigen (wahrscheinlich hatte sie Angst) den Türken: „Was‘n mit dir los? Schlechte Laune?“ Der Türke: „Isch bin müde!“ Dachte ich bei mir: Der Autochthone vielleicht auch – so hatte er nämlich vor der Attacke noch ausgesehen. Ich dachte sogar noch viel mehr während der folgenden halben Stunde. Viel zu viel, um es hier zu berichten. Aber immerhin dies: Unter anderem dachte ich an den genannten Minarettstreit-Artikel und überlegte: In Deutschland gibt es zigmal mehr muslimische Migranten als in der Schweiz. Wie würde hier eine Volksbefragung ausgehen?

Aber es geht ja um Vielfalt und Toleranz. Erstere soll herrschen; Letztere ist erforderlich, damit Erstere herrschen kann – so die inhaltsbestimmende Kaste. Jedoch, ich kehre zum Ausgangspunkt zurück, ist da noch die Neurose. Und wenn die Neurose bei der inhaltsbestimmenden Kaste ausgeprägter, gar viel ausgeprägter wäre als beim Wahlvolk; wenn darüber hinaus diese Kaste tatsächlich über den Inhalt der Debatten praktisch allein entscheiden würde – zum Beispiel, weil sie sich, ebenfalls neurotischerweise, nicht anhören kann, was das Wahlvolk denkt, oder weil sie aus Gründen der oben definierten Sicherheit bezüglich ihres Rufs die Moralkeule zücken muss, wenn sie es dennoch einmal zu hören bekommt –, dann könnte es sein, dass Kaste und Wahlvolk unter Vielfalt und Toleranz schlicht Unterschiedliches verstehen. In diesem Fall wiederum bestünde die Möglichkeit, dass das Wahlvolk eine realistischere und sozusagen essentiellere Vorstellung von Vielfalt und Toleranz hat als die inhaltsbestimmende Kaste, weil es erstens vom tatsächlichen Leben und Erleben ausgeht, und weil es sich zweitens nicht in der Rolle des Staatsrepräsentanten sieht, also des gefühlten oder gedachten um-jeden-Preis-Tolerierenmüssers. (Letzteres könnte ebenfalls dafür sprechen, dass das Wahlvolk realistischer ist, denn ob beliebiges Tolerierenmüssen von sogenannter Vielfalt tatsächlich alternativlos, ergo einzig realitätsangemessen ist, das steht nirgends in Stein gemeißelt.) Und all das könnte letztendlich bedeuten, dass das Wahlvolk – im Gegensatz zur inhaltsbestimmenden Kaste – die Neurose längst überwunden hat. Vielleicht schon seit Jahren. Oder Jahrzehnten. Äußerstenfalls könnte es bedeuten, dass das Wahlvolk, zumindest Teile desselben, überhaupt nie eine solche Neurose hatte. Womöglich sogar aus unverdächtigen Gründen.

Die Frage ist nur: Darf das Wahlvolk das? Heißt natürlich: Wie würde die inhaltsbestimmende Kaste diesen Umstand beurteilen, so er zuträfe? Das ist leicht gesagt: Sehr, sehr ungnädig. Denn er liefe ja dem zentralen Axiom zuwider, nach dem man stets ein schlechtes Gewissen haben muss, respektive nicht versäumen darf, es jederzeit nachzuweisen. Das aber hieße bezüglich Neurose viererlei: Der deutsche kleine Mann darf nicht von ihr genesen. Er darf auch nicht bereits genesen sein. Er muss auch unbedingt krank gewesen sein (widrigenfalls: Nazi, und zwar nicht einmal Neo-). Und wenn, viertens, einer der Punkte eins bis drei zuträfe, dann müsste er lügen. Dies alles müsste zu etwas führen, das ja vielleicht sogar der Fall ist: Der kleine Mann stünde unter einem permanenten Innendruck des Lügen- respektive Verschweigenmüssens und ließe seinen Dampf zu Hause, am Stammtisch, eben überall dort ab, wo er sich von der inhaltsbestimmenden Kaste unbeobachtet weiß. Es entstünde somit beim Wahlvolk etwas, das zum Beispiel die Journalisten Daniel Brössler und Matthias Drobinski, ebenfalls Süddeutsche Zeitung, als „muffige Stimmung der Unduldsamkeit gegen alle Abweichungen vom angeblich Guten und Richtigen“ oder als „wabernden Raum des Ressentiments“ bezeichnen. Aber, und das ist ein fundamentaler Unterschied: Erzeugt wären muffige Stimmung und wabernder Raum dann weder durch genuine wabernde Muffigkeiten des kleinen Mannes noch durch die Demokratie als solche. Sie wären vielmehr durch eine klassische selbsterfüllende Prophezeiung erzeugt und würden durch diese perpetuiert.

