Einer, der der Hölle entkam

5. April 2013 0

Rezension zu Blaine Harden: Flucht aus Lager 14

Bild: H.D. Volz / pixelio.de

Bild: H.D. Volz / pixelio.de

Nordkorea gilt als das weltweit repressivste System der Gegenwart. Hier ist die Unfreiheit in ihrer extremsten Form grausame Realität. Und diese Realität bedarf, um bestehen zu können, eine genauso extreme Form der Abschottung. Die einzige Möglichkeit, ungeschönte Informationen über dieses Land zu bekommen, sind Zeitzeugenberichte von Flüchtlingen. Die Geschichte von Shin, des aus dem berüchtigten Lager 14 geflohenen Jungen, ist so eine. Der amerikanische Journalist Blaine Harden, der unter anderem als Korrespondent für die Washington Post arbeitete, veröffentlichte sie 2012 unter dem Titel Escape from Camp 14. Mittlerweile liegt die deutsche Übersetzung in 8. Auflage vor.

Selbst islamistische Folterstaaten scheinen – verglichen mit dem, was in den Lagern Nordkoreas läuft – noch vergleichsweise gut da zu stehen: „Die meisten Häftlinge arbeiten in der Landwirtschaft oder in Kohlebergwerken […] zwölf bis fünfzehn Stunden (am Tag)“, erzählt  Shin. Eine Entlassung aus dem Lager ist nicht vorgesehen, die Häftlinge sterben für gewöhnlich irgendwann an den Folgen der Unterernährung. Den Wärtern wird per Gehirnwäsche eingebläut, die Häftlinge als Hunde und Schweine anzusehen. Und während letztere in der Regel ausreichend ernährt werden, müssen Shin und seine Leidensgenossen sich ständig auf die Suche nach Essbarem begeben: „Überall auf Boden, Wegen und Feldern suchte er nach Reiskörnern und Bohnen oder Kuhfladen, in denen sich vielleicht unverdaute Maiskörner befanden.“

Doch was muss man für ein Verbrechen begehen, um in ein Lager zu kommen? Es reichen bereits solche „Vergehen“ aus, beim Hören eines südkoreanischen Radiosenders erwischt zu werden oder eine Bibel zu besitzen. Und man muss nicht einmal selbst gegen die perversen Vorschriften des Regimes verstoßen haben. Verwandte und Familie werden gleich mit interniert. Im US-Fernsehsender C-SPAN erklärte Blaine Harden, dass ungefähr die Hälfte der Camp-Bewohner Verwandte von „Übeltätern“ seien. Wie viele Menschen insgesamt interniert sind, lässt sich schwer schätzen, man geht aber von 150.000 bis 200.000 Häftlingen aus.

Shin war insofern eine Besonderheit, als dass er 1982 bereits im Lager geboren wurde, als Abkömmling einer arrangierten Hochzeit zweier Häftlinge, welche als eine Art Belohnung gedacht war. Diese „Belohnungsehe“ war die einzige legale Möglichkeit sexueller Kontakte zwischen Häftlingen. Zwar durfte Shin anfangs noch eine Schule besuchen, doch bereits mit zehn Jahren mussten er und seine Mitschüler zum Teil schwere körperliche Arbeiten in Bergwerken verrichten. Den Geschmack von Freiheit, Liebe, menschlicher Zuwendung  oder Fleisch blieben ihm unbekannt. Doch wenigstens letzteres schien eine solche Anziehungskraft zu haben, dass Shin die Flucht aus Lager 14 gelang – bis dato wohl als Einzigem. Er schaffte es bis nach China, wo er einen Journalisten traf, der ihn in die südkoreanische Hauptstadt Seoul brachte und von dort aus in die USA.

Die Glaubwürdigkeit Shin gilt als sicher, seine Berichte wurden von den Autoren des White Paper on Human Rights in North Korea überprüft. Noch mehr Informationen bekäme man wohl nur durch die Besichtigung des Lagers, was aus naheliegenden Gründen unmöglich ist.

Was die ganze Tragödie noch tragischer macht, ist das Desinteresse Südkoreas und der Weltpolitik an den Lebensbedingungen in Nordkorea, während sich alle auf die drohende Nuklear-Kriegskulisse konzentrieren. Dabei berichtete Amnesty International erst kürzlich, dass Satellitenbilder zeigen, wie die Dörfer um die Straflager herum zunehmend in die kontrollierten Gebiete eingegliedert werden (Die Welt). Vorwiegend sind es jedoch kleinere Gruppen wie die Menschenrechtsorganisation Liberty in North Korea (LINK), die sich für jene einsetzen, denen ansonsten jegliche Lobby fehlt.

Flucht aus Lager 14 ist ein zutiefst ehrliches Buch. Weder beschönigt und verharmlost es, noch hascht es nach Sensation. Das merkt der Leser insbesondere zum Schluss: Das neue Leben in Südkorea und später in den USA beschreibt Shin keineswegs als „paradiesisch“, sondern als anstrengender und schwieriger Anpassungsprozess, der vermutlich bis heute andauert.

Blaine Harden (2012): Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam. München: DVA/Spiegel-Buch, 256 Seiten, 19,99 Euro. Laufen bei Amazon.

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