Teilhabe statt Integration?

28. Mai 2013 2

Beim Wandel der Worte ist Vorsicht angeraten, wollen wir unsere Werte nicht ganz abschaffen

Teilhabe ohne vorherige Integration? - Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

Teilhabe ohne vorherige Integration? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), forderte anlässlich des heutigen 6. Integrationsgipfels im Kanzleramt mehr Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund. Wörtlich sagte er: „Wir wollen die Integrationsdebatte durch aktive Teilhabe überflüssig machen.“ 1 Dazu legte die TGD eigens einen Entwurf für ein Migrantenteilhabegesetz vor. 2 Doch was so einleuchtend  klingt, birgt größere Komplikationen. Denn „Integration“ durch „Teilhabe“ zu ersetzen, führt direkt in die politische und kulturelle Sackgasse. Es wäre die endgültige Preisgabe der pluralistischen Gemeinschaft zugunsten der Multikulti-Ideologie.

Wir alle erinnern uns daran, wie aus „Negern“ erst „Schwarze“, dann „Farbige“ und schließlich „Menschen mit Migrationshintergrund“  oder besser noch „Menschen mit Migrationsgeschichte“ wurden. Statt von „Ausländern“ sprechen wir von „Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit“, anstelle von „Zwergen“ oder „Kleinwüchsigen“ sagen wir „vertikal benachteiligt“. Natürlich gibt es auch nicht mehr den „Türken“, „Araber“ oder gar „Muslim“.

Doch bei diesem Wandel der Worte ist größte Vorsicht geboten. Anpassungen unserer Sprache sind nämlich nur dann sinnvoll, wenn sie entweder wirklich einen (potenziell) beleidigenden Beiklang aufheben („Neger“) oder zur Präzisierung beitragen. Fühlen Betroffene sich durch eine Bezeichnung auf den damit ausgedrückten Sachverhalt reduziert, ist dies hingegen kein angemessener Grund. Sowohl „Ausländer“ als auch „Menschen mit Migrationshintergrund“ sind formal und juristisch klar umrissene Begriffe mit verschiedener Bedeutung. Fühlt sich ein „Mensch mit Migrationshintergrund“ also auf letzteren reduziert, dann müsste er auch jeder anderen statistischen Erfassung als Mann oder Frau, Zugehöriger zu einer Alterskohorte etc. widersprechen. Schließlich sind das auch alles nur bestimmte Merkmale einer Person – und damit (scheinbar) Reduzierungen.

Zurück zur heutigen Diskussion: Tauschen wir den Begriff „Integration“ gegen „Partizipation“ oder „Teilhabe“ aus, so wird damit mindestens Folgendes impliziert: Einerseits könnte man denken, Integration und Teilhabe seien das gleiche, also zwei Begriffe, die ich wahllos synonym verwenden kann. Dies entspräche dem oben diskutierten Wandel der Worte. Andererseits könnte auch gemeint sein, dass Teilhabe das wirkliche Ziel ist und Integration nur eine fälschliche Forderung der Deutschen. Wer Kolats üblichen Forderungskatalog und etwa sein Verhalten bei der Deutschen Islam Konferenz (DIK) kennt, der weiß, dass der TGD-Vorsitzende letzteres meint.

Werfen wir einen Blick auf Kolats konkrete Ansprüche: Erstens die doppelte Staatsbürgerschaft. Zweitens mehr Migranten in deutschen Behörden, deswegen sollten auch Bewerber ohne deutsche Staatsbürgerschaft Beamte werden können. Und schließlich drittens die Deutungshoheit über das ganze Procedere, denn es gehe nicht um eine bestimmte Migrantenquote im öffentlichen Dienst, sondern um selbstbestimmte (!) Ziele. Kolats Fazit, um dem Ganzen noch etwas Würze zu verleihen: „Es gibt einen institutionellen und strukturellen Rassismus in Deutschland, aber den will niemand sehen.“ 3

Eigentlich verhält es sich jedoch so: Wer an einem System teilnehmen oder sogar teilhaben will, der muss zunächst dazugehören. Er muss ein Teil dessen werden, an dem er teilhaben will. So funktioniert jeder Verein, jede Partei, einfach jede Organisation. Wer mitbestimmen will, wer also Stimmrecht haben will, muss Mitglied sein und dafür in der Regel einen Beitrag zahlen bzw.leisten. Gleiches gilt für unsere Gesellschaft: Wer sie mitbestimmen will, muss zunächst ein Teil von ihr werden. Dafür reicht allerdings nicht die pure Zuwanderung, sondern nur die aktive Integration. Den „Mitgliedsantrag“ bei der BRD zu unterschreiben, bedeutet aber unsere Werte anzuerkennen und vor allem unsere Gesetze umzusetzen.