Damit wäre die Grundannahme meines Eingangsszenarios widerlegt. Selbsterfüllende Prophezeiung bedeutet bekanntlich, dass die Realitäten, die angeblich prophezeit werden, in Wahrheit hergestellt werden, und zwar eben durch die Prophezeienden. So dass im vorliegenden Fall nicht die Demokratie – als Transmissionsriemen kollektiver Neurose – der Grund sein könnte für die anhaltende Schieflage der sogenannten Debatte. Aber was wäre es genau, das der kleine Mann verschweigen müsste unter dem Druck der „Prophezeiung“? Imperiale Fantasien? Eugenische Unsäglichkeiten? Nun, die gewiss auch, so er sie hätte. Doch er müsste ja noch ganz anderes verschweigen, nämlich alles, was die inhaltsbestimmende Kaste in der genannten Weise verunsichern könnte. Zum Beispiel sein Bedürfnis nach Heimat in einer etwas altmodischeren Bedeutung: Heimat ist dort, wo das Ähnliche herrscht, wo das Unähnliche die eher seltene, zudem vorübergehende Ausnahme darstellt, und wo der Staat dafür sorgt, dass das weiterhin so sein kann.

Im Nachbarland Frankreich, einem Opferland des Nationalsozialismus, kann der Zeitdiagnostiker Pascal Bruckner, überprüfbar keine monoglotte rechte Dumpfbacke, schreiben: „Gegen das Recht auf Vielfalt muss man unablässig das Recht auf Ähnlichkeit bekräftigen: Was uns verbindet, ist stärker als das, was uns trennt.“ (Nachzulesen in: „Fundamentalismus der Aufklärung oder Rassismus der Antirassisten?“) Bemerkenswert ist die Wortwahl Bruckners: Er spricht von einem Recht auf Ähnlichkeit. Und dem gegenüber offenbart sich sein „Recht auf Vielfalt“, wie von Bruckner zweifellos beabsichtigt, als bullshit. Denn einem solchen „Recht“, so es existierte, könnte eine Politik, die das umgekehrte Recht auf Ähnlichkeit massiv untergräbt, ganz sicher nicht dienen. In anderen Worten: Aufoktroyiert von der inhaltsbestimmenden Kaste, ist „Vielfalt“ keine Vielfalt, sondern Zwang zu Heimat- und Identitätsverlust und Zerstörung des Rechts auf Ähnlichkeit. Was aber sollte ein Staat seinen Bewohnern vorrangiger zu gewährleisten haben als dieses Recht – und wie sollte er anderes überhaupt gewährleisten können? Sowie natürlich wollen, wo er doch immer noch ein Staat ist und kein Swingerclub mit, paradoxerweise, unbegrenzter Verweildauer der Besucher?

