Unbequeme Tatsachen

11. April 2013 0

Rezension zu Wolfgang Kraushaar: Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?

Wolfgang Kraushaar bei den Frankfurter Römergesprächen im April 2012, Bild: Dontworry / Wikipedia

Wolfgang Kraushaar bei den Frankfurter Römergesprächen im April 2012, Bild: Dontworry / Wikipedia (CC-Lizenz)

Wolfgang Kraushaars neues Buch schlägt hohe Wellen. Das dürfte im Grunde niemanden überraschen, immerhin widmet sich der Politikwissenschaftler vom Hamburger (Reemtsma-)Institut für Sozialforschung einem Thema, das zurzeit nicht besonders opportun ist: Terrorismus von links. Kraushaar hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten einen Namen als Geschichtsschreiber und Kritiker der 68er-Bewegung gemacht. In seinem Buch Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus (2005) konnte er nach über dreißig Jahren den Sprengstoffanschlag auf die Berliner Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 aufklären. Die Täter: Eine Gruppe linker Antisemiten um den Kommunarden Dieter Kunzelmann. Kraushaar demythologisiert also die Protestbewegung, der er selbst angehörte und stößt damit nicht überall auf Sympathie.

Thema seines neuesten Buches ist eine Serie von Terroranschlägen, die zu Unrecht völlig in Vergessenheit geraten ist. Denn es handelt sich nicht um irgendeine Terrorserie, sondern um eine der schwersten in der Geschichte der Bundesrepublik: Sie begann am 10. Februar 1970, als ein palästinensisches Terrorkommando versuchte, eine Passagiermaschine der israelischen Fluggesellschaft El-Al auf dem Münchner Flughafen zu entführen und dabei einen Passagier erschoss und mehrere schwer verletzte. Drei Tage später, am 13. Februar 1970, starben bei einem Brandanschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde in München sieben dort wohnende Senioren. Und wiederum eine Woche später, am 21. Februar 1970, wurde in München ein Paket mit einer Bombe aufgegeben, die eine Swissair-Maschine auf dem Weg nach Tel Aviv zum Absturz brachte. Alle 47 Insassen starben. Am selben Tag musste  eine Passagiermaschine der Austrian Airlines notlanden, weil eine weitere Bombe ein metergroßes Loch in den Rumpf gerissen hatte. Nur durch Glück kam in diesem Fall niemand ums Leben.

Insgesamt waren 55 Tote zu beklagen, aber die Zahl der Opfer hätte weitaus höher ausfallen können. Während die Flugzeuganschläge zweifelsfrei palästinensischen Terroristen zugeschrieben werden konnten, blieb der Anschlag auf das jüdische Altenheim bis heute unaufgeklärt. Nicht nur für Kraushaar ist dies ein Anlass für weitere Ermittlungen. Dabei liegt – nach dem missglückten Anschlag auf die jüdische Gemeinde im November 1969 – der Verdacht durchaus nahe, dass der Brandanschlag am 13. Februar 1970 ebenfalls auf das Konto linker Extremisten ging.

Kraushaars Thesen und hysterische Abwehrreaktionen

Gerade weil Kraushaar in Post-NSU-Zeiten den Fokus auf linken Antisemitismus lenkt, schlägt ihm eine Welle der Empörung entgegen. Die Rezension Willi Winklers in der Süddeutschen Zeitung ist nichts Geringeres als ein Totalverriss. Kraushaar ginge es mit seinem unberechtigten und schwammigen Antisemitismusvorwurf ausschließlich darum, Dieter Kunzelmann und die übrigen „Tupamaros“ moralisch zu diskreditieren. Dabei beruft sich Winkler auf Münchens Bürgermeister Christian Ude, der sich zur damaligen Zeit „Tag und Nacht in der Szene herumgetrieben“ habe. Dort seien sicherlich unüberlegte Äußerungen gefallen, aber  etwas wirklich Antisemitisches habe er dort nie gehört. Das spricht nicht für Ude. Von der Frage abgesehen, was er eigentlich in dieser Szene zu suchen hatte, bleibt festzuhalten: Wer behauptet, es habe in der radikalen Linken der siebziger Jahre keinen Antisemitismus gegeben, der verschließt die Augen vor dem, was er nicht sehen will. Antisemitismus ist nicht links, aber zweifelsohne gab und gibt es Linke mit antisemitischen Einstellungen. Das ist in den vergangenen zehn Jahren selbst von militanten Autonomengruppen eingeräumt und aufgearbeitet worden, so etwa im Diskussionspapier The Good and the Evil des Hamburger Autonomen Zentrum Rote Flora).

