Der Anti-Revolutionär

20. Mai 2013 0

Rezension zu Harro Zimmermann: Friedrich Gentz. Die Erfindung der Realpolitik

Monarchie vs. Revolution? - Bild: Collage mit "Die Freiheit führt das Volk" von Ferdinand-Victor-Eugène Delacroix (gemeinfrei)

Monarchie vs. Revolution? – Bild: Collage mit „Die Freiheit führt das Volk“ von Ferdinand-Victor-Eugène Delacroix (gemeinfrei)

Er scheint aus dem historisch-politischen Gedächtnis verschwunden zu sein. Dabei war der Konservative gegen Ende des 18. Jahrhunderts europaweit bekanntgeworden: Friedrich (von) Gentz (1764 bis 1832). Durch seine Übersetzung von Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution in die deutsche Sprache machte der junge Mann weithin auf sich aufmerksam. Jahrzehntelang diente er als Beamter und Publizist dem Königreich Preußen, trat 1802 in kaiserliche Dienste. In Wien galt Gentz als bedeutender außenpolitischer Berater, zuletzt unter Staatsminister Metternich, dem ideologischen Repräsentanten der „Heiligen Allianz“.

Gentz polarisierte als Streiter gegen die Französische Revolution und deren Hegemonialpolitik, Napoleon Bonaparte ließ ihn im Gegenzug streckbrieflich verfolgen. Den Aufklärern stand Gentz ablehnend gegenüber. Seine Worte und Argumente zählten dafür bei den Monarchen seiner Zeit, die ihn dafür zeitlebens (be-)achteten und fürstlich honorierten. Gegen den Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft, der Staat sei ein Erziehungsinstitut, setzte Gentz die Emanzipation des Rechtsinstituts Staat vom Gemeinwesen aller Privatleute. Dass er gegen Ende seines Lebensweges, das sei vorweggenommen, andere, sogar liberale Einschätzungen und Positionen favorisierte, entsprang seiner realistischen Zeitdiagnostik: „Die von der Wiener Hof- und Staatskanzlei verkörperte Ordnung besitzt nur Gewalt zum Zerstören, aber keine, durchaus keine zum Wiederaufbauen.“ Damit rechtfertigte und bekräftigte der Wiener Hofrat die Position der schillernden Persönlichkeit Talleyrands, dass Europa für die Zukunft vom Gedanken Abschied nehmen müsse, dass Rechte allein von Eroberungen abhängen.

Aufgrund der bürgerlichen Herkunft war Gentz die monarchistische Einstellung keineswegs in die Wiege gelegt. Als Sohn eines gut beleumdeten und angesehenen preußischen Beamten in Breslau nahm sein Lebensweg durchaus einen normalen Beginn. Der junge Mann studierte bei Immanuel Kant in Königsberg, beendete jedoch das Studium nicht. Der Staat bot ihm in Berlin ein angemessenes Amt und Gentz griff zu. Er verkehrte in den angesehenen und vornehmen Kreisen der Residenzstadt, knüpfte Beziehungen und wusste sie für sich zu nutzen. Wer ihn protegierte, wird vom Biographen nicht besonders hervorgehoben. Auch wie der Beamte zu seinen (sehr gut bezahlten) Beziehungen nach England kam und wie er dessen uneingeschränkter Interessenvertreter wurde, teilt uns das Buch nicht mit.

Friedrich Gentz führte ehebrecherische Verhältnisse, machte hohe Spielschulden und war ständiger Gast auf Empfängen. Nebenbei leistete er immense schriftstellerische Arbeit, übersetzte Burkes Schrift ins Deutsche, verfasste Texte für die von ihm herausgegebenen Zeitschriften und wusste sich dabei immer ins rechte Licht zu setzen:

Das Historische Journal etwa war kein kurzatmiges Kampfblatt  im knappen Stil, sondern griff mit fundierten Geschichtsabhandlungen den Meinungspluralismus jener Zeit an und wollte ihn entlegitimieren. Wert legte Gentz darauf, dass der Staat zwar nicht gerecht, aber immer rechtmäßig und rechtlich verbindend sein soll. Im seinem Verständnis können weder Monarchie noch Republik existieren, ohne die politische Ungleichheit der Bürger in einem Fundamentalartikel aufzuzeigen. Ein klarer Affront gegen die Aufklärungskultur seiner Gegenwart. Damit entwickelte sich der Autor mehr und mehr als Dorn im Auge preußischer Staatsbeamter. Hinter den Kulissen rumorte es gewaltig und König Friedrich Wilhelm III. beschloss die Beendigung der vormals von Minister Schulenburg angeregten Finanzhilfe für das Blatt.