Im selben Text fragt Bruckner auch, schlicht und mit schockierender Direktheit: „Warum sollten wir dem Islam durchgehen lassen, was wir von Seiten der Kirche nicht mehr dulden?“ Jedoch: Schockierend sind sich selbst beantwortende Fragen wie diese mit Sicherheit nicht für den kleinen Mann, sondern nur für die inhaltsbestimmende Kaste. Diese reiht ja sogar die oben zitierte deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek unter die Hassprediger ein – so wörtlich Thomas Steinfeld am 17. Mai 2010 in der bewährten Süddeutschen, die hier deshalb so penetrant zitiert wird, weil sie in puncto political correctness, deutsche Variante, regelmäßig den Vogel abschießt. Kelek, Henryk M. Broder et al. seien nämlich in Wahrheit intolerant, weil sie nicht bereit seien, die Intoleranz anderer gegenüber einem selbst zu tolerieren. Das ist erstaunlich, und wörtlich klingt es so: „Wer auf Toleranz beharrt, für den kann die Toleranz nicht aufhören, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.“ Hier steht Jesus Christus persönlich Pate und soll offenbar sogar noch übertroffen werden. Der kleine Mann hingegen käme gewiss als erstes auf die Idee, nach adäquaten Anwendungsbereichen für Toleranz zu fragen, ja nach den überhaupt möglichen Anwendungsbereichen. Er weiß: Wenn etwa ein hungriger Tiger auf mich zugeschossen kommt und ich ein Gewehr in der Hand habe, dann ist das der klassische Einsatzort für Intoleranz gegenüber Tigern, einerlei, wie sehr ich Tiger mag, und mein tigerfeindliches Tun ist durch natürliche, nicht abschaltbare und überaus wertvolle Reflexe sowie durch ehrbare persönliche Interessen, die auch anderen Menschen zugestanden werden, mehr als üppig gedeckt. Nein, der kleine Mann, er ist und bleibt Realist – heißt aber für die inhaltsbestimmende Kaste etwas ganz anderes: für immer gefangen im wabernden Raum des Ressentiments, und deshalb für immer auf Kontrolle, ergo Bevormundung von oben angewiesen.

Das und vieles zuvor Gesagte ist, dezent formuliert, widersinnig, und man könnte daher versucht sein, der inhaltsbestimmenden Kaste eine Empfehlung auszusprechen. Sie könnte lauten: Um das Dritte Reich zu ermöglichen, bedurfte es eines jahrelangen, mit seltener Zähigkeit geführten Propagandafeldzuges zunächst nur einer einzigen Person von noch viel seltenerer, zweifellos hochneurotischer und damit kranker Bosheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich solches auch nur ansatzweise wiederholen kann, ohne dass genau diese eine, charakteristische Grundvoraussetzung (es muss von einer conditio sine qua non gesprochen werden) gegeben ist, zu schweigen von allen anderen, beträgt und betrug seit jeher theoretisch wie praktisch Null-Komma-Null Prozent; dies erst recht, weil das betreffende Volk – nach dem zuvor Gesagten auch: das betroffene Volk – in toto zur Verantwortung gezogen wurde und sich, abgesehen von gewaltigen kollektiven Wiedergutmachungsleistungen, ein dauerhaft schlechtes Gewissen sowie die besagte Neurose seiner inhaltsbestimmenden Kaste eingehandelt hat.

Letztere Kaste wendet sich nun, wie schon seit langem erkennbar, gegen das eigene Volk, indem sie sich aufgrund ihres neurotisch-egoistischen Rufwahrungsbedürfnisses und hieraus entstandener Arroganz nicht dazu durchringen kann, das Volk nach seiner wahren Meinung zu befragen, sondern es bevormundet und eigenneurosedienlich diffamiert. Was mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung gleichzusetzen ist, da die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste beim Wahlvolk eben jene Verzerrungen des Fühlens, Denkens und Kommunizierens erzeugt, die sie angeblich beseitigen soll. Diese Mechanik aber kann, schon gar auf Dauer, unmöglich segensreich sein für das Wahlvolk, die inhaltsbestimmende Kaste selbst und nicht zuletzt den Staat, weshalb die Kaste wie folgt zu einer radikalen Umkehr aufzurufen ist: Es muss endlich als Tatsache anerkannt werden, dass nicht die inhaltsbestimmende Kaste, sondern das Wahlvolk sowohl Herz als auch Kopf am richtigen (also nicht: rechten) Fleck trägt, und infolgedessen muss jede erdenkliche Maßnahme ergriffen beziehungsweise neu geschaffen werden, um den Wählerwillen in Erfahrung zu bringen und ihn zur Leitlinie der konkreten, tatsächlichen Politik des Staates zu machen. Es muss, mithin, Demokratie installiert werden, denn die sogenannte repräsentative Demokratie, wie sie bislang praktiziert wurde, repräsentiert erstens nicht den Wählerwillen, sondern die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste, wird zweitens von dieser zu Neurosepflege und Bevormundung missbraucht und ist drittens den Erfordernissen der Zeit nicht mehr gewachsen.

