„Wir haben den Ur-Menschen überwunden“

24. Juli 2013 3

CT-Interview mit Daniel Krause über menschliche und andere Tiere, über das Essen von Haustieren und Holocaust-Vergleiche

Daniel Krause auf der Veggie Parade 2013 in Berlin - Bild: privat

Daniel Krause auf der Veggie Parade 2013 in Berlin – Bild: privat

Nach dem Bericht von der Berliner Veggie Parade haben wir uns den Autor und Aktivisten Dr. Daniel Krause noch einmal im CT-Interview vorgeknüpft. Seit seiner frühen Kindheit ernährt er sich der heute 33-Jährige vegetarisch, seit seinem 15. Lebensjahr sogar vegan. Wir wollten wissen, warum immer mehr Menschen die „nur“ vegetarische Ernährung nicht konsequent genug erscheint, was Menschen von Tieren unterscheidet und was der Veganer zu umstrittenen Tierschutz-Kampagnen über „Hühner-KZs“ meint.

Herr Krause, bekannt geworden sind Sie vorrangig durch Ihre Religionskritik. Lässt sich hiervon auch ein Zusammenhang zum Veganismus herstellen?

Daniel Krause: Meine Grundhaltung ist „emanzipatorisch“. Entsprechend geht es mir bei der Religionskritik darum, gegen die Unterdrückung von Frauen, Schwulen und Atheisten zu kämpfen, die oft durch Religion verursacht wird. Ich finde darüber hinaus, dass „Befreiung“ nicht beim Menschen aufhören darf. So wie Frauen und Männer, Atheisten und Gläubige, Homos und Heteros in westlichen Gesellschaften zunehmend als gleichwertig gelten, so sollten auch menschliche und nicht-menschliche Tiere als gleichwertig angesehen werden.

Menschliche und nicht-menschlichen Tieren? Wie meinen Sie das?

Krause: Der Mensch ist biologisch gesehen ein Tier. Und ich glaube den Naturwissenschaften nun mal mehr als der biblischen Schöpfungslehre. Letztere trägt erhebliche Mitschuld daran, dass die Ideologie des Speziesismus so dermaßen verbreitet ist. Also jene Ideologie, wonach Menschen höherwertiger seien als andere Tiere und das Recht hätten, jene anderen Tiere quälerisch auszubeuten. Der Speziesismus ist eine Unterdrückungsform ähnlich wie der Rassismus, der Nationalismus und der Sexismus. Beim Speziesismus wird anstatt über Rassen, Nationen oder Geschlecht über das Kriterium der Spezies, also der „Tierart“ Diskriminierung und Unterdrückung betrieben.

Die katholische Kirche ist eine der schlimmsten und frevelhaftesten Institutionen, was Speziesismus angeht. Einerseits bezeichnen gläubige Katholiken Abtreibung als „Mord“, andererseits dulden sie den Massenmord an Milliarden von Tieren. Dabei haben Rinder und Schweine offensichtlich deutlich mehr Leidensfähigkeit als ungeborene Embryonen in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft.

Aber wir Menschen haben doch schon zu Urzeiten Tiere getötet und Fleisch gegessen…

Krause: Ich freue mich über diejenigen humanistischen Errungenschaften, die unsere heutige Zivilisation vom „Urmenschen“ unterscheidet. Zum Beispiel darüber, dass es keinen Kannibalismus mehr gibt. Oder darüber, dass das „Recht des Stärkeren“ weitgehend überwunden ist. Und dass Schwache und Kranke nicht einfach „beseitigt“ werden. Oder darüber, dass Gewalt in der Kindererziehung weitgehend verboten und Kinderarbeit abgeschafft ist.

Wir heutigen Menschen können doch froh sein, den grausamen Zustand der „Ur-Menschen“ überwunden zu haben. Wir sollten bezüglich des Umgangs mit nicht-menschlichen Tieren nicht länger den „Ur-Menschen“ als Rechtfertigung heranziehen. Progressiver Humanismus zeichnet sich nun mal dadurch aus, dass man permanent nach fortschreitender Emanzipation strebt. Sonst hätten wir nicht mal den Kannibalismus und die Hexenverbrennung überwunden.

Nach meiner Auffassung von progressivem Humanismus sollte die menschliche Lebensweise möglichst viel Leid vermeiden. Und heutzutage haben wir nun mal die Möglichkeit, uns auch auf rein pflanzliche Weise vollwertig zu ernähren.

Warum muss es gleich vegan sein? Reicht nicht vegetarisch? Für Milch und Eier muss doch kein Tier sterben.

Krause: Auch bei der Produktion von Milch und Eiern ist die Tötungsmaschinerie voll im Gange. Kühe werden künstlich immer wieder geschwängert, weil sie sonst ja keine Milch geben würden. Die Nachkommen, insbesondere die männlichen, werden sofort zu Kalbsfleisch verarbeitet. Bei Eiern ist es ähnlich: Männliche Küken landen sofort nach der Geburt im Schredder oder in der Gaskammer. Und zwar massenhaft, millionenfach.

Wie ist das mit Produkten aus artgerechter Haltung? Die Tiere haben doch ein gutes Leben gehabt.