Als der inzwischen Berühmte weiteres Fortkommen in preußischen Diensten gefährdet sah und sich die Berliner familiären und beruflichen Verhältnisse gegen ihn wendeten, gelangte Gentz, obwohl Kaiser Franz ihn lebenslang nicht mochte, durch ministerielle Protektion in ein durchaus respektabel finanziertes Beamtenverhältnis am kaiserlichen Hof in der Donaumetropole.

Als nach den Schlachten bei Jena/Auerstedt französische Armeen deutsche Lande verheerten, verweilte Gentz im Prager Exil, aus dem er 1809 nach Wien zurück geholt wurde. Auch Österreich unterlag Napoleon im Krieg und die Friedenbedingungen des despotischen Korsen waren mehr als völkerrechtswidrig. Der neue Außenminister Metternich klagte vergeblich gegen die Willkür. Große Gebietsverluste, Teilnahme an der Kontinentalsperre gegen England, Reduzierung des stehenden Heeres und eine gigantische Summe von 85 Millionen als Kriegsentschädigung musste durch die Österreicher aufgebracht werden. Bevor französische Truppen Wien besetzten floh Gentz erneut nach Prag. Denn Napoleon erklärte ihn für vogelfrei.

Nach den Befreiungskriegen versuchten auf dem Wiener Kongress alle beteiligten Regierungen ein Optimum aus der Konkursmasse heraus zu holen. Gentz verurteilte den anwachsenden Nationalismus und die Mobilisierung des Volkswillens zwischen Teutomanie und Jakobinismus. Auch die Neuordnung Deutschland stand auf der Tagesordnung. England, Russland und Österreich verfolgten eigene Ziele. Letzteres könne erster deutscher Staat sein, denn ein gemeinsames deutsches Reich könne es niemals mehr geben, ein weiteres Streben danach wäre desaströs. Für die europäischen Verhältnisse wäre eine fest verbundene Anzahl unabhängiger deutscher Staaten das Beste.

Gentz wurde Protokollführer des Kongresses und betrieb an der Seite Metternichs Regierungspolitik im Sinne der anwesenden Machteliten. Eine vorbehaltlose Rückkehr zu den früheren Verhältnissen war zwar unmöglich, dennoch wurde das monarchistische Prinzip gestärkt, Souveränitäts- und Konstitutionsforderungen des anwachsenden Liberalismus zurückgedrängt. Es folgte eine lange Friedensperiode.

Gentz blieb bis zu seinem Tod politisch aktiv und in diplomatische Dienste eingebunden, sein Rat wurde jederzeit geschätzt und ihm fiel mit zunehmendem Alter die Leichtigkeit des Seins und üppigen Lebensstils immer schwerer.

Zimmermanns Biographie über Friedrich Gentz vermittelt ein differenziertes Bild über die ehedem wirkungsmächtige Persönlichkeit in der Habsburger Monarchie. Neben Verweisen auf private Verhaltensweisen und das publizistische Wirken im Umgang mit Freund und Feind, vermittelt der Literaturwissenschaftler und Kulturredakteur von Radio Bremen ein umfassendes Personenportrait. Chronologisch angelegt, verweist Harro Zimmermann, Experte der Aufklärungszeit und Restaurationsepoche, oftmals auf vergangene Einschätzungen, ohne sich jedoch zu wiederholen. Es entsteht ein breitgefächertes Zeitgemälde, welches nicht nur (anti-) „revolutionäre“ Geistigkeit nahebringt, sondern über Tatsachen und Ereignisse argumentiert. Damit wird er objektiv den publizistischen Gegnern beider Parteien stets gerecht. Sprachlich mäandert der Autor im Wortgebrauch der Gentz-Epoche. Das ist wohltuend. Zwar stört das gelegentlich eingeflochtene grobe Denglisch den Lesegenuss, das mindert aber in keiner Weise das hohe intellektuelle Niveau des Textes.

Harro Zimmermann (2012): Friedrich Gentz. Die Erfindung der Realpolitik; Paderborn, München,  Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh, 344 Seiten, 39,90 Euro. Kaufen bei Amazon. (Zuerst als gekürzte Fassung erschienen in: Sezession Heft 53, April 2013.)

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