Diese allgemeine Empfehlung könnte man noch durch das folgende Detail ergänzen: Die inhaltsbestimmende Kaste ist zwanghaft auf ihre „untadelige“ Außenwirkung als Repräsentant des Staates fixiert und konzentriert sich daher im Rahmen der besagten Thematik auf seismografisches Detektieren von Extremen (tatsächlich oder angeblich ausländerfeindliche Äußerungen und Akte, rechte Splitterparteien usw.), statt sich dem offen zutage tretenden Nicht-Extremen zu widmen (unverbundenes Nebeneinander von autochthoner Bevölkerung und Migranten mit daraus resultierenden Problemen usw.) Sie priorisiert somit das überaus Seltene und noch viel seltener Gefährliche gegenüber dem enorm Häufigen, das zudem tatsächlich gefährlich ist: unmittelbar gefährlich in Form von Kriminalität und Gewalttätigkeit durch Migranten, aber erst recht langfristig gefährlich in Form einer inflationär gesellschaftsverändernden Dynamik, die aufgrund der extrem unterschiedlichen, ja genau gegensätzlichen kulturellen Sozialisation der beiden Parteien (säkular versus tiefreligiös, individualistisch versus kollektivistisch usw.) nur insoweit voraussehbar ist, als von gewaltigen sozialen Umwälzungen mit Sicherheit auszugehen ist.

Für autochthone Bevölkerung und Staat bringen aber solche Umwälzungen absehbar keine Vorteile, sondern, wie längst geschehend, Nachteile mit sich. Außerdem kann der Zuzug von Migranten in die Bundesrepublik das Bevölkerungsproblem in deren Herkunftsländern nicht verringern, geschweige denn lösen; daher sind Visionen und Absichten, die in diese Richtung gehen, durch solche zu ersetzen, die den Vorteil von eigenem Staat und autochthoner Bevölkerung zum Ziel haben. Die inhaltsbestimmende Kaste hat also ihre Aufmerksamkeit weitgehend vom seltenen Extrem abzuwenden (es ist selbstverständlich im Auge zu behalten und mit geeigneten Mitteln zu bekämpfen, darf aber nicht mehr die Debatte blockieren) und hat sich anstattdessen dem Nicht-Extremen zuzuwenden, das aufgrund seiner Häufigkeit und damit seines Inflationspotentials gesellschaftlich allein relevant ist.

Erkennbar ist nämlich die angebliche Notwendigkeit von Konzentration auf das Extreme längst zum Vorwand der inhaltsbestimmenden Kaste geworden, um der tatsächlich notwendigen Umgestaltung des Nicht-Extremen dauerhaft ausweichen zu können; dies führt offensichtlich sogar dazu, dass die Kaste die Notwendigkeit zu solcher Umgestaltung nicht einmal erkennt. Daher ist die gängige Theoriebildung à la „dies ist die Spitze eines Eisbergs“, welche die inhaltsbestimmende Kaste neurotischer- und irrtümlicherweise auf das seltene Extrem anwendet, exakt in der Richtung umzukehren und realistischerweise auf das gesellschaftlich relevante Häufige anzuwenden, der Erkenntnis folgend: Spitzen taugen nicht immer als Prädiktoren für Eisberge, und Eisberge, darunter die größten und gefährlichsten, haben oftmals keine Spitzen.

