Der Verlust jüdischer Bankkultur

25. Juli 2013 0

Thomas Rettig rezensiert Wolfgang Münchau: Das Ende der Sozialen Marktwirtschaft

Deutschlandswirtschaft ist nicht frei - Bild: CT

Deutschlandswirtschaft ist nicht frei – Bild: CT

Der große Zampano unter den europäischen Ländern ist auf den forcierten globalen Wettbewerb keineswegs gut vorbereitet. Das sagt jedenfalls der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Münchau. In seinem bereits 2006 erschienenen Buch Das Ende der Sozialen Marktwirtschaft kritisierte der Kolumnist der Financial Times das deutsche Bankensystem als staatsnah und vorsintflutlich. Zu rund 75 Prozent bestünde es aus Sparkassen, Volksbanken, anderen Genossenschaftsbanken und staatlichen Landesbanken, die nicht nach kommerziellen, sondern nach politischen Regeln handelten. Münchau charakterisierte diesen Hang zur Vetternwirtschaft wie folgt:

Wie bei den Atomgegnern der Strom aus der Steckdose kam, so kam beim Mittelstand das Geld von der Bank, oft nicht einmal einer Privatbank, sondern von einer lokalen Sparkasse, in deren Vorstand der Mittelständler oft selbst saß, zusammen mit dem örtlichen Bürgermeister. So hatte alles seine Ordnung. Politik, Finanzen, Gewerkschaftler und Mittelständler sind dicht vernetzt.“

Folge dieser lokalen Seilschaften sei, dass die meisten Banken genau wie die von ihnen betreuten Unternehmen viel zu geringe Eigenkapitalquoten, sprich zu hohe Schulden verzeichnen. Auch die Gewinne seien im internationalen Vergleich mickrig, sowohl bei den Banken als auch beim Gros der mittelständischen Wirtschaft: „Unsere Sparkassen sind hocherfreut darüber, daß die Rentabilität im Mittelstand mittlerweile bei 4,1 Prozent liegt. Um uns herum tobt ein globaler Kapitalmarkt, der Ressourcen dahin schickt, wo sie am meisten Rendite versprechen.“

Nun zeigt sich deutlicher denn je, dass sich die Deutschen mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden nicht zuletzt selbst eine tiefe Wunde zugefügt haben, an der sie immer noch zu schaffen haben. Denn Münchaus plausible Erklärung für unser rückständiges Finanzwesen ist die „Abwesenheit einer jüdischen Bankkultur nach dem Holocaust“. In der Ständegesellschaft des Mittelalters und der Neuzeit war den Juden die Tätigkeit als Bauer oder Handwerker meist versagt worden, weswegen sich viele von ihnen auf das Geldgeschäft konzentrierten. In modernen Finanzmärkten sind aus diesen Gründen Juden traditionell stark vertreten.

In Deutschland jedoch wurden die jüdischen Banker nach ihrer Enteignung, Vertreibung bzw. Ermordung durch arische, antikapitalistische Bankbeamte ersetzt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte ein Land, das nach dem Mord an seiner jüdischen Bevölkerung über keine Banken- und Finanzmarkttradition mehr verfügte, aus dem Nichts ein eigenes Banksystem aufzubauen. Hierbei handelte es sich nicht um einen gewachsenen Markt, sondern um ein System mit dem Ziel, seine Kunden regelrecht mit Geld zu versorgen.“

Zentrale Thesen seines Buches hatte Münchau auch in einem Beitrag in der Welt veröffentlicht: „Viele Kommentatoren gerade in der deutschen Presse behaupten immer wieder, die Stetigkeit des Mittelstandes sei eine Stärke der deutschen Wirtschaft. Sie erlaube langfristige Strategien. In Wirklichkeit ist es eine eklatante Strukturschwäche, ich würde argumentieren, sogar noch eine größere Strukturschwäche als der Kündigungsschutz oder der Flächentarifvertrag.“ Die Beziehungen zwischen Mittelstand, Gewerkschaften, Politik und Finanzinstitutionen, so Münchau, hätten planwirtschaftliche Züge, ja am Kapitalmarkt werde vollständig vorbeigeplant.

