Generation Europäische Einigung

21. April 2013 0

Joshua David Tewalt über Identität, Europa und eine Jugend, die es hoffentlich besser macht

Wie wird das neue Europa aussehen? - Bild: Gerd Altmann  / pixelio.de

Wie wird das neue Europa aussehen? – Bild: Gerd Altmann / pixelio.de

Die Suche nach Identität ist für die europäische Jugend eine Herausforderung. Leichter ist sie nicht geworden, seit es die Verwaltungsorganisation Europäische Union in Europa gibt, in der einige Beamte kreativ-totalitäre Entwürfe zu einer zwanghaften Konsolidierung Europas auf dem Weg bringen.

So z.B. der Euro: Bietet er Vielfalt, Einfalt oder doch nur Staatsgewalt? Mitunter wird dem Euro neben seiner Funktion als Umverteilungsinstrument die Aufgabe europäischer Integration, einer Konsolidierung vermeintlich unruhiger Nachbarn gegeben. Zu Unrecht.

Wenn man Ende der Neunziger, Anfang der Nullerjahre in der Grundschule von Europa sprach, hatten die Unterrichtsmaterialien, die der Lehrerin zur Verfügung standen, überwiegend noch etwas Engagiertes. Man sang die Europahymne An die Freude aus Beethovens Neunter Sinfonie, las dabei von einem undeutlich kopierten Blatt ab und man malte pädagogisch wertvoll eine Europakarte mit lustigen bunten Männchen aus, die witzige kleine Nationalfähnchen in der Hand hielten.

In den Ferien fuhr man nach Österreich, Italien und Holland über offene Grenzen, man hatte eine gemeinsame Geschichte, solange man denken konnte sogar eine friedliche, das sahen die Spielkameraden in Frankreich genauso, auch wenn die Erklärung solcher Selbstverständlichkeiten irgendwie zu lange dauerte.

Dass man hier mit anderer Währung zahlte, änderte an diesem Umstand nichts.

Doch so würde Europa nicht bleiben, das sollte auch bald die Jugend merken. In Brüssel hatte man ambitionierte Pläne, denn aus existierender und natürlicher Völkerverständigung kann der Bürokrat keine Alimente melken. Der seit 1970 in den Schubladen der EU liegende Plan des Pierre Werner sollte von den Eurokraten sehnlich erwartete Realität werden. Bereits 1999 hatte man mit der Gründung der EZB und der Festlegung der Wechselkurse etwas beschlossen, von dem die meisten Menschen, besonders die jüngeren damals genau so viel wussten, wie von Enteignungen und „Bailouts“: Die Erschaffung des Euro.

Als der Schicksalhafte Tag des 1. Januar 2002 schließlich näher rückte, wurden die Mienen ernster, der Ton professioneller. Hochglanzmappen, die aus dem Europa kamen, das inzwischen EU hieß, mit feierlichen Comic-Bildern und ausstanzbaren Euromünzen wurden emsig in den Klassen verteilt, und auch das kleinste Familienmitglied sparte seine 20 D-Mark für das „Starterkit“, das die Banken und Sparkassen für die Bürger der neuen Währungsunion bereithielten. Als man die blitzenden Münzen in ihrer Plastikverschweißung schließlich in der Hand hielt, war die Freude groß, denn es sah nach einem gelungenen Coup und für alle nach einem Gewinn aus: Es waren genau  10 Euro und 23 Cent, das war mehr als der Wechselkurs vorsah. Die Währungsreform begann mit einen Geschenk aus der Staatskasse.

Doch die Freude über die halben Preise währte nicht lange, schnell wurden viele das Gefühl nicht los, die Packung Kaugummi kostete in Laden genauso viel wie vorher, während das Taschengeld schon lange europäisch halbiert war. Die Eurozone hatte ihren Integrationsauftrag verfehlt, und den Sammlern der vielfältig geprägten Münzen gleicher Währung verging spätestens der Spaß an dem blinkenden Allerlei aus den Staaten der Union, als auch der letzte Euro-Apologet sich die real existierende Divergenz verschiedener Wirtschafts-, Staats- und Arbeitssysteme im zwangsverheiraten Wirtschaftsraum eingestehen musste.

Doch das sollte nicht das letzte Wort sein. Die Marketingabteilung aus Brüssel hatte gerade erst angefangen. Den staunenden Schülern der Oberstufe erklärte man im gemeinschaftskundlichen Geschichtsunterricht, ein wichtiges Merkmal der Demokratie unserer Zeit sei die Alternativlosigkeit einiger Entscheidungen, die nun einmal getroffen werden müssten. Dazu gehöre auch der Euro. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum blieb man den Schülern schuldig. Nach dem Hinweis auf Populisten, die dieser zukunftsgewandten Entwicklung entgegenstehen, kamen jedoch auch selten Gegenfragen dazu auf.

Die Lehrinstitutionen des demokratischen Staates sind längst Teil eines europäischen Propagandaapparates geworden, der laut und mit zwanghaftem Tamtam Normen und Geschichtsbilder predigt, die mit ihrem Agitprop-Gebare historisch teilweise nur mit finsteren Totalitarismen vergleichbar sind. Sie servieren dem politisch zu bildenden Schüler mit warmer Stimme ein Bild von einer unbeschwerten Zukunft in einer wirtschaftlich prosperierenden Eurozone die mit integriertem Rettungs-, Sicherheits- und Friedensmechanismus sanft in die Zukunft trägt.

Dieses falsche Bild nehmen nur noch Wenige den Propagandisten ab. Die Generation Europäische Einigung hat zu viel gesehen, um den PR-Managern in Brüssel blind zu glauben. Dennoch ist der Wiederspruch in der Jugend noch leise. Wer will denn schon Euro-Hasser sein, ein Feind der guten Union, und war das nicht nochmal nur mit blankem Hass zu erklären, wenn man dieser fertig zubereiteten Meinung wiedersprach?

Diese Fragen werden die zukünftigen Träger Europas quälen, bis sie sich selbst ein Bild von der Lage gemacht haben, aus Fakten und Bildern ihres Europas so etwas wie eine wahrheitsgetreue Abbildung der Realität erkennen. Dann werden die aufstehen, deren Selbstbehauptungswille nicht nur die finanzielle Autonomie des Individuums fordert. Und dabei die Säkularisierung Europas wiederbeleben und vorantreiben, deren Nährboden stets die Vielfalt und Motor stets der Druck der Gewaltenteilung waren, nie aber ein zentralistisches Staatsgebilde.

Sie werden mit dem Aufbau beginnen, der keine teure Verwaltung braucht. Ein Aufbau aus der Gesellschaft, „bottom up“ statt „top down“. Demokratisch. Es wird der Bürger sein, der sich als Teil einer Wertegemeinschaft begreift, seinen eigenen Wert in selbiger laut betont und dabei auf die mit Mühe konstruierten Kollektive der Ewiggestrigen verzichtet. Bis dahin kann man nur auf eine mediale Abrüstung hoffen, auf etwas Selbstkritik der noch thronenden Herrscher Europas, auf Reformwillen, der die Revolution erträglicher macht.

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