Ich habe das Buch von Thilo Sarrazin mit über zweijähriger Verspätung gelesen, weil ich damals dem medialen shitstorm auf den Leim gegangen war und geglaubt hatte, es müsse sich um unsäglichen und irrelevanten Unfug handeln. Jetzt bin ich drei Schritte weiter: Ich kenne seinen Inhalt, ich habe die „Debatte” darum, von Dieter E. Zimmer einzig zutreffend als Nichtdebatte bezeichnet, noch einmal per Internet nachvollzogen, und ich habe dabei gesehen, wer der Urheber der Aufregung war: es war die inhaltsbestimmende Kaste. Den Inhalt von Sarrazins Buch konnte diese freilich nicht bestimmen, und daher weiß ich nun sicher: Es ist völlig falsch, von „Politikverdrossenheit“ der Deutschen zu sprechen. Was beim Wahlvolk herrscht, ist das genaue Gegenteil: Politiklosigkeitsverdrossenheit. Eigentlich: Resignation, ohnmächtige Verzweiflung über die neurotische, überhebliche, vollchronifizierte Politikverweigerung der inhaltsbestimmenden Kaste bei allesentscheidenden staatspolitischen Fragen.

Ich wusste es aber auch aus meinem Alltag, denn ich rede selbstverständlich mit Menschen. Sarrazin habe ich, neben Ungenauigkeit im Intelligenz-Kapitel, nur Ungeschicklichkeiten vorzuwerfen; die geringste (und bedeutungslose) besteht in gewissen Formulierungen, die gewichtigste darin, dass er zu hoch dosiert hat. Eine derartige Menge an Höchstrelevantem, und das auf einen Schlag – damit konnte die inhaltsbestimmende Kaste nicht umgehen. Sollte sie es aber nicht lernen, so wird Sarrazins Diktum „Deutschland schafft sich ab“, dessen Sinn ich nun verstehe, dereinst in der Vergangenheitsform zutreffen. Es wird dann auch Vielfalt und Toleranz nicht mehr geben können, allerdings mangels Tolerierenden.

Das möchte ich nicht, denn ich bin existentiell an einer Heimat interessiert, die diese Bezeichnung rechtfertigt. Thilo Sarrazin hat mich auf die Idee gebracht, dass mein Interesse legitim sein könnte. Ich bin ihm dankbar und widme ihm diesen Essay. Er hat – menschlich-fehlerhaft, aber angesichts der Neurose geradezu todesmutig – Unverzichtbares geleistet; ab jetzt muss es daher immer wieder heißen: Sarrazin reloaded.

(Man halte sich vor Augen: Ein politisch gut informierter Bürger kommt in seinem 52. Lebensjahr erstmals auf den Gedanken, er könnte berechtigterweise von seiner Regierung erwarten, dass sie grundlegende staatspolitische Aktivitäten entfaltet. Und er musste auf diesen Gedanken von einem Volkswirt gebracht werden, der dafür, dass er solche Dinge beim Namen genannt hatte, tatsächlich aus seinem Amt und beinahe aus der Partei gejagt wurde, der er seit 36 Jahren angehört – qua diffamierendem, lächerlich einfach zu durchschauendem Vorwand: „Eugeniker“, „Rassist“. Was mit Sicherheit kein Mensch ernsthaft auch nur seiner Großmutter zu erzählen gewagt hätte. Das alles ist buchstäblich pervers, und es zeigt die gemeinsame Ursache – die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste – als das, was sie ist: hoch gefährlich, ja existenzgefährdend für Staat und Bevölkerung.)

Aktuelle Notiz: Am 28. März 2013 wird im Internet gemeldet, dass vom Zentralrat der Muslime zwei muslimische Feiertage in Deutschland gefordert werden. Man kann online ein Votum abgeben; Ergebnis, konstant bei rasant wachsender Abstimmerzahl: zehn Prozent pro, 88 Prozent kontra. Bemerkenswert auch die Anzahl der Enthaltungen: zwei Prozent. Es bedarf keiner Feinanalysen oder hellseherischen Fähigkeiten, um dieses Ergebnis wie folgt zu übersetzen: Die Muslime wollen die Feiertage, die autochthone Bevölkerung will sie nicht, und niemandem ist es egal. Wie wird die inhaltsbestimmende Kaste dieses Votum beurteilen? Wird es sie überhaupt interessieren?