Eine doppelte Staatsbürgerschaft, wie sie Kolat fordert, ist vor diesem Hintergrund nicht einmal auszuschließen. Allerdings sollte sie äußerst sparsam vergeben werden und nur an diejenigen, die perfekt integriert sind und auch aktiv etwas zu unserer Gesellschaft beitragen. Schließlich konnte bisher noch keiner die Frage beantworten, warum Zuwanderer, die sich bisher nicht integrierten oder nicht integrieren wollen, dies mit Erhalt der deutschen Staatsbürgerschaft plötzlich tun sollten. Mit anderen Worten: Die deutsche Staatsbürgerschaft darf ausschließlich die Belohnung für eine erfolgreiche Integration sein.

Mehr Zuwanderer als Beamte wären bei einer solchen (Integrations-)Politik übrigens eine automatische Folge. Denn Beamte – Staatsdiener – können schließlich nur diejenigen werden, die der BRD und ihren Werten auch dienen. Und dass Kolat gerne selbst bestimmen würde, wie hoch der Migrantenanteil in deutschen Behörden sein soll, wundert nun auch keinen mehr. Schließlich sind die Bereiche, in denen Migranten, insbesondere aus dem islamischen Kulturkreis, bisher überrepräsentiert sind (Gefängnisinsassen, Abhängigkeit von Transferleistungen, Schulabbrecherquoten), nicht gerade ruhmreich.

Fassen wir zusammen: Wer „Teilhabe statt Integration“ fordert, der gibt die Idee einer pluralistischen Gemeinschaft auf. Denn auch die pluralistische Gesellschaft, in der jeder seinen individuellen Lebensentwurf verwirklichen kann, ist darauf angewiesen, sich auf bestimmte Gemeinsamkeiten zu einigen. Die grundlegendste Gemeinsamkeit ist unser Recht, vor allem die Menschenrechte. Diese gießen jedoch ein bestimmtes, westliches Menschenbild in Gesetze, das sich vor allem durch die Selbstbestimmung des Individuums auszeichnet. Das islamische Menschenbild ist ein völlig anderes, gekennzeichnet durch Unterwerfung unter Allah, die Umma und die Familie.

Integrieren sich also Zuwanderer nicht mehr, bevor sie teilhaben dürfen an dem westlichen Erfolgsmodell, verkommt die pluralistische Gemeinschaft zur multikulturellen Gesellschaft – genauer gesagt zu vielen kleinen kulturell segmentierten (Parallel-)Gesellschaften auf einem Staatsgebiet.

Das jedoch wäre der Anfang vom Ende der westlichen Zivilisation.

Notes:

  1. Deutsch Türkische Nachrichten (2013): Gleichstellung von Migranten: Türkische Gemeinde legt Gesetzesentwurf vor. 27.05.2013, online verfügbar unter: http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2013/05/476838/gleichstellung-von-migranten-tuerkische-gemeinde-legt-gesetzesentwurf-vor/.
  2. Gesetzesentwurf  zur Förderung der Eingliederung und Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund (MigTeilhG). Vgl.: Türkische Gemeinde in Deutschland (2013): TGD legt Gesetzesentwurf vor. Pressemitteilung vom 27.05.2013, online verfügbar unter: http://www.tgd.de/2013/05/27/tgd-legt-gesetztesentwurf-vor/.
  3. Peter Carstens (2013): Vor dem Integrationsgipfel Türkische Gemeinde will Migranten-Fördergesetz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2013, online verfügbar unter: http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/vor-dem-integrationsgipfel-tuerkische-gemeinde-will-migranten-foerdergesetz-12197278.html.

2 Comments »

  1. Lara Berger 28. Mai 2013 at 16:04 - Reply

    Würde Herr Kolat tatsächlich „Migranten“ meinen, wenn er fordert, davon sollen mehr in deutsche Behörden, wäre seine Forderung vollkommen überflüssig. Denn groß ist die Zahl der Migranten, auch in den Ämtern – nur – es handelt sich dabei nicht um moslemische Migranten, sondern meist um Migranten aus Russland oder anderen europäischen Staaten, oder südostasiatischen. Aber das ist eben nicht seine Lieblingsklientel. Kolat ist offenbar sehr clever darin, seine Macht zu festigen, indem er sich um „seine Leute“ kümmert, die ihm dann ewig dankbar sein müssten. Uns gegenüber versucht er dieses profan-egoistische Anliegen als „Mehr Chancen für Migranten“ zu verkaufen. Wer dagegen ist, der ist -wie kann es anders sein?- ein Rassist.
    Bleibt nur zu hoffen, dass unsere Abgeordneten weder dumm, naiv noch erpressbar genug sind, dies durchsichtige Manöver mitzumachen.

  2. Kai Borrmann 28. Mai 2013 at 17:25 - Reply

    „Teilhabe statt Integration“ gab es schon einmal – nämlich im Osmanischen Reich.

    Das „Millet-System“ ermöglichte den Juden und Christen gegen Zahlung einer besonderen Steuer, die Belange ihrer Gemeinden bis zu einem gewissen Grade unter sich zu regeln.

    Auch die inzwischen mit Hamburg geschlossenen „Staatsverträge“ zielen auf eine Legalisierung der Abschottung ab.

Leave A Response »