Auf den Großbaustellen des Sozialismus

20. Juni 2013 0

Rezension zu Thomas Tetzner: Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des „Neuen Menschen“ in Russland

Sozialistische Anmaßungen von Übermenschlichkeit - Bild: Cover des Buches (Ausschnitt) (C) Wallstein Verlag

Sozialistische Anmaßungen von Übermenschlichkeit – Bild: Cover des Buches (Ausschnitt) (C) Wallstein Verlag

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist förmlich geprägt von der Suche nach dem besseren Leben. Der Gedanke moralischer und körperlicher Verbesserung des Einzelnen und der Gesellschaft von Generation zu Generation spielte stets eine mehr oder weniger tragende Rolle. Gewissermaßen stellen auch die Dogmen der political correctness, des menschengemachten Klimawandels, der Gender-Visionen und des Feminismus moderne Varianten der idealen Verbesserung der Menschheit dar.

Das wohl eindrucksvollste Gesellschaftsexperiment zur Schaffung eines „Neuen Menschen“ fand in den letzten 200 Jahren aber im russischen Kulturraum und dem dort verbreiteten orthodoxen Christentum statt. Diesen entwicklungsgeschichtlich bisher kaum bearbeiteten Schwerpunkt untersucht nun der Philosoph Thomas Tetzner in seiner Dissertation.

Die umfangreiche Studie ist in drei gleich große Hauptkapitel gegliedert, wobei ihre Gewichtung durchaus hätte anders gestaltet werden können. So ist der historische Abriss des ersten Teils zu den jahrtausendewährenden gedanklichen, religiösen und philosophischen Entwicklungen einfach zu detailverliebt. Immerhin weiß der Leser nach dieser Lektüre im Groben um Rolle und Bedeutung der ideellen Fortschritte und Hemmnisse des Menschenbildes zwischen Urgesellschaft, der jüdisch-christlichen theologischen Entwicklung und den philosophischen Vorschlägen im bürgerlichen Zeitalter.

Der zweite Hauptabschnitt widmet sich der Neuzeit. Während die christlichen Volkskirchen Europas den theologischen Gedanken über die Schaffung des „Neuen Menschen“ in Vergessenheit geraten ließen, pflegte ihn die russisch-orthodoxe Kirche. Aufgegriffen wurde er von der sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnden, europäisch beeinflussten literarisch-religiösen Intelligenz.

Der Volkstümlerbewegung, einer idealistischen politischen Strömung sozial inspirierter Literaten, welche das Volk moralisch verbessern wollte, wurde dabei vom Schriftsteller Nikolai Tschernyschewski ein unschätzbarer Dienst erwiesen. Sein recht einfach strukturierter und formulierter Roman Was tun? entwickelte nach dem Erscheinen 1863 eine enorme Breitenwirkung. Die heroischen und hehren Vorstellungen des künftigen Lebens in der reformierten russischen Gesellschaft bewegten nicht nur simple Gemüter, sondern waren den „Wahrheitssuchenden“ wegweisend.

Im Fahrwasser Tschernyschewskis bewegten sich etwa der große russische Literat Dostojewski und der Religionsphilosoph Wladimir Solowjew. Letzterer zog sich den Unwillen des offiziellen Russlands zu, weil er sich für die Wiedervereinigung der Orthodoxen mit der Katholischen Kirche unter Führung Roms engagierte. Seine Vorstellungen von der „Gottmenschheit“ gipfelten in der Forderung: „Die sittliche Pflicht der Menschheit bestehe nicht in der bloßen Gottesbetrachtung, sondern in der Gottwerdung (Theosis), nicht in passiver Gottesverehrung, sondern im aktiven ‚Gottwirken’ (Theurgie)“.

Mit der bolschewistischen Umwälzung erfuhr die russische Gesellschaft zwar eine neue Art der ideologischen Indoktrination, aber die Visionen über das Wie der Neugestaltung der vom Privateigentum an Produktionsmitteln „befreiten“ Gemeinschaft waren im Gedächtnis der Intellektuellen geblieben. Im spannungsreichen Abschnitt „Die Planung der Evolution“ weist Tetzner nach, wie vielfältig die ideellen Gedankengebäude waren. Tenor der Vorschläge, die bis zur „Großen Säuberung“ von 1937/38 wissenschaftlich und öffentlich diskutiert wurden, war, dass die Umgestaltung der Welt nur gelingen könne, „wenn die Menschheit es schaffe, Zeit und Raum zu beherrschen, statt sich weiter von ihnen beherrschen zu lassen“.

Genetik, androgyne Mischwesen und korporatives Gemeinwesen sollten die Zukunft bestimmen. Verbunden damit war die Hoffnung, dass die Bevölkerung der Sowjetunion von Erbleiden gereinigt würde, dass ein Fünfjahresplan in zweieinhalb Jahren erfüllbar sei. Literarisch begleitete der 1927 in die Heimat zurückgekehrte Maxim Gorki propagandistisch die Geburt des „Neuen Menschen“ auf den „Großbaustellen des Sozialismus“. Euphorisch feierte er Josef Stalin „als die aus dem Geiste des Volkes hervorgegangene Verkörperung der kollektiven Macht“. Im Verlauf der Zeit mutierte die hehre Vision vom „Neuen Menschen“ in Philosophie und Pädagogik zur „entwickelten sozialistischen Persönlichkeit“, die mit Hilfe „kommunistischer Erziehung“ die Alltagsmühen im 21. Jahrhundert meistern werde.

Thomas Tetzner versteht es, selbst hochkomplexe Zusammenhänge anschaulich und logisch strukturiert zu erläutern. Als Mittel und Methode dienen ihm komprimierte Buchvorstellungen und Kurzbiographien. Nichtalltägliche Lektüre zitiert er für das Verständnis des Lesers und inspiriert ihn zugleich, frühere, ähnlich gelagerte (russisch-sowjetische) Lektüre erneut zur Hand zu nehmen.

Welche Rolle und Bedeutung der „Neue Mensch“ in utopischen und sozialistischen Vorstellungen Russlands bzw. der Sowjetunion zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts und der Stalinära einnahm, ist das hervorzuhebende Verdienst dieser wissenschaftlichen Darstellung. Manche Gedanken finden sich zeitgeistbedingt auch in deutschsprachiger Lebensreformliteratur der vorvergangenen Jahrhundertwende – worauf allerdings Tetzner ebenso wenig hinweist, wie auf Bezüge zu westeuropäischer philosophischer und theologischer Entwicklungen. Die wichtigen historischen Ereignisse der russischen und sowjetischen Geschichte, politische und gesellschaftliche Strömungen benennt der Autor und bettet sie in das breite Spektrum intellektueller Spieglungen. Leider fehlen jedoch Personenregister und Glossar.

Thomas Tetzner (2013): Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des „Neuen Menschen“ in Russland. Göttingen: Wallstein Verlag, 399 Seiten, 39,90 Euro. Kaufen bei Amazon.

Überarbeitete Version der in der Sezession (4/2013) erschienenen Rezension.

Leave A Response »