Fleisch, Übergewicht und Unterschicht

21. Juli 2013 0

Veggie Parade in Berlin: Zusammenhang von Bildung, Einkommen und Ernährungsweise

Veggi Parade 2013 in Berlin - Bild: Daniel Krause

Veggi Parade 2013 in Berlin – Bild: Daniel Krause

Am gestrigen Samstag fand wieder einmal die alljährliche Veggie Parade in Berlin statt, veranstaltet von Vegetarierbund Deutschland (VEBU). Mehrere hundert Aktivisten zogen, teils in Schweine- und Rinderkostümen, vom Brandenburger Tor zum Alexanderplatz, wo ein Bühnenprogramm für Aktivisten und Passanten folgte. „Für eine bessere Welt“ sei der Umstieg auf fleischlose Ernährung längst überfällig, so die Botschaft auf den Transparenten der Demonstranten.

Passanten wurden mit Broschüren zu Fragen der vegetarischen und veganen Ernährung versorgt. Tierschutz- und Umweltaspekte, zudem auch gesundheitliche Erwägungen spielen eine Rolle. Der Vegetarismus ist so weit in die deutsche Gesellschaft vorgedrungen wie nie zuvor, freut sich der VEBU. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen, weil je nach Studie die Definition von „Vegetarier“ schwankt oder die Fragestellungen problematisch seien. Doch der Trend zum Vegetarismus, gerade bei jungen und gebildeten Menschen, scheint unübersehbar.

Mit vegetarischen und veganen Produkten ist es ähnlich wie mit Bio-Lebensmitteln: Je gebildeter jemand ist, desto mehr will er gesund essen, umweltbewusst und ethisch korrekt leben. „Und man wird sensibler dafür, wie ekelig es ist, Leichenteile runterzuschlucken“, erzählt ein Aktivist über seine eigene Umstellung vom Fleischesser zum Veganer. Der sensible Umgang mit Tieren hat sich, neben vielen anderen Aspekten, zum Merkmal eines modernen Humanismus entwickelt, welcher sich durch historisch beispiellosen Postmaterialismus auszeichnet. Einem solchen Postmaterialismus nämlich, welchem es widerstrebt, tierische Mitlebewesen als „Nutzziere“ zu „verbrauchen“.

Sozialforscher sprechen davon, dass sich ein ewiger Trend umgekehrt habe. Die Essgewohnheiten der Oberschicht haben sich gewandelt: Zu allen Zeiten aßen die Menschen bislang umso mehr Fleisch, je höher ihr gesellschaftlicher Status war. Doch nun ist es genau andersherum: Laut der Nationalen Verzehrstudie sinkt der Fleischkonsum mit steigendem Bildungsniveau und Einkommen. Die Wohlhabenden und Gebildeten essen am wenigsten Fleisch. In den unteren Schichten werden dagegen noch am meisten Schnitzel und Wurst verspeist. Fleisch und Übergewicht werden zum Symbol der Unterschicht.

Zum Abschluss des Aktionstages hatte der VEBU zu einem Vortrag im Almodovar Hotel im Stadtteil Friedrichshain geladen. Rednerin war die Sozialpsychologin und Buchautorin Dr. Melanie Joy. Why We Love Dogs, Eat Pigs, and Wear Cows – so der Titel ihres aktuellen Buches. Die dahinter stehende Grundfrage erschüttert die Selbstverständlichkeit, mit der unsere Gesellschaft einige Tierarten traditionell abgöttisch liebt und verhätschelt, andere Tierarten hingegen versklavt, ausbeutet und massenhaft tötet.

„Schweine und Kühe sind genauso empfindsam wie Hunde“, betonte Joy in ihrem Vortrag. „Von Natur aus haben wir Menschen die Empathie für alle Tierarten. Doch bezogen auf die Tiere, die wir essen, wird diese Empathie schon in frühester Kindheit tendenziell abgetötet. Darüber hinaus existieren zahlreiche Verteidigungsmechanismen, mit denen Menschen ihr Mitgefühl für jene Tiere verdrängen.“ Mittlerweile ist das Buch von Dr. Melanie Joy auch in deutscher Sprache erschienen: Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen.

Warum entscheiden sich immer mehr Menschen nicht nur für eine vegetarische, sondern eine vegane Lebensweise? Hierzu in den nächsten Tagen mehr auf Citizen Times.

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