Deswegen wirkt es befremdlich, wenn Ude das Buch Kraushaars als „Entlastungsangriff“ für die rechtsextreme NSU-Bande bewertet, starten doch Ude und Winkler einen solchen für die linken Terroristen der siebziger Jahre. Aber mit ihrer Auffassung stehen sie nicht allein da. Der staatliche Zwangsbezahlsender WDR3 erklärte Kraushaar jüngst zum „Verschwörungstheoretiker“ und reduzierte die Zahl der Opfer der Terrorwelle in der Ankündigung des Beitrags von 55 auf sieben. Offensichtlich lässt der Westdeutsche Rundfunk seine Netzseite von einem Praktikanten betreuen – anders sind diese Ausfälle kaum erklärbar.

Dabei ließe sich durchaus berechtigte Kritik vorbringen. Obwohl sich das Buch im Titel dem linken Antisemitismus verschrieben hat, widmet sich der Autor vor allem dem palästinensischen Terrorismus. Kraushaar geht davon aus, dass die Zusammenarbeit zwischen palästinensischen und deutschen Terroristen enger war, als bisher angenommen und dass infolgedessen die Liste der Opfer linker Gewalt in den siebziger Jahren länger ist als bisher vermutet. Beweisen kann er es nicht. Der Politikwissenschaftler, der sich selbst als Historiker sieht, schreibt wie ein Journalist. Kraushaar arbeitet mit Andeutungen und Mutmaßungen. Das ist legitim, aber nicht wissenschaftlich.

Abgesehen vom sperrigen Titel hätte die Arbeit auch insgesamt kürzer ausfallen müssen. Detailverliebt und offensichtlich bewegt vom Schicksal der Opfer, verliert der Autor immer wieder den roten Faden. Kraushaar präsentiert  mit seinem 900-Seiten-Buch eine riesige Materialsammlung, die letztlich unkonkret bleibt. Und obwohl er an vielen Stellen mit seinem flüssigen, dramaturgischen Schreibstil punkten kann, bleibt das Werk letztlich ein Sachbuch. Deshalb dürfte der Anteil der Leser, die das Buch von vorne bis hinten lesen, im Promillebereich liegen.

Im Hinblick auf die teilweise hysterischen Abwehrreaktionen täte Kraushaar im  Übrigen gut daran, nicht über jedes hingehaltene Stöckchen zu springen. Seine Verteidigungsschrift in der Welt als Antwort auf die SZ-Rezension wirkt, als hätte er diese Rechtfertigung nötig. Das hat er aber nicht. Der Anschlag auf die Israelische Olympiamannschaft 1972 in München ging in das kollektive Gedächtnis der Welt ein. Dass aber knapp zwei Jahre zuvor am selben Ort eine Anschlagserie insgesamt 55 Menschen das Leben kostete und weiteren zwanzig zum Teil schwerste Verletzungen zufügte, weiß hierzulande kaum jemand. Ob und wie deutsche Linksextremisten Hilfestellung leisteten oder selbst Hand anlegte, darüber lässt sich nur spekulieren. Aber dafür, dass Kraushaar diese Ereignisse wieder ins Gedächtnis ruft, ist ihm Respekt zu zollen.

Wolfgang Kraushaar (2013): Wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus. Reinbek: Rowohlt-Verlag, 880 Seiten, 34,95 Euro. Kaufen bei Amazon.

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