Krause: Niemand würde seinen Hund oder seine Katze ausbeuten oder gar töten lassen wollen, nachdem diese Haustiere eine Zeit lang ein „gutes Leben“ gehabt haben, man würde es gar als grausamen „Verrat“ an diesen Haustieren einstufen. Hier wird auch der besagte Speziesismus deutlich: Manche Tierarten werden abgöttisch geliebt und verhätschelt, bei anderen erleben wir das Gegenteil.

Aber im Gegensatz zu Hunden und Katzen werden Rinder und Schweine ja von vornherein zur Fleisch- bzw. Milchgewinnung gezüchtet…

Krause: Man stelle sich ein Ehepaar vor, dass sich vor Gericht wegen dauerhafter Vergewaltigung seiner fünf Kinder verantworten muss. Man stelle sich vor, dieses Ehepaar würde sich vor Gericht wie folgt rechtfertigen: „Wir haben unsere Kinder von vornherein in die Welt gesetzt, um sie zu misshandeln.“

OK, lassen wir das. Aber was ist mit Pflanzen? Sind die nicht auch leidensfähig? Darf man in letzter Konsequenz überhaupt noch etwas essen?

Krause: Wie bereits angedeutet, glaube ich den Naturwissenschaften stärker als jeglicher Esoterik. Und der heutige Stand der Naturwissenschaften besagt nun mal, dass der Abstand zwischen „Menschen“ und „Tieren“ hinsichtlich Leidensfähigkeit deutlich geringer ist als der (relativ große) Abstand zu Pflanzen.

Manche Veganer behauptet, dass Fleischesser „unaufrichtig“ seien. Was hat es damit auf sich?

Krause: Viele Fleischesser könnten niemals von Angesicht zu Angesicht in Tier töten. Insbesondere Kinder geraten beim Anblick einer Schlachtung oft in Ekel und Abscheu. Geschieht der Massenmord hingegen versteckt hinter hohen Fabrikmauern, ist das Ganze wie „ausgeblendet“.

Für Ihre Katzen kaufen Sie ja auch veganes Futter. Ist das artgerecht?

Krause: Das angeblich „normale“ Katzenfutter aus der Dose, welches es in Supermärkten und bei Discountern gibt, ist alles andere als artgerecht. Denn die darin enthaltenen typischen Inhaltsstoffe wie Rind oder Huhn stehen überhaupt nicht auf dem natürlichen Speiseplan von Katzen. Außerdem sind oft nur die fragwürdigen Restabfälle in diesem angeblich „normalen“ Futter enthalten. Da ist das vegane Katzenfutter schon deutlich besser. Der Tierarzt hat die Katzen untersucht und bestätigt, dass es ihnen an nichts fehlt.

Der Tierrechtsorganisation PETA wurde höchstrichterlich verboten, mit der Kampagne „Holocaust auf dem Teller“ gegen den Fleischkonsum agieren. Jüdische Verbände klagen, dass auch mit Begriffen wie „Hühner-KZ“ der Holocaust verharmlost werde. Wie stehen Sie dazu?

Krause: Betrachten wir die „ideologische“ Seite des Nazi-Holocausts einerseits und der Fleischindustrie andererseits, so ist festzustellen, dass es im ersteren Fall um eine „Ausrottung“ einer Bevölkerungsgruppe, z.B. Juden, ging. Eine solche Ideologie der „Ausrottung“ gibt es seitens der Fleischindustrie nicht, das sollte man beim Holocaust-Vergleich bedenken.

Es gibt natürlich auch die rein technische Betrachtungsweise. Ein radikaler Tierrechtler sagte mir mal: In den Legebatterien sind die Hühner bei ihrer „Arbeit“ deutlich stärker eingequetscht als es die Häftlinge in Auschwitz waren. Auschwitz falle daher bei aller Grausamkeit noch immer in die Kategorie „Freiland-Haltung“. Das ist natürlich eine sehr provokante Aussage. Über solche Thesen muss ich noch gründlich nachdenken.

3 Comments »

  1. Fahni 24. Juli 2013 at 13:20 - Reply

    Daniel Krause vertritt hinsichtlich des Holocaust-Vergleich (zu Recht) die gleiche Position wie PETA, auch wenn er sich das aus beamtenrechtlichen Gründen nicht mehr so offen zu sagen traut. In privaten Gesprächen ist er aber noch immer viel offener.

  2. Jonathan Bambulie 29. Juli 2013 at 19:20 - Reply

    Ich bin auch Vegetarierer geworden. Aber nicht aus Liebe zu Tieren, sondern weil ich Pflanzen hasse.

  3. Leipziger 16. August 2013 at 12:01 - Reply

    Ich freue mich über diejenigen humanistischen Errungenschaften, die unsere heutige Zivilisation vom „Urmenschen“ unterscheidet. Zum Beispiel darüber, dass es keinen Kannibalismus mehr gibt.
    Ich würde gern wissen woher Herr Krause sein Wissen bezieht. Von Altertumswissenschaftlern der Ur und Frühgeschichte doch wohl eher nicht.

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