Stattdessen versuche man die Wirtschaft zu ordnen, auch zu immensen volkswirtschaftlichen Kosten. Diese entstünden vor allem dann, wenn das Kapital nicht zu den effizientesten Unternehmen fließe, sondern zu den politisch am besten vernetzten: „Die Umsatzrentabilität im Mittelstand – die Gewinne als Teil des Umsatzes – lag im Jahre 2001 bei schlappen 4,1 Prozent. Wir reden hier von einem Durchschnitt bei 3,3 Millionen Firmen.“ Börsennotierte Unternehmen könnten sich nach Münchaus Meinung solch miserable Leistungen überhaupt nicht leisten. Aber: „Lokale Politiker haben kein Interesse an einem volkswirtschaftlich optimalen Kapitalmarkt. Sie interessiert lediglich, ob der Mittelständler im Ort für Beschäftigung sorgt. (…) Diese Art von Beziehungen erinnert stark an die Beziehungen zwischen dem US-Militär und einigen Verteidigungsunternehmen“, so Münchau in Anspielung auf den militärisch-industriellen Komplex, vor dem US-Präsident Dwight D. Eisenhower bereits am 17. Januar 1961 in seiner Abschiedsrede warnte.

Diese Verflechtung ist typisch für die Soziale Marktwirtschaft, gerne auch als Deutschland AG oder im Ausland als Rheinischer Kapitalismus bezeichnet. Symptomatisch sind großspurige Ankündigungen wie der „Pakt für Forschung und Innovation“ oder die berühmten „Bündnisse für Arbeit“, die in Krisenzeiten immer mal wieder ausgerufen werden, um dem Wähler Tatendrang vorzugaukeln. Doch wenn sich große Organisationen und Verbände an einem „runden Tisch“ zusammen setzen, dann hat das mehr mit Zentralverwaltungswirtschaft gemein als mit Marktwirtschaft. Denn auf diese Weise werden Wissenschaft und Industrie „am Markt vorbei koordiniert“.

„Der wesentlich Unterschied zu einer freien Marktordnung liegt in der Bedeutung der Eigentumsrechte. In der Deutschland AG entscheiden nicht die Eigentümer, sondern eine große Koalition aus Eigentümern, Gewerkschaften, Kirchen und Verbänden. Im System einer freien Marktwirtschaft sind die Eigentümer autonom.“ Doch eigentlich ist bekannt, dass eine Volkswirtschaft ohne Respekt vor dem Eigentum nicht funktioniert. Wir hingegen bevormunden die Investoren und verlangen von ihnen Sonderopfer, zum Beispiel dass bei der paritätischen Mitbestimmung die Hälfte der Aufsichtsräte einer Aktiengesellschaft mit Gewerkschaftsvertretern besetzt sein muss. Das geht so lange gut, bis die Investoren das Weite suchen und ihr Geld woanders investieren. „Das Kapital ist ein scheues Reh“, wusste schon Karl Marx, und im Zeitalter der Globalisierung gilt dies umso mehr!

Ohnehin finden bei uns fast nur etablierte Firmen ihre Kapitalgeber, denn Venture Capital für Startup-Unternehmen steht in Deutschland nur selten zur Verfügung, ganz im Gegensatz zu den USA. Das liegt nach Meinung Münchaus daran, dass der Gesetzgeber feindliche Übernahmen so gut wie unmöglich gemacht hat. Damit wird den Risiko-Kapitalgebern aber eine Exit-Route zur Veräußerung ihrer Investition verbaut, weswegen sie hierzulande meist von vornherein die Finger von Unternehmensgründungen lassen. Durch solche Einschränkungen der wirtschaftlichen Freiheit werde „unsere Gesellschaft insgesamt risikoscheuer“, schreibt der Financial Times Redakteur.

Bestes Beispiel für das Geklüngel zwischen Politik, Gewerkschaften, staatsnahen Banken, monopolverdächtigen Energieversorgern und dem Mittelstand ist die Solarmodulbranche, in der es seit der Finanzkrise unzählige Firmenzusammenbrüche gegeben hat. Und dies vor allem, weil die Chinesen gleichwertige Solarstrommodule zu einem Bruchteil der Kosten anbieten. Ein ähnliches Schicksal könnte der Windkraftbranche drohen. Mittlerweile ist nämlich klar, dass der rasante Aufstieg dieser beiden Branchen nichts anderes ist als eine Blase, die durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aufgepumpt wurde: Seit 2004 werden alternativen Stromproduzenten Einspeisevergütungen weit über dem Marktpreis garantiert, die von allen Stromkunden zu bezahlen sind.

Man kann im Zusammenhang mit der Energiewende und den (ebenso planlosen wie sinnlosen) Bemühungen, den Kohlendioxydausstoß zu verringern, wohl von einem ökologisch-industriellen Komplex sprechen. Nicht nur mittelständische Unternehmen und Handwerksbetriebe profitieren von der staatlichen Planwirtschaft im Bereich Umwelt und Energie, sondern auch Heerscharen von staatlich gesponserten Experten, Forschern und Jetset-Aktivisten diverser Umweltverbände und Nichtregierungsorganisationen.

Wolfgang Münchau (2006): Das Ende der Sozialen Marktwirtschaft. München: Hanser Verlag. 231 Seiten, 19,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

Leave A Response »