Aber wie auch immer: Man sieht, dass die Inflation, der die Kaste den passgenauen Namen Islamisierung gegeben hat, das Inflationsübliche tut. Sie inflationiert. Und sie wird es weiter tun, wenn – anders als in der Schweiz! – das Wahlvolk weiter ignoriert wird. Denn offensichtlich kann die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste derzeit nicht geheilt, sondern nur überstimmt werden.

Daher Vorschlag zur Güte, der in seiner Zielsetzung auf Sarrazin aufbaut, aber handwerklich über ihn hinausgeht: Sarrazin hat sich auf die Benennung von politischen Instrumenten beschränkt, die von den Politikern selbst anzuwenden sind. Es ist aber zu bezweifeln, dass sie das tun werden, denn dazu müssten sie mindestens partiell von der Neurose geheilt sein – und hierauf zu warten wäre, wie nicht zuletzt der Fall Sarrazin fanalartig gezeigt hat, grob unrealistisch, zudem viel zu gefährlich. Es müsste also umgekehrt vorgegangen werden: Die Neurose der inhaltsbestimmenden Kaste fortbestehen lassen, die Entscheidung dem Wahlvolk überlassen – und sollte danach Kritik aus dem Ausland laut werden, sich auf Demokratie herausreden. Das darf man – siehe ebenfalls Ausland. Bliebe nur die Frage, ob „sich herausreden auf“ der richtige Ausdruck wäre. Manche sehen hierin das Wesen der Demokratie. Und was das (absehbare) Ergebnis betrifft: Es wird nicht ausländer-feindlich sein. Ganz sicher nicht – Gründe siehe unter Geschichte, „Herz und Kopf am richtigen, nicht rechten Fleck“ usw. Es wird allerdings auch nicht inländerfeindlich sein. Oder inlandsfeindlich. Und darauf kommt es für einen Staat höchstvorrangig an. (Zu ergänzen ist: Das Ergebnis wird auch nicht dumm sein. Dumm ist hierzulande ganz anderes. Ich nehme an, brauchbare Beispiele gegeben zu haben.)

Ist die hier gegebene „neue Theorie“ vom Antagonismus zwischen sogenannter „inhaltsbestimmender Kaste“ und sogenanntem „Wahlvolk“ richtig? Bestehen nicht auch Überschneidungen und Wechselwirkungen zwischen diesen Kategorien? Meine Antwort: Toyota („alles ist möglich“) – aber sicher ist, dass die „neue Theorie“ ungleich realistischer ist als die alte. Und das bedeutet für die Praxis (auf welche es nicht nur hier allein ankommt): Es reicht vollkommen, die Beschuldigung des „Wahlvolks“ durch die „inhaltsbestimmende Kaste“ abzulösen durch eine plausiblere Beschuldigung von Letzterer – sprich: eine falsche Dichotomisierung durch eine wahrscheinlichere zu ersetzen. Hier genügt der Komparativ – und das ist eigentlich immer so, wenn man mal ehrlich ist.

Aber wie steht es dann mit dem Begriff „Neurose“? Kann man den einfach so mir nichts, dir nichts verwenden, ohne ihn zu definieren? Meine Antwort: Das sieht man ja hier, dass man das kann, und das Beste ist: es wird so gut wie jeder auf Anhieb verstehen, was damit gemeint ist. Die „neue Theorie“ und ihre Begrifflichkeit mag so ungenau sein, wie sie will, aber – das Bessere ist der Feind des Guten – sie kann die Dinge in Bewegung setzen. Zumal das Bessere natürlich erst recht der Feind des Schlechten und Ungerechten ist. Sie kann die Diskussionsblockade aufheben, und das sollte ihren Einsatz mehr als rechtfertigen.

Zur Sicherheit ein abschließender Hinweis: Ich bin (oder: war?) traditioneller Linkswähler. Wer hätte es gedacht! Ein Koan!

Till Schneider, geboren 1960, ist Pianist, Schriftsteller und freier Journalist. Er studierte Musik, Journalistik und Psychologie. Kontakt: s.t.schneider@web.de.

Leave A Response »